Sitzungsberichte

der

Philosophisch-Historischen Classe

der Kaiserlichen

Akademie der Wissenschaften.

CXXXVIII Band 3, Wien 1898


III.

Die Tertullian-Ueberlieferung in Italien,

von

Dr. E. Kroymann.


A. Die Ueberlieferung des corpus Tertullianeum.

Die handschriftliche Ueberlieferung Tertullians in Italien hat in der Geschichte der Textconstitution dieses Schriftstellers bisher nur eine sehr bescheidene Rolle gespielt. Nur einmal ist - und zwar völlig kritiklos - ein Theil derselben, die vaticanische, für eine Edition verwerthet worden, ich meine die des Pamelius vom Jahre 1579. Franz Oehler in seiner grossen Ausgabe hat sich mit einer Reihe von Specimina begnügt, die abgesehen von ihrer geringen Verlässlichkeit noch so verzettelt sind, dass eine Beurtheilung der Ueberlieferung auf Grund jener Auszüge gänzlich ausgeschlossen ist. Zu einem Versuch, diese Tradition als Ganzes zu beurtheilen, ist es niemals gekommen; sie war nicht leicht erreichbar, ziemlich umfangreich und zudem so jung, dass ein abschätziges Urtheil, um sie recht gründlich in Misscredit zu bringen, nicht allzu gewagt erschien.1 Ein ganz gutes Gewissen konnte Oehler freilich nicht dabei haben. Denn für einen nicht unerheblichen Theil der Werke Tertullians gab es keine andere handschriftliche Ueberlieferung mehr als die des 15. Jahrhunderts, und was er in seinem Apparat als handschriftliche Basis2 zu bieten vermochte - den cod. Leydensis Nr. 2 und den cod. Vindobonensis 4194 - war bei der zweifellos italienischen Provenienz dieser Handschriften in Wahrheit nur ein Theil, und zwar nicht der beste, eben der Tradition, die man ungeprüft bei Seite schieben zu können glaubte. Es war hohe Zeit, hierin Wandel zu schaffen. Für die neue Edition Tertullians im Wiener Corpus wurde die recensio der italienischen Ueberlieferung als unerlässliche Vorbedingung anerkannt, und mit dem Auftrage sie auszuführen trat ich im April 1896 meine Reise nach Italien an. Was mir des Pamelius Ausgabe und Oehler's Proben an die Hand gaben, war nicht im Mindesten ausreichend, um mir einen Fingerzeig zu geben, auf welcher Bibliothek ich am zweckmässigsten meine Arbeit begänne, um in möglichst kurzer Frist - meine Reise war auf 5-6 Monate berechnet - und auf dem geradesten Wege mich der Lösung meiner Aufgabe zu nähern. Mein Wissen beschränkte sich darauf, dass die Hauptmasse der Tradition auf der Laurentiana und Nazionale in Florenz und auf der Vaticana liege, und wenn ich mich entschloss, auf der Vaticana zu beginnen, so geschah das allein in der Erwägung, dass diese Bibliothek mit dem 29. Juni ihre Thore schliesst. Thatsächlich war diese Wahl die ungünstigste, die ich hätte treffen können.

Auf der Vaticana liegen im Ganzen sechs das Corpus ganz oder theilweise enthaltende Handschriften, von denen fünf der eigentlichen Vaticana, eine der Urbinatischen Sammlung angehört.

1. Cod. Vat. lat. 190 (38 X 25). Prächtig ausgestattete Pergamenthandschrift saec. XV, von zwei verschiedenen Händen geschrieben. Sorgfältig gearbeitete, aber nicht gerade zierliche Initialen; auf dem ersten Blatte eine farbenreiche Miniatur deren Anfangsinitial einen in einem Buche lesenden Greis (Tertullian ?) darstellt. Dem Ganzen ist folgender von späterer Hand geschriebener Index vorgesetzt :

In isto volumine continentur infra scripta opera Tertulliani :

De carne Christi
De carne et resurrectione (sic)
De corona militis
Ad martyrias 3
De poenitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem libri duo
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia dei
Adversus Prasseam (sic)
Adversus Valentinianum (sic)
Adversus Marchionem (sic).

2. Cod. Vat. lat. 191 (26 X 17, 5). Pergamenthandschrift saec. XV, von einfacher Ausstattung. Sie enthält in derselben Reihenfolge dieselben Schriften wie der Vat. lat. 190, mit Ausnahme der letzten, der 5 Bücher adversus Marcionem. Die von einer Hand geschriebene Schrift ist etwas unruhig und schnörkelhaft.

3. Cod. Vat. lat. 189 (29, 5 X 20). Sorgfältig geschriebene, mit einfacheren Initialen gezierte Pergamenthandschrift saec. XV. Sie enthält:

De carne Christi
De resurrectione carnis
De corona militis
Ad martyrias
De poenitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem libri duo
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis.

4. Cod. Vat. lat. 192 (29, 5 X 20). Pergamenthandschrift saec. XV. Sie enthält :

Adversus Marcionem libri V
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptionibus haereticorum
Adversus Hermogenem.

5. Cod. Vat. lat. 193 (29, 5 X 20). Pergamenthandschrift saec. XV. Sie enthält:

De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
De monogamia
De pallio
Apologeticum.

Die drei letztgenannten Handschriften stellen sich, wie das gleiche Format, die gleiche Ausstattung und Schrift beweisen, als eine das ganze Corpus enthaltende Einheit dar. Die von der gewöhnlichen Anordnung abweichende Reihenfolge der Schriften hat wohl nur in unrichtiger Heftung ihren Grund. Bei allen bisher genannten Handschriften fehlt die subscriptio; doch beweist die Schrift und Ausstattung, dass sie sämmtlich in Italien geschrieben sind.

6. Cod. Vat. Urb. 64 (35, 5 X 24). Pergamentene, glänzend ausgestattete Luxushandschrift saec. XV, von einer Hand geschrieben. Der später vorgesetzte Index zählt folgende Schriften auf :

De carne Christi
De carne et resurrectione
De corona militis
Ad martyrias
De poenitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem libri duo
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
Adversus Marcionem
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptione haereticorum
Adversus Hermogenem
Apologeticum.

Die subscriptio dieser ebenfalls in Italien geschriebenen, Handschrift lautet : Jacobus Middelburch scripsit.

Meine Hoffnung, den Umfang dieses Apparates durch Nachweis von apographis erheblich reducieren zu können, täuschte mich vollständig. Die erste an der Schrift de paenitentia durchgeführte Collation des ganzen Bestandes erwies zunächst die Unabhängigkeit dieser Handschriften von einander und führte ausserdem zu dem Ergebnis, dass ungeachtet der engsten Verwandtschaft aller Codices unter einander doch die Vat. 190 und 191 und der Urb. 64 als enger zusammengehörig dem Vat. 189 (192 und 193) gegenüberstanden. - Aus der Collation der Schrift adversus omnes haereses ergab sich dann weiterhin, dass die Ueberlieferung der äusserlich zum Vat. 189 gehörenden Vaticani 192 (193) nicht in dem Masse von dem Urb. 64 abweiche wie der Vat 189 in der Schrift de paenitentia, dass also mithin die Codd. Vat. 190, 191, 192, 193 und der Urb. 64 sich als einheitliche Gruppe von dem Vat. 189 schieden. Daraus war also nur zu schliessen, dass die ganze Vaticanische Ueberlieferung aus zwei untereinander sehr nahe verwandten Quellen geflossen sein müsse, von denen aber auf der Vaticana keine vorlag. Diese beiden vorauszusetzenden Quellen wurden dann noch um eine dritte vermehrt durch die Beobachtung, dass das Apologeticum kein ursprünglicher Bestandtheil des in der Vaticanischen Ueberlieferung vorliegenden Corpus sein könne. Denn wie ich schon in dem von mir 1895 verglichenen Cod. Leydensis 2 bemerkt hatte, fand sich auch im Cod. Urb. 64 am Ende der Schrift adversus Hermogenem der Vermerk : Finis Opera Tertulliani. Das Apologeticum musste also aus einer dritten Quelle in das Corpus eingedrungen sein.

Für meine Arbeit war dies Ergebnis wahrlich nicht sehr erfreulich. Es war ja sehr wohl möglich, dass ich auf meiner weiteren Reise die von mir vorausgesetzten Quellen auffand, und doch durfte ich darauf nicht mit irgendwelcher Sicherheit rechnen. Es blieb mir also, obwohl ich fortwährend unter dem Eindruck stand, Zeit und Mühe vergeblich aufzuwenden, nichts Anderes übrig, als so viel Material zu sammeln, wie mir die Zeit meines Aufenthaltes in Rom nur eben gestatten wollte.

Von Rom wandte ich mich Ende Juni nach Neapel, wo ich auf der Bibliothek des Museo Nazionale zwei meines Wissens bislang noch nicht bekannte Handschriften fand.

.1. Cod. VI C. 36 (29 X 22, 5). Papierhandschrift saec. XV. Durch falsche Heftung ist die richtige Reihenfolge der Blätter gestört. Sie enthält :

De praescriptionibus haereticorum 4
Adversus Marcionem lib. IV 5
Adversus Marcionem lib. V
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
Adversus Hermogenem
Apologeticus.6

Die Handschrift ist der zweite Theil des von mir im Jahre 1895 verglichenen Vindobonensis 4194. Das beweist das gleiche Format und Material, die gleiche Hand 7 und die gleiche subscriptio : Antonii Seripandi ex Jani Parrhasii testamento. - Der Vindobonensis 4194 schliesst in der Schrift adversus Marcionem lib. III cap. 17 mit den Worten : tempestivus decore, und es folgt dann noch eine Reihe von leeren Blättern. Da der Neapler cod. VI C. 36 (ich sehe hier ab von der falschen Heftung der Blätter) mit adv. Marcionem lib. IV cap. V beginnt, so fehlt also der Rest des dritten und der Anfang des vierten Buches, d. h. dasselbe Stück, welches auch im Cod. Leydensis 2 durch sechs leer gelassene Blätter als fehlend bezeichnet ist. Durch das Fehlen dieses Stückes, welches in der übrigen italienischen Ueberlieferung vorhanden ist, sind diese beiden Handschriften, so nahe sie ihr im Übrigen auch stehen, als eine besondere Gruppe gekennzeichnet. Es wird von ihnen und ihrem Verhältnis zur anderen Ueberlieferung weiter unten zu handeln sein.

2. Cod. VI B. 14. (42 X 29). Pergamentene Luxushandschrift saec. XV mit trefflichen Miniaturen auf dem Titelblatt und eleganten Initialen geziert. Sie enthält:

De carne christi
De carnis resurrectione
De corona militis
Ad martyrias
De paenitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum .
Ad uxorem
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos.

Die Vergleichung dieser Handschrift mit der Ueberlieferung des Vaticans, ausgeführt an dem Buche de paenitentia und den ersten 11 Capiteln des Buches de monogamia, führte zu dem Ergebnis, dass ihre Vorlage der Vat. lat. 191 ist, der ja ebenfalls mit dem Buche adv. Valentinianos abschliesst. Denn alle Lücken, die innerhalb der vaticanischen Ueberlieferung dem Cod. 191 eigenthümlich sind, erscheinen auch im Neapler Codex, 8 desgleichen die dem Vat. 191 eigenthümlichen Schreibfehler.9 Das Abhängigkeitsverhältnis kann nicht das umgekehrte sein, da im Neapler Codex mehrfach Lücken zu constatieren sind, die der Vat. 191 nicht aufweist, während das Umgekehrte nicht der Fall ist. - Übrigens habe ich mich anfänglich über die wahre Natur dieser Handschrift getäuscht. Sie ist von einem nicht ungelehrten Manne geschrieben, der mit eigenem Urtheil an vielen Stellen der verderbten Ueberlieferung aufzuhelfen gesucht hat, dabei aber mit weitgehendster Willkür verfährt. Einige Beispiele mögen seine Art veranschaulichen:

De paenitentia: p. 645, 1 modum denique paenitendi moderarent (für temperarent). 646, 1 Paenitentiam agite (für initote). p. 648, 17 Cum ergo facti origo est (sc. Voluntas) iam tanto potior ad culpam (für non t. p. ad culpam?)10. 649, 5 Quacunque te constitueris für das überlieferte quaque, welches Rigaltius in quaqua änderte. 651, 30 Quod dicere quidem für quoque) periculosum est. 652, 14 Sed ista semina de genere 11 (für ingenia de semine) hypocritarum. 658, 16 Non comminaretur autem peccanti (für non paenitenti), si non ignosceret paenitenti. 659, 16: nec dignus ego iam vocari filius tuus (tuus stammt vom Schreiber). 661, 25 scilicet für videlicet. 662, 10 asperitate für asperitudine. 662, 12 pro delictis orare et supplicare (orare et stammt vom Schreiber). 663, 11 et castigationem victus atque cultus offendendo (für das von Rhenanus aus überliefertem offendo verbesserte offenso) domino praestare cessabimus. 665, 5 Non facile possum super his (für illa, sc. paenitentia) tacere.

De monogamia: p. 770, 17 quae vero ad iustitiam pertinent (für spectant). 771, 11 sic sint ut (für ac si) non habeant. 774, 19 proinde iuncturus separatione coniunctionem. Die vaticanische Ueberlieferung: proinde uincturus separationem separationem coniunctionem, wofür Rhenanus: iuncturus separationem atque si separasset coniunctionem. 779, 2 orientis doctrinae (für ecclesiae). 779, 20 quia ante fidem soluto ab uxore non numerabitur post mortem (für fidem) secunda uxor.

Auch ohne das oben dargethane Abhängigkeitsverhältnis zu kennen, würde man nach einer genauen Prüfung dieser Proben den Varianten dieser Handschrift schwerlich irgend welchen Überlieferungswerth zuerkennen. Zum guten Theil sind sie nur Verflachungen des originalen Ausdruckes,12 zum andern Theil sogar völlig sinnlose Conjecturen, wie namentlich das offendo domino, und nirgends findet sich eine Abweichung, die sich unzweifelhaft als Ueberlieferung darstellte. Wenn vereinzelt der Schreiber das Richtige getroffen haben mag,13 so beweist das natürlich nichts; als ein selbständiger Zeuge der Ueberlieferung wird er darum nicht gelten können.

Ohne auch nur einen Schritt der Lösung meiner Aufgabe näher gekommen zu sein, verliess ich Neapel, nun meine ganze Hoffnung auf die Schätze der Florentiner Bibliotheken setzend. Ich schicke, mit der Laurentiana beginnend, eine Beschreibung des dortigen Handschriftenbestandes Tertullians voraus.

.1. Cod. Laur. LXXXIX, 55 (27 X 20). Pergamenthandschrift saec. XV (Ende), nach Bandini’s Urtheil von der Hand des Politianus geschrieben. Sie enthält auf pag. 267-315 folgende Schriften Tertullians :

Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptionibus haereticorum14

2. Cod. Medic. Faesulanus 60 (39 X 27). Pergamenthandschrift saec. XV, von einer Hand in zwei Columnen geschrieben. Auf der Rückseite des ersten Blattes steht, von späterer Hand geschrieben, folgender Index :

De carne Christi .
De carne resurrectionis. (sic)
De corona militis
Ad martirias
De penitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
Adversus Marcionem
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptione haereticorum
Adversus Ermogenam
Ad pologeticum de ignorantia in Christo Jesu.

Hinter dem Apologeticum folgt noch einmal, was im Index nicht angegeben ist, die Schrift de persecutione unter dem Titel: de fuga. Wie das kommt, wird sich weiter unten ergeben.15

3. Cod. Laur. XXVI, 12 (36 X 24, 5). Pergamenthandschrift saec. XV. Auf dem ersten Blatt folgender Index :

De carne et resurrectione (sic)
De carnis resurrectione
De corona militis
Liber ad Martyras
De poenitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem
De persecutione
Ad Scapulam
Ad exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
Adversus Marcionem libri quattuor.

4. Cod. Laur. XXVI, 13 (36 X 24, 5). Pergamenthandschrift saec. XV. Sie enthält auf den ersten 118 Blättern:

Contra Judaeos16
Apologeticum
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptionibus haereticorum
Adversus Hermogenem.

Es folgen noch : Chrysostomus, Contra Judaeos. Prosper, Contra Cassianum. - Cassianus, Contra Victorium. Chrysostomus, Contra Anomios. Eine subscriptio fehlt auch hier.

Die beiden codd. Laur. XXVI, 12 und 13 (Oehl. praef. p. VII unter Nr. 5 und 6) bilden eine Einheit. Sie sind von einer Hand geschrieben und coloriert. Die künstlerische Ausstattung ist vollendet, so dass Bandini’s begeistertes Lob 17 nicht ungerechtfertigt ist.

Zu diesen Handschriften der Laurentiana kommen folgende drei Codices der Bibliotheca Nazionale Magliabechiana.

1. Cod. conv. soppr. VI, 9 (32 X 29). 18 saec. XV, von einer Hand geschrieben. Sie zerfällt in zwei durch zwei leere Blätter getrennte Theile, deren erster p. 1-134u folgende Schriften enthält :

De patientia
De carne Christi
De carnis resurrectione
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
Adversus Marcionem
Apologeticum.

Der zweite, von anderer Hand geschriebene Theil enthält:

De fuga19
Ad Scapulam
De corona militis
Ad martirias
De penitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu earum (sic)
De exhortatione castitatis
Ad uxorem libri duo
De monogamia
De pallio
Contra Judaeos
Adversus omnes haereticos
De praescriptionibus haereticorum
Adversus Hermogenem.20

.2. Cod. conv. soppr. VI, 10 (38 X 30). Papierhandschrift saec. XV. Sie besteht ebenfalls aus zwei nur durch zwei leere Blätter getrennten Theilen. Der erstere enthält:

De carne Christi
De carnis resurrectione
De corona militis
Ad martirias
De penitentia
De virginibus velandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem libri duo
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio.

Hinter dem letzten Buche findet sich folgende subscriptio: Iste liber finitus est per me fratrem Johannem de Lautenbach ordinis fratrum minorum in pforzhin in vigilia sancti Andreae apostoli sub anno domini MCCCCXXVI. Et iste liber pertinet p reumo i xpo pre. ac dno dno iordano de Ursinis cardinalis nostri ordinis protectoris. Deo gratias. Amen.

Der zweite Theil enthält:

De patientia dei
Adversus Praxeam
Adversus Valentinianos
Adversus Marcionem
Adversus Judaeos
Adversus omnes haereses
De praescriptionibus haereticorum
Adversus Hermogenem.

Subscriptio: Iste liber finitus est per fratrem Thomam de lyphßam (sic) ordinis minorum in pfortzen feria quarta quattuor temporum in adventu domini ab incarnatione domini MCCCCXXVI .

3. Cod. conv. soppr, VI, 11 (30 X 24). Papierhandschrift saec. XV. Sie enthält in der gleichen Reihenfolge dieselben Schriften wie der cod. VI, 10 bis zu der Schrift adversus Marcionem, wo sie in lib. 1 cap. 17 bei den Worten: cui nunc subvenit malitia creatoris, adversus quam abbricht. Da diese Worte den Schluss von fol. 209u bilden, so ist die Handschrift nicht mehr vollständig. Doch lässt sich heute, da der Einband neu ist, nicht mehr feststellen, wie viel verloren gegangen ist.

Alle drei Handschriften der Bibliotheca Nazionale tragen auf der Innenseite des oberen Einbanddeckels den Vermerk: Ex hereditate Nicolai de Nicolis, die letzte, VI, 11 mit dem Zusatz : cuius etiam manu scriptus. Sie waren also alle drei einstmal im Besitze des bekannten Florentiner Bücherfreundes Nicolaus de Nicolis, kamen dann laut testamentarischer Bestimmung in die Bibliothek des Klosters S. Marco in Florenz und nach Aufhebung des letzteren in die Bibliotheca Nazionale.

Nachdem ich einmal über diesen ganzen Handschriftenbestand einen Überblick gewonnen, bedurfte es keiner weitgehenden Combinationen mehr, um zu sagen, dass, wenn überhaupt der Archetypus der italienischen Ueberlieferung noch in Florenz vorhanden sei, es nur der Cod. conv. soppr. VI, 10 der Bibliotheca Nazionale sein könne. Denn nirgends reichte die Ueberlieferung des Corpus in Italien über das 15. Jahrhundert zurück, und wenn in diesem Jahrhundert plötzlich eine ganze Reihe von Manuscripten zu constatieren war, so erklärte sich das am einfachsten daraus, dass der Schriftsteller um eben diese Zeit irgendwie aus der Fremde nach Italien importiert war. Der ebenfalls nicht in Italien geschriebene Cod. VI, 9 konnte als Quelle der übrigen Ueberlieferung deshalb nicht in Betracht kommen, weil er eine völlig andere Anordnung der Schriften aufweist. Es blieb also nur der in Pforzheim im Jahre 1426 geschriebene Codex übrig, und wenn ich in Rom für die dortige Ueberlieferung auf drei Quellen schliessen zu müssen geglaubt hatte, so gab der Bestand der Nazionale mir dieselben unmittelbar an die Hand, nämlich ausser dem Cod. VI, 10 die vermutlich erste Abschrift desselben von Nicolo’s eigener Hand, den Cod. VI, 11, und für das Apologeticum, das in dem Cod. VI, 10 meiner früheren Schlussfolgerung gemäss in der That nicht vorhanden ist, den Cod. VI, 9. Denn in diesem erscheint ausser den übrigen Schriften des Corpus noch das Apologeticum.

Diese durchaus apriorischen Aufstellungen gaben meiner Collationsarbeit die Directive ; es fragte sich, ob sie den thatsächlichen Ergebnissen derselben gegenüber Stand halten würden. - Meine nächste Aufgabe war natürlich die Untersuchung, ob die von Nicolo geschriebene Handschrift eine Abschrift des Pforzheimer Codex sei. Den zureichenden Beweis lieferte mir die Vergleichung der Schrift de paenitentia. Indem ich vorausschicke, dass sämmtliche Lücken des Cod. VI, 10 in Nicolo’s eigener Handschrift wieder erscheinen, stelle ich im Folgenden die Schreibfehler Nicolo’s zusammen, die sich nur unter der Voraussetzung erklären lassen, dass der Cod. VI, 10 seine Vorlage war.

p. 647, 16 bietet der Cod. VI, 10: 21 pstringe tamen non pigebit. Das e ist in der Cursive des Cod. P dem a so ähnlich, dass auch ein geübtes Auge diese beiden Buchstaben nur schwer unterscheidet. Indem also Nicolo dieses e für ein a hielt, schrieb er anstatt praestringere, was es in der That heissen soll, 22 praestingam. - Der gleiche Irrthum liess ihn p. 657, 27 statt sera obstructa schreiben : sere obstructa. Eine schlimme crux für den Abschreiber war ferner das Zusammentreffen der Buchstaben u n m i. Denn da in P n und m oben nicht abgerundet, sondern spitz geschrieben werden und über dem i der Punkt fast durchgehends fehlt, so ist die Gefahr falscher Lesung sehr gross. Beispiele solcher Verlesungen sind : p. 659, 8 P: Quid ni 23 et filium. Nicolo schreibt, dieses ni für ein m haltend : Quid m. (d. i. enim) et filium. p. 662, 21 P: obeunt. Man könnte, wenn man den Sinn nicht beachtet, mit demselben Rechte obemit lesen, was Nicolo auch geschrieben hat. Des Öfteren hat Nicolo die Vorsicht geübt, in Zweifelsfällen die zweite Möglichkeit der Lesung an den Rand zu setzen. Als Beispiel diene ein ganz eclatanter Fall in der Schrift de paenitentia. p. 659, 20. P: Huius igitur penitentiae scde (i.e. secundae). Da das c sich einem e bis zur Nichtunterscheidbarkeit nähert und der Schweif am Kopfe des Buchstabens d so weit verlängert ist, dass er ebensowohl als Abbreviatur für die Accusativendung m genommen werden kann, so war Nicolo, nachdem er secundae geschrieben hatte, nicht sicher, ob nicht vielleicht sedem zu lesen sei, und setzte diese Lesung vorsichtshalber an den Rand. 24 - Im Allgemeinen ist es Nicolo’s Grundsatz, die Abbreviaturen seiner Vorlage aufzulösen. Vermag er sie nicht mit Sicherheit aufzulösen, so lässt er Lücken, natürlich in der Absicht, sie später auszufüllen. Ein Beispiel für viele: p. 660, 12 P: ppris adsolvi. Nicolo liess für das ppris eine Lücke, da die Abbreviatur für presbyteris nicht sehr geläufig und hier überdies noch unrichtig ist. - Wem diese Beispiele nicht ausreichend erscheinen, den verweise ich auf die weiter unten folgenden Zusammenstellungen.

Nachdem ich mich überzeugt, dass in der That, wie ich von vornherein angenommen, Nicolo’s Handschrift ein Apographon von P sei, verglich ich, um gleich den Gesammtbestand der italienischen Ueberlieferung auf einer Fläche überblicken zu können, für die Schrift de paenitentia noch den Laur. XXVI, 12 und den Med. Faes. 60. Das Ergebnis war die Bestätigung meiner a priori gefassten Meinung, dass alle italienischen Manuscripte 25 unmittelbar oder durch das Mittelglied der Abschrift Nicolo’s auf den Cod. VI, 10 der Bibliotheca Nazionale zurückgehen. Wie sich die einzelnen Handschriften auf diese beiden Vorlagen vertheilen, mögen die Stichproben aus der Schrift de paenitentia veranschaulichen.26

p. 644, 16 delinquunt P d
delinquit o a b c l m.
p. 645, 10 recissa sententia P d
recisa sententia o a b c l m.
p. 646, 1 Paenitentiam initote p 27
Paenitentiam nutote d
Paenitentiam metote b c l m 28.
p. 647, 16 Perstringere P 29 d
Perstringam o a b c l m.
p. 647, 20 Alioquin. Rhenanus (ex Gorziensi)
Ad qm P
Ad quim d
At quoniam o a b c l m.
p.647,25 deliquerint P d
deliquerunt o a b c l m.
p. 648, 4 Exinde spalia P
Exinde specialia d
Exinde spiritalia o a b c l m.
p. 647, 17 Tanto patior P d
tanto potior o a b c l m.
p. 650, 1 prolavabit P d
perlavabit o a b c l m.
p. 651, 9 praetextum P d
praeceptum o a b c 1 m.
p. 652, 24 ad desiderandum. Rhenanus
ad diserandum P
ad disserandum d
ad disserendum o a b c l m.
p. 653, 11 venditant Rhenanus
vendicant P d
vindicant o a b c 1 m.
ib. 12 ne uerasus P d
neve rasus o a b c l m.
p. 654, 10 rennuo P d
renuo o a b c l m.
p. 655, 11 incubas P d a b c m
incubas o 30
incumbas l.
p. 656, 5 clausterorum P d
claustrorum o a b c l m.
p. 656, 23 paenitentia P d
paenitentie o a b c 1 m.
p. 657, 8 actenus P d
hactenus o a b c l m.
ib. 13 cum secuti P d
consequuti o a l
consecuti b c m.
ib. 27 sera obstructa P d 31
sere obstructa o a b c l m. .
p. 658, 13 Sar- non plenorum P 32
Sar non plenorum o d a b c l m.
p. 659, 20 Penitentie scde P
Penitentie secundae d o 33 c l m.
p. 660, 12 Ppris aduolui P
pris aduolui d
- aduolui o 34 a b c m
suppliciter aduolui l.
p.661, 3 Plerosque Rhenanus (ex Gorziensi)
Plerusque P d
Plerisque o a b c l m.
p. 661, 19 non potest corpus corpus de unius P d
non potest corpus de unius o a b c l m.
p. 662, 1 condampnatum P d
condemnatum o a b c l m.
p. 662, 1 horrore P d
horrore o
orrore a b c
horrore l m
p. 662, 13 elimandis P d
eliminandis o a b c l m.

Das vorstehende Material beweist, dass nur der cod. Vat. lat. 189 aus P selbst, alle anderen Handschriften dagegen aus Nicolo’s Copie abgeschrieben sind. Dies Verhältniss erklärt sich daraus, dass Nicolo’s Abschrift sehr viel leserlicher war als der schlecht geschriebene Pforzheimer Codex. Nicolo’s Copie steht übrigens, wie obige Probe beweist, an Treue und Genauigkeit der im Vat. 189 vorliegenden bei. Weitem nach. Der Florentiner Gelehrte ändert nicht blos in orthographischen Dingen, er beseitigt auch Dittographien und legt an offenkundige Verderbnisse bessernde Hand. Anderseits verliest er sich sehr häufig (praeceptum - praetextum; elimandis - eliminandis), und so giebt seine Copie die Vorlage ungleich ungenauer wieder als der Cod. Vat. 189.

Es blieben mir nun, nachdem ich die beiden nahe verwandten Quellen, welche ich für die vaticanische Ueberlieferung postulierte, gefunden hatte, noch einige weitere Untersuchungen übrig. Nicolo’s Abschrift reicht in ihrem jetzigen Bestande nur bis in das erste Buch adversus Marcionem. Der aus ihr abgeleitete Cod. Vat. Urb. 64 und der Med. Faes. 60 enthalten aber das ganze Corpus. Es fragte sich also, welches die Vorlage des letzten Theiles dieser Handschriften sei, ob der Cod. P selber oder der verloren gegangene zweite Theil der Abschrift Nicolo’s. Denn dass dieselbe einst mehr enthielt, als sie heute aufweist, wurde schon oben bemerkt. Die gleiche Frage erhob sich für den zum cod. Laur. XXVI, 12 (l) gehörigen Laur. XXVI, l3; 35 und endlich waren noch nicht untersucht die äusserlich zum Vat. 189 gehörigen Vat. 192 und 193 (e). Bei dieser Untersuchung, welche ich an der Schrift adversus omnes haereses ausführte, wurde es nothwendig, auch den Cod. conv. soppr, VI, 9, 36 den ich mit M bezeichne, hinzuzuziehen. Es ergab sich zunächst als unzweifelhaftes Resultat, dass der cod. Laur. XXVI, l3 aus M abgeschrieben sei, die übrigen dagegen - ob unmittelbar oder durch ein Mittelglied, wird sich weiter unten zeigen - auf P zurückgingen. Zum Beweise wird es genügen, Stichproben aus dem ersten Capitel herzusetzen.

p. 753, 2 surgentes P e m c.
surgentis M k.
p. 753,3 qui adimendo quaedam P e m c
qui additamenta quaedam M k.
p. 753, 4 astruenda P e m c
astruendo M k.
p. 753, 7 ex om. P e m c
In M k vorhanden.
p. 753, 9 Hic ausus est se dicere virtutem P e m c

Hic ausus est summam se dicere sententiam, i. e. summum deum M k.

p. 753, 11 a daemone se errante P e m c
ac daemone se oberrante M k.
p. 754, 2 sed esse quasi passum om. P e m c
In M k vorhanden.
p. 754, 3 aeque quicquid P e m c
ipse quicquid M k.
p. 754, 7 et illis infinitis P e m c
et infinitis illis M k.
p. 755, 3 nunc appellat P e m c
nus appellat M k.
p. 755, 7 et mundus P e m c
et mundum M k.
p. 755, 17 hunc passum om. P e m c
In M k vorhanden.

Das Verhältniss bleibt in der ganzen Schrift dasselbe. k ist mithin aus dem Cod. M abgeschrieben, der seinerseits, wie schon diese kleine Probe darthut, eine selbständige, und zwar eine bessere und vollständigere Ueberlieferung als P repräsentiert. k ist übrigens die einzige Abschrift, die von M uns erhalten ist, und da die äusserlich mit ihr eine Einheit bildende Handschrift l, wie wir gesehen haben, als letzte aus dem Cod. o abgeleitet ist, so darf man schliessen, dass der Cod. M später nach Italien kam als der Cod. P. Die Quelle der übrigen drei Handschriften e m c ist ebenso zweifellos P, es fragt sich nur, ob direct, oder durch ein Mittelglied, als welches wir dann am natürlichsten den zweiten heute nicht mehr erhaltenen Theil von Nicolo’s Abschrift anzunehmen hätten. Ein directer Beweis ist hier natürlich nicht zu führen, aber als mindestens sehr wahrscheinlich hat sich mir ergeben, dass der Vat. 192 (193), e und der Urb. 64, c auf das verlorene Manuscript Nicolo’s zurückgehen, während der zweite Theil des Med. Faes. 60 unmittelbar aus P hergeleitet ist. Zur Begründung dieses Urtheils mögen folgende Stichproben dienen :

p, 755, 1 nullo modo futuram esse P m
........................................esse
nullo modo futuram fuisse e
nullo modo futuram fuisse esse c.37(l)
p. 757,3 scie non possent P (d. i. scientiae)
scientiae non possent m
scire non possent e c.
p. 758,7 dum Abel interfectum dicer (sic) voluisse P m
dum Abel interfectum dicere, voluisse e c.
p. 760, 16 Nam ex pone P
Nam ex panere m
Nam exponere e c.
p. 761, 14 De ui 38 introducit P m
Deinde introducit e c.
p. 762, 24 Cedron P m
Cerdon e c.
p. 763, 14 quae in descensu suo mutuatus fuisset, in ascensu reddisse P m
.- reddidisse e
redisse c. 39

Dass m unmittelbar auf P zurückgehe, wird man nach diesen Proben für sehr wahrscheinlich halten müssen; desgleichen, dass e und c nicht wohl direct aus P geflossen sein können. Prüfen wir die Abweichungen der Handschriften e und c von P, so stimmen sie durchaus zu der oben gekennzeichneten Art, wie Nicolo abschreibt; es sind am Wege liegende Verbesserungen offenkundiger Corruptelen. Nun gibt es freilich Stellen in unserer Schrift, wo e und c in der Weise auseinandergehen, dass die eine mit P m zusammengebt, während die zweite etwas Abweichendes bietet. Diese Stellen bringen aber unsere Annahme nicht zu Fall; sie werden so zu erklären sein, dass die eine Handschrift die Texteslesart, die andere die Randvariante der Copie Nicolo's darbietet. Ich notiere folgende Fälle aus unserer Schrift: .

p. 757, 22 Quia potestates haec mundi volebant P m c
Quia potestates huius mundi nolebant e
p. 758, 22 Seth ipsum fuisse. - Rhenanus
sedit fuisset P m c
sedit fuisse e.
p. 760, 4 capax non fuit, in defectione. Rhen.
capax non fuit, in dilectione P 40 m e
capax non fiat, in dilectione c.
p. 760, 16 uel contristandum uel sudando praestiterat P m c
vel contristando – c
p. 760, 18 humidam fontium P m e
humida fontium c.

Es ist mir also wahrscheinlich, das Nicolo's Abschrift ursprünglich vollständig war, dass sie aber später - und zwar schon sehr bald - durch Loslösung einer Reihe von Quaternionen auf ihren gegenwärtigen Bestand reduciert wurde. Als der Urb 64 und die Vat. 192 (193) abgeschrieben wurden, war sie noch intact. Dagegen mussten Med. Faes. 60 und Laur. XXVI. 12, 13 für den letzten Theil schon auf eine andere Quelle recurrieren, während die Vat. 190 und 191 unvollendet blieben. Da aber der Vat. 190 noch die fünf Bücher adv. Marcionem aufweist, so dürfte Nicolo's Copie damals noch vollständiger gewesen sein als heute, wo sie mitten im I. Buch adv. Marcionem abbricht.

Es blieb nun noch die Untersuchung über den Apologeticus übrig, der, wie oben bemerkt, nicht in dem Cod. P, wohl aber in M enthalten ist. In Betracht kommen hier der Vat. Urb. 64, der Vat 193 und der Med. Faes. 60. 41 Dass der letzte für den Apologeticus den Cod. M als Vorlage benützt habe, war mir schon um anderer Indicien willen in höchstem Masse wahrscheinlich. Es findet sich nämlich in ihm nach der Schrift aduersus Hermogenem die Schrift De persecutione noch einmal unter dem Titel de fuga. So ist diese Schrift aber in dem Cod. M betitelt. Der Abschreiber fügte sie aus dieser Handschrift offenbar in der Meinung hinzu, in ihr - ebenso wie im Apologeticum 42 - eine im Corpus von P nicht erhaltene Schrift vor sich zu haben.

Die Vergleichung wurde ausgeführt an den ersten beiden Capiteln des Apologeticus und führte zu dem Ergebnis - um dies gleich vorwegzunehmen -, dass Vat. 193 (e) und Med. Faes. 60 (m) 43 aus dem Cod. M stammen. Dagegen kann der Apologeticus des Vat. Urb. 64 nicht aus dieser Quelle stammen. Er zeigt vielmehr die augenscheinlichste Verwandtschaft mit der Ueberlieferung des Apologeticus in dem Cod. Leydensis 2, dessen Verhältnis zur übrigen italienischen Ueberlieferung zusammen mit der des Vindobonensis 4194 weiter unten zu untersuchen sein wird. Die folgenden Stichproben mögen diese Behauptung rechtfertigen: 44

p. 113, 9 An hic gloriabit pt{a}tas earum M
An hic gloriabit potestates earum e
An hic gloriabit potestas earum m c L.
p. 114, 8 de conscientia {o}ppbr{a}da e M
de conscientia approbranda est m 45
de conscientia approbanda est e
de conscientia probanda est c L.
p.114, 10 cur non liceat ehuiusmodi illudisse M 46
cur non liceat eiusmodi illudisse e
cur non liceat huiusmodi illudisse m c L
ib. debeant odiis se M
debeant odiis se m e
debeant odisse c L
p. 114, 17 Obcessam vociferantur civitatem M
Obcessam vociferantur civitatem e
Obsessam vociferantur civitatem m c L.
p. 116, 19 gestiunt late M 47
gestiunt latrie e
gestiunt latere m c L.
p. 116, 2 vel facto 48 vel astris imputant M m e
vel astris fato imputant c
vel astris vel fato imputant L.
p. 116, 3 Christianus uero quod simile M m e 49
Christianorum uero quod simile c L.
p. 116,5 non fendit M m50 e
non defendit c L.
p. 116, 13 Eiusdem noxa M m51 e
eiusdem noxae c L.
p. 116, 18 causam purge M m 52 e
causam purget c L.
p. 116, 19 faciat iuiustum M m e
facit iniustum c L.
p. 117, 10 Prohibita. Pleinius M m e
prohibitam. Plinius c L.
p. 117, 14 sacrificandi nihil aliud M m e
sacrificandi nec aliud c L.
p. 118, 1 ante lucanos M 53 m
ante lucaros e
antelucanos c L.
p. 118, 8 si inquiris M m e
si non inquiris c L.
p. 119, 19 Sed non opinor non uultis M 54
Sed non opinor non vultis m
Sed non opinor non multos e
Sed non opinor ut uultis c L.
p. 120,6 veritatis M m 55 e
veritati c L.
p.120,8 Quid facere M m e
Quid faceres c L.
p. 121, 2 apud nos soli quaestionis temperatur M m 56 e
apud nos soli quaestiones temperantur c L.
p. 121, 18 confesso magis credendum esse qui p{ui} neg{a)ti? Vel ne compulsus negare M m e.57

confesso magis credendum esse quam per uim neganti? Vel compulsus negare c L (om. ne).

p. 122, 19 ut nomen illius aemulationis 58 praesumptis non probatis criminibus damnetur M m e

praesumptum …probatum c L.

Ich habe hier nur die entscheidenden geschrieben. Die vollständige Aufzahlung aller Varianten würde aber zeigen, dass trotz der nicht geringen Anzahl von Abweichungen doch die beiden Ueberlieferungen ausserordentlich nahe verwandt sind, da sie in der überwiegenden Anzahl der Lücken übereinstimmen. - In welchem Verhältniss steht nun, das wäre die letzte Frage, die Ueberlieferung des Leydensis 2 und des Vindobonensis 4194 zu der übrigen italienischen Ueberlieferung, oder genauer gesagt, zu der des Cod. P? denn dass sie dieser näher verwandt sei, als der des Cod. M, zeigt schon die mit P übereinstimmende Anordnung der Schriften. Ich lasse zunächst eine Beschreibung der beiden Manuscripte folgen.

Cod. Leydensis 2 (41, 5 X 28). Pergamenthandschrift saec. XV, prächtig ausgestattet und mit reich ornamentiertem Titelblatt versehen. 59 Sie ist von einer Hand in bewunderungswürdiger Ebenmässigkeit geschrieben; hier und dort erscheint, kenntlich an den viel kleineren Buchstaben, eine Correctorenhand, die nur wenig jünger sein dürfte. Fol. 175-182 sind unbeschrieben. Eine subscriptio fehlt; indess kann ihre Provenienz aus Italien nicht zweifelhaft sein. 60 Sie enthält:

De carne Christi
De carnis resurrectione
De corona militis
Ad martyras
De paenitentia
De uirginibus uelandis
De habitu muliebri
De cultu feminarum
Ad uxorem libri duo
De persecutione
Ad Scapulam
De exhortatione castitatis
De monogamia
De pallio
De patientia
Aduersus Praxean
Aduersus Valentinianos
Adversus Marcionem
Aduersus Judaeos
Aduersus omnes haereses
De praescriptione haereticorum
Aduersus Hermogenem
Apologeticum.

Cod. Vindobonensis 4194 (29 X 22). Papierhandschrift saec. XV, in der italienischen Cursive des 15. Jahrhunderts 61 geschrieben. Die letzten fünf Blätter sind leer gelassen; auf dem letzten beschriebenen Blatt steht unten die ausdrückliche Bemerkung : Hic desunt sex chartae. Die Lücke ist die gleiche wie im Leydensis 2; 62 es fehlt der letzte Theil des dritten Buches adu. Marcionem und der Anfang des vierten. Das zweite Volumen dieser Handschrift ist, wie oben bemerkt, der Neapler Cod. VI C 36. Vorne in die Handschrift eingeheftet sind einige Blätter, welche das Gedicht De Jona propheta und einige Tertullian betreffende Citate des Hieronymus, Augustinus Lactantius enthalten laut Unterschrift von der Hand des Janus Parrhasius. Es folgt noch ein leeres Blatt, auf dessen Kehrseite sich folgender Vermerk findet: Auli Jani Parrhasii et amicorum in duobus voluminibus aureis emptus quattuor. Die Handschrift war also einst im Besitz des im Jahre 1534 gestorbenen römischen Humanisten Parrhasius, und von seiner Hand stammt auch die durch einen Theil des Codex 63 hindurchgehende Correctur, da die Schrift dieselbe ist. Ausser dieser Correctur, die bald am Rande, bald zwischen den Zeilen erscheint, begegnen hier und dort, aber viel seltener, noch zwei andere , deutlich unterscheidbare Correcturen, welche beide älter sein müssen als die des Parrhasius, wie ich bei anderer Gelegenheit näher begründen werde. - Aus dem Besitze des Janus Parrhasius ging die Handschrift in den des Antonius Seripandus über, wie ein Vermerk am Schluss von fol. 230u lehrt: 64 Antonii Seripandi ex Jani Parrhasii testamento. Im Übrigen enthält der Codex dieselben Schriften wie der Leydensis und abgesehen von der durch falsche Heftung veranlassten Störung im Neapler Manuscript auch in derselben Reihenfolge.

Die ausserordentlich nahe Verwandtschaft zwischen der Wiener und Leydener Handschrift einerseits und der italienischen Ueberlieferung anderseits war längst zweifellos; so sehr, dass Oehler (praef. p. 8) eine gründlichere Prüfung der letzteren (abgesehen von M, der hier in der That nicht in Betracht kommt) für unnöthig hielt. Für mich lag, nachdem es mir gelungen war, die ganze Tradition auf P und Nicolo's Abschrift (o) zurückzuführen, die Frage sehr einfach. Aus P unmittelbar konnten die beiden Handschriften nicht abgeleitet sein. Denn ihre Vorlage setzt jene grosse Lücke in der Schrift gegen den Marcion voraus, welche sich in P nicht findet. Dagegen blieb immer noch die Möglichkeit offen, dass die beiden Handschriften aus Nicolo's einst vollständiger Abschrift stammten, von welcher, wie ich wahrscheinlich zu machen suchte, im Laufe der Zeit immer mehr sich ablöste. Die Zerstörung konnte ja sehr wohl mit dem Ausfall eines Quaternio in der Schrift adu. Marcionem begonnen haben. Ich machte auch hier die Probe an der Schrift de paenitentia und setze die entscheidenden Stellen hierher: 65

p. 644, 7 vitae conuersationem Rhenanus
vitae conversionem o (P)
vitem convemionem V 66
vicem conversionem L..
p. 644, 12 semet ipsos execrantur Rhen.
seviret ipsos execuntur o (P)
servire ipsos execuntur V L.
644, 16 per eandem delinquit o
per eandem delinquunt V L (P).
645, 10 recisa sententia o
recissa sententia V L (P).
646,6 foris abiciens mundam o (P)
foris abiciens nudam V L.
646, 11 cognito domino o (P)
cognitio domino V L.
648, 3 paenitentiae medela o (P)
paenitentia medela V L.
649, 2 perficere debes o (P)
perficere debet V L.
649,13 me minor o (P)
me miror V L.
650, 5 et in foliis perennat o (P)
et in foliis praemiat V L.
ib. quae non ignem o (P)
quem non ignem V L.
650,15 ad exhibitionem obsequii o (P)
ad exhibitionem praecepti V L.
651, 15 desisti o (P)
desistis V L.
651, 29 in aliis o (P)
malis V L.
652, 10 detrudentur o (P)
detrudenter V L.

Ich begnüge mich mit diesen Proben aus den fünf ersten Capiteln. Sie beweisen, dass trotz der allernächsten Verwandtschaft der beiden Ueberlieferungen doch V L nicht aus o (P) geflossen sein können. Meine Hoffnung, ihre Vorlage aufzufinden, hat sich indessen nicht erfüllt. Da die Handschriften beide in Italien geschrieben sind, so ist anzunehmen, dass sie dort, nachdem die beiden Copien von ihr genommen waren, zu Grunde gegangen ist, und da V L wie alle anderen italienischen Handschriften dem l5. Jahrhundert angehören, so ist es das Wahrscheinlichste, dass ihre verlorene Vorlage ziemlich gleichzeitig mit dem Cod. P nach Italien kam. Bei der ausserordentlich nahen Verwandtschaft der beiden Ueberlieferungen stehe ich sogar nicht an, für P und die verlorene Vorlage von V L denselben Archetypus zu statuieren, der, wie die subscriptio von P beweist, einmal in Pforzheim gewesen ist. Der Werth, den V L für unsere Kritik besitzen, ist damit klar. Aus den übereinstimmenden Lesarten von V L lässt sich zunächst ihre Vorlage - wenigstens im Wesentlichen - reconstruieren, und diese verglichen mit der Ueberlieferung von P wird uns in vielen Fällen Schlüsse gestatten auf ihren gemeinsamen, heute verlorenen Archetypus. Für mich persönlich war dies Ergebnis auch insofern erfreulich, als ich nun die viele Zeit und Arbeit, welche ich auf die Collation des Vindobonensis und Leydensis verwendet habe, doch nicht für ganz verloren anzusehen brauchte.

Endlich wäre noch die Frage zu beantworten, ob in jener Vorlage von V L der Apologeticus enthalten war oder nicht. Da derselbe in P nicht enthalten ist, so wäre nach den bisherigen Ergebnissen diese Frage a priori zu verneinen. Damit stimmen die Thatsachen auch überein. Denn im Leydensis steht am Schlusse der Schrift adu. Hermogenem, welche dem Apologeticus vorausgeht, der Vermerk: Finis operis Tertulliani. Laus deo, und im Neapolitanus ist der Apologeticus sogar von anderer Hand erst hinzugefügt. Die Vorlage von V L hatte diese Schrift also ebensowenig wie P. Die Frage, woher diese Ueberlieferung stammt, kann für L 67 wenigstens negativ dahin beantwortet werden, dass ihre Quelle nicht der Cod. M ist. Da aber der Apologeticus neben der Tradition im Corpus noch seine eigene Ueberlieferung hat, so dürfte die Vorlage hier zu suchen sein, auch wenn sie sich heute nicht mehr nachweisen lässt.

Was wäre nun der factische Ertrag der Untersuchung? Zunächst eine Vereinfachung des Apparates, wie man sie angesichts der nicht kleinen Anzahl von Handschriften von vornherein kaum erwarten durfte. Von den 17 das Corpus enthaltenden Manuscripten (ich rechne hier Leydensis und Vindobonensis ein) sind als selbständige Zeugen der Ueberlieferung nur vier Handschriften übrig geblieben, von denen P V L die eine, M die andere Ueberlieferung vertritt. Von der letzteren kann ich heute wenigstens schon soviel aussagen, dass sie desselben Stammes ist wie die im Montepessulanus, Seletstadtiensis 68 und dem heute verschollenen Gorziensis 69 des Rhenanus uns aufbehaltene Ueberlieferung des 11. Jahrhunderts. Da die Handschriften von Montpellier und Schlettstadt nur den kleineren Theil der Schriften des Corpus enthalten, die von Gorze aber, welche sie alle enthielt, verloren ist, so leuchtet Werth und Bedeutung des Cod. M für diejenigen Schriften Tertullian's, welche in der Ueberlieferung des 11. Jahrhunderts nicht erhalten sind, unmittelbar ein. Denn wir werden nunmehr in der Lage sein, auch in diesen Schriften dasjenige, was Rhenanus als Tradition des Gorziensis angibt, controlieren zu können, so dass wir ihm nicht mehr auf Treu und Glauben zu folgen brauchen. - Für die bisher freilich sehr unzulänglich bekannte Ueberlieferung von V L haben wir in P einen zuverlässigeren Vertreter erhalten, für den V L in einzelnen Fällen ein Correctiv bilden werden. - Im Übrigen aber muss ich gleich hier davor warnen, von den neu gewonnenen Subsidien sich grosse Dinge versprechen zu wollen. Denn es bleibt bei dem, was ich schon früher bemerkt habe, 70 dass die Selbständigkeit der beiden Zeugen doch nur eine sehr relative ist. Wenn wir sie nämlich an unserer ältesten Ueberlieferung, an der des Agobardinus messen, was ja für mehrere Schriften möglich ist, so springt weit mehr ihre Zusammenhängigkeit ins Auge als ihre Selbständigkeit. Denn das Wenige, worin hier der Gorziensis des Rhenanus und unser Codex M von P V L abweichen, will wenig bedeuten gegenüber der Menge der Lücken, Corruptelen und Interpolationen, die allen diesen Handschriften dem Agobardinus gegenüber gemeinsam sind. Es ist ein Glück, dass die Verwüstung nicht in allen Schriften die gleiche ist. Sonst möchte einem zum Edieren schier der Muth vergehen.

Das Abhängigkeitsverhältniss der italienischen Handschriften - ich lasse dabei M und seine Abschrift Laur. XXVI, 13 unberücksichtigt - möge das nachfolgende Stemma veranschaulichen. 71


B. Die Sonder-Ueberlieferung des Apologeticus.

Ausser der Ueberlieferung des Apologeticus innerhalb des grossen Corpus gibt es, wie anderwärts, so auch in Italien noch eine besondere Ueberlieferung dieser Schrift, über welche ich noch zu berichten habe.

Ich hatte wenigstens für diese Schrift, die sich in der alten Kirche einer hohen Berühmtheit erfreute, die Hoffnung nicht aufgeben mögen, irgendwo Spuren einer älteren Ueberlieferung aufzufinden. Aber das Odium, das nun einmal auf dem Namen des Tertullian lag, hat auch hier, soweit meine Nachforschungen reichen, jede Spur ehrwürdiger Tradition vernichtet. Von den Apologeticus-Handschriften, welche ich gesehen habe, reicht nur eine bis in das 14. Jahrhundert zurück, die übrigen gehören dem 15. an. Zwei Manuscripte, von denen ich Kunde bekam, konnte ich wegen Mangels an Zeit nicht mehr einsehen. Sie befinden sich auf der Bibl. communale zu San Daniele im Friaul und gehören nach Mazzatinti's Angabe dem 14., respective 15. Jahrhundert an. 72

Von den fünf von mir verglichenen Handschriften stehen vier einander sehr nahe, indem sie alle dieselbe Ueberlieferung aufweisen, welche der Parisinus 2616 vertritt; beträchtlich abweichend ist dagegen hiervon die Ueberlieferung des Cod. Ambrosianus, welcher dem 14. Jahrhundert angehört. Da die Schätzung dieser ganzen Tradition erst dann möglich sein wird, wenn die Collationen des Apologeticus vollständig vorliegen werden, so beschränke ich mich hier auf die blosse Aufzählung und Beschreibung der Handschriften.

1. Cod. Vat. lat. 194 (21, 5 X 14, 5). Pergamenthandschrift des 15. Jahrhunderts, mit reich ornamentiertem Titelblatt. Unten befindet sich ein von zwei Engeln gehaltenes päpstliches Wappen mit der Umschrift : Quintus Nicolaus Papa. Die Handschrift ist demnach zwischen 1447 und 1455 geschrieben. Die Ausführung ist von grosser Sauberkeit und Eleganz, die Schrift uncorrigiert und von einer Hand; eine Unterschrift fehlt. Der vorgesetzte Titel lautet: Septimi Tertulliani uiri gravissimi Apologeticus contra gentis pro Christianis. Fol. 80.

2. Cod. S. Salvatore Nr. 2844 der Universitätsbibliothek zu Bologna (17, 5 X 11). Pergamenthandschrift des 15. Jahrhunderts von einer Hand geschrieben mit durchgehender Correctur. Der Titel steht am Schluss : Tertuliani uiri grauissimi Apologeticus contra gentes explicit feliciter. Fol. 139. Verglichen habe ich von diesem Manuscript nur die ersten sechs Capitel.

3. Cod. Marcianus Cl. VIII, 11 (25 X 19). Pergamenthandschrift des 15. Jahrhunderts, welche von fol. 1-42 eine Epitome institutorum rei militaris Flavii Vegetii, von fol. 43-78 den Apologeticus enthält. Auch hier steht der Titel am Ende: Explicit .Apologeticus Tertulliani uiri eruditissimi et acutissimi contra gentes et de saeculi disciplina.

.4. Cod. Taurinensis IV, 1 der bibl. Nazionale zu Turin. Miscellancodex des 15. Jahrhunderts, in zwei Columnen geschrieben. Der unbetitelte Text des Apologeticus steht fol. 1-32v; es folgen noch Schriften des Vegetius und Lactantius.

.5. Cod. Ambrosisius S. 51 (25 X 17). Pergamentene Miscellanhandschrift des 14. Jahrhunderts. Auf dem ersten Blatt steht folgender von einer Hand des 16. Jahrhunderts geschriebener Index: Clementis Papae recognitiones et in eas Rufini Turoni praefatio. Tertullianus, Apologeticus contra paganos. Dionysii Exigui ad Eugipium {ep}la cum Gregorii Nysseni de hominis imagine ac condicione libro a se latinatate donato. Codices omnes antiqui characteris ann. 200. Etwas weiter unten liest man von anderer Hand geschrieben: Felicibus auspiciis Illmi et Rmi Card. Federici Borrhomaei Bibl. Ambros. fundatoris Olgiatus (erster praefetto der Bibliothek) uidit anno 1603. - Der Codex ist in zwei Columnen jede von 35 Zeilen geschrieben. Der Apologeticus reicht von fol. 145r - 179r. Die nachträglich hinzugefügten Capitelüberschriften sind durch rothe Tinte hervorgehoben; ihren Wortlaut hat der Schreiber jedesmal für den Rubrator unten am Rande bemerkt. Durch den ganzen Codex erscheint die Hand eines Correctors, die mit der des Schreibers mir indentisch zu sein scheint.

Abgesehen von dem Cod. S. Salvatore 2844 habe ich alle diese Handschriften vollständig collationiert. Ihre Beurtheilung wird diese Ueberlieferung in der Vorrede zum zweiten Bande des Tertullian finden, dessen Herausgabe Herr Prof. Wissowa übernommen hat.


1. p1 n.1. Man vergleiche Oehler’s praef. p. VIII.

2.. p1 n.2. Um euphemistisch zu reden; denn Oehler’s Collationen verdienen diesen Namen nicht.

3. p.2 n.1. Dies ist von noch späterer Hand nachträglich eingefügt.

4. p.6 n.1. Fol.98u, fol. lr-4u, fol. 99r-104r.

5. p.6 n. 2. Von cap. 5 an, beginnend bei den Worten : lac a Paulo Corinthii. Fol. 5r-46u. Nach fol. 38u fehlt, wie der Schreiber unten notiert hat, ein voller Quaternio, d. h. lib. IV Cap. 28 (von den Worten : eius infuscat an) bis cap. 36 (qui homo videbatur)

6. p.6 n. 3. Diese Schrift rührt von einer andern, ebenfalls dem 15. Jahrhundert angehörenden Hand her.

7. p.6 n. 4. Auch dieselben Correctorenhände erscheinen hier wieder.

8. p.7 n.1. In dem Buche de paenitentia findet sich keine nur dem Vat. 191 eigenthümliche Lücke. Dagegen weist in den ersten 11 Capiteln des Buches de monogamia der Vat. 191 folgende im Neap. VI, B. 14 wiederkehrende Lücken auf: Oehl. (grössere Ausg., nach der ich fortan citiere) I, p. 762, 20 ulla, p. 764, 4 Quod enim mere bonum est, non permittitur, p. 765, 5 spem, p. 765, 4, est.

9. p.7 n.2. In der Schrift de paenitentia: I, p. 663, l3 retractatas für retractas, p. 665, 2 duobus für duabus. In der Schrift de monogamia: p. 762, 22 est für sit, 762, 26 loquor für loquar, 770, 22 idque pepius für idque saepius, 771, 24 dant ille für dum ille, 775, 24 cur für cui, 775, 25 ita apud für ut apud, 777, 31 avidius für a viduis.

10. p.8 n.1. Der Schreiber hatte nicht gesehen, dass das Überlieferte als Frage zu fassen ist.

11. p.8 n.2. Der Schreiber kannte nicht den eigenthümlichen Gebrauch des Wortes ingenium bei Tertullian.

12. p.9. n.1. Charakteristisch sind asperitate für asperitudine, pertinent für spectant, die Häufung orare et supplicare, peccanti für non paenitenti.

13. p.9 n.2. Das quacunque für quaque ist immerhin discutabel. In der Schrift de paenitentia p. 644, 3 dürfte qui (statt quia) deus omnium conditor sogar eine Emendation sein.

14. p.9.n.3. Sie ist identisch mit der bei Oehl. praef. VIII unter Nr. 7 aufgezählten Handschrift. Um sie gleich hier abzuthun, bemerke ich, dass sie ein Apographon des Vat. lat.192 ist, wie mich die Collation der Schrift adversus omnes haereses lehrte. Das beweisen die gemeinsamen, nur in diesen beiden Codices erscheinenden Lücken: p. 757,15 fuisse salutem carnis, p. 758, 8 loco, sowie die folgenden nur hier erscheinenden Schreibfehler: 756, 15 sacramenta potestatem statt sacram potestatem, 756, 16 Sicut et für Et sicut. 767, 19 erscheinen die Worte : inferiore virtute conceptum procreatum nur in diesen beiden Handschriften zweimal, p. 757, 26 huius mundi nolebant für haec mundi volebant. Dass der Vat. 192 die Vorlage ist, ergiebt sein zweifellos höheres Alter.

15. p.10. n.1. Unter dem Index liest man die Worte: Cosma Medicaeus summus et praestantissimus vir et divini cultu observantissimus posteaquam pro sua singulari virtute hoc monasterium condidit ac canonicis regularibus ea omnia paravit, quae ad bene vivendum necessaria sunt, ne optimorum librorum copia deesset hoc volumen Tertulliani monasterio dedit. Pro cuius singulari pietate deus qui omnium meritorum est retributor digna ei praemia persolvere velit. - Eine subscriptio fehlt. Es folgen Schriften des Gaudentius. Der Codex ist identisch mit dem Oehl. praef. p. VIII unter Nr. 8 genannten.

16. p11. n.1. Es ist dies in Wirklichkeit das 5. Buch adversus Marcionem, wie auch am Ende des Buches der Titel richtig lautet.

17. p.12 n.1 Codex supra quam dici potes nitidissimus et elegantissimus, picturis cum Mediceo stemmate et emblematibus in primis duabus, paginis mirifice illuminatus et cum litteris initialibus auro variisque coloribus pictus.

18. p.12 n.2. Identisch mit dem von Oehl. praef. p. VIII unter Nr. 9 genannten Codex .

19. p.12 n.3. Hinter diesem Titel steht im voranstehenden Index von jüngerer Hand hinzugesetzt: sive de persecutione.

20. p.13 n.1. Eine subscriptio ist nicht vorhanden.

21. p.15 n.1. Ich bezeichne ihn seiner Pforzheimer Provenienz wegen mit P.

22. p.15 n.2 . Die Abbreviatur _ für die Infinitivendung ist in diesem Codex herrschend. Sie ist in diesem Falle aber reichlich flach geschrieben, so das Nicolo sie als Abbreviatur für m las.

23. p.15 n.3 Dieses ni ist von einem m nicht zu unterscheiden.

24. p.16 n.1. Hierauf aufmerksam geworden, verglich ich P noch an einer Reihe von Stellen, wo sich in Nicolo’s Abschrift Randlesarten fanden. Es ergab sich, dass in allen Fällen ähnliche Undeutlichkeiten wie die obige im Cod. P die Veranlassung gewesen waren.

25. p.16 n.2. Natürlich verlangen diejenigen Handschriften in denen die Schrift de paenitentia nicht enthalten ist, noch eine besondere Untersuchung. Sie sind hier also noch ausgenommen.

26. p.16 n.3. Cod. conv. soppr. VI, 11 (Nicolo): o
Cod. Vat. lat. 190 : a
Cod. Vat. lat. 191 : b
Cod. Vat. Urb.64 : c
Cod. Vat. lat. 189 : d
Cod. Laur. XXVI, 12 : l
Cod. Med. Faes. 60 : m.

27. p.17 n.1 Da die i-Punkte fehlen, so kann ebensowohl nutote gelesen werden.

28. p.17 n.2 In o stand ursprünglich: nutote. Dies ist in initote verbessert, aber so, dass man eher metote auf den ersten Blick herausliest. Dies erscheint denn auch in allen Abschriften bis auf Cod. a, dessen Schreiber, genauer zusehend, richtig initote geschrieben hat.

29. p.17 n.3. Perstringe vgl. p.15

30. p.18 n.1. Der Strich über dem u ist, wie die hellere Tinte beweist, später hinzugefügt. Als a b c m abgeschrieben wurden, war er noch nicht vorhanden; l fand ihn vor, ist also die späteste Abschrift.

31. p.18 n.2. Cfr. p. 15.

32 p.18 n.3. Die Stelle ist bezeichnend. Mit der Silbe Sar- schliesst in P eine Zeile; der Schreiber hat die folgende Silbe dos (dios?) hinzuzufügen vergessen. Weder Nicolo noch der Schreiber von d scheinen das bemerkt zu haben, da sie weder eine Lücke lassen, noch das Trennungszeichen conservieren.

33. p.18 n.4. Cfr. p. 16. Das sedem für secundae am Rande von o erscheint im cod. a ebenfalls am Rande, in b ist es im Texte übergeschrieben. In den übrigen Abschriften erscheint es nicht.

34. p.18 n.5. Für das ppris von P war in o eine Lücke gelassen. Sie ist von späterer Hand mit dem Worte suppliciter ausgefüllt worden, welches die Schreiber von a b c m noch nicht vorfanden, wohl aber der von l. Vgl. S. 18, Anm.l.

35. p.20 n.1 Ich nenne ihn k.

36. p.20 n.2. Cfr. p. 12.

37. p.21 n.1 Das gleichzeitige Erscheinen des fuisse in e und c setzt eine andere Vorlage voraus als P.

38. p.21 n.2 In P ist die Silbe ui wegen Fehlens des i-Punktes ebensowohl als in zu lesen. Die gewöhnliche Abbreviatur für deinde ist dein; es fehlt also in P nur der Strich über der Silbe in, den ein Mann wie Nicolo aus eigenem Urtheil leicht ergänzen konnte.

39. p.22 n.1 In Nicolo‘s Abschrift hätten wir die Lesart reddidisse im Text, die andere am Rande (oder umgekehrt) anzunehmen.

40. p.22 n.2 In P steht fuit. Da aber ein q-Strich aus der darüberstehenden Reihe bis zwischen die Buchstaben u und i hinabreicht und unten etwas ausgelaufen ist, so liest man flüchtig hinsehend eher fiat. Nicolo mag das in seinem Text geschrieben, dann aber das richtige fuit, wie er pflegt, an den Rand gesetzt haben, von wo es e aufnahm, während c das fiat beibehielt.

41. p.23 n.1 Den Laur. XXVI, 13 nachzuprüfen, hielt ich, da meine Zeit ohnehin sehr knapp bemessen war, nicht für nöthig, da diese Handschrift, wie oben bewiesen, ganz aus M stammt, der Apologeticus, mithin keine Ausnahme machen wird.

42. p.23 n.2 So lautet der Titel in M.

43. p.24 n.1 Ich meine hier natürlich nur diese eine Schrift.

44. p.24 n.2. Ich bezeichne den Leydensis 2 mit L.

45. p.24.n.3 m1: approbanda. Mit m1 bezeichne ich die nur im Apolog. Erscheinende Hand des Correctors von m.

46. p.24 n.4 Das e über dem h ist von späterer Hand.

47. p.24 n.5 Der Haken {} ist Abbreviatur ebenso für ri, ir wie für re und er.

48. p.24 n.6 m1 : fato.

49. p.24 n.7 e om. quod.

50. p.25 n.1. m1: defendit

51. p.25 n.2. m1: noxae

52. p.25 n.3. m1: purget

53. p.25 n.4. In M ist das n in lucanos von einem r kaum zu unterscheiden.

54. p.25 n.5. Die Silbe tis ist so corrigiert, dass sie auch tos, gelesen werden kann.

55. p.25 n.6. m1: veritati

56. p.25 n.7. m1: quaestioni contemperatur

57. p.25 n.8. e hat die Abbreviatur p{ui} in parium aufgelöst, was äusserlich möglich ist. m hat richtig per uim gelesen.

58. p.26 n.1. Die bessere Ueberlieferung hat: aemulae rationis.

59. p.26 n.2. Der Anfangsinitial enthält ein feines Bildchen, welches Mariä Verkündigung darstellt.

60. p26 n.3. Cfr. Oehl. praef. p. 7.

61. p.27 n.1. Die Schrift zeigt durchaus denselben Charakter wie die des Nicolo und unterscheidet sich wie diese stark von dem noch mehr gothischen Schriftcharakter der codd. P und M.

62. p.27 n.2. Cfr. p. 6.

63. p.27 n.3. Bis fol. 160. Von hier an ist der Cod. ohne jede Correctur. Aber in der Neapler Handschrift erscheint dieselbe Hand wieder.

64. p.28 n.1. Kehrt in der Neapler Handschrift wieder.

65. p.28 n.2. Ich bemerke, dass Vindobonensis und Leydensis gegen einander selbständig sind; Leydensis zeigt dem Vindobonensis gegenüber eine ausserordentlich grosse Anzahl von Lücken, aber hier und dort fehlt auch dem Wiener Codex eine geringere oder grössere Anzahl von Wörtern, welche der Leydener aufweist. Wo also diese beiden Handschriften zusammenstimmend von o abweichen, ist ihre Herkunft aus einer anderen Quelle evident.

66. p.29 n.1. So bezeichne ich den Vindobonensis 4194 und zugehörigen Neapolitanus.

67. p.30 n.1. Dem Neapler Codex habe ich hierfür keine Stichproben entnommen..

68. p.31 n.1. Dem Cod. Paterniacensis des Rhenanus.

69. p.31 n.2. Ich hoffe späterhin den Beweis erbringen zu können, dass M eine Abschrift des Gorziensis ist.

70. p.31 n.3. Quaestiones Tertullianeae criticae, Praef. p. 12.

71. p.32 n.1. Die besonderen Ueberlieferungsverhältnisse des Apologeticus bleiben hier ausser Betracht.

72. p.33 n.1. Mein auf telegraphischem Wege erfolgtes Ersuchen, mir die Handschriften auf die Brera nach Mailand zu übermitteln, wo ich wenigstens noch einige Proben hätte nehmen können, blieb bedauerlicher Weise erfolglos.


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