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ÜBER DIE EHRBARKEIT.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1. Kap. Hoher Wert der Ehrbarkeit vor der Welt und noch mehr in der Kirche Gottes. Ein Edikt des Bischofs der Bischöfe hat dagegen verstoßen. Tertullian ist deshalb aus der Gemeinschaft der Psychiker ausgetreten, was man nicht tadeln darf. Die laxe Praxis der Psychiker in Bezug auf die zweite Ehe führt notwendig zu sündlicher Nachsicht gegen Hurer und Ehebrecher.

2. Kap. Die leeren Ausflüchte der Psychiker. Sie berufen sich auf Stellen der Hl. Schrift, die von Gottes Milde und seiner Neigung, zu vergeben, reden. Solche Stellen gibt es, aber dagegen stehen andere, die von seiner Strenge und dem Gericht zeugen. Die Lösung dieser Widersprüche liegt darin, daß es zweierlei Sünden gibt, vergebbare und unvergebbare. Darnach richtet sich auch die Buße.

3. Kap. Erwiderung auf den Einwand, warum man sich überhaupt noch der Buße unterziehen solle, wenn sie ihren Zweck, die Nachlassung der Sünden, nicht erreicht. Sie bereite, sagt Tertullian, die Nachlassung im Forum Gottes vor und sei also doch nicht umsonst.

4. Kap. Untersuchung über den Grad der Sündhaftigkeit von Ehebruch und Hurerei speziell. Sie sind unter sich an Sündhaftigkeit einander gleich.

5. Kap. Deklamatorische Schilderung der Stellung der Sünde des Ehebruchs zwischen Abgötterei und Mord.

6. Kap. Für die Vergebbarkeit des Ehebruchs darf man sich nicht auf das Alte Testament berufen. Denn in diesem Punkte ist dasselbe abgetan und im Neuen Bunde gilt eine neue Ordnung.  |s376/722

7. Kap. Die Parabel vom verirrten Schaf beziehe sich nicht auf christliche Sünder, sondern auf heidnische. Desgleichen die von der verlorenen Drachme.

8. Kap. In der Parabel vom verlorenen Sohn bedeutet nicht der ältere Sohn das Judenvolk und der jüngere die Christenheit, wie man gewöhnlich annimmt, sondern die Heidenwelt.

9. Kap. Fortsetzung.

10. Kap. Die Psychiker wenden gegen diese Deutung der drei Parabeln allerdings ein, die eigentliche Buße finde auf die Sünden der Heiden noch gar keine Anwendung. Tertullian verhöhnt diesen Einwand.

11. Kap. Die anderen Beispiele von Vergebung des Ehebruchs und der Hurerei aus dem Evangelium beweisen deshalb nichts, weil sie sich vor der Herabkunft des Hl. Geistes ereigneten, mit welcher erst der Neue Bund in Kraft tritt.

12. Kap. Übergang zu den Schriften der Apostel. Im Neuen Bunde werden ähnlich wie im Alten Mord, Ehebruch und Götzendienst gleich zu Anfang vom Apostelkonzil für unvergebbar erklärt.

13. Kap. Der Blutschänder, der im ersten Korintherbriefe genannt wird, ist nicht, wie die Psychiker glauben, dieselbe Person mit dem Sünder, der im zweiten Korintherbriefe Verzeihung erhält.

14. Kap. Fortsetzung.

15. Kap. Fortsetzung. Die sonstigen Äußerungen des Apostels in demselben Briefe über die Unzucht lassen es nicht als denkbar erscheinen, daß er den Blutschänder wieder aufgenommen habe.

16. Kap. Dasselbe involvieren auch seine Äußerungen über die Hurerei, die er im ersten Korintherbriefe macht.

17. Kap. Auch in seinen übrigen Briefen äußert sich der Apostel Paulus über die. Unzuchtsvergehen in einem so strengen Tone, daß man sieht, er will, der Christ soll ein für allemal mit ihnen gebrochen haben. Das heißt soviel, als er erklärt den Ehebruch für unvergebbar.

18. Kap. Wenn die Psychiker einwenden, die |s377/723 angeführten Schriftstellen hätten nicht die ihnen hier beigelegte Tragweite, so gibt es noch viele andere Stellen, in welchen der Ehebruch speziell und namentlich verdammt wird. Ehebrecher dürfen daher die Kirchengemeinschaft niemals wieder erhalten, obwohl sie zur Buße zuzulassen sind und Buße tun sollen.

19. Kap. Prüfung der Schriften des Apostels Johannes in Bezug auf die vorgetragene Theorie von der Unvergebbarkeit der genannten Sünden durch die Kirche.

20. Kap. Das Gesagte wird ganz besonders noch bestätigt durch den Hebräerbrief und einige alttestamentliche Vorbilder.

21. Kap. Über die Gewalt, Sünden zu vergeben. Unterscheidung von Kirchenzucht und höherer Vollmacht. Die Kirche in ihren Bischöfen hat nicht die Gewalt, derartige Sünden zu vergeben, sondern nur Gott hat sie, und wenn Christas sie Matth. 16, 19 dem Petrus übertrug, so galt dies nur für dessen Person, da ein solcher Anteil an der göttlichen Machtvollkommenheit an und für sich nur pneumatischen Menschen übertragen werden kann.

22. Kap. Sehr verkehrt handeln die Kirchenobern, wenn sie den Unzuchtssündern auf die Fürbitte der Märtyrer den Kirchenfrieden erteilen, dagegen ihn denen verweigern, welche bei der Verfolgung, von Folterschmerzen überwunden, abfielen.

1. Die Ehrbarkeit1), diese Blüte der Moralität, dieser Ehrenschmuck des Leibes, diese Zierde beider Geschlechter, welche das Geblüt vor Verderbnis bewahrt und Zweifel über die Abstammung fernhält2), dieses Fundament der Heiligkeit, dieses allgemein anerkannte Zeichen einer guten Gesinnung -- obwohl sie selten ist, schwer zur Vollkommenheit gedeiht und kaum jemals |s378/724 Beständigkeit hat, so wird sie sich doch in gewissem Grade auch in der Welt finden, wofern die Natur den Grund dazu legt, die Erziehung dazu anleitet und die sittliche Strenge dazu hintreibt. Denn alles geistige Gute kommt entweder von der Natur oder durch Unterricht oder durch Zwang. Allein, wie es denn das Kennzeichen der letzten Zeiten ist, das Böse gewinnt mehr und mehr die Oberhand, und das Gute darf bereits gar nicht einmal mehr von Natur entstehen, -- so sind schon die Wurzeln verdorben -- und nicht mehr durch Unterricht befördert -- so verwahrlost sind die Studien -- und nicht mehr durch Zwang erwirkt werden -- so machtlos ist das Rechtswesen. So ist es denn auch mit der Tugend, worüber wir jetzt zu handeln beginnen, bereits so weit gekommen, daß man nicht mehr die Losschälung von den Wollüsten, sondern schon das bloße Maßhalten darin für Züchtigkeit hält, und bereits den für keusch genug hält, der nicht allzu unkeusch gewesen ist. Doch überlassen wir mit der Welt selbst auch ihre Ehrbarkeit sich selber, mit ihrer Anlage, wenn sie der Natur, mit ihrer Strebsamkeit, wenn sie dem Unterricht, mit ihrer Dienstbarkeit, wenn sie dem Zwang ihr Dasein verdankte. Freilich, sie würde noch unglücklicher sein, wenn sie Bestand hätte; denn sie ist ohne Früchte, da sie nicht bei Gott ihren Wert sucht. Ich will lieber gar kein Gut als ein eitles. Was nützt es, das zu sein, was zu sein doch nichts nützt?

Mit dem Bestände unserer Güter geht es bereits auf die Neige; sogar die Grundlage der christlichen Ehrbarkeit wird erschüttert, die doch alles vom Himmel entnimmt, ihr Wesen aus dem Bad der Wiedergeburt, ihre Anleitungen aus den Urkunden des Evangeliums, ihre Strenge aus den Urteilen in beiden Testamenten, eine Strenge, die fester greift wegen der Furcht vor dem ewigen Feuer und dem Verlangen nach der ewigen Herrschaft. Hätte ich wohl zu ihrem Nachteil stillschweigen können?3) Ich höre nämlich, daß ein Edikt |s379/725 veröffentlicht worden ist, und zwar eine Definitivsentenz, Der oberste Pontifex, das ist der Bischof der Bischöfe erklärt: „Ich vergebe auch die Sünden des Ehebruchs und der Hurerei denen, die Buße getan haben”4).

Unter dieses Edikt kann man nicht schreiben: Recht so, wohlgetan! Und wo wird diese Liberalität öffentlich bekannt gemacht? Vermutlich sofort in den Lasterhöhlen unter den Aushängeschildern der Bordelle! Dort muß diese Art Buße promulgiert werden, wo die Sünde selbst ihr Wesen treibt, dort sollte von diesem Nachlaß zu lesen sein, wo man mit der Hoffnung auf ihn eintritt. Doch nein! Es steht in der Kirche zu lesen, in der Kirche wird es proklamiert, und die Kirche ist doch eine Jungfrau, Fort mit einer solchen Ankündigung, fort von der Braut Christi! Sie, die da die wahre, die keusche, die heilige ist, darf nicht einmal dadurch befleckt werden, daß sie so etwas hören muß. Sie hat keine Leute, denen sie ein solches Versprechen geben könnte, und wenn sie welche haben sollte, so gibt sie es ihnen nicht. Denn selbst der irdische Tempel Gottes konnte vom Herrn wohl als eine Räuberhöhle bezeichnet werden, aber nicht als eine Höhle der Ehebrecher und Hurer.

Es wird also auch diese Schrift5) gegen die Psychiker gerichtet sein, wie auch gegen meine frühere Ansicht, die ich mit ihnen gemein hatte, weshalb sie mir |s380/726 dieses um so mehr als Zeichen leichtfertiger Sinnesänderung vorwerfen können. Allein das Ausscheiden aus einer Gesellschaft berechtigt niemals von vornherein zum Schluß auf ein Vergehen, als ob es nicht leichter sei, mit mehreren zu irren, da doch die Wahrheit mit wenigen geliebt wird. Diese heilsame Leichtfertigkeit wird mir keine größere Schande bringen, als mir die schädliche Ruhm brachte. Ich schäme mich des abgelegten Irrtums nicht; ich freue mich vielmehr, davon freigeworden zu sein, da ich finde, daß ich nun besser und ehrbarer bin. Niemand schämt sich, wenn er einen Fortschritt gemacht hat. Auch die Wissenschaft in Christo hat ihre Altersstufen, ein Entwicklungsgang, den selbst der Apostel durchmachte. ,,Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind; da ich aber ein Mann geworden bin, habe ich, was des Kindes war, beiseite getan”6). Folglich hat er sich von seinen früheren Meinungen abgewendet und darum doch keinen Fehler Begangen, wenn er ein Eiferer wurde nicht mehr für die Traditionen der Väter, sondern für die christlichen, und sogar wünschte, daß die, welche die Beibehaltung der Beschneidung befürworteten, weggeschnitten würden7). Möchte dies doch auch mit denen geschehen, welche die echte und wahre Unversehrtheit des Fleisches abschwächen, und welche nicht etwa bloß die Oberfläche, sondern das innerste Wesen der Schamhaftigkeit selbst hinwegschneiden, indem sie den Ehebrechern und Hurern Vergebung verheißen, im Gegensatz zur sittlichen Grundlage des Christentums, für welche die Heidenwelt selbst ein so lautes Zeugnis ablegt, daß sie dieselbe bei unseren Frauen manchmal weniger durch Martern, als mit Befleckungen des Leibes zu bestrafen sucht, und ihnen das entreißen will, was sie höher stellen als ihr Leben8).

Allein dieser Ruhm ist bereits am Erlöschen, und zwar mit Schuld derer, welche solchen Makeln um so beharrlicher die Vergebung hätten verweigern müssen, |s381/727 weil sie, um nicht dem Ehebruch und der Hurerei zu erliegen, so oft Ehen eingehen, als sie Lust haben, da es ja besser sei, „zu heiraten als Brunst zu leiden”9). Natürlich, der Enthaltsamkeit wegen ist die Unenthaltsamkeit notwendig, der Brand soll mit Feuer gelöscht werden! Warum also gewähren sie nachher nach geleisteter Buße noch Vergebung für Verbrechen, für welche sie das Heilmittel im voraus festgesetzt haben in dem Rechte wiederholter Eheschließung? Denn einerseits das Heilmittel im voraus festgesetzt haben, in dem die Verbrechen Nachsicht finden, und andererseits werden die Verbrechen bleiben, wenn die Heilmittel keinen Zweck mehr haben10). So treiben sie denn nach beiden Seiten hin ein Spiel mit der Vorsorglichkeit und mit der Sorglosigkeit dadurch, daß sie in ganz vergeblicher Weise Vorsorge treffen gegenüber solchen Verbrechen, die sie doch schonend behandeln11), und in höchst alberner Weise Schonung üben in Bezug auf solche, gegen die sie Vorsorge treffen, obwohl man doch keine Vorsorge zu treffen braucht da, wo man schont, oder nicht schonen sollte, wo man Vorsorge trifft. Ihre Vorbeugungsmaßregeln erwecken den Schein, als wollten sie nicht, daß das in Frage stehende Vergehen vorkomme, ihre Nachsicht aber den Schein, als wollten sie doch, daß es vorkomme, obwohl sie doch, wenn sie das Vorkommen verhüten wollen, keine Verzeihung gewähren dürfen, wenn sie aber verzeihen wollen, keine Vorsorge zu treffen brauchen. Man darf doch nicht Ehebruch und Hurerei zu den kleinen und gleichzeitig zu den größten Vergehen12) rechnen, so daß beides auf sie Anwendung finde, |s382/728 sowohl die Sorgsamkeit, die Vorsorge trifft, als auch eine gewisse Unbesorgtheit13), die Verzeihung gewährt. Da aber beides Fehltritte sind, die auf dem Höhepunkt der Sündhaftigkeit stehen, so geht es nicht an, sie nachzulassen, als wären sie bloß kleine Vergehen, und zugleich sie zu verhüten, als wären sie die größten Vergehen.

Bei uns dagegen trifft man gegen sie, als gegen die größten und schlimmsten Fehltritte, schon in der Weise Vorsorge, daß man nicht erlaubt, nach Annahme des Glaubens an eine zweite Heirat zu denken, da sie sich von Ehebruch und Hurerei höchstens durch den Heirats- und Dotalvertrag unterscheidet, und darum schließen wir mit der größten Strenge die Digami, als welche dem Paraklet Unehre bereiten, aus, infolge der hohen Stufe unserer Sittenzucht. Genau dieselbe Türschranke14) setzen wir den Ehebrechern und Hurern; sie werden nur wirkungslose Tränen vergießen, durch die sie den Frieden nicht zu erlangen vermögen, und nichts weiter von der Kirche erreichen, als eine Bekanntmachung15) ihrer Schande.

2. Gott ist aber, wendet man ein, der Gute, ja der Beste, mitleidig, der Erbarmer und reich an Barmherzigkeit, die er jedem Opfer vorzieht; er zieht die |s383/729 Bekehrung des Sünders dem Tode desselben vor16); er ist der Heilbringer für alle Menschen und besonders für die Gläubigen17). Darum werden wir Kinder Gottes auch mitleidig und friedfertig sein müssen, einander vergebend, wie auch Christus uns vergeben hat, nicht richten, damit wir nicht gerichtet werden18). Denn nur seinem Herrn steht und fällt man. „Du aber, wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest”19). „Vergib, und es wird dir vergeben werden”20).

Von solcher Art sind die häufigen Ausreden, womit sie Gott schmeicheln und sich selbst etwas vormachen und wodurch die Sittenzucht mehr entkräftet als gestärkt wird. Wir sind imstande, sie mit ebensoviel gegenteiligen Stellen abzuwehren, welche die Strenge Gottes einschärfen, und Standhaftigkeit von uns fordern. Obwohl Gott von Natur gut ist, so ist er doch auch gerecht. Je nachdem die Sache liegt, versteht er, wie zu heilen, so auch zu schlagen; er bewirkt Frieden, er befiehlt aber auch das Unglück. Die Buße ist ihm freilich lieber, aber er befiehlt auch dem Jeremias, nicht mehr für das sündige Volk zu beten, „Wenn sie auch fasten, so werde ich ihre Bitten nicht erhören.” Und wiederum: „Auch du sollst nicht anbeten für das Volk und nicht für sie bitten in Flehen und Gebet; denn ich werde sie nicht erhören zur Zeit, wo sie mich anrufen, in der Stunde ihrer Trübsal,” Und kurz vorher sagt der, welchem Erbarmung lieber ist als Opfer: „Du sollst mich nicht anrufen für dieses Volk, und nicht Erbarmen für sie verlangen und nicht für sie vor mich treten; denn ich werde sie nicht erhören”21), jedenfalls auch wenn sie um Erbarmung flehen, wenn sie aus Reue weinen und fasten und ihr Leiden Gott darbringen. Denn Gott ist ein Eiferer und läßt seiner nicht spotten, nämlich von denen, die sich mit seiner Güte schmeicheln, und der, obwohl gütig, doch durch Isaias das Ende |s384/730 seiner Geduld androhen läßt: „Ich habe geschwiegen; werde ich vielleicht stets schweigen und dulden ? Ich habe geruht wie eine Gebärende; ich werde mich aufmachen und sie verdorren machen”22). „Denn Feuer wird hergehen vor seinem Angesichte und seine Feinde verzehren, nicht bloß den Leib tötend, sondern auch die Seele zur Hölle”23). Wie der Herr denen droht, die richten, das zeigt er selber. „Mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden”24). Somit hat er nicht verboten zu richten, sondern Anleitung dazu gegeben. Daher spricht denn auch der Apostel ein Urteil, und zwar in Sachen der Hurerei, man müsse einen solchen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches, und schilt darüber, daß die Brüder sich nicht von den Heiligen Recht sprechen ließen25). Denn er fügt hinzu: „Warum sollte ich jene richten, die draußen sind”26).

Du vergibst aber nur, um von Gott Vergebung zu erlangen. Es werden nur die Vergehen abgewaschen werden, die jemand gegen seinen Bruder, nicht die, welche er gegen Gott begangen hat. Daß wir endlich unsern Schuldnern nachlassen wollen, das bekennen wir im Vaterunser. Aber es geziemt sich für uns nicht, aus Autoritäten von Schriftstellen wie diese noch weiter ein Haderseil zu spinnen und es hin- und herzuzerren, so daß es den Anschein gewinnt, als wenn die einen die Zügel der Disziplin anzögen, die ändern sie schießen ließen wie bei einer Ungewissen Sache und als wenn die einen die Hilfsmittel der Buße durch Milde vergeuden, die ändern sie durch Strenge verweigern. Vielmehr bewahrt einerseits die Autorität der Hl. Schrift ihre feste Geltung in ihren Bestimmungen, ohne daß die eine der ändern widerspricht, und andererseits möge das Hilfsmittel der Buße genau begrenzt werden nach den ihm zukommenden Bedingungen, ohne daß unterschiedslose Zulassung stattfände, und vorerst ihre Objekte selbst |s385/731 durch eine genaue Einteilung unterschieden werden, ohne sie zu verwirren.

Als Objekte der Buße bezeichnen wir die Vergehungen. Diese teilen wir ihrem Endverlauf nach zwiefach ein; die einen sind nachlaßbar, die ändern nicht. Demgemäß ist es niemand zweifelhaft, daß die ersteren eine Züchtigung verdienen, die letzteren hingegen die Verdammnis. Jedes Vergehen findet entweder in der Vergebung seinen Abschluß oder in der Strafe; in der Vergebung als Folge der Züchtigung, in der Strafe als Folge der Verdammung.

In Betreff dieses Unterschiedes haben wir bereits gewisse, den Gegensatz hervorhebende Schriftstellen vorausgeschickt, wonach die Vergehungen bald behalten, bald nachgelassen werden. Aber auch Johannes wird uns dies sagen: „Wenn jemand weiß, daß sein Bruder eine Sünde begangen hat, die nicht zum Tode ist, so mag er bitten, und es wird das Leben demjenigen gegeben werden, der nicht zum Tode gesündigt hat” -- das wäre die nachlaßbare Sünde --, „es gibt aber auch eine Sünde zum Tode, nicht für diese, sage ich, soll jemand bitten”27) -- das wäre die unvergebbare Sünde, Wo also Raum bleibt für die Bitte, da auch für das Vergeben; wo aber kein Raum für die Bitte, da ebensowenig für das Vergeben.

Entsprechend dieser Verschiedenheit der Sünden, verhält es sich mit der Buße verschieden. Eine andere wird die sein, welche Verzeihung erzielen kann, nämlich bei einer nachlaßbaren Sünde, eine andere die, welche keine Vergebung erzielen kann, nämlich bei. einer unvergebbaren Sünde. Es erübrigt nun, speziell über das Wesen des Ehebruchs und der Hurerei eine Untersuchung anzustellen, welcher Klasse von Sünden sie zugeteilt werden müssen.

3. Vorerst will ich jedoch eine Entgegnung erledigen, die von der Gegenpartei erhoben wird in Bezug auf diejenige Art von Buße28), von der wir aufs |s386/732 bestimmteste erklären, daß sie ohne Verzeihung bleibe. Man wendet uns nämlich ein: Wenn irgendeine Buße29) ohne Vergebung bleibt, so braucht man sie überhaupt nicht zu üben. Denn man soll nichts Vergebliches tun. Vergeblich würde man nun sich der Buße unterziehen, wenn sie ohne Vergebung bliebe. Man solle aber jede Art Buße üben; folglich wird auch jede Buße Nachlassung bewirken, damit sie nicht vergeblich geübt werde; denn man würde keine Verpflichtung haben sie zu üben, wenn sie vergeblich geübt würde. [Sie wird aber vergeblich geübt, wenn sie ohne Nachlaß bleibt.]

Mit Recht erheben sie diesen Einwand, da sie auch die Frucht dieser Buße30), d, h, die Verzeihung, als zu ihrer Machtvollkommenheit gehörend in Anspruch genommen haben31). Was jene angeht, von welchen man die bloß menschliche Versöhnung erlangt32), so wird sie allerdings vergeblich verrichtet werden, bei uns aber, die wir nicht vergessen, daß Gott allein die Sünden, jedenfalls die Todsünden, nachläßt, wird sie nicht vergeblich geübt werden. Dem Herrn anheimgegeben und infolge dessen vor ihm hingeworfen, wird diese Buße um so eher Verzeihung erwirken gerade darum, weil sie dieselbe bloß von Gott erfleht, weil sie nicht glaubt, daß für ihr Vergehen die menschliche Versöhnung ausreiche, und es vorzieht, vor der Kirche Beschämung zu erdulden, als Gemeinschaft mit ihr zu besitzen. Denn sie steht draußen vor ihren Toren und gereicht durch das Beispiel ihrer Verdemütigung den übrigen Brüdern zur Warnung, ruft auch zu ihren Gunsten die Tränen |s387/733 der Brüder hervor, und hat, wenn sie nach Hause geht, mehr erreicht, nämlich Mitleiden, wenn auch nicht die Gemeinschaft. Und wenn sie hienieden auch die Versöhnung nicht einerntet, so säet sie dieselbe doch aus vor dem Herrn; sie verliert deren Frucht nicht, sondern bereitet sie vor; der Gewinn wird ihr nicht fehlen, wenn sie in ihrer Pflichtleistung nicht müßig werden wird. Und so ist denn auch eine solche Buße keine törichte und eine derartige Disziplin keine harte. Beide gereichen Gott zur Ehre. Die eine wird um so eher etwas erreichen, als sie sich nicht mit etwas schmeichelt, und die andere um so vollständiger helfen, als sie sich nichts anmaßt.

4. Wir können also, nachdem wir hinsichtlich der Buße die nötige Unterscheidung eingeschärft haben, nunmehr zur Beurteilung der Sünden selbst zurückkehren, um zu sehen, ob die genannten Sünden so sind, daß sie von Menschen Verzeihung erlangen können. Fürs erste verlangt es der Gebrauch, was wir als Ehebruch und Hurerei bezeichnen33). Es sind auch der Theologie gewisse Bezeichnungen geläufig. So halten wir in jeder Schrift am Gebrauch fest. Übrigens, wenn ich mich der Ausdrücke Ehebruch und Hurerei bediene, so ist das nur ein Schuldtitel für fleischliche Befleckungen. Denn es macht keinen Unterschied, ob sich jemand an einer Verheirateten34) oder an einer Witwe vergreift, da sie nicht seine Frau sind, wie es auch auf den Ort nicht ankommt, ob die Schamhaftigkeit in einem Schlafgemache oder unter der Stadtmauer gemeuchelt wird. Jeder Mord, auch außerhalb des Waldes, ist ein Raub35). So begeht also jeder, wo und mit welcher Person immer es |s388/734 geschehe, Ehebruch und Hurerei an sich selbst, wer anders als innerhalb der Ehe Umgang hat. Daher laufen denn bei uns auch die geheimen Ehebündnisse, d. i. die, welche nicht erst vor der Kirche eingegangen sind, Gefahr, auf gleiche Art wie Ehebruch und Hurerei beurteilt zu werden, weil zu befürchten ist, daß sie infolge derselben geknüpft werden36) und so durch den Deckmantel der Ehe das Verbrechen wegtäuschen. Die übrigen wahnsinnigen Lüste aber, die sowohl gegen die Leiber als gegen die Geschlechter in widernatürlicher Weise freveln, die halten wir nicht bloß von der Schwelle der Kirche fern, sondern von ihrem ganzen Hause37), weil sie nicht mehr Vergehungen, sondern Ungeheuerlichkeiten sind.

5. Fragen wir also, ein wie großes Verbrechen der Ehebruch sei -- und nach dem Vollzug des Vergehens betrachtet, ist das, was bei der Hurerei geschieht, dasselbe --, so steht uns zuerst das erste Gesetz Gottes zu Gebote. Denn nach dem Verbot der abgöttischen Verehrung fremder Götter und der Verfertigung von Götzen, nach Einschärfung der Sabbatsfeier und dem Befehle, den Eltern nächst Gott Ehrerbietung zu erweisen, hat das Gesetz bei der Aufstellung und Einschärfung solcher Paragraphen nichts anderes eher angereiht als die Vorschrift: „Du sollst nicht ehebrechen.” Nach der geistigen Keuschheit und Heiligkeit folgt die körperliche Unversehrtheit, Das Gesetz hat folglich auch sie dadurch gesichert, daß es sofort deren Feind, den Ehebruch, untersagte. Erkenne schon, von welcher Beschaffenheit dieser Fehltritt sein muß, dessen Verbot das Gesetz gleich hinter das des Götzendienstes gestellt hat. Zwischen dem ersten und zweiten ist die Entfernung niemals groß. Nichts ist dem ersten so nahe als das zweite. Was aus dem ersten kommt, ist |s389/735 gewissermaßen ein zweites erstes. Somit ist Ehebruch der Idololatrie benachbart. Denn da auch die Idololatrie dem Volke so oft unter der Bezeichnung Ehebruch und Hurerei zum Vorwurf gemacht wird, so wird er auch hinsichtlich seines Schicksals in unmittelbarer Verbindung mit ihr stehen wie in der Reihenfolge, Hinsichtlich der Verwerfung wird er mit ihr geradeso zusammenhängen, wie in der Aufstellung, Und noch mehr! Erst nachdem es vorausgeschickt hat: „Du sollst nicht ehebrechen”, fügt es hinzu: ,,Du sollst nicht töten.” Gewiß hat es dem Ehebruch eine Ehre erwiesen, indem es ihn vor den Totschlag stellte38); er ist gezeichnet, indem er ganz vorn im göttlichen Gesetz, in den ersten Paragraphen des vom Himmel stammenden Ediktes, in der Proskriptionsliste der Hauptvergehen steht. Aus der Stelle sollst du das Maß, aus der Reihenfolge die Beschaffenheit, aus der Umgebung das Verdienst eines jeden Vergehens erkennen! Auch das Böse hat einen Rang und Stand, das da an die Spitze oder in die Mitte der schlimmsten Verbrechen gestellt wird. Ich sehe da einen gewissen Prunk und Pomp im Auftreten des Ehebruchs; hier den Vortritt des vorhergehenden Götzendienstes, da den nachkommenden Totschlag als Gefolge. Zwischen den beiden vornehmsten Erzverbrechen nimmt er ohne Zweifel mit Würde seinen Sitz ein und hat als gleich angesehenes Verbrechen den in ihrer Mitte gleichsam freigebliebenen Platz bekommen.

Wer wollte nun den Ehebruch, von solchen Flanken eingeschlossen, von solchen Rippen umgeben, losreißen aus dieser einheitlichen Verbindung, aus der Verkettung mit benachbarten Verbrechen, aus der Umarmung verwandter Vergehen, um ihn allein teilnehmen zu lassen an der Frucht der Buße?!39) Wird ihn nicht auf der einen Seite der Götzendienst festhalten, auf der ändern der Mord? Würden sie nicht, wenn sie eine Stimme hätten, ihn zurückfordern und ausrufen: Das ist unser |s390/736 Halt, das ist unser Bindeglied! Denn durch seine Vermittlung bilden wir drei eine Einheit40), durch ihn, der uns trennt, sind wir beide miteinander verbunden, mit ihm, der aus der Mitte hervorragt, ist jeder von uns vereinigt. Verkörpert hat uns die Heilige Schrift, ihre Zeilen sind unser Kitt, und er, der Ehebruch, kann nicht mehr bestehen ohne uns beide! Ich wenigstens, der Götzendienst, gebe ja meistens zum Ehebruch die Gelegenheit her; meine Haine und meine Hügel, die lebendigen Quellen und die Tempel selbst in den Städten können Kunde davon geben, was ich zur Vernichtung der Schamhaftigkeit beitrage! Und ich, der Mord, ich mache für den Ehebruch nicht selten die Arbeit fertig. Um nicht von den Trauerspielen auf den Theatern zu reden, so wissen es heute die Giftmischer, so wissen es die Zauberer, für wie viele Buhlschaften ich Rache nehme, wie viele Nebenbuhler ich abwehre, wie viele Wächter, Verräter und Mitwisser ich auf die Seite schaffe! Auch die Hebammen wissen davon zu erzählen, wie viele Früchte des Ehebruches gemordet werden. Auch bei den Christen gibt es keinen Ehebruch ohne uns. Die Idololatrie treibt ihr Wesen da, wo der unreine Geist sein Wesen treibt, und wo ein Mensch, wenn er besudelt wird, dem Tode verfällt41), da liegt Menschenmord vor. Somit werden die Hilfsmittel der Buße entweder auch ihm42) nicht oder ebenfalls auch uns zugute kommen müssen. Entweder halten wir ihn fest oder wir gehen mit ihm.

So sprechen die Dinge selbst. Wenn sie aber keine Stimme besitzen, so erscheint da vor dir der Götzendiener und der Mörder, und in ihrer Mitte der |s391/737 Ehebrecher. In derselben Weise sitzen sie gemäß den Vorschriften der Buße flehentlich da43), sie erbeben in Sack und Asche, sie seufzen einer wie der andere, sie bestürmen uns mit denselben Bitten, fallen in gleicher Weise auf die Knie und flehen eine und dieselbe Mutter an. Was tust du nun, du Kirchenzucht, in deiner so großen Milde und so großen Menschenfreundlichkeit? Entweder mußt du das für alle sein -- denn selig sind die Friedfertigen -- oder wenn nicht für alle, dann mußt du auf unserer Seite stehen44). Den Götzendiener und Totschläger verdammst du ein für allemal; den Ehebrecher aber nimmst du aus der Mitte heraus, ihn, den Nachfolger des Götzendieners und den Vorläufer des Mörders, den Genossen von beiden?! Das ist ja Ansehen der Person! Du hast Bußen, die eher Erbarmen verdienen, unbeachtet gelassen!45)

6. Allerdings, wenn du zeigst, auf welche himmlischen46) Beispiele und Vorschriften gestützt du dem Ehebruch allein und damit auch der Hurerei die Türe der Buße weit öffnest, dann wird sich unser Streit auf dieser Kampflinie bewegen. Ich muß dir jedoch vorher die Form dieses Kampfes vorzeichnen, damit du nicht die Hand nach den Dingen der Vorzeit ausstreckest und nicht hinter dich blickest. Denn das Alte ist dahin, wie Isaias sagt47), und die Neuheit ist angebrochen nach Jeremias48), vergessend des Früheren, strecken wir uns aus nach dem vor uns Liegenden, wie der Apostel sagt49); |s392/738 das Gesetz und die Propheten gehen nach dem Ausspruche des Herrn bis auf Johannes50),

Denn, wenn wir auch unsern Nachweis in Betreff des Ehebruches vorzugsweise mit dem Gesetze begonnen haben, so taten wir es berechtigter Weise von jenem Stand des Gesetzes aus, den Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt hat. Die Lasten des Gesetzes dauerten bis auf Johannes, nicht die Heilmittel. Das Joch der Gesetzeswerke ist abgeschüttelt, nicht das der Sittenzucht, Die Freiheit in Christo tut der Sittenreinheit keinen Abbruch. Stets bleibt das ganze Gesetz, soweit es die Frömmigkeit, Heiligkeit, Milde, Wahrheit, Keuschheit, Gerechtigkeit, Erbarmung, Güte und Züchtigkeit betrifft. Der Mann, der über dieses Gesetz nachdenkt Tag und Nacht, ist glücklich51). Von ihm sagt David; „Das Gesetz Gottes ist untadelig und bekehrt die Seelen; die Zeugnisse Gottes sind gerade und erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn leuchtet weithin und gibt Licht den Augen”52), Ähnlich sagt auch der Apostel: „So ist das Gesetz allerdings heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut”53), natürlich das Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen,” Weiter oben heißt es: „Zerstören wir etwa das Gesetz durch den Glauben? Keineswegs, sondern wir bestätigen es”54), nämlich in dem, was auch jetzt im Neuen Testament verboten und durch gesteigerte Vorschriften untersagt wird. Anstatt: „Du sollst nicht ehebrechen”, heißt es: „Wer sie ansieht, um ihrer zu begehren, hat bereits die Ehe in seinem Herzen gebrochen”, und anstatt: „Du sollst nicht töten”, heißt es: „Wer zu seinem Bruder sagt: Raka, wird des höllischen Feuers schuldig sein”55). Nun frage noch, ob das Gesetz, keinen Ehebruch zu begehen, unangetastet geblieben sei, nachdem das Gebot, nicht zu begehren, noch hinzugekommen ist! |s393/739

Wenn es aber auch Fälle gibt, die euren höchsten Beifall finden, so dürften sie schließlich doch der Disziplin, die wir verteidigen, nicht entgegenstehen. Denn das Gesetz, welches sogar die Quellen der Sünde, d, i. die Begierden und Willensregungen, ebensosehr verdammt wie die Tat, wäre vergeblich hinzugekommen, wenn dem Ehebruch die Vergebung auch jetzt noch gewährt werden soll, weil sie ihm früher gewährt worden ist. Welchen Vorteil hätte es denn, daß er jetzt durch eine tiefer greifende sittliche Anleitung in Schranken gehalten wird, als vielleicht den, daß man ihm, durch dein größeres Reizmittel verlockt, eher nachgibt?56) Du wirst also wohl auch dem Götzendiener und jedem Apostaten Vergebung gewähren, weil wir finden, daß im Altertum das Volk, das sich solcher Dinge so vielmal schuldig machte, immer wieder in seinen vorigen Stand eingesetzt wurde! Du wirst wohl auch dem Mörder wieder Gemeinschaft gewähren, weil auch Achab das Blut Naboths durch Flehen sühnte und David sich von dem Morde des Urias nebst der Ursache davon, dem Ehebruche, durch Bekennen reinigte! Sogar die Blutschande wirst du vergeben wegen des Loth, die Hurerei mit Blutschande wegen des Juda, schandbare Eheschließungen mit Huren wegen des Osea, und nicht bloß die mehrmals wiederholten, sondern auch mehrere gleichzeitige Ehen wegen unserer Patriarchen!57) Wenn man auf Grund eines früheren Beispiels für den Ehebruch die Vergebung in Anspruch nimmt, ist es selbstverständlich billig, jetzt auch die Gnade die gleiche sein zu lassen in Bezug auf alles, was ehedem verziehen wurde.

Aber wir haben auch für unsere Ansicht Belege aus demselben Altertum, nicht bloß dafür, daß die Hurerei keine Verzeihung erhielt, sondern sogar für den sofortigen Eintritt des Gerichts über sie. Jedenfalls genügt |s394/740 es, daß die große Zahl von vierundzwanzigtausend Mann aus dem Volke, die mit den Töchtern von Moab gesündigt hatten, mit einem Schlage zugrunde ging.

Doch ich will lieber zur Ehre Christi die Kirchenzucht von Christus herleiten. Mögen denn, wenn die Psychiker so wollen, die früheren Zeiten Erlaubnis zu jeder Schamlosigkeit besessen haben. Mag vor Christus das Fleisch sein Spiel getrieben haben oder gar zugrunde gegangen sein, bevor sein Herr es aufsuchte -- es war eben der Gabe des Heiles noch nicht würdig und noch nicht geeignet zum Dienste der Heiligkeit, Es wurde noch in Adam eingerechnet mit seiner Sünde58), es begehrte leicht nach dem, was ihm reizend vorkam, es sah auf das tiefer Stehende und hatte von den Feigenblättern her ein Jucken zurückbehalten. Es haftete ihm noch allenthalben das Gift der bösen Begierde an -- ein ihm eingeflößter Schmutz, der darnach angetan war, sich festzusetzen --, das ja auch das Wasser noch nicht abgewaschen hatte59). Sobald aber das Wort |s395/741 Gottes in das Fleisch hinabstieg, welches noch durch keine Heirat entsiegelt war60), und als das Wort Gottes Fleisch geworden, das fürs Heiraten gar nicht entsiegelt werden sollte, das bestimmt war, zu dem Baume des Leidens, nicht zu dem der Unenthaltsamkeit hinzuzutreten, nichts Süßes, sondern nur Bitteres davon zu verkosten, das nicht in der Unterwelt bleiben, sondern in den Himmel gelangen sollte61), das nicht mit dem Laube der Zügellosigkeit, sondern mit den Blumen der Heiligkeit umgürtet werden und seine Reinheit dem Wasser mitteilen sollte -- von da an legt alles Fleisch seine sonstigen früheren Unreinheiten in Christo ab; es ist bereits ein anderes geworden, als ein neues steigt es empor nicht aus des Samens Schlamme, nicht aus der Begierlichkeit |s396/742 Flamme, sondern aus dem reinen Wasser und dem Hl. Geiste62).

Wozu willst du es also noch wegen des früheren Zustandes entschuldigen? Es wurde ja damals, als es noch für Ehebruch Vergebung erhielt, noch nicht Leib Christi, Glieder Christi, Tempel Gottes genannt. Wenn du demnach nach dem Zeitpunkte, wo es seinen Zustand änderte und auf Christus getauft Christum anzog, nachdem es um hohen Preis, nämlich um das Blut des Herrn und des Lammes, erkauft worden war, wenn du also von da an irgendein Beispiel, oder eine Vorschrift, oder eine Norm63), oder einen Spruch vorführen kannst, daß der Hurerei und dem Ehebruch Verzeihung zuteil wurde oder zuteil werden soll, so hast du die von uns genau festgesetzte Zeitgrenze, von wo an das Alter unserer Streitfrage zu rechnen ist.

7. Mit den Parabeln darfst du beginnen, worin die Rede ist vom verlorenen Schaf, welches der Herr sucht und auf seinen Schultern zurückbringt. Kommt her selbst mit den Bildern an euren Bechern64), wenn sogar in diesen sichtbar dargestellt sein soll, wie jenes Tier zu deuten ist, ob es auf einen christlichen oder auf einen heidnischen Sünder gehe in Bezug auf die Wiederversöhnung. Wir stellen nämlich auf Grund einer natürlichen Regel, auf Grund eines Gesetzes der Ohren und der Zunge, sowie des gesunden Denkens von vornherein den Grundsatz auf, die Antwort sei stets eine Erwiderung auf das, was sie herausfordert, d. h, sie müsse immer dem entsprechen, wodurch sie veranlaßt wird. Veranlassung war damals, wie ich glaube, der Umstand, daß die Pharisäer sich über den Herrn, der Zöllner und heidnische Sünder zu sich ließ und mit ihnen zusammen aß, ärgerten und murrten. War es dieser Vorfall, auf welchen der Herr die Wiedereinbringung des verlorenen Schafes in die Herde als Bild anwendete, so frage ich, auf wen kann er es sonst bezogen haben, als auf den |s397/743 verloren gegangenen Heiden, um den es sich dort handelte, nicht auf einen Christen, den es noch gar nicht gab? Oder soll der Herr etwa wie ein Sophist in seiner Antwort von dem damals gegenwärtigen Falle, den er doch hätte erledigen müssen, absehen und sich mit etwas Zukünftigem zu schaffen machen?

„Aber Schäflein im eigentlichen Sinne ist doch der Christ, und die Herde des Herrn ist das Volk in der Kirche, und der gute Hirte ist Christus, und daher ist. unter dem Schafe der Christ zu verstehen, der sich von der Herde der Kirche verirrt hat”65). -- Also, du willst es so haben, daß die Antwort des Herrn auf das Murren der Pharisäer gar nicht passe, sondern nur auf deine dir beliebte Annahme, Desungeachtet wirst du genötigt sein, letztere in dem Sinne aufrechtzuerhalten, daß du annimmst, was sich, wie du glaubst, auf den Christen bezieht, das passe auf den Heiden nicht. Sage mir, ist denn nicht das ganze Menschengeschlecht eine Herde Gottes? Ist nicht für alle Völker der Gott, der Herr und der Hirt einer und derselbe? Wer ist mehr für Gott verloren als der Heide, so lange er irrt? Wer wird eifriger von Gott gesucht als der Heide, da er doch von Christo zurückgerufen wird? Endlich tritt dieser Vorgang66) bei den Heiden früher ein; denn es werden nicht anders aus Heiden Christen, als wenn sie zuvor verloren waren, von Gott aufgesucht und von Christus zurückgetragen wurden. Daher werden wir die Ordnung dieses Vorganges auch insofern wahren müssen, daß wir ihn zuerst auf die deuten, bei denen er sich zuerst vollzieht.

Aber du, dünkt mich, gehst darauf aus, daß er das Schaf zu einem solchen mache, das nicht aus der Herde, sondern aus der umfriedigten Hürde oder dem Verschlag hinweg verloren gegangen sei67). Wenn der Herr  |s398/744 aber auch die übrige Zahl gerecht nennt, hat er sie deshalb nicht als Christen bezeichnet68). Er verhandelt ja mit Juden und will diese besonders schwer treffen, weil sie sich über die Hoffnung der Heiden ärgerten. Um also seine Gnade und sein Wohlwollen der Mißgunst der Pharisäer gegenüber auch für einen einzelnen Heiden zum Ausdruck kommen zu lassen, hat er das durch Buße bewirkte Heil eines einzigen Sünders höher gestellt als ihr Heil aus der Gerechtigkeit, Oder sind die Juden etwa nicht die Gerechten und diejenigen, welche der Buße nicht bedurften69), weil sie als Leitstern der |s399/745 Sittenzucht und als Hilfsmittel der Gottesfurcht das Gesetz und die Propheten besaßen? Er nahm also sie in die Parabel auf, wenn auch nicht so, wie sie waren, dann doch so, wie sie sein sollten, um sie desto mehr zu beschämen, wenn sie hörten, daß die Buße für andere notwendig sei, für sie aber nicht.

Demnach deuten wir die Parabel von der Drachme, weil sie durch denselben Anlaß provoziert wurde, ebenfalls auf die Heiden, obgleich die Drachme im Hause, das wäre in der Kirche, verloren gegangen war, obgleich sie beim Lichte der Lampe, das wäre bei der Anhörung70) des Wortes Gottes, gefunden wurde. Aber die ganze Welt ist ein einziges Haus für alle. Dem Heiden, der sich in der Finsternis befindet, leuchtet darin die Gnade Gottes mehr als dem Christen, der schon im Lichte Gottes ist. Endlich ist die Verirrung, die dem Schaf und der Drachme zugeschrieben wird, eine und dieselbe. Wenn sie71) ein Bild des christlichen Sünders, der nach Annahme des Glaubens verloren ging72), hätten abgeben sollen, so wäre auch von dem zum zweiten Mal eingetretenen Verlust und der abermaligen Wiedereinbringung73) gehandelt worden.

Ich trete nun einstweilen von dieser Position zurück, um sie durch mein Zurücktreten desto mehr zu verstärken, indem ich auch so noch die gegenteilige Ansicht widerlegen werde. Ich nehme also nun an, in beiden Parabeln sei ein christlicher Sünder gemeint. Dann darf man aber doch noch nicht behaupten, es sei ein solcher gemeint, der nach dem Vergehen des Ehebruchs |s400/746 und der Hurerei durch die Buße wieder in seine Rechte eingesetzt werden könne. Wenn er nämlich auch ein „Verlorener” genannt wird, so wird doch erst über die Art des Verlorenseins zu verhandeln sein. Denn auch beim Schafe bestand das Verlorensein nicht im völligen Tode, sondern im Verirren, und bei der Drachme nicht in Vernichtung, sondern im Verborgensein. So kann man auch das verloren nennen, was noch unversehrt ist. Es geht auch der Gläubige verloren, wenn er sich versündigt durch Zuschauen beim Wahnsinn des Wettrennens und dem blutigen Treiben der Gladiatoren, bei den Abscheulichkeiten der Bühne und den Eitelkeiten der Fechtschule, durch Teilnahme an den Spielen, an Gastmählern und bei heidnischen Festen, wenn er zu den Dienstleistungen und Amtsverrichtungen beim Götzendienst anderer gewisse Dinge verfertigte oder neugierige Untersuchungen anstellte74), oder wenn ihm ein zweideutiges Wort der Verleugnung oder Lästerung Gottes entschlüpfte -- um irgendeines derartigen Fehltrittes willen ist er aus der Herde ausgestoßen, oder er hat vielleicht aus Stolz, Hochmut, Eifersucht oder endlich, was häufig geschieht, weil er keine Züchtigung auf sich nehmen wollte75), sich selber losgesagt, -- er muß wieder aufgesucht und zurückgerufen werden. Was wieder gewonnen werden kann, ist nicht gänzlich verloren, außer wenn es in seiner Absonderung verharrt. |s401/747

Deine Auslegung der Parabel wird eine gute sein, wenn du einen Sünder zurückrufst, in welchem noch Leben ist. Den Ehebrecher und Hurer aber wird jeder sofort nach der Tat einen Toten nennen. Mit welcher Macht der Stimme wirst du einen Toten der Herde wieder geben können auf Grund einer Parabel, die doch nicht ein totes Stück Vieh zurückgerufen werden läßt?! Wenn du endlich an die Prophetien erinnerst, worin die Hirten gescholten werden, so sagt, glaub ich, Ezechiel: „Ihr Flirten! Siehe, die Milch verzehrt ihr und in die Wolle kleidet ihr euch; was kräftig ist, schlachtet ihr, um das Schwache kümmert ihr euch nicht, was gebrochen ist, habt ihr nicht verbunden, was verscheucht war, nicht zurückgeführt, was verloren war, nicht gesucht”76). Macht er ihnen etwa auch in Betreff des Krepierten Vorwürfe, daß sie auch solches der Herde wiederzugeben nicht bemüht gewesen sind? Allerdings hält er ihnen dringend vor, daß sie Schuld waren77), daß die Schafe verloren gingen und von den wilden Tieren aufgefressen wurden, und natürlich, sie müssen ja umkommen und aufgefressen werden, wenn man sich um sie nicht bekümmert, nicht aber78), daß die umgekommenen und aufgefressenen wieder gewonnen werden sollen. Wie das Beispiel von der Drachme zeigt, kann es der Kleinheit und dem geringen Gewicht der Drachme entsprechend sogar innerhalb der Kirche ganz geringe Vergehen geben79), welche in ihr versteckt, aber bald in ihr aufgefunden, sofort in ihr unter Freude über die Besserung80) ausgeglichen werden. |s402/748

Der Ehebruch aber und die Hurerei sind keine Drachmen, sondern ganze Kapitalien, die zu suchen man nicht den Lichtschimmer einer Lampe, sondern die ganze Sonnenhelle nötig hat. Sobald sie zutage treten, wird der Mensch sofort aus der Kirche verstoßen, er bleibt nicht darin; er verursacht auch der Kirche keine Freude, wenn sie ihn wieder findet, sondern Trauer, und sie ruft81) nicht zur Mitfreude die Nachbarinnen herbei, sondern zur Mittrauer die benachbarten Brüdergemeinden. Wenn also auch diese unsere jetzige Erklärung82) mit der von jenen gegebenen in Vergleich gestellt wird, so werden sich die Argumente vom Schaf und der Drachme um so mehr auf den Heiden beziehen, je weniger sie auf einen Christen Anwendung finden können, der ein solches Verbrechen begangen hat, wegen dessen sie von der Gegenpartei gewaltsam auf einen Christen bezogen werden.

8. Sehr viele Erklärer der Parabeln werden aber durch das Endresultat in derselben Weise enttäuscht, |s403/749 wie es oft beim Besetzen von Gewändern mit Purpurstückchen geschieht. Wenn man glaubt, die Abtönungen der Farben richtig miteinander in Harmonie gebracht und meint, sie mit Geschick zu lebensvoller Wirkung untereinander zusammengestellt zu haben83), dann aber beides, der Leib der betreffenden Person und das rechte Licht dazu kommt, so treten die Mißtöne zutage und lassen das Ganze als verfehlt erscheinen. In derselben Finsternis tappen die Erklärer auch bei der Parabel von den beiden Söhnen fernab vom rechten Lichte in der Deutung des eigentlichen, vom Gegenstand der Parabel verbrämten Vergleiches umher, indem einzelne Züge nur für den Augenblick mit ihrer Erklärung harmonieren84).

Sie lassen nämlich mit den beiden Söhnen zwei Völker gemeint sein, mit dem älteren Sohn das jüdische Volk und mit dem jüngeren Sohn das christliche. Denn nur so können sie den jüngeren Sohn als ein Bild des christlichen Sünders, der Verzeihung erhalten werde, aufstellen, wenn sie in dem älteren Sohne den Juden abgebildet sein lassen. Wenn ich aber zeigen werde, daß der Vergleich des Juden mit dem älteren Sohne nicht ganz paßt, so wird infolgedessen ganz natürlich auch der jüngere Sohn nicht mehr als Bild des Christen gelten können. Denn mag auch das Judenvolk den Namen Sohn und älterer Sohn bekommen haben, weil es früher adoptiert wurde, mag es auch dem Christen die Versöhnung mit Gott dem Vater mißgönnen, was die Gegenpartei ganz besonders betont, so wird der Jude doch nicht zum Vater sagen können: „Siehe, so und soviel Jahre diene ich dir schon, und niemals habe ich dein Gebot übertreten”85). Denn wann gab es eine Zeit, wo der Jude nicht Übertreter des Gesetzes war, wo er mit den Ohren hörte und doch nicht hörte, |s404/750 denjenigen nicht haßte, der ihn unter den Stadttoren beschämte und das heilige Wort nicht verachtete?86) Weiter kann auch der Vater nicht zum Juden sagen: „Du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein”87). Denn die Juden bekamen den Namen abtrünnige Söhne, die wohl geboren und großgezogen seien, die aber den Herrn nicht als solchen behandelt, die ihn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorne herausgefordert haben88). Werden wir fürwahr vom Juden aussagen können, daß ihm alles zugewiesen sei, da ihm doch die angenehmsten Produkte der Schöpfung zum Genüsse versagt sind, sogar das Land der Verheißung seiner Väter selber?! Ja das Judenvolk bettelt heutzutage ebenso wie der jüngere Sohn nach Verprassung der Güter Gottes im fremden Lande umher, und es dient noch immerfort den Fürsten desselben, d, h, den Fürsten dieser Welt89).

Die Christen müssen sich also nach einem anderen Bruder umsehen; denn der Jude als sein Bruder paßt nicht in die Parabel. Viel passender hätte man den Christen mit dem älteren Sohne und den Juden mit dem jüngeren gleichgestellt, indem man die Annahme des Glaubens als Vergleich heranzog, wenn nur die Reihenfolge der beiden Völker, die bei der Niederkunft der Rebekka vorgezeichnet wurde, eine solche Vertauschung zuließe. Aber auch dann stände der Schluß im Wege. Denn es wird sich geziemen, daß sich der Christ über die Wiederannahme des Juden nicht betrübt, sondern freut, da ja unsere ganze Hoffnung mit der zukünftigen Erwartung Israels verbunden ist. Wenn also auch einiges paßt, so wird doch dadurch, daß anderes dagegen spricht, die Durchführung des Vergleiches mit den Vorbildern zunichte gemacht.

Indessen, wenn auch alles einander entspräche, wie beim Bilde im Spiegel, so hüte man sich doch immer vor einer besonderen Klippe der Deutungen, nämlich vor der, daß man sich das Auffinden von Vergleichungen nicht |s405/751 leicht mache90), weil man sie nach fremdartigen Zielen modelt, nicht wie sie der sachliche Inhalt einer jeden Parabel gebieterisch an die Hand gibt. Wir wissen recht gut, daß die Schauspieler auch ihre Gesänge mit allegorischen Gesten begleiten und dadurch Dinge, die dem jedesmaligen Stück, der Szene und Person fernliegen, sehr passend zum Ausdruck bringen. Doch lassen wir diese außergewöhnliche Erfindungsgabe, Ich pfeife auf eine Andromache91), So brüten auch die Häretiker dieselben Parabeln, indem sie sie auf einen frei ersonnenen Gegenstand, nicht auf den, der sich gehört, hinrichten, ganz passend aus. Warum sage ich ganz passend? Weil sie von vornherein, je nachdem die Parabeln ihnen Gelegenheit dazu boten, den Inhalt ihrer Lehren sich erdichtet haben. Denn nachdem sie sich von der wahren Glaubensregel losgesagt hatten, stand ihnen das Feld offen, die Dinge zu suchen und zusammenzustellen, welche in den Parabeln scheinbar vorgebildet sind.

9. Wir aber legen uns den Gegenstand nicht willkürlich nach den Parabeln zurecht, sondern deuten die Parabeln nach dem Gegenstand der Lehre. Darum quälen wir uns auch nicht so ab, alles in eine Auslegung zu pressen, wenn wir nur alles vermeiden, was ihr entgegensteht92). Warum sind es gerade hundert Schafe? warum |s406/752 zehn Drachmen? und was bedeutet der Besen? Wenn er eben ausdrücken wollte, die Errettung selbst eines einzigen Sünders sei Gott sehr wohlgefällig, so mußte er notwendig irgendeine bestimmte Zahl nennen, von welcher er eins als verloren gegangen darstellte. Es war auch notwendig, der Frau einen Besen und ein Licht in die Hand zu geben, um ihr so die Haltung einer den Drachmen im Hause suchenden Person zu verleihen. Solche neugierige Fragen erregen in Bezug auf einzelne Züge der Parabeln allerlei Vermutungen93) und leiten durch die Spitzfindigkeit gezwungener Deutungen oft von der Wahrheit ab. Manches steht aber klar und einfach da, um die Parabel auszubauen, zu disponieren und durchzuführen, um so auf das hinzuführen, wofür das Beispiel gewählt wird,

So werden denn auch die beiden Söhne gewiß eben demselben Zwecke dienen wie die Drachme und das Schaf. Denn sie haben dieselbe Veranlassung wie das, womit sie in Zusammenhang stehen, nämlich dasselbe Gemurre der Pharisäer gegen den Umgang des Herrn mit Heiden, Oder sollte jemand zweifeln, daß die Zollpächter in Judäa, welches schon seit langer Zeit durch die Truppen des Pompejus und Lukullus besetzt war, Heiden gewesen, dann lese er das Deuteronomium, wo es heißt: „Es soll keine Abgabe verhängt werden über die Söhne Israels”94). Auch wäre der Name der |s407/753 Zollpächter vor dem Herrn nicht so verabscheuungswert gewesen, wenn er nicht ein fremder gewesen wäre, ein Name von Leuten, die die Zugänge zum Lande und zum Meere, ja zur Luft selbst sich bezahlen ließen. Wenn er aber den Zöllnern die Sünder anreiht, so deutet er damit nicht gleich auf die Juden, wenn deren auch einige darunter sein konnten, sondern in der einen Gattung der Heiden unterscheidet er als die eine Art die Sünder von Profession, das sind die Zöllner, die andere sind die Sünder von Natur, nämlich die Nichtzöllner, und stellt sie so zusammen. Übrigens würde sein Zusammenleben mit Juden gar nicht getadelt worden sein, sondern nur sein Umgang mit Heiden, von deren Tisch die jüdische Disziplin fernzubleiben nötigte.

Jetzt müssen wir hinsichtlich des verschwenderischen Sohnes zuerst erwägen, was das Nützlichere sei. Denn eine Identifizierung der Gleichnisse, wäre sie auch so passend, daß sie auf der Goldwage gewogen erscheint, kann doch nicht gestattet werden, wofern sie dem Seelenheil schädlich ist. Wir sehen aber, daß der ganze Bestand des Seelenheils, der ja auf der Festigkeit der Disziplin beruht, durch diese Interpretation, welche von unsern Gegnern beliebt wird, völlig untergraben wird. Wenn der, welcher den vom Vater erhaltenen Vermögensanteil -- d. i. natürlich der Schatz der Taufe, sowie des Hl. Geistes und infolgedessen der Hoffnung des ewigen Lebens -- durch heidnisches Leben, weit vom Vater umherschweifend, vergeudete, ein Christ ist, wenn es ein Christ ist, der, der geistigen Güter beraubt, sogar dem Fürsten dieser Welt -- was natürlich kein anderer sein kann als der Teufel -- Knechtesdienste leistete, von ihm mit der Fütterung der Säue, d. h. dem Dienste der unreinen Geister, beauftragt, endlich zur Besinnung kam und zum Vater zurückkehrte, dann würden zufolge dieser Parabel schon nicht bloß die Ehebrecher und Hurer, sondern auch die Götzendiener, Gotteslästerer, Verleugner und der ganze Schwärm der Apostaten dem Vater auf Grund dieser Parabel Genugtuung leisten können. Dann wäre in Wahrheit das ganze Hab und Gut unserer Religion durch eine solche Beziehung des in Frage stehenden |s408/754 Gleichnisses95) förmlich vernichtet. Denn wer wird sich scheuen, verschwenderisch mit einer Sache umzugehen, die er wieder erwerben kann? Wer wird besorgt sein, sich das für immer zu bewahren, was er nicht für immer verlieren kann? Sicherheit beim Sündigen ist zugleich eine anstachelnde Lust zum Sündigen, Es wird also auch der Apostat sein früheres Kleid wieder gewinnen, das Gewand des Hl. Geistes, und abermals den Ring, das Siegel der Taufe, Christus wird wiederum für ihn geschlachtet werden, und er wird bei jenem Gastmahle zu Tische sitzen96), von dem die nicht angemessen Gekleideten durch die Henker weggewiesen und in die Finsternis geworfen zu werden pflegen, geschweige diejenigen, die ihres Gewandes beraubt worden sind. Es kommt also noch als verschärfendes Moment hinzu97), daß die Beziehung der Geschichte des verlorenen Sohnes auf den Christen auch nicht frommt. Da nun aber auch das Bild des unbescholtenen98) Sohnes auf den Juden nicht paßt, so wird die Deutung sich einfach der Absicht des Herrn anbequemen müssen.

Der Herr war gekommen, um zu retten, was verloren war, als ein Arzt, der mehr für die Kranken als für die Gesunden notwendig war. Das bildete er in den Gleichnissen vor, das lehrte er in seinen Aussprüchen, Welcher Mensch nun ist verloren, wer leidet an einer Krankheit, wenn nicht vor allem der, der von Gott nichts weiß?! Wer ist wohlaufgehoben und gesund, als nur wer Gott kennt? Diese beiden Fälle, der Art nach  |s409/755 verbrüdert, sie dürften auch in dieser Parabel versinnbildet sein. Frage dich, ob dem Heiden nicht jenes Besitztum eignet, daß er von Gott als Vater abstammt99) und sich jener Weisheit und natürlichen Erkenntnis Gottes erfreut, durch welche, wie der Apostel tadelnd bemerkt, die Welt in der Weisheit Gottes Gott nicht durch die Weisheit erkannt hat100), obwohl sie dieselbe doch von Gott empfangen hatte. Der Heide also hat sie verschwendet, indem er sich in seinen Sitten weit von Gott entfernte, zwischen den Irrtümern, Lockungen und Lüsten dieser Welt, wo er, vom Hunger nach der Wahrheit geplagt, sich dem Fürsten dieser Welt übergeben hat. Derselbe hat ihm die Obhut über die Schweine übertragen, damit er diese, den Dämonen vertraute101) Tiergattung weide, womit er nicht einmal sein Brot erwerben konnte und zugleich sehen mußte, wie die anderen im Tagelohn Gottes Überfluß an Himmelsbrot hatten. Er erinnert sich Gottes, seines Vaters, nach ihm geleisteter Genugtuung kehrt er zurück und erhält sein früheres Kleid wieder, nämlich den Zustand, den Adam durch seine Übertretung verloren hatte. Auch erhält er zum erstenmal102) den Ring, womit er den Bund des Glaubens |s410/756 auf die Fragen hin besiegelt, und so ausgestattet103) genießt er von da an von dem reichlichen Gastmahle des Leibes des Herrn, nämlich die Eucharistie.

Dieser also wird der verlorene Sohn sein, der früher noch nie brav, sondern von Anfang an ein Verschwender war, was doch nicht gleich von Anfang an der Christ ist104). Er war es, über den die Pharisäer sich betrübten, als er in den Personen der Zöllner und Sünder aus dem Heidentum in die Arme seines Vaters zurückkehrte. Darum paßt der Neid des älteren Bruders auch bloß auf diesen allein105), nicht weil die Juden unschuldig und Gott gehorsam waren, sondern weil sie die Heiden um die Erlösung beneideten; natürlich hatten sie immer bei dem Vater sein müssen. Es seufzt ja auch der Jude bei der ersten Berufung des Christen, nicht aber bei der zweiten Wiederaufnahme. Denn jene ist eine auch den Heiden offen bekannte Sache, diese zweite aber, wie sie in den Kirchen stattfindet, ist nicht einmal den Juden bekannt.

Ich glaube damit Deutungen gegeben zu haben, welche dem Gegenstande der Parabeln, dem Zusammenhang der Dinge und der Wahrung der Sittenzucht angemessener sind. Wofern übrigens die Gegenpartei darnach lechzt, das Schaf, die Drachme und den unzüchtigen Sohn auf den christlichen Sünder zu deuten, um so den Ehebruch und die Hurerei durch die Buße zu vergeben, so wird man entweder auch die übrigen Kapitalsünden ebenso vergeben müssen, oder auch diejenigen, welche diesen gleichstehen, den Ehebruch und die Hurerei, als unvergebbar vorbehalten müssen. Allein höher stellen wir die Forderung, daß man keine Auseinandersetzung über die Grenzen hinausführen darf, innerhalb deren der Gegenstand des Streites liegt. Dürfte man die |s411/757 Parabeln überhaupt anderswohin übertragen, so würden wir die durch sie bereitete Hoffnung lieber auf das Martyrium hinlenken. Dieses allein wird imstande sein, den Sohn nach Verprassung seiner sämtlichen Habe zu restituieren; dieses allein wird mit Freude verkünden, daß die Drachme wiedergefunden ist, wenn auch im Kote; dieses allein wird das Schaf, wenn es sich auch in alle möglichen Einöden und Abhänge verlaufen hatte, sogar auf den Schultern des Herrn selbst zurücktragen. Doch wir wollen von der Hl, Schrift lieber ein zu geringes, wenn dem so sein sollte, als ein unrichtiges Verständnis haben. Mithin müssen wir sowohl die Meinung des Herrn wahren als sein Gebot. Ein Abirren in der Deutung ist nicht geringfügiger als ein Abweichen im Lebenswandel.

10. Nachdem also das Joch, das uns die Psychiker für die Deutung dieser Parabeln auflegen wollten, abgeschüttelt106), und ein für allemal die Notwendigkeit, sie |s412/758 nicht anders zu erklären, als Stoff und klare Veranlassung es fordern, erkannt und angenommen ist, behaupten jene nunmehr, die Verkündigung der Buße sei gar nicht an die Heiden gerichtet, da die Sünden der Heiden ihr nicht unterliegen, weil sie der Unwissenheit beizumessen seien; diese aber sei bloß infolge der Natur vor Gott sündhaft107). Mithin fänden auch die Heilmittel keine Anwendung auf solche, für welche die Gefahren nicht in Frage kommen. Der Seinsgrund der Buße sei nur da vorhanden, wo mit Wissen und Willen gesündigt wird, wo von Schuld und andererseits von Gnade die Rede sein könne. Nur der trauere, nur der sei gebeugt, der weiß, was er verloren hat und was er wieder erlangen wird, wenn er Gott seine Buße dargebracht hat, der sie selbstverständlich mehr seinen Kindern anbiete als den Fremden.

Gut; dann hat also auch wohl Jonas aus diesem Grunde bei den heidnischen Niniviten eine Buße nicht für nötig gehalten, da er dem Auftrag zu predigen sich zu entziehen suchte. Oder fürchtete er nicht vielmehr, die Barmherzigkeit Gottes, welche er auch über die draußen Stehenden ausgegossen hat, werde sogar seine Ankündigung gleichsam zuschanden machen?108) Und da ist nun wegen einer unheiligen Stadt, die Gott noch gar nicht einmal angehörte, der Prophet beinahe ums Leben gekommen! Freilich hat er ein Vorbild des Leidens des Herrn durchgemacht, welches auch die bußfertigen Heiden erlösen sollte109). Gut trifft es sich, daß |s413/759 auch Johannes, der Wegebereiter des Herrn, nicht weniger den Soldaten und Zöllnern, als den Söhnen Abrahams Buße predigte. Der Herr selbst glaubte an die Bußfertigkeit der Bewohner von Tyrus und Sidon, im Falle sie die Belege seiner Wunderkraft sähen110). Umgekehrt möchte ich behaupten, Buße passe für die, welche von Natur Sünder sind, noch mehr als für die freiwillig Sündigenden. Denn der, welcher von ihr noch gar nicht Gebrauch gemacht hat, wird ihren Lohn eher verdienen, als wer sie schon gemißbraucht hat, und es haben die Heilmittel mehr Wirkung, wenn sie zum ersten Mal gebraucht werden, als wenn sie abgenutzt sind. Natürlich, der Herr ist ja auch lieber gütig gegen die Undankbaren als gegen die Unwissenden; er erbarmt sich schneller der schlecht Bewährten als der noch nicht Bewährten; er zürnt nicht gegen den Schimpf, der seiner Milde angetan wird, sondern er freut sich dessen vielmehr; er verschleudert letztere lieber an seine Kinder, als daß er sie an die draußen Stehenden verteilte, weil er die Heiden dann erst an Kindesstatt annahm, als die Juden mit seiner Langmut ihr Spiel trieben. Aber, so wollen es einmal die Psychiker, Gott, der Richter über das Böse, soll lieber die Buße, als den Tod desjenigen Sünders wollen, der doch den Tod lieber wollte als die Buße, Wenn dem so ist, dann erwerben wir uns durch Sündigen am Ende wohl gar Verdienste.

Also wohlan denn, mache deine Seiltänzerkünste mit der Züchtigkeit, Keuschheit und Heiligung des Geschlechtslebens, du, der du auf dem dünnen Faden einer solchen Disziplin, die der Wahrheit fremd111) ist, mit luftigem Schritte einherschreitest, das Fleisch durch den Geist im Gleichgewicht haltend, die Geistesgegenwart durch das Zutrauen aufrechthaltend, das Auge durch die Furcht zügelnd112). Was richtest du deine ganze |s414/760 Aufmerksamkeit auf deinen Schritt? Schreite nur zu, so wie du kannst, so wie du willst, da du so sicher bist und gleichsam wie auf festem Boden wandelst. Wenn dich irgendein Schwanken des Fleisches, ein Verlassen der Geistesgegenwart, ein Abirren des Auges vom Laufe abbringt: Gott ist ja gütig. Er hat für die Seinigen seinen Mantel untergebreitet, nicht etwa für die Heiden; die zweite Buße wird dich aufnehmen, und nachdem du Ehebrecher gewesen, wirst du wieder Christ sein! Mit so etwas kommst du mir, du nachsichtigster Dolmetsch Gottes!

Trotzdem würde ich dir recht geben, wenn jene Schrift „der Pastor”, die allein113) den Ehebrechern günstig gesinnt ist, unter die göttlichen Urkunden gesetzt zu werden verdiente, wenn sie nicht vielmehr von jeder Kirchenversammlung, auch den eurigen, für apokryph und falsch erklärt worden wäre; sie ist selber ehebrecherisch114) und darum eine Beschützerin ihrer Genossen, Von ihr empfängst du auch sonst deine Einweihung115). Ihr wird höchstens noch Beistand leisten jener Pastor, den du in deinem Becher abgebildet hast, er, der selbst auch ein Schänder der christlichen Heilslehre ist, so recht ein Götzenbild der Trunkenheit und eine Zuflucht für den Ehebruch, der auf das Bechern zu folgen pflegt. Von ihm saugst du nichts lieber in dich |s415/761 hinein als das Schaf der zweiten Buße116). Ich hingegen schöpfe aus den Schriften des Hirten, der unzerbrechlich ist117). Sie bringt mir sofort Johannes mit seiner Bußtaufe und seiner Bußpredigt entgegen, der ausruft118): „Bringet würdige Früchte der Buße und saget nicht: Unser Vater ist Abraham” -- nämlich damit sie nicht aus der Gnade119), die ihren Vätern zuteil wurde, einen Anreiz, zu sündigen, nehmen sollten -- „denn Gott kann aus Steinen Söhne Abrahams erwecken”120). Damit meint er auch uns121), nämlich als solche, die nicht mehr sündigen sollen und würdige Früchte der Buße bringen. Denn welche Frucht reift aus der Buße, als die bewirkte Besserung? Allein auch wenn die Vergebung eher die Frucht der Buße ist122), dann kann auch diese nicht bestehen ohne das Aufhören der Sünde. So ist denn das Aufhören der Sünde die Wurzel der Vergebung, damit diese letztere die Frucht der Buße sein könne.

11. Damit ist, was das Evangelium angeht, die Untersuchung über die Parabeln beendigt. Wofern aber der Herr auch in Tatsachen zugunsten der Sünder ähnliche |s416/762 Kundgebungen gemacht hat, wie wenn er z. B, dem sündigen Weibe sogar erlaubte, seinen Leib zu berühren, als sie seine Füße mit Tränen wusch, mit ihren Haaren abtrocknete und mit einer Salbung sein Begräbnis inaugurierte, wenn er der Samariterin, die in ihrer sechsten Ehe bereits nicht mehr den Namen einer Ehebrecherin, sondern einer Prostituierten verdiente, was er sonst nicht leicht bei. jemand tat, sogar offenbarte, wer er sei, so wird damit den Gegnern keinerlei Vorschub geleistet, wenn123) selbst er solchen Vergebung ihrer Sünden gewährt hätte, die bereits Christen waren. Denn für die Jetztzeit sagen wir: das kommt allein dem Herrn zu. Möge in unseren Zeiten die ihm zustehende Gewalt, Vergebung zu erteilen, sich betätigen. Was aber jene Zeiten angeht, als er auf Erden weilte, so behaupten wir, es bilde kein Präjudiz gegen uns, wenn er den Sündern, auch den jüdischen Sündern, Verzeihung gewährte. Denn die christliche Sittenzucht beginnt erst mit der Erneuerung des Bundes und, wie wir vorausgeschickt haben, mit der Erlösung des Leibes, d. i. mit dem Leiden |s417/763 des Herrn. Niemand ist vollendet, bevor die Heilsordnung des Glaubens eröffnet war124), niemand ein Christ vor der Aufnahme Christi in den Himmel, niemand heilig, bevor der Hl. Geist aus dem Himmel als derjenige erschienen ist, der die Grenzen der Sittenzucht bestimmt.

12. Jene also, die in den Aposteln und durch die Apostel einen ändern Paraklet empfangen haben, den sie, da sie ihn in seinen eigenen Propheten125) nicht anerkannt haben, auch bereits in den Aposteln nicht besitzen, mögen uns nun aus den Schriften der Apostel beweisen, daß die Makeln des Fleisches, wenn es nach der Taufe wieder befleckt worden ist, durch die Buße abgewaschen werden können. Begrüßen wir nicht in den apostolischen Schriften, daß auch sie in der gleichen Form wie das Gesetz des Alten Bundes in Bezug auf den Ehebruch aufzeigen126), wie schlimm er sei, damit er ja unter dem neuen Sittengesetze nicht für geringer gehalten werde als unter dem alten? Sobald das Evangelium erschollen, das Alte zum Weichen gebracht war und über die Beibehaltung oder Nichtbeibehaltung des Bestandes des alten Gesetzes127) verhandelt wurde, da erließen die Apostel für die, welche nach und |s418/764 nach aus den Heidenvölkern aufgenommen wurden, in der Autorität des Hl. Geistes zuerst folgende Regel: „Es hat dem Hl. Geiste und uns gefallen, euch keine neue Last aufzuerlegen außer der Enthaltung von dem, was notwendig ist, nämlich von den Götzenopfern, der Hurerei und dem Blut, Hütet ihr euch davor, so wird euer Wandel recht sein, indem der Hl, Geist euch trägt”128).

Es genügt, auch hier Ehebruch und Hurerei ihren Ehrenplatz zwischen der Idololatrie und dem Menschenmorde behaupten zu sehen. Denn das Verbot des Blutes werden wir weit mehr vom Menschenblut verstehen können129). Wofür wollen nun die Apostel wohl diese Verbrechen angesehen wissen, welche sie allein aus dem früheren Gesetze herausgreifen, deren Vermeidung allein sie als notwendig vorschreiben?! Nicht als ob sie damit hätten die ändern gestatten wollen, sondern sie stellen diese allein heraus als schlechterdings nicht nachlaßbar, da sie die übrigen Lasten des Gesetzes um der Heiden willen für nachlaßbar erklärten. Warum anders befreien sie unsern Nacken von jenem so schweren Joch, als nur um ihm diese verkürzte Sittenzucht für immer aufzuerlegen? Warum anders haben sie uns so viele Fesseln erlassen, als um uns für immer an das, was notwendig ist, festzubinden? Sie haben uns von so manchem gelöst, um uns zur Vermeidung dessen, was weit schädlicher ist, fest zu verpflichten. Es ist eine Ausgleichung vor sich gegangen. Wir haben vieles profitiert, gegen einige Gegenleistungen, Der Ausgleichsvertrag ist unwiderruflich. Er würde aber widerrufen |s419/765 durch Wiederholung des Ehebruchs, des Blutvergießens und des Götzendienstes. Denn das ganze Gesetz ist dahin, wenn die Bedingung hinsichtlich des Sündennachlasses aufgehoben wird. Leicht zu nehmende Verträge hat der Hl. Geist mit uns keine gemacht; da er seinerseits aus freien Stücken den Vertrag schloß, so ist er um so mehr mit Ehrfurcht zu behandeln. Was er als Kontrahent zugesichert hat, wird niemand rückgängig machen; jeder Versuch ist vergeblich130). Er wird nicht mehr wieder an sich nehmen, was er freigegeben hat, und nicht freigeben, was er festbehalten hat. Der Zustand des letzten Bundes ist unveränderlich für immer, und die Verkündigung dieses Dekrets und jener Beschluß werden sicher nur mit der Welt selber ein Ende nehmen. Die Vergebung der Sünden, deren Vermeidung er131) besonders hervorgehoben hat, hat er deutlich genug versagt; was er demgemäß nicht zugestand, das hat er sich vorbehalten. Daher kommt es auch, daß weder bei Idololatrie noch bei Blutvergießen der Kirchenfrieden von den Kirchen wieder erteilt wird. Daß die Apostel von dieser Bestimmung abgefallen sein sollten, das darf man, meine ich, nicht annehmen, oder wenn manche vor dieser Annahme nicht zurückschrecken, so müssen sie ihre Beweise vorbringen.

13. Die falschen Vermutungen, denen sie sich auch |s420/766 in Bezug auf diesen Punkt hingeben, sind uns freilich genugsam bekannt. Sie machen in Wirklichkeit die törichte Annahme, der Apostel Paulus habe im zweiten Korintherbriefe demselben Hurer Vergebung erteilt, über den er im ersten die Sentenz gesprochen hatte, er sei dem Satan zum Verderben des Fleisches zu übergeben, er, der ruchloserweise als Erbe in die Ehe seines Vaters eintrat. Also hätte er seine früheren Worte später ausgestrichen132), als er schrieb: „Wenn jemand Ursache zur Betrübnis gegeben hat, so hat er sie nicht mir gegeben, sondern zum Teil -- ich will nicht beschwerlich sein -- euch allen. Es genügt für einen solchen jene Züchtigung, die von vielen ausgeht, so daß ihr im Gegenteil vielmehr vergebet und tröstet, damit ein solcher nicht durch übermäßige Traurigkeit verschlungen werde. Darum bitte ich euch, daß ihr ihm Liebe zuwendet. Denn ich habe auch deswegen an euch geschrieben, um eure Bewährung zu erkennen, ob ihr mir in allem gehorcht. Wenn ihr aber jemand Vergebung habt zuteil werden lassen, dann auch ich. Denn auch ich habe, wenn ich etwas nachgelassen, es in Christo133) nachgelassen, damit wir nicht vom Satan hintergangen würden; denn seine Einflüsterungen sind uns nicht unbekannt”134).

Wo ist hier etwas, was auf den Hurer, was auf den Verunreiniger des Ehebettes seines Vaters, was auf den Christen, der die Schamlosigkeit der Heiden überboten hatte, zu beziehen wäre? Der Apostel würde jedenfalls einen, den er in spezieller Entrüstung verurteilt, doch auch ebenso in spezieller Vergebung losgesprochen haben135). Er ist ja in seiner Barmherzigkeit undeutlicher als in seiner Entrüstung! Er ist in seiner Strenge |s421/767 besummier als in seiner Milde! Nun aber pflegt sich doch der Zorn mehr versteckt zu halten als die Nachsicht. Man zögert mehr mit traurigen als mit freudigen Dingen. Es handelte sich nämlich nur um eine Nachlassung in einer geringen Sache, die vielleicht nicht einmal besondere Aufmerksamkeit erregte, während doch die Nachlassung bei den größten Verbrechen nicht einmal ohne feierliche Verkündigung zu geschehen pflegt, geschweige denn gar ohne bestimmte Bezeichnung136).

Selbst du, wenn du die Brüder in die Kirche einführst, um für den büßenden Ehebrecher Fürbitte zu leisten137), läßest ihn im härenen Bußgewand, in Asche, |s422/768 im schimpflichen und schauerlichen Aufzuge sich in der Mitte niederwerfen vor den Witwen und vor den Priestern; allen sucht er Tränen zu entlocken, aller Fußstapfen küsset er, aller Knie umfasset er, und auf ein solches Schicksal dieses Menschen predigst138) du, mit allen möglichen Reizmitteln des Mitleidens als „guter Hirt und preiswürdiger Vater”139), und suchst dann im Gewände der Parabel140) vom verlorenen Schaf deine Ziegen, damit ferner dein Schaf nicht noch einmal von der Herde fortlaufe -- als ob erst von nun an nicht gestattet wäre, was keinmal gestattet war141) --, flößest |s423/769 du auch den übrigen Schafen Furcht ein, in dem Augenblick, wo du doch in Wirklichkeit die größte Nachsicht übst: der Apostel dagegen soll es mit Verzeihung der verbrecherischen Lust der Hurerei, die noch durch Blutschande erschwert war, so leicht genommen haben, daß er von ihm nicht einmal die geschilderten gesetzmäßigen Übungen der Buße, die du doch von ihm erlernen sollst, verlangt, keine Drohungen für die Zukunft gemacht und keine Ermahnungen für die Folgezeit hinzugefügt hätte?! Ja er geht noch weiter, er beschwört die Korinther, sie sollen dem Betreffenden Liebe zuwenden, wie einer, der etwas wieder gut macht, nicht wie einer, der verzeiht!142) Und doch, ich höre nur das Wort Liebe, nicht das Wort Kirchengemeinschaft. Ebenso spricht er auch im Briefe an die Thessalonicher: „Wenn einer nicht hört auf mein Wort in diesem Schreiben, den weiset zurecht und verkehret nicht mit ihm, damit er in sich gehe, aber haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern tadelt ihn wie einen Bruder”143). Also hätte er wohl sagen können, daß auch dem Hurer nur Liebe zuteil geworden sei, nicht aber die Kirchengemeinschaft; dem Blutschänder aber auch nicht einmal Liebe, da er ihn nämlich aus ihrer Mitte -- noch viel mehr also aus ihrem Sinne -- zu entfernen befohlen hatte. |s424/770

Aber er fürchtete wohl, sie würden vom Satan betrogen werden, durch das Verlorengehen einer solchen Person, die er selbst dem Satan übergeben hatte -- oder der werde durch übergroße Traurigkeit verzehrt werden, den er doch selbst dem Verderben des Leibes preisgegeben hatte?! Nun deuten sie schon in der in Rede stehenden Stelle144) das „Verderben des Leibes” auf die Leistung der Bußübung, die145) durch Fasten, schmutzige Kleidung, durch jegliche Selbstvernachlässigung und absichtliche Selbstpeinigung das Fleisch gleichsam aufreibe und Gott dadurch Genugtuung leiste, um daraus den Schluß abzuleiten, der Apostel habe den Hurer, ja sogar jenen Blutschänder nicht dem Satan zum Verderben übergeben, sondern zur Besserung, als werde er nachher wegen dieses Verderbens, d. i. wegen der Kasteiungen seines Leibes Verzeihung erlangen und habe sie also auch erlangt. -- Allerdings hat derselbe Apostel den Hymenäus und Alexander dem Satan übergeben, damit sie gebessert würden und nicht mehr lästerten, wie er an seinen Timotheus schreibt146). Allein er sagt auch, daß ihm selbst „ein Pfahl beigegeben sei, ein Engel des Satans, der ihm Backenstreiche versetze, damit er sich nicht überhebe”147). Wenn sie auch auf diese letztere Stelle den Finger legen, auf daß wir die von ihm dem Satan Überlieferten als nur zur Besserung, nicht zum Verderben ihm übergeben ansehen sollen, so frage ich, welche Ähnlichkeit hat denn Gotteslästerung und Blutschande mit einer Seele, die von diesen Dingen rein ist, ja, die aus keinem anderen Grunde als wegen ihrer höchsten Heiligkeit und vollkommenen Keuschheit hoch erhoben ist148), die beim Apostel allenfalls durch |s425/771 Backenstreiche gezügelt werden sollte, das ist, wie man glaubt, durch Ohren- und Kopfschmerzen? Blutschande und Lästerung aber verdienten es, daß jene Menschen ganz149) dem Satan selber, nicht etwa bloß seinem Engel als Besitz überliefert wurden. Auch darin liegt ein Unterschied, ja darauf kommt sehr viel an, daß die Genannten, wie wir lesen, vom Apostel dem Satan förmlich übergeben wurden, dem Apostel selbst aber ein Engel des Satans nur beigegeben war.

Schließlich, als Paulus zum Herrn rief, was bekam er zu hören? „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft vollendet sich in der Schwachheit”150). Das kann man zu denen, die dem Satan übergeben sind, nicht sagen. Wenn aber das Vergehen des Hymenäus und Alexander, nämlich die Blasphemie, unvergebbar ist, sowohl in dieser als in jener Welt151), dann hat sicherlich der Apostel sie, die sich vom Glauben ab- und der Blasphemie zugewendet hatten, nicht, entgegen der Vorschrift des Herrn, mit der Hoffnung auf Verzeihung dem Satan übergeben. Darum hat er sie auch für schiffbrüchig im Glauben erklärt, für Leute, die bereits den Trost des Schiffleins der Kirche nicht mehr besitzen. Denn die Vergebung wird denen verweigert, welche vom Glauben aus152) in die Blasphemie gefallen sind. Die Heiden und Häretiker dagegen erheben sich jeden Tag aus der Blasphemie. Wenn er aber auch gesagt hat: „Ich habe sie dem Satan übergeben, damit sie lernen, nicht zu lästern”, so hat er das auf die anderen berechnet, welche, nachdem jene dem Satan übergeben, d. h. aus der Kirche hinausgestoßen waren, lernen sollten, daß man |s426/772 nicht lästern dürfe153). So also hat er auch den Blutschänder dem Satan, zu dem er durch seine mehr als heidnische Sünde bereits übergetreten war, nicht zur Besserung, sondern zum Verderben überliefert, damit man an ihm lerne, keine Unzucht zu treiben.

Endlich sagt er: zum Untergang, nicht zur Peinigung des Fleisches, und verurteilt die Substanz selbst, mittels derer jener abgefallen war, welche von da an bereits dem Untergang verfallen war durch den Verlust der Taufe. „Damit der Geist”, heißt es, „gerettet werde am Tage des Herrn.” Denn auch in Bezug auf diesen Punkt muß man die Frage stellen, ob der Geist desselben154) Menschen gerettet werde? Gerettet also soll werden ein mit einem solchen Verbrechen befleckter Geist, nachdem der Leib deshalb zugrunde gerichtet worden ist? Gerettet soll er sein in der Strafe? Folglich würde die entgegengesetzte Meinung eine Bestrafung ohne Leib annehmen: damit geben wir die Auferstehung des Fleisches preis155). Es bleibt also nur eins übrig, nämlich daß er dem Geist, der unter der Kirche verstanden wird, Rettung zugesprochen habe, d. h. daß er am Tage des Herrn rein dastehen soll von der Befleckung jeglicher Unlauterkeit, nachdem der blutschänderische Unzüchtige hinausgeworfen ist. Denn er fügt hinzu: „Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?”156) Die blutschänderische Hurerei war aber doch nicht ein wenig Sauerteig, sondern eine ganze Masse.

14. Nachdem diese Zwischenfragen erledigt sind, kehre ich zum zweiten Korintherbriefe zurück, um zu zeigen, daß auch der andere Ausspruch des Apostels: „Für einen solchen Menschen mag genug sein die Zurechtweisung, die von vielen kommt”, nicht auf die Person des Hurers passe. Wenn Paulus erklärt hat, daß er dem Satan übergeben werden müsse zum Verderben des |s427/773 Fleisches, so hat er ihn jedenfalls verurteilt und nicht bloß zurechtgewiesen. Der, bei dem es mit der Zurechtweisung genug sein sollte, war also eine andere Person. Denn der Hurer hatte ja durch Urteilsspruch des Apostels bereits nicht eine Zurechtweisung, sondern seine Verdammung empfangen. Ich lege dir nämlich auch folgende Frage zur Untersuchung vor: Finden sich im ersten Briefe nicht auch noch andere Personen, die den Apostel durch unpassendes Betragen betrübt hatten, und dann ihrerseits durch ihn betrübt wurden, indem sie Zurechtweisungen erhielten im Sinne des zweiten Briefes? Aus der Zahl dieser letzteren konnte dann im zweiten Briefe der eine oder der andere Verzeihung erhalten. Beachten wir, daß der ganze erste Brief sozusagen nicht mit Tinte, sondern mit Galle geschrieben, daß er voll von Aufwallungen, Zorn, Unwillen, Drohungen, Mißmut und in seinen einzelnen Klagepunkten gegen bestimmte Personen gerichtet ist, als wären sie die Hauptschuldigen. Denn so hatten es ihre Spaltungen, Feindschaften, Spannungen, Anmaßungen, Überhebungen und Streitigkeiten notwendig gemacht, daß sie mit Mißbilligungen überhäuft, durch Tadel zurückgewiesen, durch barsche Behandlung gebessert und durch Strenge eingeschüchtert werden mußten.

Und wie beschaffen ist sein Unwille, der sie zur Demut anspornen soll! „Ich danke Gott”, sagt er, ,,daß ich niemanden von euch getauft habe als nur Crispus und Gajus, damit niemand sagen könne, daß ich auf meinen Namen getauft hätte. Denn ich habe nicht dafür gehalten, etwas zu wissen bei euch, außer Jesum Christum, und zwar diesen als den Gekreuzigten”157), Und weiter: ,,Ich glaube, uns Apostel hat Gott als die letzten auserwählt -- etwa wie die Tierkämpfer -- denn wir sind ein Schauspiel geworden für diese Welt, die Engel und Menschen, und wir sind ein Auskehricht dieser Welt geworden, der Abschaum aller”158). Und wiederum: „Bin ich nicht Apostel, habe ich nicht unsern Herrn Jesus Christus geschaut?”159) Wie groß war auf Seite der |s428/774 andem die Überhebung, die ihn nötigte, unumwunden zu erklären: „Mir ist es ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von irgendeinem menschlichen Gerichtstage; denn ich bin mir nichts bewußt” und „meinen Ruhm möge niemand zunichte machen.” „Wisset ihr nicht, daß wir die Engel richten werden?”160) Wie freimütig aber ist seine Rüge, wie blank gezogen das geistige Schwert, wenn er sagt: „Schon seid ihr reich, schon seid ihr gesättigt, schon herrschet ihr”, und „wenn jemand glaubt, er wisse etwas, dann weiß er noch gar nicht, wie man wissen muß”161). Ist es nicht, als wenn er einen ins Gesicht schlüge mit den Worten: „Wer hat dir einen Vorzug gegeben? Was aber hast du, was du nicht empfangen hast? Warum rühmst du dich, als wenn du nicht empfangen hättest?”162) Schlägt er nicht auch jene163) auf den Mund, denen er zuruft: „Manche essen bei ihrem Wissen bis jetzt das Götzenfleisch als Götzenfleisch. Die aber, welche so das Gewissen schwacher Brüder verletzend sündigen, sündigen gegen Christus”?164) Sodann wird er auch persönlich: „Haben wir etwa nicht auch die Befugnis, zu essen und zu trinken und Frauenspersonen mit uns umherzuführen, wie die übrigen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas?” Und an einer anderen Stelle: „Wenn andere ein Verfügungsrecht über euch besitzen, warum nicht vielmehr wir?”165) Er faßt sie auch im Singular: „Darum, wer stehet, der sehe zu, daß er nicht falle”, und: „Wenn jemand streitsüchtig erscheint, wir haben eine solche Gewohnheit nicht, noch auch die Kirche Gottes”166), Wenn er in folgende |s429/775 Schlußformel eine Verwünschung einhüllt: „Wenn jemand den Herrn Jesum nicht liebt, der sei Anathema, Maranatha”167), so hat er damit gewiß irgendeine bestimmte Person getroffen.

Ich will indes lieber bei der Stelle bleiben, wo sich der Apostel noch mehr aufgebracht zeigt, wo der Hurer auch noch anderen Ungelegenheit bereitet hat: „Einige sind aufgeblasen, als wenn ich nicht zu euch kommen würde. Ich werde aber rascher kommen, wenn es der Herr gibt, und Einsicht nehmen, nicht von den Worten derer, die aufgeblasen sind, sondern von ihrer Kraft. Denn das Reich Gottes besteht nicht im Reden, sondern in der Kraft. Was zieht ihr vor, soll ich zu euch kommen mit der Rute oder im Geiste der Milde”168). Was lag denn vor? Dies: „Man hört überhaupt bei euch von Hurerei, und zwar von solcher Hurerei, wie nicht einmal bei den Heiden ist, daß einer die Frau seines Vaters hat. Und da seid ihr noch aufgeblasen, da habt ihr euch nicht vielmehr betrübt, damit der aus eurer Mitte entfernt werde, der eine solche Schandtat begangen hat?”169) Über wen sollten sie trauern? Natürlich über einen Toten, Und zu wem hin sollte ihre Trauer gerichtet sein? Natürlich zum Herrn hin, damit jener auf irgend welche Weise aus ihrer Mitte entfernt werde, sicherlich nicht, damit er aus der Kirche gestoßen würde. Denn das sollte doch nicht von Gott erbeten werden, was zur Pflicht des Vorstehers gehörte, sondern damit er durch den gewöhnlichen Tod des Leibes im buchstäblichen Sinne noch vollständiger aus der Kirche entfernt würde, er, der bereits ein verwesender Leichnam, der durch die unaustilgbare Unzucht eine Modergruft geworden war. Und deshalb sprach der Apostel über einen solchen Menschen das Urteil -- auf diese Weise konnte er vorläufig weggeschafft werden170) -- er sei dem Satan zu übergeben zum Verderben des Leibes. Denn es war die natürliche Folge, daß das Fleisch, welches dem Teufel |s430/776 hingeworfen worden war171), verflucht werden mußte, so daß er des Sakramentes der Segnung172) verlustig erklärt wurde und niemals wieder in das Heerlager der Kirche zurückkehren sollte.

Wir sehen also, daß die Strenge des Apostels hier verteilt sei auf eine aufgeblähte Person und auf eine unzüchtige und sich gegen die eine mit der Rute, gegen die andere mit einem Strafurteil gewappnet habe. Die Rute war es, womit er drohte, die Strafsentenz, die er aussprach; jene war noch erhoben, diese ließ er sofort herniederfahren, durch die eine schalt, durch die andere verdammte er. Und sicher ist, daß von da an der Gescholtene unter der ihm drohenden Rute zitterte, der Verdammte aber unter der sofort eintretenden Strafe zugrunde ging. Der erstere nämlich, der den Schlag fürchtende, steht noch (in ihrer Mitte), der andere aber, der die Strafe büßende173), ist (aus ihrer Mitte) verschwunden.

Als nun derselbe Apostel zum zweiten Male einen Brief an die Korinther schrieb, wurde allerdings eine Verzeihung erteilt, aber es bleibt ungewiß, |s431/777 wem, weil weder die Person noch die Sache bekannt gegeben wird. Ich will die Sachen mit dem Eindruck, den sie hervorrufen, vergleichen174). Wenn der Unzüchtige vor Augen gestellt wird, so steht auch der Übermütige neben ihm. Sicherlich wird man dem, was die Sache fordert gerecht, wenn der Übermütige gescholten, der Unzüchtige aber verworfen wird. Dem Übermütigen wird verziehen, jedoch nur, nachdem er zurechtgewiesen ist, der Unzüchtige erweckt nicht den Anschein175), daß ihm verziehen worden ist, da er verdammt wurde. Wenn demjenigen verziehen wurde, bei dem man fürchtete, der übergroße Kummer werde ihn verzehren, so war der bis dahin nur Zurechtgewiesene176) in Gefahr, verzehrt zu werden, wenn er den Mut verlor ob der Strafandrohung und in Trauer versenkt wurde ob der Rüge; der Verdammte aber wurde als bereits durch Schuld und Strafsentenz verschlungen angesehen, als einer, der gar nicht mehr zu trauern, sondern nur noch für das zu leiden habe, was er vor diesem Leiden hätte betrauern können. Wenn die Vergebung deswegen stattfand, „damit wir nicht vom Satan betrogen würden”, so wurde doch sicherlich Vorsorge gegen Erleidung eines Verlustes nur bei dem getroffen, was noch nicht zugrunde gegangen war; für das, womit es vorbei ist, trifft man keine Vorsorge mehr, sondern nur für das, was |s432/778 noch am Leben ist. Der aber, welcher verurteilt war, und zwar in den Besitz des Satans, der ging für die Kirche bereits verloren, als er diese Schandtat verübte, vollends aber, als er von der Kirche feierlich exkommuniziert wurde. Wie sollte sie noch fürchten, den zu verlieren, den sie einerseits als einen ihr Entrissenen bereits verloren hatte und den sie andererseits als einen Verworfenen gar nicht mehr besitzen konnte? Der Richter endlich, für was wird er Verzeihung geben dürfen? Für das, was er durch Endurteil entschieden, oder für das, was er durch einen Zwischenspruch vertagt hat? Und vollends ein Richter, dessen Gewohnheit es nicht ist, was er zerstört hat, wieder aufzubauen, damit er nicht für einen Übertreter gehalten werde!

Wohlan, wenn die Zahl der Personen, welche der erste Brief in Betrübnis versetzte, auch nicht groß wäre, wenn er niemanden ausgescholten, niemanden in Furcht versetzt, wenn er bloß den Blutschänder allein niedergeschlagen hätte, wenn er ferner bei der Sache des letzteren177) niemanden in Schrecken gesetzt und keinen Aufgeblasenen niedergeschmettert hätte, würde selbst dann deine Vermutung nicht besser, deine Argumentation nicht getreulicher178) sein, wenn du annähmest, damals habe es, im Zusammenhang mit der genannten Sache179), in Korinth noch einen ganz anderen gegeben, der zurechtgewiesen, in Schrecken gesetzt und dann von Kümmernis ganz aufgezehrt wurde, und dieser habe später, da es die Geringfügigkeit seines Vergehens gestattete180), Verzeihung erhalten, als daß du diese Verzeihung auf den blutschänderischen Hurer beziehst? Das hättest du herauslesen sollen, wenn auch nicht aus dem Briefe, dann doch aus der ganzen Handlungsweise des |s433/779 Apostels, indem es deutlicher in seinem Charakter, als durch seine Feder ausgedrückt ist, damit du nicht ihn, einen Paulus, den Apostel Christi, den Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit, das Gefäß der Auserwählung, den Gründer der Kirchen, den Zensor über die Kirchenzucht eines solchen Wankelmutes bezichtigtest, als habe er den, den er bald darnach wieder lossprechen wollte, leichtfertiger Weise verdammt, oder umgekehrt den in leichtfertiger Weise losgesprochen, den er doch wahrlich nicht leichtfertig verurteilt hätte, selbst wenn er ihn bloß wegen einfacher Hurerei verurteilt hätte, geschweige denn wegen einer blutschänderischen Ehe gottloser Wollust und vatermörderischer Unzucht, eine Unzucht, die er nicht einmal mit der Unzucht bei den Heiden auf eine Linie gestellt hatte181), damit sie nicht mit dem Herkommen entschuldigt werde, eine Unzucht, über die er abwesend das Urteil gesprochen, damit der Schuldige nicht etwa Zeit gewinne, eine Unzucht, die er sogar mit Anrufung der Autorität des Herrn verdammt hatte, damit die Strafsentenz nicht etwa als eine bloß menschliche angesehen werde. Er hat also mit seinem eigenen Geiste, dem Engel der Kirche182) und der Autorität des Herrn183) nur sein Spiel getrieben, wenn er das Urteil, welches er nach dem Rate dieser gesprochen hatte, wieder vernichtete.

15. Wenn du auch das, was in dem angeführten Briefe weiter folgt, auf die Androhung durch den Apostel ausdehnst, so darf auch dieses keineswegs für die Tilgung der Blutschande in Anspruch genommen werden, damit dem Apostel nicht die Schmach angetan werde, als stimmten seine späteren Gesinnungen mit den früheren nicht überein. Was würde es heißen, wenn er, nachdem er soeben dem blutschänderischen Hurer |s434/780 die Rückkehr in den Kirchenfrieden verliehen hat, sofort scharfe Warnungen hinsichtlich der Verabscheuung der Unzucht, der Beseitigung der Makeln und eindringliche Ermahnungen zur Heiligkeit anreiht, gerade so, als ob er nicht kurz vorher etwas dekretiert hätte, was dem widerspräche? Vergleiche z. B., ob der imstande ist, zu sagen: „Darum, da wir dieses Amt erhalten haben gemäß der Erbarmung, die wir erlangten, lassen wir nicht ab, sondern richten unsere Absage gegen alle heimliche Schlechtigkeit”184), der nicht etwa eine Schlechtigkeit, sondern ein offenbares Verbrechen verziehen185) hat? Ob der irgendeine Unkeuschheit noch entschuldigen kann, der bei Aufzählung seiner Arbeiten nach den Bedrängnissen und Nöten, nach den Fasten und Nachtwachen auch die Keuschheit hervorgehoben hat?186) Ob ferner der jeden beliebigen Verworfenen in die Gemeinschaft wieder aufgenommen haben kann, der da schreibt: „Was haben Gerechtigkeit und Gottlosigkeit miteinander zu tun, welche Gemeinschaft besteht zwischen Licht und Finsternis, welche Übereinstimmung zwischen Christus und Belial? Welchen Anteil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen, welche Übereinstimmung der Tempel Gottes mit den Idolen?”187) Würde man ihm nicht frischweg zur Antwort geben müssen: Wie kannst du voneinander scheiden, was du vorhin durch Wiederaufnahme des Blutschänders miteinander verbunden hast? Wenn dieser der Kirche wiederum einverleibt ist, dann befindet sich die Gerechtigkeit in der Gesellschaft der Gottlosigkeit, das Licht steht mit der Finsternis in Gemeinschaft, Belial harmoniert mit Christus, und der Gläubige hat mit dem Ungläubigen Anteil an |s435/781 den Sakramenten. Und was die Idole angeht, siehe da: der Besudler des Tempels Gottes kommt ja sogar in den Tempel. Denn er sagt an dieser Stelle auch: „Ihr seid ein Tempel des lebendigen Gottes, denn es heißt: Ich werde unter ihnen wohnen und wandeln und werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Deswegen weichet aus ihrer Mitte, sondert euch ab und rühret Unreines nicht an”188). Auch dieses189), lieber Apostel, legst du vor, und das tust du gerade dann, wo du einem Ausbund von Unzucht die Hand reichst! Ja du fügst noch den Ausspruch hinzu: „Im Besitz also dieser Verheißung, Geliebte, wollen wir uns reinigen von jeder Befleckung des Geistes und Leibes, vollendend die Keuschheit in der Furcht Gottes”190). Ich bitte dich, wer unserem Geiste solche Grundsätze einprägt, hatte der wohl einen Hurer in die Kirche zurückgerufen? Oder schreibt er es nicht vielmehr deshalb, um jetzt191) bei dir den Schein fernzuhalten, als hätte er einen solchen zurückgerufen?

Diese Stellen müssen sowohl in Bezug auf das Vorangegangene als Prozeßeinreden dienen, als auch für das Folgende zum voraus die Norm feststellen. Wenn er also gegen Ende des Briefes sagt: „Damit mich Gott, wenn ich abermals komme, nicht demütige und ich nicht viele von denen zu beklagen habe, die vorher gesündigt und keine Buße getan haben für die Unzucht, Hurerei und Geilheit, die sie getrieben haben”192), so hat er damit keinesfalls festgesetzt, daß solche Menschen, die er noch in der Kirche finden sollte193), wiederaufgenommen |s436/782 werden sollten, für den Fall, daß sie Buße täten, sondern sie sollten beweint und ohne Zaudern ausgestoßen werden, um von ihrer Buße keinen Nutzen zu haben. Im übrigen aber geht es nicht an, daß er hier über die Erteilung der Gemeinschaft Anweisungen gegeben habe, er, der vorher die Gemeinschaft zwischen Licht und Finsternis, Gerechtigkeit und Gottlosigkeit in Abrede gestellt hatte. Aber die kennen den Apostel nicht, welche eines seiner Worte im Widerspruch zum Charakter und zur Denkart dieses Mannes selbst, sowie gegen die ständige Norm und Regel seiner Lehren deuten und glauben, er, der jegliche Heiligkeit auch durch sein eigenes Leben lehrte, der alle Unreinheit verfluchte und ausfegte und sich immer in dieser Weise zeigte, habe dem Blutschänder und nicht vielmehr einem ändern, der einer geringeren Sünde schuldig war, die Kirchengemeinschaft wieder erteilt.

16. Es ist daher notwendig, den Gegnern fort und fort den Apostel vorzuhalten, von welchem ich beweisen werde, daß er sich im zweiten Briefe an die Korinther gerade so zeige, wie ich ihn in seinen ändern Briefen gefunden habe. Er hat ja bereits im ersten zu allererst den Tempel Gottes eingeweiht: „Wißt ihr nicht, daß ihr der Tempel Gottes seid und der Herr in euch wohnt?”194) Er hat ja auch für die Unverletzlichkeit und Reinigung dieses Tempels die Gotteshausordnung vorgeschrieben: „Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, so wird Gott auch ihn verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr”195). Gut nun, wer wird jemals den von Gott dem Verderben preisgegebenen, d. h. den dem Satan zum Verderben des Fleisches über-gebenen wiederherstellen, zumal er eigens hinzugefügt hat: „Niemand täusche sich selbst”196), d. h. niemand |s437/783 wähne, daß der von Gott dem Verderben preisgegebene abermals wieder hergestellt werden könne? So wie hier hat er unter anderem oder vielmehr vor allem ändern da, wo er den Ehebrechern, Hurern, Weichlingen, Knabenschändern die Erlangung des Himmelreiches abspricht, die Worte vorangeschickt: „Irret euch nicht”197), nämlich wenn ihr glauben wolltet, sie würden es erlangen. Denjenigen aber, welchen das Reich genommen ist, wird auch das Leben nicht mehr zugestanden, das dem Reiche innewohnt. Wenn er ferner einschärft: „Das seid ihr gewesen, nun aber seid ihr abgewaschen, nun seid ihr geheiligt im Namen des Herrn Jesu Christi und im Geiste unseres Gottes”198), so hat er, je leichter er bei diesen Sünden vor der Taufe die Tilgung eintreten läßt, desto nachdrücklicher sie als nach der Taufe unvergebbar hingestellt, da man nicht zum zweiten Male getauft werden kann.

Erwäge auch, daß Paulus in folgenden Aussprüchen als eine nicht wankende Stütze der Sittenzucht erscheint. „Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott wird sowohl diesem als jenen ein Ende machen; der Leib aber ist nicht bestimmt für die Hurerei, sondern für Gott”199); -- Gott sagte: „Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse, und Gott schuf den Menschen; nach seinem Bilde und Gleichnisse schuf er ihn”; „der Herr für den Leib”; -- „das Wort ist Fleisch geworden”200) -- „Gott aber hat den Herrn wieder auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft”, verstehe, wegen der Verbindung unseres Körpers mit ihm. Darum heißt es: „Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?”201) -- weil auch Christus der Tempel Gottes ist: „Zerstöret diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder herstellen”202). „Soll ich die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern der Hure machen? |s438/784  Wisset ihr nicht, wer einer Hure anhänget, der wird mit ihr ein Leib. Denn sie zwei werden zu einem Fleische werden. Wer aber dem Herrn anhänget, der ist ein Geist mit ihm. Fliehet die Hurerei”203). Wenn darunter eine solche zu verstehen ist, die durch Verzeihung wieder rückgängig gemacht werden kann, wie soll ich dann sie fliehen, da ich wieder ein Ehebrecher sein werde?204) Es wird mir nichts nützen, wenn ich sie fliehe: ich werde ein Leib mit der sein, mit der ich verbunden bleiben werde, seitdem ich mit ihr in Gemeinschaft trat, „Jede Sünde, die der Mensch begeht, ist außerhalb seines Leibes, wer aber hurt, der sündigt gegen seinen eigenen Leib''205). Und damit du dich nicht dieses Ausspruches zugunsten der Hurerei bemächtigst, als sündigtest du gegen etwas, was dir, nicht dem Herrn gehört, so entzieht er dich gleichsam dir selbst und spricht dich, wie er es vorher schon angeordnet hatte, Christo zu, indem er sofort hinzufügt206): „Ihr gehört nicht euch selbst zu; denn ihr seid erkauft um einen hohen Preis”, nämlich des Blutes des Herrn. „Verherrlichet und traget den Herrn in eurem Leibe!”207) Frage dich, ob, wer solche Vorschriften gibt, einem verziehen haben werde, der den Herrn ver-unehrt und ihn aus seinem eigenen Leibe hinausgeworfen hat, und zwar noch dazu durch Blutschande!

Wenn du vom Apostel eine erschöpfende Kenntnis |s439/785 gewinnen, wenn du einsehen willst, wie er mit der scharfen Axt des Sittenrichters das ganze Gestrüpp der Lüste so umhaut, entwurzelt und ausrottet, daß er jedes neue Aufsprossen ausgeschlossen hat, dann blicke hin auf ihn, wie sehr er wünscht, die Seelen möchten sich auch die erlaubte Frucht der Natur, den Genuß der Ehe versagen! „In Betreff der Dinge aber, wovon ihr geschrieben habt, ist es gut, daß der Mensch kein Weib anrühre. Allein wegen der Hurerei habe jeder seine Ehefrau; der Mann soll dem Weibe und das Weib soll dem Manne die Pflicht leisten”208). Wer wüßte nicht, daß er den Verschluß vor diesem Genüsse nur ungern gelockert hat, um der Hurerei entgegenzuwirken?! Hätte er aber letztere jemandem vergeben oder vergibt er sie ihm, so hat er ja das angeratene Heilmittel entkräftet und er wird verpflichtet sein, durch die Enthaltsamkeit der Ehe die Zügel anzulegen209), wenn man die Hurerei, um derentwillen die Ehe gestattet wird, nicht mehr zu fürchten braucht. Denn, was Vergebung findet, wird kein Gegenstand der Furcht mehr sein.

Und doch gesteht er offen, den Gebrauch der Ehe nur nachgesehen, nicht aber befohlen zu haben. Er will ja, daß alle seien wie er. Wenn aber bei dem, was Adam erlaubt war210), eine Nachsicht statt hat, wer wird eine |s440/786 solche für das Unerlaubte hoffen? Auch den Unverheirateten und Witwen, sagt er, sei es gut, wenn sie nach seinem Beispiele so blieben, wenn sie aber keine Kraft dazu besitzen, sollen sie heiraten, da es besser sei zu heiraten, als Brunst zu leiden211). In welchem Feuer zu brennen, so frage ich, ist schlimmer, im Feuer der Begierde oder im Feuer der Strafe? Wenn aber die Hurerei Verzeihung findet, so wird die Begierde darnach nicht mehr brennen212). Nein, es ist dem Apostel mehr darum zu tun213), gegen das strafende Feuer Vorsorge zu treffen. Wenn es aber die Strafe ist, die brennt214), dann gibt es keine Vergebung für die Hurerei, die da von dem Feuer der Strafe verbrannt werden wird215). Indem der Apostel daneben auch die Ehescheidung verbietet, setzt er an Stelle derselben entweder das Verharren in der Witwenschaft oder nach der Vorschrift des Herrn die Wiederherstellung des Friedens, um dem Ehebruch entgegenzuwirken; denn „wer sein Weib entläßt außer wegen Ehebruchs, der macht, daß sie die Ehe bricht, und wer eine vom Manne Geschiedene heiratet, der |s441/787 bricht die Ehe”216). Wie viele Gegenmittel hat doch der Hl. Geist geschaffen, damit das nicht wieder begangen werde, wofür er keine Vergebung mehr erteilen will!

Wenn er dann in einem fort sagt, es sei das beste für den Menschen, so zu bleiben: „Bist du an die Frau gebunden, so verlange nicht nach Lösung”, damit du dem Ehebruch keinen Raum gebest „bist du aber gelöst, so verlange nicht nach einer Ehegattin”, um dir deine vorteilhaftere Lage zu bewahren; wenn du aber auch eine Gattin nimmst und wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt sie nicht, doch werden solche Bedrängnisse im Fleische haben217) -- so gewährt er auch an diesen Stellen nur aus Schonung Erlaubnis. Aber er hat übrigens die Zeit für „bedrängt” erklärt, „so daß auch die, welche Frauen haben, sein sollen, als hätten sie keine. Denn es vergeht die Gestalt dieser Welt”218), sie hat das „Wachset und mehret euch” bereits nicht mehr nötig.

Er will also, daß wir ohne Sorgen leben, weil die Unverheirateten an Gott denken, wie sie ihm gefallen können; die Verheirateten aber denken an die Welt, wie sie ihren Gatten gefallen”219). Daher erklärt er, wer eine Jungfrau als solche erhalte, tue besser, als wer sie weggibt. So entscheidet er auch, jene sei die Glücklichere, die, nach Verlust ihres Mannes den Glauben annehmend, diese Gelegenheit zum Witwenstande willkommen heiße220). Wenn er nun alle diese Ratschläge zur Enthaltsamkeit als göttliche empfiehlt -- er sagt nämlich: „Auch ich glaube, den Geist Gottes zu haben”221) --, wer ist dann dieser freche Vertreter der Unlauterkeit, dieser wahrhaftig getreuliche Anwalt der Ehebrecher, Hurer und Blutschänder, zu deren Ehrenrettung er sich dieser Sache gegen den Hl. Geist annahm, um falsches Zeugnis gegen dessen Apostel zu geben? Paulus hat keine solche Indulgenz gegeben, er, der es unternimmt, |s442/788 alle fleischlichen Verbindlichkeiten, auch wenn sie auf rechtschaffenen Titeln beruhen, zu vernichten. Er gibt wohl Indulgenz, aber nicht für Ehebrecher, sondern für das Heiraten; er gewährt wohl Schonung, aber für die Ehe, nicht für die Hurerei. Er strebt dahin, nicht einmal der Natur nachzugeben, um nicht der Sünde Vorschub zu leisten. Er sucht sogar die Art des geschlechtlichen Umgangs, die den Segen empfangen hat222), einzuschränken, um für die verfluchte keine Entschuldigung zu lassen. Nur die Aufgabe war noch für ihn übrig, das Fleisch auch von den Unsauberkeiten zu reinigen; denn von den Befleckungen kann er es nicht reinigen. Allein es ist so die Gewohnheit bei den verkehrten und unwissenden Häretikern, ja auch schon bei sämtlichen Psychikern, die zufällige Zweideutigkeit irgendeiner Stelle als Waffe gegen ganze Armeen von Grundsätzen der ganzen Hl. Schrift zu gebrauchen.

17. Fordere die apostolische Schlachtreihe heraus! Blicke hin auf seine Briefe: sie kämpfen sämtlich für die Ehrbarkeit, für die Keuschheit, für die Heiligkeit; alle werfen ihre Geschosse gegen die Werke der Ausschweifung, Geilheit und Wollust, Was schreibt er an die Thessalonicher? „Unsere Aufmunterung kommt nicht aus Irrwahn, noch aus Unlauterkeit”, und „das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr euch enthaltet von der Hurerei, jeder von euch wisse sein Gefäß zu besitzen in Heiligkeit und Anstand, nicht in der Lust der Begierde, wie die Heiden, welche Gott nicht kennen”223). Was bekamen die Galater zu lesen? „Die Werke des Fleisches sind offenbar.” Welche denn? Voran stellt er die Hurerei, Unreinheit und Geilheit, „in Betreff derer ich euch verkündige, wie ich euch bereits verkündigt habe: die, welche solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben”224).

Die Römer aber, was sollen sie vor allem lernen, als gerade Gott nach Annahme des Glaubens nicht mehr zu |s443/789 verlassen, „Was also wollen wir sagen? Sollen wir beharren in der Sünde, damit die Gnade um so reichlicher werde? Das sei fern! Wir sind der Sünde abgestorben, wie könnten wir noch in ihr leben? Oder wisset ihr nicht, daß wir, die wir getauft sind, auf Christus, auf seinen Tod getauft sind? Wir sind also durch die Taufe mit ihm begraben in den Tod, damit, wie Christus von den Toten auferstanden ist, auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln. Denn, wenn wir mit ihm begraben sind in Verähnlichung seines Todes, so werden wir es auch sein in seiner Auferstehung, wissend, daß unser alter Mensch mit ihm ist gekreuzigt worden. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir auch, daß wir mit ihm leben werden, wissend, daß Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt und der Tod nicht mehr herrscht über ihn. Denn was er gestorben, ist er der Sünde gestorben ein für allemal, was er aber lebt, lebt er für Gott. Daher erachtet auch euch selbst als solche, die abgestorben sind der Sünde, aber für Gott leben durch Christus Jesus”225), Da also Christus ein für allemal gestorben ist, so kann niemand, der nach Christus gestorben ist226), der Sünde und noch dazu einer so großen wieder aufleben. Oder aber, wenn Hurerei und Ehebruch abermals könnten Einlaß erhalten, so wäre es auch möglich, daß Christus abermals stürbe.

Der Apostel fährt fort mit seinen Verboten, daß die Sünde in unserem sterblichen Leibe herrschen soll, dessen Fleischesschwäche er kennen gelernt hatte. „Wie ihr eure Glieder dargeboten habt, zu dienen der Unzucht und Gottlosigkeit, so bietet sie nun auch dar für den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligkeit”227), Wenn er auch in Abrede gestellt hatte, „daß etwas Gutes in seinem Fleische wohne”228), so war das nach dem Gesetz des Buchstabens geschehen, in dem er gelebt hatte; nach dem Gesetz des Geistes aber, an das er uns weist, sagt er: „Das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich frei |s444/790 gemacht vom Gesetze der Sünde und des Todes”229). Obwohl es zum Teil den Anschein hat, als wenn er vom Standpunkte des Judentums aus spräche, so richtet er doch die sittlichen Vorschriften in ihrer Vollständigkeit und Vollkommenheit an uns, um derentwillen Gott, da wir unter dem Gesetz uns abmühten, „seinen Sohn im Fleische sendete, in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde, und wegen der Sünde verdammte er die Sünde im Fleische, damit das Recht des Gesetzes an uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandeln. Denn die, welche nach dem Fleische wandeln, sinnen auf das, was des Fleisches ist, und die nach dem Geiste auf das, was des Geistes ist”230). Die Gesinnung des Fleisches bezeichnete er als Tod, sodann als Feindschaft gegen Gott. „Die, welche im Fleische leben”, sagt er, d. h. in der Gesinnung des Fleisches, „können Gott nicht wohlgefällig sein”, und „wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben”231). Was verstehen wir unter fleischlicher Gesinnung und fleischlichem Leben anders