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Über die Seele.

Um 209 n. Chr.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1.   Cap. Die Philosophen haben vielfach Untersuchungen über das Wesen der Seele angestellt. Doch sind auch auf diesem Gebiete ohne die Offenbarung keine rechten Resultate zu erzielen.

2.  Cap. Die Philosophen haben zwar in manchen Stücken auch Richtiges gefunden, was mit den Lehren der Offenbarung übereinstimmt, doch sind die angewandten Beweise manchmal nicht stichhaltig, oder wenn die Voraussetzungen richtig, die Folgerungen falsch. So mischt sich bei ihnen Wahres mit Falschem. ---- Auch die Medizin bereichert unsere Kenntnisse über die Seele.

3.   Cap. Die Philosophie ist die Mutter der Häresien auch im Punkte der Seelenlehre. Über den Ursprung der Seele wird hier nicht gehandelt werden, da derselbe bereits erörtert ist.

4.   Cap. Diese Schrift beschäftigt sich mit Untersuchungen über das Wesen der Seele, zunächst ob sie geworden oder ungeworden sei, gemacht oder nicht.

5.   Cap. Ob die Seele eine gewisse Körperlichkeit habe, darüber sind die Ansichten der Philosophen geteilt.

6.   Cap. Dass sie eine solche besitze, dafür sprechen die Beobachtungen des Arztes Soranus und andere Gründe.

7.   Cap. Die hl. Schrift ist der Ansicht von der Körperlichkeit der Seele nicht entgegen.

8.   Cap. Die Körperlichkeit der Seele involviert jedoch nicht die Materialität derselben, sondern ist von ganz besonderer Art.

9.   Cap. Nähere Beschreibung des Seelenkörpers. Derselbe aus einer Montanistischen Vision erwiesen.

10. Cap. Nach den Lehren der Offenbarung ist die Seele eine einheitliche Substanz und das Prinzip des physischen Lebens. Seele und Lebensodem sind nicht zwei verschiedene Substanzen. |285 

11.   Cap. Die Bezeichnung Hauch würde besser für die Seele passen als Odem. Die hl. Schrift lehrt die Einheit der Geistesseele mit dem physischen Lebensprinzip.

12.   Cap. Fortsetzung. Widerlegung der entgegengesetzten Ansichten des Valentinus, Anaxagoras und teilweise auch des Aristoteles. 

13. Cap. An der Einheit der Seele ist festzuhalten, trotz der verschiedenen Ausdrücke (animus und anima), die dafür in der lateinischen Sprache existieren.

14.   Cap. Was die Philosophen Bestandteile der Seele genannt haben, sind nur ihre verschiedenen Kräfte und Thätigkeilen.

15.   Cap. Das sogenannte Hegemonikon, die höchste und vitale Region der Seele, wo sich alle Thätigkeiten konzentrieren, hat nach der Lehre vieler Philosophen und Ärzte, wie auch der hl. Schrift seinen Sitz im Herzen.

16.   Cap. In der Seele findet sich eine der Vernunft entsprechende und eine ihr widerstrebende Seite. Nur die erstere ist im vollen Sinne natürlich, die letztere aber später durch Einfluss des Teufels hinzugetreten. Plato irrt, wenn er die irrasciblen und konkupisciblen Strebungen unterschiedslos dem irrationalen Prinzip zuweist.

17.   Cap. Ob die Sinneswahrnehmungen zuverlässig seien?

18.   Cap. Die Ideenlehre Platos und, verwandte Vorstellungen der Häretiker. Die Verschiedenheit zwischen sinnlicher Wahrnehmung und Intellekt bedingt keine Doppelseele im Menschen. Der Intellekt, der allerdings höher steht als die sinnliche Wahrnehmung, ist nur eine höhere Fähigkeit desselben Prinzips und, steht nur deshalb höher, weil die Objekte seiner Thätigkeit höher stehen.

19.   Cap. Der Intellekt ist bereits in den Unmündigen vorhanden. 

20: Cap. Auch ihre ganze übrige Naturausrüstung besitzt die Seele von Anfang an. Die Verschiedenheit in den Geistesfähigkeiten ist durch die äusseren Umstände der Entwicklung bedingt.

21.   Cap. Die Seele ist einfach und eingestaltig, hat aber Selbstbestimmung und ist veränderlich, weil geworden. Mit der Dreiteilung der Seelen, die Valentinian behauptet, ist es nichts.

22.   Cap. Kurze Zusammenfassung der Eigenschaften der Seele auf Grund der bisherigen Erörterungen.

23.   Cap. Abfertigung der gnostischen und Platonischen Theorie über die Entstehungsweise der Seele.

24.   Cap. Wenn die Seele ohne Anfang und ihr Lernen nur ein Wiedererinnern wäre, wie Plato will, so müsste sie eine Art göttliches Wesen sein. |286 

25.   Cap. Die Seele tritt nicht erst bei der Geburt des Menschen zu seinem Leibe hinzu, sondern die Erfahrung des gewöhnlichen Lebens sowie die Arzneiwissenschaft beweisen, dass schon die Frucht im Mutterleibe empfindet, also auch lebt und daher ihre Seele hat.

26.   Cap. Die Beseelung der Embryonen findet in Aussprüchen der hl. Schrift mehrfach ihre Bestätigung.

27.   Cap. Die Generationstheorie Tertullians, wonach die Seele mit dem Körper zu gleicher Zeit erzeugt werden soll.

28.   Cap. Die Lehre des Pythagoras von der Seelemoanderung Prüfung der Geschichte des Euphorbus.

29.   Cap. Die Hegel von einer ununterbrochenen allgemeinen Aufeinanderfolge der Gegensätze, womit die Seelemoanderung begründet werden soll, existiert nicht.

30.   Cap. Wenn eine Seelenwanderung stattfände, so müsste die Zahl der Menschen immer die gleiche bleiben.

31.   Cap. Schwierigkeiten, die sich aus dem Lebensalter und den Beschäftigungen der Menschen gegen die Seelenwanderung ergeben.

32. Cap. Dass die Menschenseelen auch in Tierleiber und sogar in Pflanzen wandern, ist undenkbar, weil dies die Identität der Einzelseele aufheben würde.

33. Cap. Zu sagen, sie werden zur Strafe dahin verbannt, würde zu grossen Absurditäten führen.

34. Cap. Verspottimg der Metampsychose des Simon Magus.

35. Cap. Karpokrates nimmt die Lehre von der Seelenwanderung zu Hilfe, um seine anomistischen Theorien damit zu stützen.

36. Cap. Die geschlechtliche Verschiedenheit empfangen die Seelen gleichzeitig mit ihrer Entstehung.

37. Cap. Die Geburt und Kindheit des Menschen, welche die Heiden unter den Schutz mehrerer Gottheiten stellen, steht in Wirklichkeit unter der Obhut der Engel. Die Seele wächst mit dem Leibe. Doch besteht ihr Wachstum nur in der Entfaltung der Kräfte.

38.   Cap. Über die Entwicklung der Seele und den Einfluss der leiblichen Nahrung auf sie.

39.   Cap. Der Teufel stellt der Seele von der Geburt an nach.

40.   Cap. In welcher Weise der Leib und die Seele an Ausübung des Bösen beteiligt sind. Das Fleisch ist nicht der Sitz des Bösen.

41.   Cap. Macht und Wirkungen der Erbsünde in der Menschenseele. |287 

42.   Cap. Auch die Besprechung des Todes und des Schlafes gehört in die Seelenlehre.

43.   Cap. Die Meinungen der Philosophen über den Schlaf. Die Naturgemässheit dieser Erscheinung. Er ist ein Bild des Todes und der Auferstehung.

44. Cap. Der angebliche Vorfall mit Hermotimus. 

45. Cap. Über die Träume und deren Entstehung. 

46. Cap. Über das Eintreffen der Träume und ihre Deutung.

47.   Cap. Die Träume rühren vielfach von den Dämonen her, einige von Gott, andere stammen aus natürlichen Ursachen.

48.   Cap. Auch körperliche Zustände sind von Einfluss darauf.

49.   Cap. Ob alle Menschen Träume haben?

50.   Cap: Über den Tod. Alle Menschen sind ihm unterworfen. Die Vorspiegelungen des Häretikers Menander.

51.   Cap. Es bleibt nach dem Tode von der Seele nichts im Körper zurück.

52.   Cap. Der Tod, sowohl der gewöhnliche als der gewaltsame, ist nicht der Natur der Menschen gemäss, sondern die Folge einer Verschuldung.

53.   Cap. Wenn die Seelenkräfte beim Sterben nach und nach abnehmen, so ist das nicht auf ein Verlöschen der Seele zu deuten, sondern es hat seinen Grund im Wesen der Krankheit.

54.   Cap. Wohin die Seelen unmittelbar nach dem Tode gelangen.

55.   Cap. Sie gelangen ohne Ausnahme in die Unterwelt, wo sie bis zum jüngsten Tage verbleiben. Nur die Seelen der Märtyrer gelangen sofort ins Paradies.

56. Cap. Über die Ansicht der Alten, die Seelen könnten nicht in die Unterwelt eingehen, bevor die Leiche beerdigt ist.

57.   Cap. Was von den angeblichen Beschwörungen von Abgestorbenen zu halten sei.

58.   Cap. Die Belohnung oder Bestrafung der Seele in der Unterwelt nimmt sofort nach dem Tode ihren Anfang und, es gibt keinen indifferenten Zustand für dieselben.

1. Nachdem ich früher gegen Hermogenes bloss in betreff der Frage nach dem Ursprünge der Seele in die Schranken getreten bin, insoweit derselbe ihn lieber aus Einflüssen der Materie als aus dem Hauche Gottes ableitet, werde ich mich jetzt zu den übrigen Fragen wenden und dabei wohl meistens mit Philosophen zu kämpfen haben.

Sogar im Kerker des Sokrates wurde noch über den Zustand der Seele gestritten. Obschon auf den Ort nichts ankommt, so ist mir doch |288 erstens nicht klar, ob, was die Person des Lehrmeisters angeht, die Zeit eine gelegene war. Denn was sollte wohl die Seele des Sokrates in jenem Augenblick noch mit Evidenz erkennen, nachdem das heilige Schifflein schon vom Lande abgestossen, der Schierlingsbecher, wozu er verurteilt, bereits getrunken und sie, wenn es nach der Ordnung der Natur ging, durch die Nähe des Todes in jedem Falle zu einer gewissen Erregung aufgeschreckt war? Wofern es aber nicht nach dem Laufe der Natur ging, war sie ausser sich. Wie heiter und ruhig sie sich auch befand, wie wenig sie auch durch das Weinen der Gattin, die bald eine Witwe, oder durch den Anblick der Kinder, die nun Waisen werden sollten, unter das Gesetz der Verwandtenliebe sich beugen Hess, so war sie doch beunruhigt durch das Streben, nicht unruhig werden zu wollen. Ihre Standhaftigkeit war erschüttert durch das Ankämpfen gegen den Mangel an Standhaftigkeit.

Wofür aber wird ein mit Unrecht Verurteilter sonst noch Sinn haben als nur für Tröstungen über das Unrecht? Und nun gar erst der Philosoph, der geborne Sklave der Ruhmbegier, der nicht sowohl die Aufgabe hat, über Unrecht zu trösten, als vielmehr es sogar verachten soll! So hatte Sokrates gleich nach der Verurteilung seiner Gattin, die ihm begegnete und nach Weiberart schrie: "Sokrates, deine Verurteilung ist eine ungerechte!" auf diese Gratulation geantwortet: "Wünschest du denn etwa, dass sie eine gerechte wäre?" Darum ist es nicht zu verwundern, wenn er im Bestreben, die fragwürdigen Lorbern des Anytus und Melitus zu nichte zu machen, im Kerker und angesichts des Todes selbst die Unsterblichkeit der Seele aufrecht erhält, um der Ungerechtigkeit ihren Erfolg zu rauben.

Deshalb stammte die ganze damalige Weisheit des Sokrates aus dem Streben eines absichtlich angenommenen Gleichmuts, nicht aus der zuversichtlichen Überzeugung von der Wahrheit. Denn wer kann zur Überzeugung von der Wahrheit gelangen ohne die Hilfe Gottes? Wer Gott erkennen ohne Christus? Wer hat Christus gefunden ohne den heiligen Geist? Wem ist der heilige Geist zu teil geworden ohne das Sakrament des Glaubens? In Wirklichkeit wurde Sokrates eher von einem weit verschiedenen Geiste bewegt. Denn man sagt ja, dass von seiner Kindheit an beständig ein Dämonium um ihn gewesen sei. Wahrhaftig, ein schlechter Erzieher! wenn die Dämonen bei den Dichtern und Philosophen auch als Wesen gelten, die gleich nach den Göttern kommen und sich in der Gesellschaft der Götter befinden. Noch waren nämlich die Belege der Macht des Christentums nicht erschienen, welches allein imstande ist, jene so verderblichen Mächte zu beschämen, die niemals gut sind, sondern jeglichen Irrtum erzeugen und alle Wahrheit fernhalten.

Wenn nun Sokrates nach dem Urteile des Pythischen Dämons, der freilich nur seinem Bundesgenossen beistand, schon aus der angegebenen |289 Ursache der allerweiseste war, um wie viel mehr Würde und Bestand haben nicht die Aussagen der christlichen Weisheit, bei deren Anhauch die ganze Macht der Dämonen zurückweicht! Sie ist die Weisheit aus der Schule des Himmels, die sich allerdings die Freiheit nimmt, die heidnischen Götter zu leugnen, und sich nicht durch den Befehl, dem Äskulap ein Hahnopfer zu bringen, zweideutig erweist, keine neuen Dämonen einführt, sondern die alten beseitigt, auch die Jugend nicht verführt, sondern sie zur Tugend der Schamhaftigkeit anleitet. Darum, als die Wahrheit, hat sie ungerechte Verurteilung auch nicht bloss von seiten einer Stadt, sondern des ganzen Erdkreises zu tragen, und wird um so viel mehr gehasst, als sie vollkommener ist. Sie hat den Tod nicht in festlichem Anzüge aus einem Becher zu schlürfen, sondern am Kreuze oder auf dem Scheiterhaufen ihn nebst allen Erfindungen der Grausamkeit durchzukosten und stellt in dem viel finstereren Kerker dieser Welt mittlerweile ihre etwaigen Untersuchungen über die Seele mit ihren Gebeten und Phädonen 1) nach den Anweisungen Gottes an.

Du bist sicherlich nicht imstande, einen besseren Nachweiser der Seele anzugeben 2) als den Urheber derselben. Durch Gott magst du kennen lernen, was du von Gott erhalten hast, oder wenn nicht von Gott, dann auch von keinem andern. Denn wer vermöchte zu enthüllen, was Gott zugedeckt hat? Man muss seine Belehrung da suchen, wo man selbst beim Nichtwissen ganz sicher geht. Es ist besser, etwas nicht wissen um Gottes willen, weil er es nicht geoffenbart hat, als es durch einen Menschen erfahren, weil dieser selbst es gemutmasst hat.

2. Wir wollen allerdings nicht leugnen, dass die Philosophen manchmal auch unsern Ansichten nahe gekommen sind. Prüfstein für eine Wahrheit ist ihr Erfolg selbst. Beim Sturm, wenn die Merkzeichen am Himmel und im Meere verwischt sind, trifft man auch durch einen glücklichen Irrtum manchmal einen Hafen; zuweilen findet man in blindem Glück auch in der Finsternis den Eingang und Ausgang.

Es wird ja auch durch die Natur sehr vieles an die Hand gegeben, sozusagen durch den Gemeinsinn, womit Gott die Seele auszustatten geruht hat. Dieses Gemeinsinnes hat sich die Philosophie bemächtigt und ihn zur Verherrlichung ihrer eigenen Kunstfertigkeit aufgeblasen, aus Eifer ---- es kann nicht auffallen, wenn ich dies so ausdrücke ---- aus Eifer für eine Redefertigkeit, die alles Beliebige zu beweisen und abzuleugnen versteht, und mehr durch Wortschwall als durch Belehrungen gewinnt. Sie gibt den Dingen eine Form; das eine Mal stellt sie sie gleich, das |290 andere Mal besondert sie sie, aus Gewissem schliesst sie auf Ungewisses, sie greift auf Beispiele zurück, als wenn alles verglichen werden dürfte, sie stellt für alles die Grundsätze zum voraus fest vermittelst der Eigenschaften, obwohl dieselben auch bei ähnlichen Dingen verschieden sind, sie lässt nichts für die göttliche Freithätigkeit übrig, sondern stempelt ihre Meinungen zu Naturgesetzen. ---- Ich würde mir das gefallen lassen, wenn sich die Philosophie selbst als eine naturgemässe erwiese, die an der Natur auf Grund ihrer gleichartigen Beschaffenheit teil hat.

Zwar ist auch sie des Glaubens, aus vermeintlich heiligen Schriften geschöpft zu haben, weil das Altertum manche Autoren sogar für Götter oder wenigstens für göttliche Wesen gehalten hat, z. B. den ägyptischen Merkurius, an den sich besonders Plato hält, den Phrygier Silenus, dem, als er von den Hirten herbeigebracht wurde, Midas seine langen Ohren lieh, Hermotimus, welchem die Klazomenier nach seinem Tode einen Tempel errichteten, Orpheus, Musaeus und Pherekydes, den Lehrer des Pythagoras. Wie aber, wenn den Philosophen auch solche Schriften unter die Hände geraten wären, die bei uns unter der Bezeichnung Apokryphen geächtet sind, weil wir die Überzeugung haben, nichts zulassen zu dürfen, was nicht mit der Autorität der echten und schon geraume Zeit früher entstandenen Prophezie übereinstimmt. Wir kennen nämlich die falschen Propheten und die noch viel älteren abgefallenen Geister, welche mit dergleichen verschmitzten Erfindungen das ganze Angesicht der Welt bedeckt haben. Obschon es schliesslich glaublich ist, dass, wer nach Weisheit forscht, auch die wirklichen Propheten, von der Neugierde getrieben, aufgesucht habe, so dürfte man doch bei den Philosophen mehr Abweichungen als Verwandtschaft finden, da man sogar in der Verwandtschaft bei ihnen noch Abweichungen trifft. Denn alles, was man bei ihnen Wahres und mit den Propheten Übereinstimmendes findet, beweisen sie mit . fremdartigen Gründen oder putzen es mit fremden Dingen auf, zum grössten Schaden für die Wahrheit selber, die sie durch Falsches Unterstützung linden, oder durch die sie Falschem Unterstützung zukommen lassen.

Dieser Umstand also hat uns bei vorliegender Materie zum Kampfe gegen die Philosophen getrieben. Denn manchmal staffieren sie die ihnen und uns gemeinsamen Ansichten mit ihren eigenen Beweisführungen aus, die unserer Regel aber in diesem und jenem zuwiderlaufen, manchmal dagegen unterstützen sie ihre besondern Meinungen durch die gemeinsamen Beweise, die da und dort mit ihrer Regel harmonieren, so dass die eigentliche Wahrheit von der Philosophie fast gänzlich ausgeschlossen ist, wegen der Giftmischerei, die diese damit vornimmt. Durch diese doppelte Verwandtschaft, deren jede der Wahrheit feindlich ist, fühlen wir uns dringend aufgefordert, einerseits die gemeinsamen Lehren von den Beweisführungen der Philosophen zu befreien und andererseits die gemeinsamen |291 Beweisführungen von deren Meinungen zu reinigen, indem wir die einzelnen Probleme auf die göttlichen Schriften zurückführen, mit Ausnahme natürlich derjenigen, die ohne die Fangschlinge irgend eines Präjudizes auf das einfache Zeugnis hin aufzunehmen gestattet sein wird, weil manchmal auch das Zeugnis der Feinde erforderlich ist, um den Freunden zu nützen. Ich weiss recht gut, wie dicht der Wald dieser Materie bei den Philosophen ist, entsprechend der Zahl der betreffenden Schriftsteller, wie gross die Verschiedenheiten der Ansichten sind, wie zahlreich die Tummelplätze der Meinungen, wie gross die Zahl der sich weiter ergebenden neuen Fragen, wie verwickelt die Lösungen.

Auch in die Medizin, die Schwesterwissenschaft, wie man sagt, der Philosophie, habe ich einen Blick gethan, da auch sie diesen Gegenstand für sich in Anspruch nimmt, so zwar, dass es scheint, als gehöre die Seele noch mehr ihr an, wegen der Sorge für den Körper. Daher setzt sie denn auch ihrer Schwesterwissenschaft häufig "Widerspruch entgegen, als kenne sie die Seele besser deswegen, weil sie dieselbe gleichsam persönlich im Hause zu behandeln hat. Doch mag der Anspruch beider auf den Vorrang dahinstehen!

Es hat die Philosophie die Freiheit des Gedankens für sich die Medizin hinwiederum die Gebundenheit der Kunst, um den Detailforschungen über die Seele weiten Spielraum zu gestatten. Ungewisse Dinge werden lang und breit erörtert, Vermutungen noch weitläufiger besprochen. Je schwerer die Sache zu beweisen, desto grösser ist die Geschäftigkeit, uns zu beschwätzen, so dass mit Recht der bekannte Heraklit, der dunkle, die übergrossen Dunkelheiten bei den Forschern über die Seele bemerkend, aus Überdruss an ihren Untersuchungen den Ausspruch that: "Er habe, obwohl er den ganzen Weg zurückgelegt, die Grenzen der Seele keineswegs gefunden." Der Christ aber hat zur Wissenschaft über diesen Gegenstand wenig notwendig. Denn sie ruht allezeit sicher auf wenigen Punkten, und sein Forschen darf nicht weiter gehen als bis dahin, wo ihm das Finden noch verstattet ist; denn "endlose Untersuchungen" verbietet der Apostel. 3) Nun aber darf man nicht finden über das hinaus, was man von Gott lernt, was man aber von Gott lernt, das ist das Ganze.

3. Wenn doch die Notwendigkeit, dass es Häresien gebe, 4) damit die Bewährten an den Tag kommen, lieber nicht vorhanden wäre! Dann hätten wir mit den Philosophen, den Patriarchen der Häretiker, um mich so auszudrücken, überhaupt gar nichts über die Seele zu verhandeln. Denn es hat der Apostel schon damals in der Philosophie eine Gefährdung der Wahrheit erblickt; er hatte nämlich an Athen die Stadt |292 der Zungenfertigkeit kennen gelernt, und nachdem er alle die, welche dort Weisheit und Beredsamkeit auskramten, durchgekostet hatte, da beschloss er jenen bekannten Mahnruf. 5)

Ähnlich verhält es sich nämlich auch mit der Seele infolge der philosophischen Lehren von Leuten, die dem Wein Wasser beimischen. Die einen leugnen die Unserblichkeit der Seele, die andern behaupten, sie sei mehr als unsterblich; andere streiten über ihre Substanz, andere über ihre Form, andere über jegliche Eigenschaft; diese leiten ihren Zustand anderswoher ab, jene lassen sie bei ihrem Ausgang in etwas Anderes übergehen, je nachdem entweder Platos Ehre, Zenos Kraft, des Aristoteles Konsequenz, Epikurs Eingebungen, Heraklits Tiefsinn oder des Empedokles Wahnsinn den Ausschlag gibt.

Am Ende hat die göttliche Lehre gar einen Fehler gemacht, dass sie aus Judäa und nicht vielmehr aus Griechenland gekommen ist. Auch Christus hat darin gefehlt, dass er die Fischer eher zum Predigen aussandte als den Sophisten. 6) Wird nun in dieser Weise irgendwo das reine Himmelblau der Wahrheit durch den Nebel der Philosophie verdunkelt, so werden die Christen die Pflicht haben, es wieder aufzuhellen, indem sie einerseits die entstandenen Deduktionen, d. i. die der Philosophen, niederschlagen, andererseits ihnen die himmelentsprossenen Lehren, d. h. die des Herrn, entgegensetzen, damit alles, wodurch sich die Heiden von der Philosophie fangen lassen, zerstört, und alles, wodurch sich die Gläubigen von den Häretikern bethören lassen, abgewiesen werde.

Da nun der eine Streitpunkt, der gegen Hermogenes, wie eingangs bemerkt, bereits erledigt ist, da wir die Entstehung der Seele aus dem Hauche Gottes, nicht aus Materie behaupten und hierin durch die nicht verdunkelbare Regel einer Entscheidung Gottes geschützt sind, nämlich die: "Gott hauchte den Hauch des Lebens in das Antlitz des Menschen und es wurde der Mensch zu einer lebendigen Seele",7) natürlich durch den Hauch Gottes, so ist über diesen Punkt nichts weiter zu entwickeln. Er hat seinen Titel und seinen Häretiker. Hinsichtlich der übrigen Punkte will ich hier mit der Einleitung beginnen.

4. Nächst der Bestimmung ihres Ursprungs unterliegt die Seele der Untersuchung über ihr Wesen. Denn wenn wir eingeräumt haben, dass sie aus einem Hauche Gottes entstanden sei, so ist die unmittelbare Folge, dass wir ihr einen Anfang zuschreiben. Diese Behauptung weist Plato ab, indem er lehrt, die Seele sei ungeboren und ungemacht. Wir lehren aber, sie sei sowohl geboren als gemacht, nachdem festgestellt ist, dass sie einen Anfang hat. Wir haben nicht damit sofort einen Irrtum begangen, |293 wenn wir beides behaupten, weil, wohlgemerkt, geboren sein etwas anderes ist als gemacht sein, indem jenes nur den lebendigen Wesen eignet. Die Unterschiede besitzen aber, indem sie ihre eigenen Orte und Zeiten haben, zuweilen auch die Reziprozität der Gemeinsamkeit. Die Seele lässt also auch ein Machen zu als Form ihres Insdaseingesetztwerdens, 8) da bekanntlich alles, was auf irgend eine Weise das Sein empfängt, erzeugt wird. Der Erzeuger selbst kann Macher genannt werden; so drückt sich auch Plato aus. Was also unsern Glauben an eine gemachte oder geborene Seele angeht, so ist die Ansicht des Philosophen ebenfalls durch die Autorität der Prophezie beseitigt.

5. Plato wird nun wohl einen Eubulus, Kritolaus, Xenokrates und Aristoteles, der es in diesem Punkte mit ihm hält, zu Hilfe rufen. Vielleicht würden sie noch mehr herausgestrichen, um die Körperlichkeit der Seele zu beseitigen, wenn man nicht im Gegenteil und zwar in noch grösserer Anzahl andere sähe, die einen Körper der Seele behaupten. Und ich meine nicht bloss die, welche sie aus handgreiflich körperlichen Elementen bestehen lassen, wie Hipparchus und Heraklit aus Feuer, wie Hippon und Thales aus Wasser, wie Empedokles und Kritias aus Blut, wie Epikur aus den Atomen, insofern ja auch die Atome durch ihr Zusammentreffen sich zur Körperlichkeit verdichten ---- wie Kritolaus und seine Peripatetiker aus einer sonst unbekannten fünften Substanz, wenn nämlich auch sie ein Körper ist, da sie Körper einschliesst ----, ja sogar auch die Stoiker ziehe ich herbei, die, obwohl sie, fast wie wir, die Seele einen Geist nennen, insofern sich ja Hauch und Geist ganz nahe stehen, doch gern für die Körperlichkeit der Seele sprechen werden.

Zeno endlich, der die Seele als verdichteten Atem definiert, legt sich die Sache so zurecht: dasjenige, nach dessen Austritt ein lebendes Wesen stirbt, ist ein Körper; wenn aber der verdichtete Atem austritt, so stirbt das lebende Wesen, folglich ist der verdichtete Atem ein Körper; der verdichtete Atem ist aber die Seele, also ist die Seele ein Körper.

Kleanthes behauptet, dass bei den Kindern eine Ähnlichkeit mit den Eltern vorhanden sei, nicht bloss in den körperlichen Umrissen, sondern auch in den Eigenschaften der Seele, im Spiegelbilde des Charakters, in den Anlagen und Neigungen, dass die Seele aber auch mit dem Körper Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit eingehe. So sei der Körper der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit unterworfen. Ebenso seien die körperlichen |294 und die nicht körperlichen Leiden keineswegs identisch. Nun aber leide die Seele mit dem Körper mit; wenn er durch Schläge, Wunden, Beulen verletzt sei, so empfinde sie den Schmerz mit und ebenso auch der Leib mit der Seele, mit deren Leiden er bei Sorge, Angst und Liebe seinen Zusammenhang verrät durch den Verlust der entsprechenden Munterkeit, und von deren Scham und Furcht er durch sein Erröten und Erbleichen Zeugnis gibt. Folglich ist die Seele ein Körper, weil sie die körperlichen Leiden teilt.

Chrysippus reicht ihm die Hand, indem er konstatiert, dass das Körperliche vom Unkörperlichen durchaus nicht getrennt werden könne, weil ,es sonst auch nicht davon würde berührt werden. Deshalb sagt auch Lukretius: "Berühren und berührt werden kann kein Ding, als nur ein Körper"; 9) wenn die Seele aber den Körper verlässt, so verfalle dieser dem Tode. Mithin sei die Seele ein Körper, weil sie, wenn nicht körperlich, den Körper nicht verlassen würde.

6. Hiergegen erheben die Platoniker mehr aus Spitzfindigkeit als mit Grund Schwierigkeiten. Ein jeder Körper, sagen sie, ist notwendigerweise entweder belebt oder unbelebt. Und dann wird er, wenn unbelebt, von aussen her, wenn belebt, von innen her in Bewegung gesetzt. Die Seele aber dürfte wohl nicht von aussen bewegt werden, als welche nicht unbeseelt ist, und auch nicht von innen, weil sie es vielmehr selber ist, die den Körper bewegt. Daher werde sie wohl kein Körper sein, da sie nicht nach der herkömmlichen Art der Körper von irgend einer Stelle aus in Bewegung gesetzt wird.

Hierbei dürften wir uns nun zunächst über das Unzutreffende der Definition zu wundern haben, die sich auf etwas beruft, was auf die Seele nicht passt. Es geht nämlich nicht an, dass man sagt, die Seele sei entweder etwas Belebtes oder etwas Unbelebtes, da sie es gerade ist, welche den Körper zu einem Belebten macht durch ihre Anwesenheit, und zu einem Leblosen durch ihre Abwesenheit von ihm. Sie kann also nicht ihre eigene Wirkung selber sein und etwas Belebtes oder Lebloses genannt werden. Denn Seele wird sie genannt in Hinsicht auf ihre Substanz. Wenn das, was die Seele ist, sich nun die Benennung Belebtes oder Unbelebtes nicht gefallen lässt, wie kann man sich da auf die Form der belebten und unbelebten Körper berufen?

Sodann, wenn es das Kennzeichen eines Körpers ist, von aussen her durch etwas bewegt zu werden, und wir nun zeigen, dass auch die Seele von anderen Faktoren bewegt wird, z. B. wenn sie weissagt, wenn sie raset, d. h. also von aussen, da ja das Bewegende ein anderes |295 ist, so werde ich nach der vorgetragenen Analogie mit vollem Recht das, was von einem andern von aussen her bewegt wird, für einen Körper ansehen. Ist es nun eine Eigenschaft des Körpers, von einem andern bewegt zu werden, um wie viel mehr noch ist es eine solche, selbst einen andern Körper zu bewegen! Die Seele aber setzt den Körper in Bewegung, und ihre desfallsigen Bemühungen treten äusserlich zutage. Von ihr nämlich kommt es her, wenn die Füsse zum Gehen, die Hände zum Erfassen, die Augen zum Sehen, die Zunge zum Sprechen angetrieben werden, indem sie unter der Oberfläche automatenartig die Bewegung bewirkt. Woher hat die unkörperliche Seele die Kraft dazu? Wie kann ein wesenloses Ding materielle Dinge fortbewegen?

Aber wie kommt es, dass beim Menschen die körperlichen und geistigen Sinnesthätigkeiten getrennt erscheinen? Man sagt, die Sinne des Körpers, z. B. Gesicht und Gefühl, melden uns die Eigenschaften der körperlichen Dinge, wie der Erde oder des Feuers, die nicht körperlichen dagegen passen für das Intellektuelle, wie Güte und Bosheit. Daher stehe es fest, dass die Seele unkörperlich sei, weil ihre Eigenschaften nicht mit den körperlichen Sinnen, sondern mit den intellektuellen erfasst würden. Das soll gelten, so lange bis ich dieser Auffassung Platz zu greifen verwehre. Aber siehe da, ich zeige, dass auch Unkörperliches unter die körperlichen Sinneswahrnehmungen falle, der Ton unter das Gehör, die Farbe unter das Gesicht, der Duft unter den Geruch; nach der Analogie davon tritt die Seele auch mit dem Körper in Verbindung. Daher kann man nicht sagen, dass diese Dinge, weil sie mit Körperlichem in Verbindung treten, mit den körperlichen Sinnen aufgefasst würden. Wenn es also feststeht, dass unkörperliche Dinge von den körperlichen erfasst werden, warum sollte nicht auch die Seele, welche unkörperlich ist, durch Körperliches angezeigt werden? Die Annahme ist ganz gewiss abgewiesen.

Zu den vorzüglichsten Beweisführungen gehört auch, dass man glaubt, jeder Körper ernähre sich durch Körperliches, die Seele aber, als ein Unkörperliches, durch Geistiges, nämlich durch das Streben nach Weisheit. Aber auch dies ist keine haltbare Stellung, da ein in der methodischen Heilkunde so unterrichteter Gewährsmann wie Soranus, die Antwort gibt, die Seele ernähre sich ebenfalls durch körperliche Dinge, ja, sie werde, wenn sie auszugehen droht, durch Speise meistens gehalten. Natürlich, wenn letztere gänzlich fehlt, so verlässt die Seele den Körper. So hat denn auch Soranus, der über die Seele am ausführlichsten ---- in vier Büchern ---- geschrieben hat und in allen philosophischen Lehren bewandert ist, der Seele eine körperliche Substanz vindiziert, aber sie dabei freilich um die Unsterblichkeit gebracht. Denn nicht alle sind zum Glauben berufen, wie die Christen. |296 

Wie Soranus einerseits zeigt, dass sich die Seele von körperlichen Dingen ernährt, so raüsste der Philosoph andererseits ähnlich den Beweis liefern, dass sie von Unkörperlichem lebe. Es hat aber noch niemals jemand einer Seele, wenn sie zu scheiden im Begriffe stand, den Honigseim Platonischer Beredsamkeit eingegeben und noch keine hat dann die Brocken der Subtilitäten des Aristoteles verschluckt. Was sollen vollends die Seelen so vieler ungebildeten Menschen und Barbaren anfangen, welche das Brot der Weisheit nicht besitzen und doch in ungeschulter Klugheit stark sind, die ohne Akademien, ohne attische Säulenhallen und Sokratische Kerker, mit Einem Wort, ungespeist und ungetränkt von aller Philosophie, dennoch leben? Denn der Substanz der Seele selber hilft ja das Genährtsein durch Studien nichts, sondern nur ihrem Verhalten, da sie die Seele nicht fetter machen, sondern sie nur zieren.

Zum guten Glück behaupten die Stoiker, auch die Künste seien körperlich. Also ist die Seele, selbst dann auch körperlich, wenn sie mit den Künsten genährt worden ist. Bei ihrem hohen Fluge pflegt die Philosophie häutig nicht auf den Weg zu sehen. So kam es, dass Thales in den Brunnen fiel. Sie pflegt auch wohl, indem sie ihre eigenen Meinungen nicht versteht, an das Dasein einer Krankheit zu denken. Daher griff Chrysipp zum Niesswurz. Etwas der Art, vermute ich, ist ihm zugestossen, als er leugnete, dass zwei Körper in einem sein können, wobei er Augen und Sinn gar nicht auf die Schwängern richtete, welche doch jeden Tag nicht einen, sondern sogar zwei und drei Körper im Bereich ihres einzigen Uterus tragen. Ist doch im Civilrechte von einer Griechin die Rede, welche eine Fünfheit von Söhnen zur Welt gebracht hat, zugleich Mutter von allen, mehrfache Gebärerin bei einem einzigen Fötus, vielfältige Kindbetterin bei einem einzigen Uterus, welche, von so vielen Körpern, ich möchte fast sagen, von einem ganzen Volke umringt, selber der sechste Körper war. Die ganze Schöpfung bezeugt es, dass Körper, die aus Körpern hervorgehen sollen, sich bereits an derselben Stelle befinden, von wo sie hervorgehen sollen. Was aus einem andern entsteht, muss notwendig das Zweitfolgende sein. Nichts aber entstellt aus einem andern, als wenn es erzeugt wird. Dann sind es zwei.

7. Was die Philosophen anlangt, so genügt das Gesagte; was die unsrigen betrifft, so ist es bereits zu viel, da uns die Körperlichkeit der Seele schon aus dem Evangelium entgegenleuchtet. Die Seele eines gewissen Mannes in der Unterwelt empfindet Schmerz, wird im Feuer gestraft, leidet Qual an ihrer Zunge und fleht, durch den Finger einer glücklicheren Seele die Erquickung des Taues zu erhalten. 10) Hältst du |297 das Ende des frohen Armen und des trauernden Reichen für ein blosses Bild? Was soll denn dann der Name Lazarus, wenn der Vorfall kein wirklicher ist? Aber auch wenn er für ein blosses Bild zu halten ist, so wird er doch ein Beleg für die Wirklichkeit sein. Denn wenn die Seele keinen Körper hätte, so würde das Bild der Seele keinen Vergleich mit dem Körper zulassen und die heilige Schrift würde nicht ---- lügnerischer Weise also ---- von körperlichen Gliedern reden, wenn es keine gäbe. Was ist es denn aber, das zur Unterwelt getragen wird nach der Trennung vom Körper? Was ist es, das dort festgehalten und für den Gerichtstag aufbewahrt wird? Zu wem ist Christus nach seinem Tode hinabgestiegen? Ich denke, zu den Seelen der Patriarchen. Aber warum befindet sich denn die Seele unter der Erde, wenn sie ein Nichts ist? Denn ein Nichts ist sie, wenn sie kein Körper ist. Für die Körperlosigkeit gibt es keine Art von Gewahrsam, sie ist ledig der Strafe sowohl als der Erquickung; denn das, woran man gestraft oder erquickt wird, kann nur ein Körper sein. Ich werde darüber noch ausführlicher an einem gelegeneren Orte handeln. Wenn also die Seele im Kerker oder am Aufenthaltsorte des Unterirdischen, im Feuer oder im Schoosse Abrahams Strafe und Trost irgendwelcher Art im voraus verkostet, so dürfte die Körperlichkeit der Seele damit bewiesen sein. Denn das Körperlose empfindet nichts, da es kein Organ hat, wodurch es empfinden könnte, oder wenn es eins hat, so ist es der Körper. Wie nämlich alles Körperliche leidens- und empfindungsfähig, so ist alles Leidens- und Empfindungsfähige körperlich.

8. Darum ist es auch in den übrigen Hinsichten grundlos und unsinnig, irgend etwas von der Klasse der Körper auszunehmen, weil es die sonstigen Analogien mit dem Körperlichen nicht in gleicher Weise besitzt. Wo blieben denn da die besondern Unterschiede der Eigenschaften, durch welche sich die Erhabenheit des Urhebers in der Mannigfaltigkeit seiner Werke zeigt, indem diese ebensowohl verschieden als gleich, ebenso einander befreundet als feindlich sind? Die Philosophen sagen selber, dass das All aus lauter entgegengesetzten Dingen bestehe, im Sinne der Freundschaft und Feindschaft des Empedokles. Wenn so also das Körperliche dem Unkörperlichen entgegengesetzt ist, so unterscheiden sich auch diese beiden Klassen von Dingen untereinander selber wieder in der Weise, dass der Unterschied ihre Arten vermehrt, nicht die Gattung ändert, so dass zur Ehre Gottes auf diese Weise der körperlichen Dinge viele sind, indem sie mannigfaltig, mannigfaltig, indem sie verschieden sind, verschieden, indem die Wahrnehmung einer Eigenschaft durch diesen Sinn, einer andern durch jenen geschieht, indem die einen diese Nahrung aufnehmen, die andern jene, diese das Leichte, jene das Schwere, diese das Sichtbare, jene das Unsichtbare. |298 

Man behauptet nämlich, auch deswegen die Seele für unkörperlich ansehen zu müssen, weil nach ihrem Austritt die Leichen schwerer werden, da sie doch durch die Wegnahme eines Körpers, wenn die Seele ein Körper wäre, leichter werden müssten. Was würde man dazu sagen, fragt Soranus, wenn geleugnet würde, das Meer sei ein Körper, weil ein ausserhalb des Meeres befindliches Schiff unbeweglich und schwer wird? Um wie viel kräftiger muss daher der Körper der Seele sein, wenn sie den nachher so schweren Leib mit solcher Behendigkeit und Beweglichkeit herumträgt!

Auch die Unsichtbarkeit der Seele entspricht der Beschaffenheit ihres Körpers, der Eigentümlichkeit seiner Substanz und der Natur dessen, wodurch sie die Eigenschaft des Unsichtbarseins erlangt hat. Die Nachteulen wissen nichts vom Sonnenschein wegen ihrer Augen, die Adler aber können ihn so gut vertragen, dass sie den echten Adel ihrer Nachkommenschaft danach beurteilen, ob deren Augen ihm zu trotzen vermögen; andernfalls ziehen sie dieselbe nicht auf, als sei aus der Art geschlagen, wer sich vor dem Sonnenstrahl wegwendet. Was also dem einen unsichtbar ist, ist es dem andern nicht, und braucht darum doch nicht unkörperlich zu sein, weil sich jene Fähigkeit nicht gleich bleibt. Denn die Sonne ist ein Körper, da sie ja Feuer ist. Allein was der Adler bekennt, das dürfte die Nachteule am Ende leugnen, ohne darum ein Präjudiz gegen den Adler hervorzurufen. Ebenso sehr ist auch der Seelenkörper höchstens für das Fleisch unsichtbar, dem Geiste aber ist er sichtbar. So erblickte z. B. Johannes, vom Geiste Gottes überkommen, die Seelen der Märtyrer.

9. Wenn wir behaupten, dass der Seelenkörper von besonderer Beschaffenheit und eigener Art sei, so dürfte bereits dieser Umstand, die Eigenart, in betreff der übrigen Accidenzien der Körperlichkeit ein Präjudiz dafür geben, dass er, dessen Körper wir bewiesen haben, deren ebenfalls besitze, 11) dass aber auch sie von eigener Art sind entsprechend der Eigentümlichkeit des Seelenkörpers, oder aber wenn etwa keine vorhanden sind, eben dies zu seiner Besonderheit gehöre, dass der Seelenkörper nicht hat, was die andern Körper haben. Trotzdem werden wir beharrlich behaupten, dass die Seele alle gewöhnlicheren und die durchaus notwendigen Eigenschaften der Körperlichkeit besitze, wie z. B. das Aussehen, die Begrenzung und die dreifache Ausdehnung, nämlich Länge, Breite und Höhe, wonach die Philosophen den Körper messen. |299 

Wie aber, wenn wir auch ein Bild der Seele zuliessen, Plato zum Trotz, der es nicht zugeben will, weil die Unsterblichkeit der Seele dadurch in Gefahr käme?! Denn alles Abzubildende, behauptet er, sei zusammengesetzt und gefügt; alles Zusammengesetzte und Gefügte sei auflösbar; die Seele aber sei unsterblich. Folglich sei sie unauflösbar, weil unsterblich und unabbildbar, weil unauflöslich. Sie würde aber zusammengesetzt und gefügt sein, wenn sie abbildbar wäre. Er schildert sie gleichsam auf eine andere Weise ab in bloss intellektuellen Formen: als schön infolge der Gerechtigkeit und des philosophischen Unterrichts, hässlich hingegen durch das Gegenteil davon.

Wir legen ihr leibliche Umrisse bei, nicht bloss infolge unseres Glaubens an ihre Körperlichkeit im Wege des Schlusses, sondern mit der Zuversicht der Gnade infolge einer Offenbarung. Denn weil wir geistige Charismen gelten lassen, so haben wir die Prophetengabe zu erlangen verdient, auch noch nach Johannes. 12) Es befindet sich gegenwärtig bei uns eine Mitschwester, welcher das Charisma der Offenbarungen zuteil geworden ist, die sie in der Kirche während der Sonntagsfeier durch Verzückung im Geiste erhält. Sie verkehrt mit den Engeln, zuweilen auch mit dem Herrn, sie sieht und hört Geheimnisse, unterscheidet zuweilen die Herzen und gibt denen, die es verlangen, Heilmittel an. Ferner, je nachdem Schriftstellen gelesen, Psalmen gesungen oder Anreden gehalten werden, bieten sich ihr aus ihnen Gegenstände zu Visionen dar. Zufällig hatte ich einmal, ich weiss nicht mehr was, über die Seele vorgetragen, als über diese Schwester der Geist kam. Gemäss ihrer Gewohnheit, uns mitzuteilen, was sie geschaut hat ---- ich erzähle dies sorgfältig, damit es geprüft werde ---- sagte sie nach Vollendung des Gottesdienstes und Entlassung des Volkes: Unter anderem wurde mir die Seele in leiblicher Gestalt gezeigt und der Geist war sichtbar, nicht entleert und in hohler Beschaffenheit, nein, so, dass er sich auch festhalten zu lassen versprach, zart, lichtartig, luftfarben und in vollkommen menschlicher Gestalt. 13) Dies die Vision; Gott ist Zeuge und der Apostel hinlänglich Bürge für das künftige Vorhandensein von Charismen in der Kirche ---- und da wollte man, wenn die Sache selbst in den Einzelheiten in so überzeugender Weise auftritt, nicht einmal glauben?!

Denn wenn die Seele ein Körper ist, so ist sie ohne Zweifel innerhalb der Dinge, die wir oben angegeben haben. Auch die Farbe als Eigenschaft hängt jeglichem Körper an. Welche Farbe also wolltest du sonst bei der Seele annehmen, als die der Luft und des Lichtes? Nicht |300 dass die Luft selbst die Substanz der Seele wäre, obschon es dem Änesidemus und Anaximenes, nach einigen vermutlich auch Heraklit so geschienen hat, noch auch das Licht, obschon es dem Heraklides aus Pontus so gefällt. Der Keraunius 14) hat darum keine feurige Substanz, wenn er auch in rötlicher Farbe schillert, noch der Beryll darum einen wässerigen Stoff, weil er in geläutertem Schimmer schwimmt. Wie viele andere Dinge gleichen sich in der Farbe, werden aber durch ihre Wesenheit weit auseinander gehalten! Weil alles Feine und Durchsichtige mit der Luft verwechselt werden kann, so könnte es auch die Seele, insofern sie ein Hauch und übertragener Atem ist. Läuft sie ja doch wegen ihrer Feinheit und Dünnheit Gefahr, selbst hinsichtlich ihrer Körperlichkeit verkannt zu werden.

So mache dir denn nun auch in betreff ihres Bildes einen Begriff aus deiner eignen Wahrnehmung, dass das Bild der menschlichen Seele für kein anderes gehalten werden dürfe, als eben für das menschliche, und zwar das Bild desjenigen Körpers, den eine jede mit sich umhertrug. Dies so zu verstehen, mögen wir vorläufig durch die Betrachtung ihres Ursprunges bewogen werden. Vergegenwärtige dir nämlich folgendes: Als Gott den Hauch des Lebens in das Angesicht des Menschen blies und der Mensch zur lebendigen Seele geworden war, wurde sofort jener Hauch vollständig durch das Gesicht in sein Inneres hinübergeleitet, ergoss sich durch alle Räume des Körpers, verdichtete sich zugleich durch göttliche Nachhilfe, drückte jede der Grenzlinien aus, die er, drinnen verdichtet, ausgefüllt hatte und erstarrte gleichsam wie in einer Form. Damit also wurde die Körperlichkeit der Seele kraft der Verdichtung befestigt und ihr Bild durch das Abdrücken geformt.

Das wäre der innere Mensch; ein anderer ist der äussere, in beidem einer. Auch jener hat seine Augen und Ohren, womit das Volk 15) den Herrn hätte sehen und hören sollen, sowie die übrigen Glieder, deren er sich in Gedanken bedient und die er bei Träumen gebraucht. So hat denn auch der reiche Prasser in der Unterwelt eine Zunge, der Arme Finger und Abraham einen Schooss. 16) An diesen Umrissen werden auch die Seelen der Märtyrer unter dem Altare erkannt. Denn die von Anfang an in Adam mit dem Körper verwachsene und mit ihm geformte Seele war der Same wie der ganzen Gesamtsubstanz so auch der in Rede stehenden Seinsweise.

10. Es gehört zum Wesen des Glaubens, die Seele mit Plato zu bestimmen als einfach, d. h. als eingestaltig wenigstens hinsichtlich der |301 Substanz. 17) Mögen die Künste und Wissenschaften, mögen auch die Bilder dazu sagen, was sie wollen!

Einige Leute wollen nämlich, dass sich in ihr noch als eine andere geistige Substanz der Odem befinde, in dem Sinne, dass es etwas anderes sei zu leben, was von der Seele herkomme, und wieder etwas anderes zu atmen, was durch den Odem geschehe. Denn nicht alle lebenden Wesen besitzen beides. Sehr viele nämlich leben bloss, atmen aber nicht, deswegen, weil sie keine Atmungsorgane, keine Lungen und Luftröhren besitzen. Wozu aber sollte es dienen, bei der Untersuchung über die menschliche Seele sich bei kleinlichen, von der Mücke und Ameise hergenommenen Spitzfindigkeiten aufzuhalten, da ja doch der göttliche Schöpfungskünstler allen Tieren Lebensorgane gegeben hat, entsprechend der Beschaffenheit jeglicher Gattung, so dass man daraus keine Schlüsse ziehen kann. Denn der Mensch, wenn er mit Lungen und Luftröhren ausgerüstet ist, wird darum nicht mit etwas anderem atmen und anders leben, noch wird hinsichtlich der Ameise, wenn sie dieser Organe entbehrt, in Abrede gestellt werden dürfen, dass sie atme und bloss lebe. Wem aber ist so viel Einblick in die Werke Gottes gestattet, dass er bei irgend einem davon auf diesen Mangel schliessen könnte? Ob Herophilus, der bekannte Arzt oder auch Fleischhacker, der sechshundert Personen seziert hat, um die Natur zu erforschen, der den Menschen mit Hass verfolgte, um ihn kennen zu lernen, ob er alle seine inneren Teile bis zur Evidenz erkannt hat, ich weiss es nicht; denn der Tod verändert ja das, was Leben gehabt hat, zumal ein nicht gewöhnlicher Tod, und er selbst irrte sich wohl auch zwischen den Handgriffen des Sezierens. 18)

Die Philosophen haben als ausgemacht behauptet, dass die Mücken, Ameisen und Motten keine Lungen haben. ---- Sage mir, sorgsamer Forscher, haben sie Augen zum Sehen? Sie laufen aber doch nach jeder Richtung, wohin sie wollen; sie vermeiden und erstreben, was sie durch das Gesicht erkannt haben. Zeige mir nun die Augen, lege mir die |302 Pupillen vor! Die Motten nagen ja auch; zeige mir ihre Kinnladen, weise mir ihre Backen! Die Mucken geben doch Laute von sich und sind nicht einmal im Dunkeln blind; denn sie wissen die Ohren zu finden. Wo ist nun ihre Sprachröhre und ihr Mundstück? Jegliches Tier, und wenn es auch nur so gross wie ein Pünktchen wäre, muss von irgend etwas leben. Zeige mir seine Organe zum Unterschlucken, Verdauen und zur Scheidung der Speisen!

Was werden wir also sagen? Wenn diese Organe zum Leben gehören, so werden sie sich natürlich auch bei allem, was lebt, vorfinden, wenn sie auch nicht sichtbar, nicht bemerkbar sind wegen ihrer Kleinheit. Man wird dies um so glaublicher finden, wenn man sich erinnert, dass Gott ein grosser Künstler ist im kleinen sowohl als im allergrössten. Wenn man dagegen glaubt, dass so kleine Körperchen dem Erfindungsgeiste Gottes keinen Raum böten, so müsste man seine Grösse darin erkennen, dass er die kleinen Tierchen doch mit Leben ausgerüstet hat, ohne die erforderlichen Glieder dazu, dass sie Sehkraft besitzen ohne Augen, fressen ohne. Zähne, verdauen ohne Bauchhöhlen, so gut, wie manche andere sich auch ohne Füsse fortbewegen in wellenförmiger Bewegung, wie die Schlangen, sich im Ansprung emporheben, wie die Würmer, oder im Kriechen Schaum absondern, wie die Schnecken.

Warum wolltest du also nicht auch glauben, dass sie atmen ohne die Blasbälge der Lunge und ohne eine Luftröhre? sondern vermeinst, einen gewaltigen Griff in dem Argumente gethan haben, dass du sagst, der menschlichen Seele sei auch der Odem beigegeben, weil es Geschöpfe gebe, die des Atmens entbehren, und deswegen des Atmens entbehren, weil sie nicht mit Atmungswerkzeugen ausgerüstet seien. Du nimmst an, dass etwas ohne zu atmen leben könne; dass es aber ohne Lunge atmen könne, willst du nicht glauben?! Was ist denn, ich bitte dich, das Atmen? Einen Hauch aus sich ausstossen, denke ich. Was heisst nicht leben? Keinen Hauch mehr aus sich ausstossen, denke ich. So würde ich antworten müssen, wenn atmen und leben nicht ein und dasselbe wäre. ---- Der Tote wird keinen Hauch mehr aus sich ausstossen, der Lebende wird also einen solchen ausgehen lassen. ---- Ja, aber auch der Atmende wird einen Hauch ausstossen, folglich wird der Lebende auch atmen. Wenn beides ohne die Seele vor sich gehen könnte, so würde der Seele nicht das Atmen, sondern bloss das Leben zuzuschreiben sein. Aber leben ist atmen und atmen ist leben. Also ist das Leben und Atmen zusammen miteinander Sache dessen, dem das Leben eignet, d. h. der Seele.

Will man Seele und Odem auseinanderhalten, so halte man auch deren Thätigkeiten auseinander. Beide sollten doch einmal etwas in unterschiedlicher Weise thun, die Seele für sich und der Odem für sich! Die Seele sollte doch einmal ohne den Odem leben und der Odem ohne |303 die Seele atmen. Das eine sollte doch einmal den Körper verlassen und das andere darin bleiben; Tod und Leben sich zusammenthun! Denn wenn Seele und Odem zwei Wesen sind, so können sie auch getrennt werden, und kann durch ihre Trennung, indem das eine geht, das andere bleibt, sich ein Zusammentreffen von Tod und Leben ereignen. Aber das wird niemals vorkommen. Folglich sind sie nicht zwei Wesen, da sie nicht getrennt werden können. Sie würden aber getrennt werden können, wenn sie zwei wären.

Aber es können doch zwei Dinge zusammengewachsen sein. ---- Gut, sie würden aber nicht zusammengewachsen sein, wenn leben etwas anderes wäre als atmen. Ihre bezüglichen Thätigkeiten setzen den Unterschied zwischen den Substanzen.

Um wie viel sicherer ist nun die Wahrheit gestellt, dass beide nur ein Wesen sind, da du keine Scheidung zulässest, indem Seele und Atmungsseele dasselbe sind, und das, was atmet und lebt, eines und dasselbe ist! Wie wäre es, wenn man den Tag für etwas anderes ausgeben wollte, als das Licht, indem dieses zum Tage noch hinzutrete, da doch der Tag selbst das Licht ist? Es mag allerdings auch andere Arten von Licht geben, wie zum Beispiel das mit Hilfe des Feuers erzielte Licht. Es mag auch andere Arten von Atmungsseelen geben, wie z. B. die aus Gott oder die aus dem Teufel stammenden. Daher wird, wenn von der Seele und dem Lebensodem gehandelt wird, Seele und Almungsseele dasselbe sein, so gut wie Tag und Tageslicht. Denn ein Ding ist etwas durch das, wodurch es zu etwas wird.

11. Die Seele hier Odem zu nennen, treibt mich der Stand der gegenwärtigen Untersuchung; denn das Atmen ist, einer andern Substanz zugeschrieben worden. Wenn wir es der Seele selbst zuschreiben, die wir als eingestaltig und einfach anerkennen, so müssen wir uns des Ausdrucks Odem mit einer gewissen Modifikation bedienen, nicht als Bezeichnung eines Zustandes, sondern einer Thätigkeit, nicht für die Substanz, sondern für ihr Wirken, da sie atmet, nicht aber im eigentlichen Sinne der Lebensodem selbst ist. Denn auch das Hauchen ist Atmen.. Wie wir also infolge ihrer Eigentümlichkeit behaupten, die Seele sei ein Hauch, so sprechen wir hier aus Notwendigkeit den Satz aus, sie sei Odem.

Im übrigen halten wir gegen Hermogenes, der behauptet hat, sie sei aus der Materie und nicht aus dem Hauche Gottes entstanden, im eigentlichen Sinne aufrecht, dass sie ein Hauch sei. Er macht nämlich gegen die Autorität der hl. Schrift selbst aus dem Hauche einen Odem, und meint somit, da es unglaublich sei, dass der Hauch Gottes in einen Fehltritt und infolge dessen dem Gerichte verfalle, die Seele sei aus der Materie und nicht aus dem Odem Gottes hervorgegangen. Darum |304 haben wir auch dort den Satz verteidigt, sie sei ein Hauch und nicht ein Odem, in Gemässheit mit der hl. Schrift und der Unterscheidung des Ausdrucks. Hier dagegen sagen wir nur ungern von ihr aus, dass sie ein Odem sei wegen der Identität des Hauchens und des Atmens. Dort handelte es sich um die Substanz; denn das Hauchen ist eine Thätigkeit der Substanz.

Halten wir uns nun auch nicht länger dabei auf, als wegen der Häretiker nötig ist, die weiss Gott was für einen spirituellen Samen in die Seele hineinstopfen, der durch eine heimliche Freigebigkeit der Mutter Sophia ohne Wissen des Schöpfers ihr verliehen sein soll! Die hl. Schrift aber, die den Schöpfer, ihren Gott, besser kennt, hat. nichts darüber weiter gemeldet, als dass Gott in das Antlitz des Menschen den Hauch des Lebens blies und der Mensch zur lebenden Seele geworden sei, wodurch er von da an sowohl lebt als atmet. Dabei ist dann der Unterschied zwischen Odem und Seele in den folgenden Schriften genugsam kenntlich gemacht, indem Gott selbst spricht: "Der Odem ist aus mir ausgegangen, und jeglichen Hauch, ich habe ihn gemacht." 19) Die Seele ist nämlich der aus dem Odem entstandene Hauch. Und wiederum heisst es: "Der, welcher dem Volke auf Erden den Hauch gegeben hat und Odem denen, die sie treten." 20) Zuerst hat nämlich Seele, d. i. Hauch, das Volk, das auf der Erde wandelt, d. h. welches im Fleische fleischlich handelt, sodann haben Lebensodem die, welche die Erde unter die Füsse treten, d. h. die Werke des Fleisches sich unterwerfen, wie denn auch der Apostel nicht das, was geistig ist, zuerst setzt, 21) sondern erst das Animale und dann das Spiritale. Wenn Adam sofort als Prophet auftrat und das grosse Sakrament verkündete, in bezug auf Christus und die Kirche: "Dies ist jetzt Bein von meinen Beinen und Fleisch von meinem Fleisch; deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und sie werden zwei sein zu einem Fleische", 22) ---- so erfuhr auch er ein plötzliches Überkommen des Geistes. Es kam nämlich eine Extase über ihn, eine die Prophetie des hl. Geistes vermittelnde Kraft.

Denn auch der böse Geist ist etwas, das einen überkommt. So verwandelte z. B. der Geist Gottes den Saul nachher in einen andern Menschen, d. i. in einen Propheten, da es heisst: "Was ist dies mit dem Sohne des Cis? Auch Saul unter den Propheten?" 23) Nachher aber verwandelte ihn der böse Geist in einen andern Menschen, nämlich in einen Abtrünnigen. Auch in Judas, der eine geraume Zeit zu den Auserwählten zählte, so dass er sogar Schatzmeister wurde ---- obwohl damals schon |305 ein Betrüger, so doch noch kein Verräter, ---- auch in ihn fuhr nachmals der Teufel. Wenn also der Seele von Geburt aus weder der Geist Gottes noch der Geist des Teufels zugesellt ist, so steht es fest, dass sie für sich allein bleibt, so lange nicht der eine oder andere Geist kommt. Wenn sie aber allein ist, dann ist sie auch einförmig, in Hinsicht auf ihre Substanz einfach und hat daher ihren Odem nirgendwo anders her, als aus ihrer eigenen Substanz.

12. Ebenso verstehen wir unter dem animus, meinetwegen auch dem mens, bei den Griechen dem νοῦς, nichts anderes als den der Seele angeborenen oder eingepflanzten und von Geburt aus eigenen Trieb, vermöge dessen sie handelt und empfindet. Ihn aus sich selbst bei sich besitzend, bewegt sie sich in sich selbst und scheint von ihm wie von einer fremden Substanz bewegt zu werden. So wollen es die, welche den animus für den Beweger des Weltall halten, jenen bekannten Gott des Sokrates, den Monogenes des Valentinus, dessen Vater der Bythos, dessen Mutter die Sige sein soll.

Wie verworren ist doch die Ansicht des Anaxagoras! Nachdem er den animus für den Anfang aller Dinge ausgegeben hat, an welchem das Weltall wie eine Schaukel an ihrer Achse aufgehängt sei und dann behauptet hat, derselbe sei rein, einfach und keiner Mischung fähig, so sondert er ihn gerade aus diesem Grunde wieder von der Vergesellschaftung mit der Seele ab und gesellt ihn doch an einer andern Stelle ihr wiederum zu.

Dies hat auch Aristoteles getadelt, von dem man eigentlich nicht weiss, ist er besser gerüstet, seine Lehren aufzuputzen oder die der andern des Inhalts zu entleeren. Seine eigene Definition von animus hat er aufgespart, vor der Hand aber doch von einer andern Art von animus gesprochen, dem göttlichen, den er durch den Beweis seiner Leidensunfähigkeit wiederum von der Gemeinschaft mit der Seele fern hält. Denn da es feststeht, dass die Seele die Leiden, von denen sie getroffen wird, zu ertragen fähig ist, so wird sie dieselben entweder durch Vermittlung des animus leiden und dann auch mit ihm ---- denn wenn sie mit ihm zusammengewachsen ist, so kann man von keinem leidensunfähigen animus reden ---- oder aber, wenn sie nicht durch Vermittlung des animus leidet, dann leidet sie auch nicht mit ihm. Sie wird also auch nicht mit dem verwachsen sein, mit welchem sie nichts und der selbst nichts leidet.

Wenn nun aber weiter die Seele weder durch ihn noch mit ihm leidet, so wird sie auch nichts durch ihn wahrnehmen, denken und sich nicht durch ihn bewegen lassen. Aristoteles lässt nämlich auch die Empfindungen Leiden sein. Warum denn nicht? Ist ja doch auch das Empfinden ein Leiden, weil leiden empfinden ist. Ebenso ist dann auch das Denken |306 ein Empfinden und die Bewegung ein Empfinden, und so alles ein Leiden. Wir finden aber, dass die Seele von alledem nichts gewahr wird, ohne dass es auch dem animus zugeschrieben wird, weil es sich durch ihn und mit ihm vollzieht. Folglich ist ---- gegen die Ansicht des Anaxagoras ----der animus auch einer Vergesellschaftung fähig und er ist ---- gegen die Ansicht des Aristoteles ---- auch leidensfähig. Wofern man aber eine Scheidung zulässt, so dass Seele und animus der Substanz nach zwei verschiedene Dinge wären, so wird dem einen alles Leiden, Empfinden, Denken, sowie die Thätigkeit und die Bewegung zugehören, dem andern aber Nichtsthun, Ruhe, Stumpfsinn, überhaupt das Negative, und es wird entweder die Seele oder der animus ohne Beschäftigung sein. Wenn es aber feststeht, dass alle diese Dinge beiden zugeschrieben werden, so sind folglich beide eins, und Demokrit wird Recht behalten, wenn er den Unterschied beseitigt. Die Frage wird dann nur die sein: wie sind sie beide eins, durch Vermischung der beiden Substanzen oder indem sie sich als eins verhalten? Unsere Erklärung ist, der animus sei mit der Seele verwachsen, nicht in der Art wie ein zweites der Substanz nach, sondern wie eine Verrichtung der Substanz.

13. Ausserdem ist noch übrig, zuzusehen, wo sich der Vorrang befindet, d. h. wer von ihnen die Vorstandschaft ausübt, und über wen, und das, bei dem sich der Vorrang findet, das wird auch die Masse der Substanz bilden. Dasjenige aber, worüber die Masse der Substanz die Führerschaft ausübt, das wird als blosse natürliche Verrichtung der Substanz angesehen werden müssen. Aber wer wollte nicht das Ganze der Seele zuerkennen, deren Name ja als Bezeichnung des gesamten Menschen förmlich anerkannt ist? So und so viel Seelen animae habe ich zu ernähren, sagt der Reiche, nicht animi; der Steuermann wünscht die Erhaltung der Seelen, die Seele versichert der Landmann bei seiner Arbeit, der Soldat in der Schlacht einzusetzen, ein, nicht den animus. Wessen Gefahren und Wünsche werden häufiger genannt, die der Seele oder die des animus? Was geben die Menschen nach der allgemeinen Ausdrucksweise beim Tode auf, die Seele oder den animus? Und sie selber zuletzt, die Philosophen und die Ärzte, sie schreiben, wenn sie gleich über den animus handeln wollen, doch einer wie der andere auf die Stirn ihres Werkes und an die Spitze des Gegenstandes de anima. Dieselben Ausdrücke bekommt man von Gott zu hören. Gott redet immer nur die Seele an, zur Seele spricht er; sie ruft er, auf ihn Acht zu haben. Sie selig zu machen kam Christus, sie droht er in der Hölle zu verderben, sie verbietet er zu hoch zu schätzen. Sie ist es, die er selbst einsetzt, der gute Hirt, für seine Schafe. Da hast du den Vorrang der Seele, da hast du auch die Einheit der Substanz in ihr und siehst, dass der animus nur ihr Werkzeug ist, nicht ihr Beschützer. |307 

14. In den anderen Beziehungen einheitlich und einfach, ist sie vollständig durch sich und kann ebensowenig von aussenher konstruiert werden, als sie aus sich teilbar ist; denn sie ist auch nicht auflösbar. Wäre sie konstruierbar und auflösbar, so wäre sie nicht mehr unsterblich. Daher ist sie, weil nicht sterblich, auch weder auflösbar noch teilbar. Denn Teilung ist Auflösung und Auflösung ist Sterben.

Aber dennoch teilt man sie in Teile, bald in zwei, wie Plato, bald in drei, wie Zeno, bald in fünf und sechs, wie Panätius, in sieben, wie Soranus, sogar in acht, wie Chrysippus, ja, sogar in neun, wie Apollophanes, aber auch in zwölf, wie einige Stoiker. In zwei fernere Teile wird sie ausserdem noch von Posidonius geteilt, der von zwei Titeln ausgeht, dem obersten, den man das ἡγεμονικόν nennt, und dem vernünftigen, den man das λογικόν nennt, und sie sodann in siebenzehn Teile zerlegt.

So teilen sich immer andere und andere Besonderheiten in die Seele. Dieselben dürfen aber nicht sowohl für Teile der Seele gehalten werden, als vielmehr für ihre Kräfte, Wirkungen und Thätigkeiten, wie Aristoteles hinsichtlich einiger auch wirklich geurteilt hat. Denn die Seelensubstanz hat keine Gliedmassen, sondern Anlagen; so z. B. zur Bewegung, zur Thätigkeit, zum Denken und was man sonst noch in dieser Hinsicht für Unterscheidungen trifft, wie die bekannten fünf Sinne, Gesicht, Gehör, Geschmack, Tastsinn und Geruch. Obwohl man allen diesen Vorrichtungen bestimmte Sitze am Körper angewiesen bat, so wird doch darum eine solche Einteilung der Seele nicht gleichbedeutend sein mit Abschnitten der Seele, da man ja nicht einmal den Leib in der Weise teilt, wie jene Leute die Seele teilen wollen. Es wird vielmehr durch die Vielheit der Glieder der eine Leib gebildet, so dass diese Teilung selber eher eine Zusammensetzung ist.

Betrachte das wunderbare Geschenk, das uns Archimedes gemacht hat, die Wasserorgel! Sie hat so viele Glieder, so viele Teile, Gelenke, Tonkanäle, Verstärkungen des Schalles, so viele Verbindungen der Tonarten, so viele Reihen von Pfeifen, und das alles bildet doch nur ein Instrument. Der Hauch, der dort durch den Druck des Wassers flötet, wird darum nicht in Teile zerteilt, weil er in Teilen angewendet wird, seiner Substanz nach ist er einer, den Verrichtungen nach hingegen geteilt. Dem Strato, Änesidemus und Heraklit lag dieses Beispiel nicht fern; denn auch sie halten an der Einheit der Seele fest, welche, durch den ganzen Körper verbreitet und überall sie selbst, durch die Sinne wie der Luftstrom im Rohr durch die Löcher in verschiedener Weise zum Vorschein kommt, nicht sowohl zerschnitten als vielmehr verteilt. Mit welchen Titeln man alle diese Dinge nun benennen, in welche Einteilungen man sie festbannen und durch welche Grenzlinien am Körper |308 man sie abgrenzen soll, das mögen die Ärzte mit den Philosophen ausfechten; für uns werden ein paar Worte genügen.

15. Zunächst die Frage, ob es in der Seele eine gewisse höchste Region gibt, welche die vitale und der Sitz des Denkens ist, das sogenannte Hegemonikon oder das Oberste; denn wenn dieses in Abrede gestellt wird, so ist es um die ganze Seele geschehen. Diejenigen, welche dieses Oberste leugnen, haben zuvor die Seele selbst schon für nichts erklärt. Ein gewisser Dikäarchus aus Messenien, unter den Ärzten aber Andreas und Asklepiades, haben das Oberste dadurch beseitigt, dass sie die Sinne, für welche eben ein Oberstes behauptet wird, in den animus selbst verlegen. Asklepiades reitet auch auf dem Scheinbeweise herum, dass viele Tiere noch geraume Zeit leben und selbst dann noch empfinden, wenn man sie der Teile beraubt, worin nach der gewöhnlichsten Meinung das Oberste seinen Sitz hat, wie z. B. die Fliegen, Wespen und Heuschrecken, wenn man ihnen die Köpfe abschneidet, die Ziegen, Schildkröten und Aale, wenn man ihnen die Herzen herauszieht. Daher gebe es gar kein Oberstes; denn wenn es ein solches gebe, so würde die Lebenskraft der Seele mit ihrem Sitz verloren gehen und nicht fortdauern.

Allein gegen den Dikäarchus stehen mehrere, sowohl Philosophen, wie Plato, Strato, Epikur, Demokrit, Empedokles, Sokrates, Aristoteles, als auch Ärzte gegen den Andreas und Asklepiades, nämlich Herophilus, Erasistratus, Diokles, Hippokrates und Soranus selbst, endlich auch wir Christen, die wir zahlreicher sind als sie alle, wir werden in betreff beider Punkte von Gott dahin belehrt, dass es in der Seele ein Oberstes gebe, und dass dieses zweitens in einen bestimmten Ort des Körpers gebunden sei. Denn wenn wir lesen, dass Gott der Erforscher und Beobachter des Herzens sei, wenn sein Prophet daran erprobt wird, dass er der Geheimnisse des Herzens überführt, wenn Gott selbst den Gedanken des Herzens bei seinem Volke zuvorkommt: "Warum denkt ihr in Euren Herzen Böses?", 24) wenn David sagt: "Erschaffe in mir ein reines Herz, o Gott!" 25) und Paulus, "dass man mit dem Herzen glaube zur Gerechtigkeit", 26) und Johannes, "dass ein jeder von seinem eigenen Herzen zurechtgewiessen werde," 27) wenn schliesslich einer, "der eine Frau ansieht, um ihrer zu begehren, in seinem Herzen bereits die Ehe gebrochen hat," 28) ---- dann leuchtet zugleich beides ein, erstens, dass es in der Seele ein Prinzipales gebe, an welches die göttliche Absicht sich wendet, d. h. ein Empfindungs- und Lebensvermögen ---- denn was empfindet, das ist auch lebendig, ---- und dass es zweitens in der Schatzkammer des Körpers enthalten sei, auf welche Gott hinblickt. |309 

Daher wird man nicht mit Heraklit annehmen, jenes Prinzipale werde von aussen her bewegt, noch mit Moschion, es sei durch den ganzen Körper verbreitet, noch mit Plato, dass es im Kopfe eingeschlossen sei, noch mit Xenokrates, es habe vielmehr im Scheitel seinen Sitz, noch mit Hippokrates, es ruhe im Gehirn, auch nicht in der Basis des Gehirns, wie Herophilus will, noch in den Häutchen desselben, wie Strato und Erasistratus sagten, noch in der Mitte zwischen den beiden Augenbrauen, wie der Physiker Strato will, noch im Brustkasten im ganzen, wie Epikur, sondern dass es das sei, was schon die Ägypter und die vermeintlichen Erklärer der Orakelsprüche als solches bezeichneten, sowie auch der bekannte Vers des Orpheus oder Empedokles: "Das das Herz umströmende Blut bildet beim Menschen die geistige Wahrnehmung." 29) Auch Protagoras, Apollodorus und Chrysippus denken so. Sogar von solchen Leuten zurückgewiesen, weiss Asklepiades nicht, wo er mit seinen Ziegen ohne Herzen, die doch blöken, bleiben soll; er jagt seine Mücken, die ohne Kopf fliegen, fort, und alle, welche über die Einrichtung der menschlichen Seele aus der Beschaffenheit der Tiere Schlüsse ziehen wollen, sind instand gesetzt einzusehen, dass sie selbst es sind, die leben, ohne Herz und Hirn zu haben.

16. Durch die Zweiteilung der Seele, welche Plato vornimmt, in einen vernünftigen und einen unvernünftigen Teil wird die Glaubenslehre gleichfalls berührt. Dieser Lehre schenken auch wir Beifall, aber nicht in der Weise, dass beides für natürlich gehalten werden dürfte. Denn für naturentsprechend ist nur das Rationale zu halten, weil es der Seele von Anfang an eingeschaffen worden ist durch ihren vernünftigen Urheber. Denn nichts, was Gott durch sein Geheiss hervorgerufen, ist unvernünftig, geschweige denn das, was er im eigentlichen Sinne durch seinen Hauch hat ausgehen lassen.

Das Irrationale aber ist für das Spätere zu halten, weil es durch den Antrieb der Schlange hinzugetreten ist, eben jener Fehltritt der Übertretung selber, sich sodann in der Seele festgesetzt hat und mit ihr herangewachsen ist, ähnlich wie eine natürliche Eigentümlichkeit; denn es kam gleich bei den ersten Anfängen der Natur hinzu. Wenn aber derselbe Plato das Rationale als das Alleinige bezeichnet, weil es sich an der Seele Gottes selbst vorfinde, so würde, wenn wir auch das Irrationale der Natur, die unsere Seele von Gott empfangen hat, beilegen wollten, das Irrationale als etwas Natürliches ebenso von Gott herrühren müssen; denn Gott ist der Urheber der Natur. Nun kommt aber die Sünde aus der Eingebung des Teufels, alles Unvernünftige ist Sünde, folglich stammt das |310 Unvernünftige vom Teufel, der auch der Urheber der Sünde ist, welche Gott fremd ist, wie ihm auch das Unvernünftige fremd ist. Mithin ist die Verschiedenheit dieser Dinge eine Folge der Verschiedenheit ihrer Urheber.

Wenn Plato sodann, indem er das Rationale für Gott allein in Anspruch nimmt, aus dem Irrationalen 30) wiederum zwei Unterabteilungen macht, die Regungen des Unwillens, das sog. θυμικόν, und des Begehrens, das sog. ἐπιθυμητικόν, so zwar, dass ersteres uns gemein sei mit den Löwen, letzteres aber mit den Mücken, das Rationale hingegen mit Gott, so finde ich, dass man auf diesen Punkt genauer eingehen müsse um dessentwillen, was wir bei Christus wahrnehmen. Denn siehe, diese gesamte Dreiheit findet sich auch beim Herrn, sowohl das Rationale, kraft dessen er lehrt, Reden hält und den Heilsweg bereitet, als auch das zornmütige Element, kraft dessen er über die Schriftgelehrten und Pharisäer schilt, sowie auch das Strebungsvermögen, kraft dessen ihn mit seinen Jüngern das Pascha zu essen verlangt. Mithin darf man nicht glauben, das Zornmütige und das Strebungsvermögen gehe bei uns Menschen immer vom irrationalen Prinzip aus, da wir versichert sind, dass es beim Herrn einen rationalen Verlauf genommen habe. Gott wird in vernünftiger Weise denen zürnen, welchen er zürnen muss, und in vernünftiger Weise Dinge begehren, die seiner würdig sind. Er wird einerseits dem Bösen zürnen, andererseits dem Guten die Seligkeit wünschen.

Auch der Apostel gestattet uns ein Begehren. "Wenn einer den Episkopat begehrt, so begehrt er ein gutes Werk." 31) Wenn er ihn ein gutes Werk nennt, so gibt er zu erkennen, dass das Begehren ein vernünftiges sei. Warum denn auch nicht? er nahm ihn ja selbst über sich. Auch sagt er: "O, dass die, welche Euch verführen, abgeschnitten würden." 32) Der Unwille, welcher ans der Liebe zur Ordnung stammt, ist vernünftig. Hingegen, wenn er sagt: "Auch wir waren einst von Natur Kinder des Zornes," 33) so brandmarkt er damit den unvernünftigen Zorn und Unwillen, weil dieser nicht aus der Natur stammt, welche von Gott herrührt, sondern aus derjenigen, welche der Teufel herbeigeführt hat, der in seiner Sphäre auch den Namen "Herr" erhält. "Ihr könnt nicht zweien Herren dienen." 34) Er wird sogar Vater genannt: "Ihr stammt von Eurem Vater, dem Teufel." 35) Man stehe nicht an, die andere, und zwar die verschlechterte Natur demjenigen als Eigentum zuzuschreiben, von dem geschrieben steht, dass er den Samen des Windhafers darüber säe und bei nächtlicher Weile die Aussaat des Weizens verfälsche.

17. Auch die Frage nach den bekannten fünf Sinnen, welche wir mit den Anfangsgründen der Wissenschaft kennen lernen, gehört hierher, |311 weil die Häretiker auch sie zu Hilfe nehmen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl.

Die Akademiker verwerfen ihre Zulässigkeit in schroffer Weise, nach einigen Angaben auch Heraklit, Diokles und Empedokles. Plato nennt im Timäus die Sinneswahrnehmung eine unvernünftige und mit Einbildungen zusammenhängende. So wird der Sehkraft vorgeworfen, sie täusche, weil sie das Ruder im Wasser gekrümmt und gebrochen zeigt, obwohl man weiss, dass es ganz ist, weil sie einen vierkantigen Thurm von fern rund erscheinen lässt, weil sie einen überall gleich breiten Säulengang am Ende hässlich verengert, weil sie den Himmel, der so hoch über uns ist, mit dem Meere zusammenfliessen lässt. Ebenso macht sich das Gehör des Betrugs schuldig. Meinen wir, es dröhne vom Himmel her, so ist es ein Wagen; fängt der Donner an zu rollen, so halten wir es für das Getöse eines Wagens. Auch Geruch und Geschmack werden in der Art angeklagt. Denn dieselbe Salbe, derselbe Wein erscheint bei einem spätem Gebrauche geringer. Auch der Tastsinn wird getadelt. Denn die Hände halten das Getäfel des Fussbodens für rauh, die Füsse hingegen für glatt; beim Baden kündigt sich dasselbe Badewasser zuerst als sehr heiss, sodann als massig warm an. Folglich, sagt man, werden wir durch die Sinne getäuscht, wenn wir unsere Meinungen ändern. Etwas gemässigter verfahren die Stoiker; sie beschuldigen nicht jede Sinnesempfindung der Lüge und nicht immer. Die Epikuräer dagegen verteidigen mit zu viel Hartnäckigkeit deren Gleichheit und Beständigkeit bei allen, aber nach einer andern Methode. Denn nicht der Sinn sei es, der lüge, sondern die Vorstellung. Der Sinn verhalte sich nur leidend, nicht vorstellend; die Seele aber stelle vor. Sie haben eine Trennung der Wahrnehmung vom Sinne und des Sinnes von der Seele vorgenommen. Woher denn die Wahrnehmung, wenn nicht vom Sinne? Wenn zum Beispiel das Gesicht den Turm nicht als etwas Rundes wahrnähme, so würde auch keine Wahrnehmung von der Rundheit vorhanden sein. Und woher die Sinneswahrnehmung, wenn nicht von der Seele? Darum wird ein der Seele entbehrender Körper auch ohne Sinneswahrnehmung sein. Also rührt auch die Sinneswahrnehmung von der Seele und die Vorstellung vom Sinne her, und das Ganze ist die Seele.

Übrigens wird die beste Proposition die sein, dass es immerhin etwas gebe, was bewirkt, dass die Sinne andere Meldungen machen, als es der Sache entspricht. Wenn nun Meldungen, die der Sache nicht entsprechen, gemacht werden können, warum sollte nicht durch dasselbe Medium etwas gemeldet werden können, was sich nicht in den Sinnen vorfindet, sondern in den Verhältnissen, welche unter deren Namen auftreten? Und so wird man sie denn also untersuchen dürfen. Gesetzt den Fall, das Ruder erscheine im Wasser gebogen oder gebrochen, so ist das Wasser schuld |312 daran; denn ausserhalb des Wassers ist das Ruder für die Sehkraft gerade. Durch die Zartheit der genannten Substanz aber, kraft deren sie durch die Beleuchtung zu einem Spiegel wird, je nachdem man sie schlägt oder bewegt, wird auch das Bild in zitternde Bewegung gesetzt und die gerade Linie abgelenkt. Täuscht uns die Erscheinung des Turmes, so wird dies offenbar durch die Entfernung bewirkt. Die Gleichmässigkeit der uns umgebenden Luft überkleidet nämlich die Kanten mit gleichem Lichte und verwischt die Linien. So wird auch der an sich gleichbreite Säulengang am Ende verengert, indem die in einem geschlossenen Räume beengte Sehkraft durch dasselbe Mittel eine Schwächung erleidet, wodurch sie verstärkt wird. Der Himmel tritt mit dem Meere da in Vereinigung, wo die Sehkraft aufhört, welche, so lange sie besteht, eine Unterscheidung verstattet. Das Gehör aber, wodurch anders wird es getäuscht, als durch die Ähnlichkeit der Töne? Wenn die Salbe nachher weniger duftet, der Wein geringer schmeckt und das Bad weniger heiss ist, so ist fast bei allen diesen Dingen die erste Kraft die Hauptkraft. Im Urteil über Rauhheit und Glätte weichen Hände und Füsse selbstverständlich voneinander ab, weil jenes zarte, dieses schwielige Gliedmassen sind. Auf diese Weise wird jede Sinnentäuschung ihre Ursache haben.

Wenn nun die Ursachen es sind, welche die Sinne und durch die Sinne die Vorstellung täuschen, so wird man die Täuschung nicht mehr in die Sinne setzen dürfen, denn sie folgen den Ursachen, noch auch in die Vorstellungen, weil sie sich ja nach den den Ursachen folgenden Sinnen richten. Die Verrückten sehen eine Person für eine andere an, Orestes seine Schwester für seine Mutter, Ajax das Herdenvieh für den Odysseus, Athamas und Agave ihre Kinder für wilde Tiere. Wird man diesen Irrtum den Augen zur Last legen und nicht lieber den Furien? Die, welche wegen zu reichlichen Vorhandenseins von Galle an der Gelbsucht leiden, halten alles für bitter. Willst du nun dem Geschmacksinn diese Abweichung zur Last legen oder der Krankheit? So werden sämtliche Sinne aufgehoben und getäuscht ---- aber nur zeitweise, ---- um die Täuschung nicht zu ihrem Eigentum werden zu lassen.

Nicht einmal den Ursachen selbst darf man den Vorwurf des Betrugs machen. Denn wenn solche Erscheinungen ihren guten Grund haben, so verdienen sie nicht für Betrug angesehen zu werden. Was sich so zutragen muss, das ist kein Betrug. Wenn so also sogar die Ursachen von jedem Vorwurfe freigesprochen werden müssen, dann die Sinne noch vielmehr, da ihnen ja erst die Ursachen frei vorangehen. Wahrheit, Zuverlässigkeit und Vollständigkeit sollte deshalb den Sinnen gerade erst recht zugesprochen werden, weil sie keine andere Meldung machen, als wie die Ursache es ihnen vorschreibt, welche bewirkt, dass die Sinne andere Meldungen machen, als es der Sache entspricht. |313 

Was also ist dein Beginnen, zudringliche Akademie? Du stürzest alle Lebensverhältnisse über den Haufen, du bringst die ganze Ordnung der Natur in Verwirrung, du bezichtigst die Vorsehung Gottes selbst der Blindheit, der uns an den Sinnen alsdann nur trügerische und lügnerische Führer zur Erkenntnis, Ausbildung, Verteilung und Geniessung seiner Werke verliehen hätte. Wird uns nicht durch die Sinne die ganze Schöpfung vermittelt? Tritt nicht durch sie auch noch die zweite Ausstattung zu den irdischen Dingen hinzu? All diese Künste, Erfindungen, geistigen Bestrebungen, Geschäfte, Pflichten, Handelsverbindungen und Heilmittel, Rat, Trost, Lebensunterhalt, Putz und Schmuck? Diese Dinge haben dem Leben erst Geschmack und Würze gegeben, indem der Mensch durch diese Sinne als das einzige vernunftbegabte unter allen lebenden Wesen dasteht, das zum Erkennen und Wissen befähigt ist und sogar zur Aufnahme in die Akademie.

Plato freilich leugnet, um nicht ein den Sinnen günstiges Zeugnis unterschreiben zu müssen, im Phaedon in der Person des Sokrates aus diesem Grunde, sich selbst erkennen zu können, wie die Inschrift zu Delphi ermahnt. Im Theaetet spricht er sich das Wissen und Empfinden ab und im Phaedon verschiebt er das Aussprechen seiner Ansicht als einer nachgeborenen Tochter der Wahrheit bis nach seinem Tode, philosophiert aber trotzdem, obwohl er noch nicht tot ist.

Uns aber ist es unter keiner Bedingung gestattet, die Zuverlässigkeit der Sinne in Zweifel zu ziehen, damit nicht auch bei der Person Christi an ihrer Zuverlässigkeit gezweifelt werde und es nicht etwa heisse, er habe sich getäuscht, als er vorhersah, dass Satan vom Himmel gestürzt werde, oder er habe fälschlich die Stimme des Vaters gehört, welche Zeugnis von ihm ablegte, oder er sei betrogen worden, als er die Schwiegermutter des Petrus berührte, oder er habe einen andern Duft für den Duft der Salbe genommen, welche er sich für seine Beerdigung gefallen liess, und einen andern Geschmack für den des Weines, welchen er zum Andenken an sein Blut konsekrierte. Denn das ist die Weise, wonach ihn Marcion lieber für ein Phantasma halten wollte und dessen ganzen Leib für Wirklichkeit zu halten verschmäht hat. Nicht einmal mit den Aposteln hat sich Christi natürliche Beschaffenheit einen Scherz erlaubt. Zuverlässig war sein Anblick und sein Reden auf dem Berge, zuverlässig war auf der Hochzeit in Galiläa der Geschmack des Weines, obwohl er vorher Wasser gewesen war, zuverlässig war auch die Betastung durch den von da an gläubigen Thomas. Lies doch nur die Beteuerung des Johannes: "Was wir gesehen, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen und was unsere Hände berührt haben vom Worte des Lebens."36) |314 Diese Beteuerung wäre jedenfalls falsch, wenn die Wahrnehmungen der Augen, Ohren und Hände von Natur aus trügerisch sind.

18. Ich wende mich nun zu dem intellektuellen Teile der Seele, wie ihn Plato vom Körperlichen getrennt den Häretikern angepriesen hat, nachdem er kurz vor seinem Tode noch Kenntnis davon erlangt hatte. Er sagt nämlich im Phaedon: "Was sodann die Erlangung der Weisheit selbst angeht, so frage ich, ist der Körper ein Hindernis derselben oder nicht, wenn ihn jemand beim Untersuchen zu Hilfe nimmt? Ich meine etwa so: Haben Gesicht und Gehör eine gewisse Realität für den Menschen oder nicht? Oder wiederholen es uns nicht sogar die Dichter, dass wir nicht mit Gewissheit sehen und hören?" 37) ---- Er dachte hierbei nämlich an den Vers des Komikers Epicharmus: "Der Geist sieht, der Geist hört; alles Übrige ist stumm und taub." Darum bemerkt er wiederum: "Derjenige gelange zu einer höhern Erkenntnis, der nur mit dem Geiste erkenne und weder dem Sehvermögen den Vorzug gebe, noch sonst irgend einen Sinn zum Geiste hinzuziehe, sondern indem er das reine Nachdenken an und für sich anwende, um jegliches reine Sein zu erfassen, sich so viel wie möglich losmache von den Augen und Ohren, ja, ich möchte sagen, vom ganzen Körper, als welcher in Verwirrung setzt und der Seele nicht gestattet, Wahrheit und Einsicht zu gewinnen, wenn er dabei ist." 38)

Wir sehen also, wie gegen die körperlichen Sinne eine andere, angeblich viel bessere Gabe und Anlage der Seele vorgeschoben wird, nämlich die Seelenkräfte, welche die Erkenntnis der Wahrheiten vermitteln, deren Gegenstände nicht vor uns liegen, nicht den körperlichen Sinnen unterliegen, sondern sich weitab vom gewöhnlichen Wissen im Verborgenen, in höheren Sphären, bei Gott selbst befinden. Plato lehrt nämlich, es gebe gewisse unsichtbare, unkörperliche, überweltliche, göttliche und ewige Wesenheiten, die er Ideen nennt, auf lateinisch formae, die Urbilder und Ursachen dieser natürlichen, greifbaren und den körperlichen Sinnen unterworfenen Dinge; sie seien die Realitäten, letztere aber nur die Abbilder davon.

Treten da nicht schon die Keime des Gnostizismus und Valentinianismus zu Tage? Von daher holen sie so begierig den Unterschied zwischen körperlichen Sinnen und geistigen Kräften her, den sie auch in der Parabel von den zehn Jungfrauen wiederfinden. Die fünf thörichten nämlich sollen die körperlichen Sinne vorstellen, thöricht, weil sie sich leicht täuschen lassen; die klugen aber sollen das Merkmal der intellektuellen Kräfte an sich tragen, weil sie an jene geheimnisvolle, höhere, im Pleroma befindliche Wirklichkeit, die Geheimnisse der häretischen Ideen, |315 hinanreichen, nämlich ihre Äonen und Genealogien. Daher statuieren sie auch einen Unterschied in den Wahrnehmungen für die geistigen Menschen einerseits, die von dem bei ihnen sogenannten geistigen Samen herkommen, und für die bloss sinnlichen andererseits, die von tierischem Samen sind, weil er das Geistige durchaus nicht fasst. Jenem gehöre das Unsichtbare, diesem hingegen das Sichtbare, Niedere und Zeitliche an, was, in blossen Bildern bestehend, durch die Sinneswahrnehmung erfasst wird.

Das also sind die Gründe, warum wir zuvor den Nachweis geliefert haben, das der Animus nichts anderes sei als eine Beigabe und Ausrüstung der Seele, dass ihr Odem nichts weiter sei, als was sie selbst ist durch den Hauch, und dass das übrige, was Gott oder auch der Teufel hinterher dazugethan hat, für blossen Zuwachs zu halten sei. Auch jetzt geben wir in bezug auf den Unterschied des Sinnlichen und Intellektuellen nichts weiter zu, als die Verschiedenheit der Objekte, der körperlichen und der geistigen, der sichtbaren und der unsichtbaren, der offenbaren und der geheimen, dass die einen der Sinneswahrnehmung, die anderen dem Intellekt angehören, während doch sowohl jene als diese für abhängig von der Seele angesehen werden, welche das Körperliche durch den Körper sinnlich wahrnimmt, wie sie vermittelst des Animus das Unkörperliche erkennt, unbeschadet dessen, dass sie beim Erkennen auch fühlt.

Denn ist nicht auch das Fühlen ein Erkennen und das Erkennen ein Fühlen? Oder was sollte die Sinneswahrnehmung denn sein, wenn nicht ein Erkennen des Gegenstandes, der sinnlich wahrgenommen wird? Was die Erkenntnis, wenn nicht ein Wahrnehmen der Sache, die erkannt wird? Woher sind denn jene Qualen, welche die Einfalt martern und die Wahrheit unsicher machen? Wer wird mir einen Sinn geben, der nicht erkennt, was er wahrnimmt, oder eine Erkenntnis, die nicht wahrnimmt, was sie erkennt, und beweisen, dass das eine ohne das andere Macht habe? Wenn das Körperliche wahrgenommen, das Unkörperliche aber erkannt wird, dann sind eben die Objekte nur ihrer Art nach verschieden, nicht aber der Sitz des Sinnes und der Sitz der Erkenntnis, d. h. Seele und Animus.

Schliesslich, von wem wird denn das Körperliche wahrgenommen? Wenn von der Seele, 39) dann ist sie folglich auch schon sinnlich und nicht schlechthin intellektuell; denn indem sie erkennt, nimmt sie auch sinnlich wahr, weil sie, wenn sie nicht wahrnimmt, auch nicht erkennt. Wenn die Seele nun aber das Körperliche wahrnimmt, dann ist auch der Intellekt eine nicht bloss sinnliche Potenz; denn indem er wahrnimmt, erkennt er auch, weil er, wenn er nicht erkennt, auch nicht wahrnimmt. |316 

Sodann, wer ist es, der das Unkörperliche erkennt? Ist es der Animus, wo bleibt die Seele? ist es die Seele, wo bleibt der Animus? Was von einander getrennt ist, das muss auch dann von einander gesondert bleiben, wenn es seine Obliegenheiten verrichtet. Man wird sich nun zwar vorstellen, Seele und Animus seien von einander getrennt, dann nämlich, wenn wir nicht wissen, dass wir etwas gesehen oder gehört haben, weil der Animus dann an einem andern Orte gewesen ist. Dann werde ich behaupten, nein, vielmehr die Seele selbst hat nichts gesehen oder gehört, weil sie anderswo war mit ihrer Kraft, d.i. mit dem Animus. Wird der Mensch blödsinnig, so wird die Seele blödsinnig; sie ist nicht etwa auf Reisen, sondern mit dem Animus leidend.

Im übrigen ist die Seele das erste, Ausschlag gebende. Womit ist das zu beweisen? Damit, dass, wenn die Seele den Menschen verlassen hat, auch kein Animus mehr in ihm zu finden ist. Mithin folgt letzterer ihr überall nach, da er nicht einmal beim letzten Ende ohne sie zurückbleibt. Da er ihr folgt und zu ihr gehört, so gehört der Intellekt der Seele an; denn der Animus, dem der Intellekt zugesprochen wird, folgt ihr. Mag dann auch der Intellekt mehr gelten als die sinnliche Wahrnehmung und ein besserer Erforscher der Geheimnisse sein, wofern er nur seinerseits nichts weiter ist, als ein der Seele eigenes Vermögen, so gut wie die Sinneswahrnehmung auch.

Mir ist an der Sache nichts gelegen, als insofern der Intellekt aus dem Grunde über die Sinneswahrnehmung gestellt wird, damit sein Abstand von ihr um so grösser erscheine und ihm ein höherer Rang beigelegt werde. In diesem Falle müsste ich mit der Verschiedenheit auch seinen höhern Eang abweisen, indem ich sonst bis zur Annahme eines Gottes höherer Art gelangen würde. In betreff der Lehre von Gott jedoch führen wir den Kampf mit den Häretikern auf besonderem Gebiete. Für jetzt ist die Seele unser Thema und davon die Rede, dass man den Intellekt nicht listigerweise höher stellen darf. Denn wenn auch die Dinge, welche mittels der Erkenntnis erfasst werden, als geistige höher stehen, als die sinnlich wahrnehmbaren körperlichen, so ist das nur eine Höherstellung der Objekte, der erhabenen im Vergleich zu den niederen, nicht der Sinne im Vergleich zum Intellekt.

Warum sollte er denn den Sinnen vorgezogen werden, da letztere ihn zur Erkenntnis der Wirklichkeit vorbereiten? Denn wenn die Wirklichkeit durch die Bilder erfasst, d. h. das Unsichtbare mit Hilfe des Sichtbaren erkannt wird, eine Wahrheit, die uns der Apostel in den Worten vorlegt: "Das Unsichtbare an ihm wird von Erschaffung der Welt an aus seinen Werken erkennbar wahrgenommen", 40) und Plato den Häretikern in den |317 Worten: "Was erscheint, ist Bild der verborgenen Dinge, und diese Welt muss durchaus das Abbild irgend einer andern sein", 41) ---- dann ist ja gerade ersichtlich, dass der Intellekt die Sinne zu Führern, zu Bürgen und zum ersten Fundamente nimmt und man ohne sie zur Wahrheit nicht gelangen kann. Wie könnte er also mehr sein als das, wodurch er existiert, dessen er bedarf, dem er alles zu verdanken hat, was er erreicht? So gelangt man zu folgenden beiden Schlussfolgerungen: erstens der Intellekt ist nicht höher zu stellen als die Sinne; denn jedes Ding ist geringer als das, wodurch es besteht; zweitens er ist nicht von den Sinnen zu trennen; denn jedes Ding steht in Verbindung mit dem, wodurch es existiert.

19. Wir dürfen auch nicht einmal die passieren lassen, welche der Seele, wenn auch nur für kurze Zeit den Intellekt absprechen. Damit machen sie sich nämlich den Weg frei, um ihn später eintreten zu lassen, sowie auch den Animus, von welchem der Intellekt ausgehen soll. Sie lehren, in der Kindheit werde der Mensch bloss von der Lebensseele erhalten, durch welche er das Leben schlechthin habe, ohne zugleich zu denken, weil ja nicht alles denke, was lebt. So leben z. B. auch die Pflanzen, ohne zu denken, nach Aristoteles 42) und der Lehre aller derer, welche sonst etwa noch die animale Substanz über das ganze Weltall verteilt sein lassen, während sie nach unserer Lehre etwas dem Menschen allein eigentümliches ist, nicht sowohl darum, weil er ein Werk Gottes ist, was die übrigen Dinge auch sind, sondern weil er ein Hauch Gottes ist, was dieser Substanz allein zukommt, welche, wie wir behaupten, mit ihrer gesamten Ausrüstung versehen ins Dasein tritt.

Werden wir auf die Bäume hingewiesen, gut, so lassen wir uns diese Analogie gefallen; denn auch in ihnen steckt, wenn sie noch nicht einmal Bäumchen, sondern nur Reiser oder erst Schösslinge sind, schon ihre besondere Lebenskraft, sobald sie aus dem Boden herauskommen. Aber sie wird aus Rücksichten auf die Zeit noch zurückgehalten, erstarkt und wächst heran mit ihrem Stamme, so lange bis das reife Alter den Zustand vollständig herbeigeführt hat, worin die Natur wirken soll. Woher käme es sonst, dass sich alsbald an ihnen die Fruchtaugen bilden, die Blätter sich gestalten, die Knospen anschwellen, der Blütenschmuck hervortritt und die Fruchtsäfte sich sammeln, wenn nicht in jenen Schösslingen schon die ganze Eigenheit der Art schlummerte und in stückweiser Entwicklung heranreifte? Sie üben also ihr Denken von dem nämlichen Augenblick an aus, wo sie das Leben haben, sowohl ihr eigenartiges Denken als ihr eigenartiges Leben, und sind von ihrer Kindheit an sie selber.

Wie ich nämlich sehe, kennt auch der Weinstock, wenngleich er noch zart und unentwickelt ist, doch schon seine Aufgabe und strebt, sich an |318 irgend etwas anzuhängen, worauf gestützt und worein verschlungen er wachsen will. Er wird sogar die Kunst des Landmannes nicht abwarten, sondern ohne Pfähle und Stützen, wenn er nur irgend einen Gegenstand erreichen kann, seine Verbindungen schliessen und ihn um so heftiger umarmen, wenn er es nach seinem eigenen Willen und nicht nach deiner Leitung thut. Er eilt, sich Sicherheit zu verschaffen.

Ich sehe, wie auch schon das kleinste Epheu sofort nach der Höhe strebt und, ohne dass es ihm jemand vormacht, sich anhängt, weil es lieber an den Wänden hängend einen verschlungenen Wald bildet, als sich auf der Erde von frevlem Mutwillen zertreten lassen will. Dagegen gibt es andere Gewächse, welchen an der Wand nicht wohl ist, sondern die beim Wachsen ihre Richtung davon hinwegnehmen und zurückweichen. Daraus mag man ersehen, dass ihre Zweige eine andere Richtung zu nehmen bestimmt sind, und das Leben des Baumes aus seiner Flucht von der Wand hinweg erkennen. Er ist zufrieden mit seiner Schiefheit,43) an die er sich von seinem ersten Anfang an schon als höchst vorsichtiger Schössling gewöhnt hat, aus Furcht vor gänzlichem Untergang.

Warum sollte ich diese Erscheinungen nicht als den Verstand und das Wissen der Bäume geltend machen? Mögen sie leben, wie die Philosophen wollen, und denken, wie die Philosophen nicht wollen. Besitzt der Baum in seiner Kindheit sein Denkvermögen schon, dann aber noch viel mehr der Mensch, dessen Seele gleich einem jungen Schössling aus Adam als der Mutterpflanze als Setzling heruntergeleitet und, den Gebärhöhlungen des Weibes anvertraut, mit ihrer gesamten Ausrüstung, sowohl mit Intellekt als sinnlichem Wahrnehmungsvermögen versehen, heranwächst. Ich will ein Lügner sein, wenn der Säugling, sobald er das Dasein mit Weinen begrüsst, nicht eben dadurch sofort bezeugt hat, dass er fühle und erkenne, er sei geboren, und damit sofort sämtliche Sinnesthätigkeiten zu gleicher Zeit beginnt, das Sehen durch das Licht, das Hören beim Schall, das Schmecken bei dargebotener Flüssigkeit, das Riechen mittels der Luft, das Fühlen auf der Erde. 44) So wird er durch die ersten Eindrücke der Sinne und das erste Anklopfen der Erkenntnisse zu jenen ersten Lauten gezwungen.

Mehr noch wäre es, wenn einige sein Weinen als Folge der Voraussicht eines thränenreichen Lebens und Vorboten der Widerwärtigkeiten auslegen; danach wäre seine Stimme sogar für vorherwissend zu halten, nicht für bloss erkennend. Sodann erkennt er seine Mutter an ihrem Hauche, findet seine Amme heraus durch ihren Hauch, erkennt das Kindermädchen |319 an dessen Hauch. Denn er weist die Brust einer Fremden ab, ein ungewohntes Bett verschmäht er und will zu niemandem gehen, als zu wem er kennt. Woher hat er das Urteil über Ungewohntes und Gewohntes, wenn er nicht fühlt? Woher kommt es, dass ihm etwas zuwider ist oder gefällt, wenn er nichts erkennt? Es wäre wirklich höchst wunderbar, wenn die Kindheit von Natur aus lebensvoll wäre und doch keinen Geist hätte, von Natur voll Liebe und doch ohne Erkenntnis. Christus, der aus dem Munde der Säuglinge und Unmündigen Lob erfuhr, hat weder das Kindes-noch das Säuglingsalter als blödsinnig bezeichnet. War doch die eine dieser beiden Altersstufen, ihm mit Zuruf entgegenkommend, imstande, ein Zeugnis für ihn darzubringen, die andere hat, für ihn gemordet, jedenfalls die Gewalt gefühlt.

20. Hier ist also die Stelle, den Schluss zu ziehen, alles, was der Seele natürlich ist, wohne ihr selbst als konstituierender Bestandteil inne, schreite mit ihr fort und wachse von dem Augenblick an, wo sie zu sein anfängt. So lehrt auch Seneca, der häufig auf unserer Seite steht: "Anerschaffen sind uns die Keime zu allen Künsten und Altersstufen, und Gott, der verborgene Lehrmeister, lässt die Geisteskräfte hervorgehen", 45) nämlich aus den anerschaffenen und das Kindesalter hindurch noch versteckt gebliebenen Keimen, welche auch die des Intellekts sind. Denn aus diesem gehen die Geisteskräfte hervor.

Auch die Samen der Früchte sind ja von gleicher Art und Gestalt, im Verlauf aber treten Verschiedenheiten ein. Die einen entwickeln sich gleichmässig fort, andere veredeln sich sogar, noch andere endlich entarten, je nach der Beschaffenheit der Witterung und des Bodens, je nach dem Maasse der Mühe und Sorgfalt, je nach der Gunst der Jahreszeiten, je nachdem es die Unfälle mit sich bringen. ---- In derselben Weise wird auch die Seele im Keime eingestaltig, in der Entwicklung mehrgestaltig sein dürfen.

Denn auch bei ihr kommt auf den Ort etwas an. Zu Theben kommen, wie berichtet wird, stumpfsinnige und dumme Menschen zur Welt, zu Athen seien die Leute flink und gewandt im Denken und Sprechen; daselbst, in Colyttus, 46) lernen die Kinder immer noch einen Monat früher sprechen, weil frühreifer Zunge. Plato behauptet im Timäus, Minerva habe, als sie mit Gründung der Stadt umging, auf nichts mehr gesehen, als auf die Beschaffenheit des Ortes, welcher dergleichen Talente hervorzubringen versprochen habe. Deshalb schreibt er selbst auch in der Schrift über die Gesetze 47) dem Megillus und Klinias vor, auf Auswahl einer Stelle für die |320 zu gründende Stadt bedacht zu sein. Empedokles verlegt die Ursachen der feineren oder gröberen Geistesanlagen in die Beschaffenheit des Blutes; die Vollendung und den Fortschritt aber leitet er vom Unterricht und der Anleitung her. Eine bekannte Sache sind die Volkseigentümlichkeiten. Die Phrygier werden von den Komikern als furchtsam verspottet, Sallust stichelt auf die Mauren als eitle Leute und auf die Dalmatier als wild und unbändig; die Kreter brandmarkt sogar der Apostel als verlogen.

Vielleicht thut auch der Körper und seine Konstitution noch etwas hinzu. Korpulenz ist ein Hindernis des Denkens, Magerkeit befördert dasselbe, Lähmung macht den Geist zerstreut, Zehrung hält ihn zusammen. Um wie viel mehr noch wird das für bloss zufällig gehalten, was, abgesehen von der Leibesbeschaffenheit und Gesundheit, den Geist schärft oder abstumpft. Es schärft ihn Unterricht, Anleitung, Kunst, Erfahrung, Beschäftigung und Studium, es stumpfen ihn ab Unwissenheit, Trägheit, Wollüste, Mangel an Übung, Müssiggang, Laster, ausserdem auch andere Einflüsse, wenn deren noch welche obwalten. Es walten aber deren noch ob, und zwar nach unserer Lehre: Gott und sein Feind, der Teufel, nach der gemeinen Meinung hingegen: das Fatum und die Notwendigkeit der Vorsehung sowie die Willkür des Glücksspiels. Auch die Philosophen unterscheiden diese Dinge, und wir haben uns ebenfalls fest vorgenommen, darüber vom Standpunkt der christlichen Lehre unter besonderem Titel zu handeln.

Es liegt am Tage, wie zahlreich die Einflüsse sind, wodurch die von Natur einfache Seele in so verschiedene Verfassung versetzt wird, so dass sie gemeinhin in die Natur verlegt werden, da sie doch keine verschiedenen Arten, sondern Zufälligkeiten einer und derselben Natur und Substanz sind, jener nämlich, welche Gott in Adam gelegt und zur Mutter aller gemacht hat. Somit werden sie wohl bloss verschiedene Gaben und nicht Abarten der einen Substanz sein, d. h. die Verschiedenheit ist eine bloss sittliche, da sie in Adam, dem Stammvater des Geschlechtes, selbst, so gross nicht gewesen sein wird, als sie jetzt ist. Es musste sich nämlich in Adam, als dem Urquell der Natur, alles dieses finden und von ihm in seiner ganzen Mannigfaltigkeit ausströmen, wenn es Verschiedenheiten der Natur gewesen sein sollen.

21. Wenn die Natur der Seele nun in Adam vor dem Auftreten so vielfacher Geistesanlagen von Anbeginn eine einheitliche war, so ist sie trotz dieser zahlreichen Geistesanlagen nicht vielgestaltig und auch nicht vielgestaltig, so dass auch noch die Dreiheit Valentinians hinfällig wird, welche sich nicht einmal in Adam findet. Denn was gab es denn Pneumatisches an ihm? Etwa dass er jenes grosse Geheimnis in Christo und in der Kirche vorher verkündet hat: "Dieses Bein von meinem Gebein |321 und Fleisch von meinem Fleisch wird Weib genannt werden. Deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und sie werden zwei sein zu einem Fleische." 48) Dies trug sich erst später zu, als Gott die Bewusstlosigkeit, jene pneumatische Gewalt, worauf die Prophezie beruht, hatte über ihn kommen lassen. Wenn Böses in ihm zutage trat, nämlich das Ereignis der Übertretung, so ist es nicht für eine Natureigenschaft zu halten, weil er es auf Antrieb der Schlange beging. Es ist so wenig eine Natureigenschaft als etwas Materielles, weil wir auch den Gedanken an die Materie bereits abgewiesen haben. 49) Wenn sich nun weder etwas Pneumatisches noch etwas Hylisches ---- gesetzt, der Keim des Bösen wäre aus der Materie gekommen ---- in ihm als seine Eigentümlichkeit fand, so bleibt nichts übrig, als dass sich in ihm als einzige Natureigenschaft das fand, was als das Lebensprinzip gilt und was wir seinem Wesen nach als einfach und einheitlich hingestellt haben.

Darüber allerdings bleibt noch eine Untersuchung anzustellen, ob das, was wir Natureigenschaft genannt haben, für veränderlich zu halten sei. Denn die Genannten erklären die Natur für unveränderlich, um den einzelnen Eigentümlichkeiten ihre Dreiheit aufzudrücken, weil ein guter Baum nicht schlechte Früchte und ein schlechter Baum nicht gute Früchte bringen und niemand von Dornen Feigen und von Disteln Trauben ernten kann. Also wenn dem so ist, dann wird Gott nicht aus Steinen Söhne Abrahams erwecken können, das Natterngezücht keine Früchte der Busse bringen und der Apostel hat sich geirrt, wenn er schreibt: "Ihr wäret einst Finsternis" und: "Wir sind einst von Natur Kinder des Zornes gewesen" und: "Unter ihnen wäret auch Ihr, aber Ihr seid abgewaschen." 50) Die heiligen Lehren werden sich niemals widersprechen. Kein schlechter Baum wird je gute Früchte bringen, ----wenn er nicht okuliert wird, und der gute wird schlechte bringen, ---- wenn man ihn vernachlässigt. Die Steine werden Söhne Abrahams, wenn sie zu Abrahams Glauben angeleitet werden. Das Natterngezücht wird Früchte der Busse bringen, wenn es das Gift der Bosheit ausgespieen haben wird.

Das wird die Macht der göttlichen Gnade vermögen, die ja mächtiger ist als die Natur; denn sie findet in uns das ihr unterstehende freie Wahlvermögen, welches man αὐτεξούσιον ---- Selbstbestimmung ---- nennt. Da es ebenfalls naturgemäss und veränderlich ist, so richtet es sich, wohin es sich immer auch richten mag, gemäss seiner Natur. 51) Dass die Selbstbestimmung uns von Natur aus eigen sei, haben wir bereits gezeigt, sowohl dem Marcion als dem Hermogenes. 52) |322 

Wie nun, wenn Natur so zu definieren wäre, dass eine zweifache angenommen wird, die der gewordenen und die der ungewordenen, die der geschaffenen und die der ungeschaffenen Dinge? Dann wird sich auch das, was, wie ausgemacht, geworden und geschaffen ist, kraft seiner Natur einen Wechsel gefallen lassen. Denn es wird wieder geboren und wieder hergestellt werden können. Das Ungeborne und Ungewordene aber wird unbeweglich dastehen. Da letztere Eigenschaft Gott allein zukommt, als welcher allein unentstanden und ungeworden und darum unvergänglich und unwandelbar ist, so ist ausgemacht, dass die Natur aller übrigen gewordenen und entstandenen Wesen veränderlich und wandelbar sei, und selbst wenn der Seele dreierlei Beschaffenheit beizulegen wäre, so würde dies aus Veränderung der Eigenschaften, nicht aus der Natur herzuleiten sein.

22. Die übrigen Natureigenschaften der Seele nebst deren Verteidigung und Beweis hat Hermogenes bereits von uns vernommen; die Seele erscheint durch sie Gott verwandt, nicht der Materie. Hier sollen sie nur einfach mit Namen aufgeführt werden, damit es nicht scheine, als seien sie übersehen worden.

Wir haben ihr beigelegt erstens Freiheit des Willens, wie oben angegeben, zweitens die Herrschaft über die Dinge, zuweilen auch das Ahnungsvermögen, abgesehen von dem, welches ihr durch die Gnade Gottes in der Prophetengabe etwa zuteil wird. Daher will ich die Untersuchung über ihre Beschaffenheit nun abbrechen, um über ihr Leben und Verhalten ins reine zu kommen. Wir beschreiben also die Seele als entstanden aus Gottes Hauch, unsterblich, wesenhaft, körperlich, von abbildungsfälliger Gestalt, der Substanz nach einfach, durch sich empfindend, in verschiedener Weise fortschreitend, freien Willens, Zufälligkeiten ausgesetzt, von wechselnder Geistesrichtung und Anlage, vernünftig, herrschend, mit Ahnungsvermögen begabt und aus einer Seele hervorgehend.

Wir werden nun im folgenden betrachten müssen, auf welche Weise sie aus einer Seele hervorgeht, d. h. von wo, wann und wie sie daraus entnommen wird.

23. Einige bilden sich ein, vom Himmel gekommen zu sein, und schmeicheln sich mit derselben Festigkeit der Überzeugung, unfehlbar wieder dorthin zurückzukehren. So z. B. Saturninus, der Schüler des Menander, der die Lehre aufgebracht hat, der Mensch, von den Engeln gebildet, sei erst ein hinfälliges, kraftloses und haltloses Machwerk gewesen und habe, unfähig zu stehen, auf der Erde wie ein Wurm gezappelt, sodann habe er durch das Mitleid des höchsten Wesens, nach dessen Bilde, aber nach dessen nicht vollständig erkanntem Bilde er vorschnell konstruiert worden sei, ein kleines Fünkchen Leben erlangt, dieses habe ihn erweckt, |323 aufgerichtet, kräftiger beseelt und werde ihn nach Ablauf des Lebens zu seinem Ausgange zurückführen.

Karpokrates aber nimmt nur so viel von den höheren Stoffen für sich in Anspruch, dass seine Schüler ihre Seelen bereits Christo gleichstellen, natürlich noch mehr den Aposteln und auch noch beliebig darüber. Sie wollen sie von der erhabenen Macht empfangen haben, welche die mächtigen Herrschaften der Welt verachtet.

Apelles berichtet, die Seelen seien mit Hilfe irdischer Speisen aus ihren überhimmlischen Sitzen herausgelockt worden durch den Feuerengel, den Gott Israels, der der unsrige ist, und der sie sodann mit sündhaftem Fleische bekleidet und darin festgebannt habe. 53)

Der Schwärm der Valentinianer stopft den Samen der Sophia in die Seele, wodurch sie die Geschichten und Liebesromane ihrer Äonen in sichtbaren Bildern erkenne.

Ich bedaure, dass Plato, ohne es zu ahnen, zum Spezereikrämer für sämtliche Häretiker geworden ist. Denn er lehrt im Phaedon, dass die Seelen von hier dorthin gehen, und von dort hierher; 54) und im Timaeus, dass die Erzeugten Gottes, als ihnen die Hervorbringung der sterblichen Wesen anvertraut war, den unsterblichen Seelenkeim in Empfang nahmen und ihn in die Eishülle eines sterblichen Körpers versetzten. Diese gegenwärtige Welt sodann sei das Abbild einer andern.

Um alles dieses glaubwürdig und annehmbar zu machen, nämlich erstens, dass die Seele früher in den höhern Regionen mit Gott im Verkehr der Ideen gestanden habe und zweitens, dass sie von dort herüberkomme und hier durchdenke, was sie ehemals aus den Ideen gelernt hat, dafür hat er einen neuen Beweis ausgeklügelt und sagt, die μαθήσεις seien nur ἀναμνήσεις, d. h. das Lernen sei nur ein Erinnern: Die von dort hieher kommenden Seelen hätten vergessen, wo sie früher waren und erinnerten sich erst in der Folge wieder daran, durch die gegenwärtigen sichtbaren Dinge belehrt. Da Plato mit diesem Argumente eben die Lehren annehmbar zu machen sucht, welche die Häretiker von ihm entlehnen, so werde ich die letzteren hinlänglich widerlegen, wenn ich die platonische Beweisführung über den Hauten werfe.

24. Fürs erste gebe ich nicht zu, dass die Seele eines derartigen Vergessens fähig sei; denn Plato räumt ihr eine so hohe Stufe der Göttlichkeit ein, dass er sie Gott gleichstellt. Er lässt sie ungeworden sein, woraus ich allein schon einen starken Beweis für ihre vollkommene Gottheit machen könnte. Er fügt hinzu, sie sei unsterblich, unvergänglich, |324 unkörperlich, weil er Gott auch dafür gehalten hat, unsichtbar, nicht abzubilden, eingestaltig, sie sei das Oberste, mit Vernunft und Erkenntnis begabt. Wenn er die Seele Gott nennete, er würde ihr keine höhere Eigenschaft beilegen. Wir aber, die wir Gott ein solches Anhängsel nicht geben, setzen aus eben diesem Grunde die Seele tief unter Gott, weil wir sie als geworden ansehen und dadurch eben als eine verdünnte Abart der Gottheit und von schwächerer Glückseligkeit, wie ein Hauch, nicht wie ein Geist, und wenn sie auch unsterblich ist, was etwas Göttliches ist, so doch leidensfähig, was vom Geborensein herrührt. Darum sei sie auch von Anbeginn an der Gefahr der Beraubung ausgesetzt gewesen und deshalb des Vergessens fähig. Hierüber haben wir mit Hermogenes genug verhandelt.

Um sämtliche Eigenschaften mit Gott gleich zu haben und so mit Recht für eine Gottheit gehalten werden zu können, dürfte die Seele keinem Leiden unterworfen sein, mithin auch nicht dem Vergessen. Denn das Vergessen ist ein ebenso grosser Nachteil als das, dem es Eintrag thut, ein Ruhm ist, nämlich ein gutes Gedächtnis. Letzteres preist Plato selbst als die Sicherstellung der Sinne und Erkenntnisse und Cicero als die Schatzkammer aller Studien. Man wird jetzt nicht sowohl das in Zweifel ziehen, ob die in so hohem Grade vergöttlichte Seele das Erinnerungsvermögen verlieren, sondern vielmehr, ob sie es, wenn sie es verloren hat, wieder gewinnen könne. Ich weiss nicht, ob sie sich wieder zu erinnern imstande sein wird, wenn sie vergessen hat, was sie nicht hätte vergessen sollen. So würde also beides auf die Seele passen, wie ich sie will, nicht auf die Platonische.

An zweiter Stelle mache ich die Einwendung: Soll die Seele von Natur aus an den Ideen teil haben oder nicht? ---- Ja wohl, von Natur aus, ist die Antwort. Dann wird niemand zugeben, dass das natürliche Wissen um die natürlichen Fertigkeiten verloren gehe. Die Kenntnis von Studien, Lehren, Anleitungen mag verloren gehen, vielleicht sogar auch die von Fähigkeiten und Affekten, welche zwar zur Natur zu gehören scheinen, aber, wie gezeigt, doch nicht dazu gehören, sondern die je nach Ort, Erziehung, Körperbeschaffenheit, Gesundheit, den vorherrschenden Kräften und der Freiheit des Wahlvermögens auf Zufälligkeiten basieren.

Das Wissen um zur Natur gehörige Dinge nimmt jedoch nicht einmal bei den Tieren ab. Allerdings vergisst der Löwe seiner Wildheit, wenn er zur Zahmheit abgerichtet ist, wird mit dem ganzen Wulste seiner Mähnen ein Spielzeug für irgend eine Königin wie Berenice werden und mit seiner Zunge ihre Wangen rein lecken. Von Gewohnheiten sagt das Tier sich los, das Wissen um ihm Natürliches wird bleiben. Nie vergisst der Löwe seiner natürlichen Nahrung, seiner natürlichen Arzneien, seiner natürlichen Schreckmittel. Wenn die Königin ihm Fische und Kuchen anbieten wollte, so wird er Fleisch begehren. Wollte sie ihm, wenn er krank ist, einen |325 Theriak zurecht machen, so wird er seinen Affen verlangen. Wenn sie ihm gegenüber auch keinen Jagdspiess befestigt, so wird er sich doch vor einem Hahn fürchten.

Ebenso verbleibt dem Menschen, vielleicht dem vergesslichsten "Wesen von allen, die Kenntnis des Natürlichen allein ungetrübt, da sie allein ihm natürlich ist. Er wird also immer an das Essen denken bei Hunger, an das Trinken bei Durst, mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit der Nase riechen, mit dem Munde schmecken und mit der Hand tasten. Das sind die Sinne, welche die Philosophie mit Bevorzugung des Intellektuellen heruntersetzt.

Wenn also das natürliche Wissen auf sinnlichem Gebiete bleibt, wie kommt es, dass es auf dem intellektuellen, welches doch für vorzüglicher gilt, untergeht? Woher gerade hier der Einfluss jenes Vergessens, welches dem Wiedererinnern vorhergehen soll? Von der Länge der Zeit, sagt man. ---- Kurzsichtig genug! Die Zeitdauer wird keinen Einfluss auf Wesen haben, die angeblich ungeboren sind und gerade darum für ewig gehalten werden. Denn für das, was, weil es ungeboren, ewig ist, gibt es keinen Anfang und kein Ende der Zeit und es lässt darum auch gar kein Zeitmaass, zu. Wofür es aber kein Zeitmaass gibt, das ist auch der Zeit nicht unterworfen durch irgend eine Veränderung und dieser aus der Länge der Zeit angeblich hervorgehende Einfluss existiert nicht. Wenn die Zeit das Vergessen verursacht, warum verlässt das Gedächtnis die Seele erst von der Zeit an, wo sie in den Körper eintritt, als ob es erst von da an für sie, die ohne Zweifel früher als der Körper, aber doch nicht ohne die Zeit existierte, eine Zeit gebe.

In den Körper eingetreten, vergisst sie dann sofort, oder dauert es erst noch eine Zeit? ---- Wenn es sofort geschieht, welches wird dann die Länge einer Zeit sein, die noch gar nicht zählt? Es ist ja das Alter der unmündigen Kinder. Wenn es aber erst eine Zeitlang dauert, so wird sich doch die Seele noch des Gedächtnisses in jenem Zeiträume vor dem Eintritt des Vergessens erfreuen? Was soll es nun heissen, dass sie später vergisst und sich später nochmal wieder erinnert? In welcher Zeitfrist auch immer das Vergessen eintritt, wie lange man das Zeitmaass auch ansetzt, die ganze Lebensdauer, sollte ich denken, wäre nicht hinreichend, um das Andenken an die lange Periode vor der Annahme des Körpers zu verwischen.

Veränderung halber verlegt Plato den Grund nun wieder in den Körper, als wenn es glaubhaft wäre, dass eine gewordene Substanz die Macht einer ungewordenen auslöschen könnte. Gross und zahlreich aber sind die Verschiedenheiten der Körper je nach Abkunft, Grosse, Haltung, Alter und Gesundheit. Soll man danach nun auch die Verschiedenheiten im Vergessen abschätzen? Das Vergessen ist aber ganz das gleiche. Folglich wird ein ganz gleichförmiger Ausgang nicht durch eine |326 verschiedengestaltige Körperlichkeit verursacht. Viele Beweise bekunden, sogar nach Platos Zeugnis selbst, das Ahnungsvermögen der Seele. Wir haben sie bereits dem Hermogenes dargelegt. 55) Wohl kein Mensch fühlt nicht zu Zeiten einmal in sich die Seherkraft seiner Seele oder ihre Ahnungen von Unheil, Gefahren oder Freude. Wenn nun der Körper dem Ahnungsvermögen nicht hinderlich ist, so wird er auch dem Gedächtnis, sollte ich denken, nicht im Wege stehen. Denn es ist sicher der nämliche Körper, in welchem die Seele vergisst und sich erinnert. Bewirkt irgend ein im Körper liegender Grund das Vergessen; wie kann er dann das Gegenteil, das Wiedererinnern, zulassen? Das Wiedererinnern nach dem Vergessen ist ja nur das wiederkehrende Gedächtnis. Was aber dem ersten Erinnern zuwider ist, warum sollte das nicht auch dem zweiten entgegenstehen?

Wer könnte endlich ein besseres Erinnerungsvermögen besitzen als die Kinder, deren Seelen noch frisch sind, noch nicht hineingezogen in die Sorgen des häuslichen und öffentlichen Lebens und solchen Studien hingegeben, deren Lernen ein Wiedererinnern wird? Richtiger gesagt, warum erinnern wir uns nicht alle in gleichem Grade wieder, da wir in gleichem Grade vergessen? Warum erinnern sich allein die Philosophen und auch sie nicht einmal alle? Denn, wohlgemerkt, in dem ganzen grossen Gewimmel von Völkern, auf der weiten Trift der Weisheit ist es Plato ganz allein, der die Ideen vergessen und sich ihrer wieder erinnert hat. Wenn also diese seine vornehmste Argumentation in keiner Weise standhält, so ist damit das Ganze über den Haufen geworfen, wofür sie berechnet ist, und man hat die Seelen eigentlich nur darum für unentstanden, in den himmlischen Räumen wohnhaft, dort des Göttlichen mitwissend, von da hierher versetzt und hier sich wiedererinnernd gehalten, um den Häretikern Anknüpfungspunkte zu verschaffen.

25. Ich kehre nun zur Veranlassung dieser Abschweifung zurück, um anzugeben, wie die Seelen aus der einzigen ausströmen, wann, wo und auf welche Weise sie entnommen werden. In betreff dieses Gegenstandes liegt nichts daran, ob die Frage von einem Philosophen, einem Häretiker oder dem grossen Haufen aufgeworfen wird. Es liegt den Bekennern der Wahrheit nichts an ihren Gegnern, zumal an so frechen Gegnern, wie zuerst die sind, welche annehmen, die Seele werde nicht im Mutterschoosse empfangen und nicht mit der Bildung des Leibes gefestigt und hervorgebracht, sondern erst nach erfolgter Geburt dem noch leblosen Kinde von aussen eingedrückt. Es werde nämlich der Same durch den Beischlaf in die weiblichen Organe aufgenommen, durch die natürliche Bewegung angemuntert und verdichte sich zur festen 56) Fleischessubstanz. Diese werde |327 geboren, von der Wärme des Mutterleibes noch dampfend; von seiner Glut befreit, werde sie wie ein glühendes Eisen, das schnell in kaltes Wasser getaucht wird, von der Kälte getroffen, nehme dadurch die seelische; Kraft an und gebe Laute von sich. Das behaupten in Gemeinschaft mit Änesidemus die Stoiker und zuweilen Plato selbst, wenn er die sonsthin abwesende und ausserhalb des Mutterschoosses weilende Seele durch das erste Einatmen des geborenen Kindes herbeigeholt sowie sie durch das letzte Ausatmen ausgestossen werden lässt. Wir wollen zusehen, ob er das als seine Ansicht hingestellt hat. 57) Von den Ärzten fehlt nicht einmal Hikesius, der immer die Grenzen der Natur und seiner Kunst überschreitet.

Vermutlich war es Scham, was sie hinderte, etwas gutzuheissen, was Meinung der Weiber ist. Von den Weibern schliesslich widerlegt zu werden, ist aber viel schimpflicher, als von ihnen eine Bestätigung zu empfangen! Denn in diesem Punkte gibt es keine geeigneteren Lehrer, Richter und Zeugen als das weibliche Geschlecht. Gebt also Antwort, ihr Mütter, Schwangern und Gebärenden, die Unfruchtbaren aber und die Männer sollen schweigen! Man wünscht zu erfahren, wie sich eure Natur in Wirklichkeit verhalte, man forscht nach zuverlässigen Wahrnehmungen bei euch, ob ihr in eurer Leibesfrucht irgend eine der eurigen fremde, lebhafte Bewegung; verspürt, infolge deren es in der Hüftgegend gribbelt, die Weichen erzittern, die ganze Bauchwandung Stösse fühlt und die Stelle der Last sich fortwährend ändert? Gewähren euch diese Bewegungen die sichere Gewissheit und vollkommene Sicherheit, weil ihr alsdann glaubet, das Kind lebe und spiele? Geratet ihr in Furcht, wenn die Unruhe der Frucht aufhört? Besitzt sie in euch bereits Gehör, denn sie schrickt bei ungewohntem Schall zusammen? Verspürt ihr verkehrte Gelüste nach Speisen für die Leibesfrucht? Empfindet ihr für sie Ekel? Teilt ihr euch die Krankheiten gegenseitig einander mit und zwar bis zu dem Grade, dass sie von den Verletzungen, die ihr bekommt, drinnen an denselben Gliedern gezeichnet wird, indem sie den Schaden, der der Mutter geschieht, sich annimmt. Rühren Blässe oder Röte vom Blute her, das Blut wird nicht ohne Leben sein. Ist Gesundheit ein Zuwachs des Lebens, keine Gesundheit wird es ohne Leben geben; wenn Nahrung Appetitlosigkeit, Wachstum, Abnahme, Furcht und Bewegung Lebensthätigkeiten sind, so wird der Leben haben, welcher diese Funktionen ausübt. Wer aufhört, sie zu üben, der hört auf zu leben.

Endlich werden auch Tote geboren. Wie wäre das möglich, wenn nicht auch Lebende geboren würden. Wer ist denn aber tot? Nur wer vorher gelebt hat. Nun aber wird das Kind sogar im Mutterleibe getötet, eine Grausamkeit, die notwendig ist, wenn es beim Heraustreten sich |328 querlegend die Geburt hindert. Es würde zum Muttermörder, wenn es nicht stürbe. Daher befindet sich unter den Geräten der Ärzte auch ein Instrument, womit zunächst die geheimen Teile gewaltsam geöffnet werden mit massig drehender Bewegung, ferner das sichelförmige Messer, womit die Glieder im Innern abgeschnitten werden unter banger Erwartung, endlich der stumpfe Haken, womit die böse Materie herausgezogen wird, in gewaltsamer Entbindung. Man hat auch eine Lanzette von Bronze, womit die Tötung selbst vorgenommen wird, ein unsichtbarer Raubmord. Sie führt den Namen Embryotöter 58) von ihrer Bestimmung, das Kind zu töten; es ist also denn doch ein lebendes Kind, welches umgebracht wird. Ihrer bedienten sich schon Hippokrates, Asklepiades, Erasistratus, Herophilus, der auch Erwachsene sezierte, und sogar der menschlichere Soranus, in der gewissen Überzeugung, dass ein lebendes Wesen empfangen sei. Sie übten an diesen so unglücklichen Kindern in der Weise Erbarmen, dass sie sie vor der Geburt töteten, damit sie nicht lebend in Fetzen gerissen würden.

Dass dieses Verbrechen geboten sei, daran zweifelte auch Nikesius nicht, der die Seele über die bereits Gebornen kommen lässt infolge des Zutritts der kalten Luft; bei den Griechen entspricht dem auch die vom Erfrischen hergenommene Bezeichnung der Seele. 59) Die Beseelung der Barbarenvölker geschieht darum wohl auf andere Weise als die der romanischen, weil sie der Seele irgendwelchen andern Namen gegeben haben als Psyche?! Wie viele Nationen werden aber in einem sehr heissen Klima geboren und sind auch in Hinsicht auf die Farbe wie verbrannt! Woher kriegen diese nun ihre Seele, da es bei ihnen keine kühle Luft gibt? Von der Zimmerhitze in den Gemächern der Kindbetterinnen und der ganzen Wärmevorrichtung, welche ihnen so notwendig ist, da es schon gefährlich ist, sie bloss anzublasen, schweige ich lieber. Fast in einem Schwitzbade kommt der Säugling zur Welt und auf der Stelle hört man ihn plärren.

Wenn dagegen die Kühle der Luft den Seelen das Dasein gibt, so würde ausserhalb Deutschlands, Russlands, der Alpenländer und Argos eigentlich niemand geboren werden dürfen. Nun sind aber die Einwohner zahlreicher gerade unter den orientalischen und mittäglichen Klimaten, und auch die Talente schneller, indem sämtliche Sarmaten geistig stumpf sind. Und doch müssten, wenn die Seelen aus den kalten Stoffen entsprängen, aus der dortigen Kälte begabtere Geister hervorgehen. Denn dem Stoffe entspricht die Kraft.

Dies vorausgeschickt, dürfen wir auch jener Personen gedenken, welche, aus dem Mutterleibe herausgeschnitten, doch lebten und atmeten, wie Liber und Scipio. |329 

Wenn jemand mit Plato der Ansicht ist, zwei Seelen könnten ebensowenig zusammen sein als zwei Körper, so wollte ich ihm nicht etwa bloss zwei Seelen zeigen, die vereinigt sind, so gut wie im Mutterleibe zwei Körper, sondern noch vieles andere, was schon mit der Seele in Verbindung getreten ist, nämlich Geister von Dämonen und nicht bloss von einem einzigen wie bei Sokrates, sondern sogar von einem siebenfältigen wie bei Magdalena, und einem, dessen Zahl Legion war, wie bei dem Gerasener. Dann wird man um so lieber glauben, dass eine Seele mit einer andern Seele zusammengesellt sein könne wegen der Gleichheit der Substanz, da sie mit einem bösen Geiste zusammengesellt war trotz der Verschiedenheit der Natur.

Plato gibt aber selber im sechsten Buch von den Gesetzen die Ermahnung, darauf zu sehen, dass nicht durch ein Fehlgehen des Samens infolge fehlerhaften Beischlafes ein Mangel für Körper und Geist entstehe. 60) Da weiss ich denn doch nicht, ob er sich mehr von seiner früheren oder von seiner letztern Meinung entfernt hat. Denn er gibt damit zu erkennen, die Seele werde mit dem Samen, auf den er Acht zu haben ermahnt, eingeführt und nicht mit dem ersten Atemholen des Neugeborenen. Wie in aller Welt kommt es, dass wir in Hinsicht der Geistesanlagen durch Ähnlichkeit der Seele nach dem Zeugnisse des Kleanthes unsern Eltern entsprechen, wenn wir nicht aus dem Seelensamen hervorgehen? Warum haben denn die alten Astrologen als die Geburtszeit des Menschen den Anfangspunkt seiner Empfängnis festgehalten, wenn die Seele nicht von da an existiert? Auf sie bezieht sich der Stand der Gestirne, wenn er überhaupt etwas ist, 61) ebenso sehr.

26. Doch die Meinungen der Menschen ausserhalb der Grenzen der Offenbarung zeigen nichts als lauter Abweichungen. Ich will mich nun hinter unsere Grenzlinien zurückziehen, um, was ich den Philosophen und Ärzten zur Antwort gegeben habe, für die Christen zu beweisen. Lass, christlicher Mitbruder, deinen Glauben sich auf dem dir eigenen Fundamente auferbauen! Blicke hin auf den belebten Mutterschooss heiliger Frauen und auf die Kinder, die dort bereits nicht bloss leben, sondern auch prophezeien. 62)

Der Leib der Rebekka wird unruhig, und noch ist die Entbindung fern, noch kein Andringen der Luft vorhanden. Siehe, die Doppelgeburt im Mutterleibe wird unruhig und die zwei Völker sind noch nirgends zu sehen. Unheilverkündend wäre vielleicht die Aufgeregtheit der Kinder, |330 die schon streiten und noch nicht leben, die schon lebhaft sind und noch nicht belebt, im Falle sie etwa bloss die Mutter durch ihr Strampeln beunruhigt hätten. Allein als die Entbindung ihren Anfang nimmt, die Zahl sichtbar und die Vorbedeutung erkannt wird, bestätigt sich, glaube ich, nicht nur die Beseelung der Kinder, sondern auch der stattgehabte Streit. Es wurde der, welcher zuerst geboren war, festgehalten von dem andern, dem er zuvorgekommen und der noch nicht vollständig geboren war, sondern erst mit der Hand herauskam. Schlürfte der erste seine Seele mit dem ersten Einatmen, nach Platonischer Weise, oder schöpfte er sie aus der kalten Luft, nach Stoischer Sitte, wie machte es denn der andere, den man noch erwartete, der noch drinnen festgehalten wurde, der aber draussen schon festhielt? Er atmete, denke ich, noch nicht, und hielt doch schon seinen Bruder an der Ferse fest. Obwohl er sich noch in der Wärme der Mutter befand, begehrte er schon zuerst hervorzugehen. O über dieses feindselige, kräftige und auch, vermutlich weil es lebte, schon streitsüchtige Kind!

Berücksichtige ferner die Einzelgeburten, und zwar die auffallenden, die einer Unfruchtbaren und einer Jungfrau, die gerade darum wegen der Umkehrung der Natur nur Unvollkommenes würden haben gebären können, die eine als vor dem Samen scheu, die andere weil davon unberührt. Die, welche nicht in der rechten Weise empfangen waren, hätten müssen ohne Seele geboren werden, aber auch sie leben, jeder in seinem Mutter-schoosse. Elisabeth frohlockt, Johannes hatte sie innerlich dazu angetrieben; Maria aber preiset den Herrn, Christus hatte sie innerlich dazu angeregt. 63) Die Mütter kennen gegenseitig ihre Neugeborenen und werden dem entsprechend auch von ihnen erkannt. Dieselben lebten also und waren nicht bloss Seelen, sondern auch Geister.

So liesest du auch einen an Jeremias gerichteten Ausspruch Gottes; "Bevor ich dich im Mutterschoosse bildete, habe ich dich erkannt." 64) Wenn Gott im Mutterschoosse bildet, so haucht er auch an, in der Weise wie zu Anbeginn "Gott bildete den Menschen und blies in ihn den Hauch des Lebens". 65) Gott kann auch den Menschen im Mutterschoosse nur dann erkennen, wenn derselbe vollständig fertig ist: "Bevor Du aus dem Mutterleibe hervorgingest, habe ich Dich geheiligt." 66) Und da soll er bloss ein toter Körper sein? In keiner Weise! Gott ist ja ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten. 67)

27. Wie hat denn also die Empfängnis des lebenden Wesens stattgefunden? Wurde die Substanz beider, des Körpers und der Seele, auf |331 einmal zusammengeschweisst oder war eins von beiden früher da? Nein, wir lehren, beide sind zugleich sowohl empfangen als auch bereitet und vollendet, so gut wie sie auch zugleich hervorgezogen werden, und in der Empfängnis findet sich kein Moment, wodurch die Stelle bestimmt würde.

Deinen Begriff vom Anfange bilde dir aus dem Ende. Wenn sich der Tod nicht anders bestimmen lässt denn als Trennung des Leibes von der Seele, so wird das Gegenteil vom Tode, das Leben, nicht anders zu definieren sein als: Verbindung des Leibes mit der Seele. Wenn die Trennung beim Tode zu gleicher Zeit beide Substanzen betrifft, so muss sich gerade dies als das Gesetz der Verbindung darstellen, indem letztere beim Leben auf gleiche Weise für beide Substanzen stattfindet.

Daher lassen wir das Leben mit der Empfängnis beginnen, weil wir den Anfang der Seele von der Empfängnis an datieren; denn das Leben beginnt in demselben Augenblick wie die Seele. Es wird also auf gleiche Weise zum Leben zusammengefügt, was auf gleiche Weise zum Zwecke des Sterbens getrennt wird. Im Falle wir aber dem einen die erste Stelle geben, dem andern die zweite, so müssen im Verhältnis zur Aufeinanderfolge auch die Zeitpunkte der Besamung auseinander gehalten werden. Wann wird denn nun der Same des Körpers gelegt und wann der der Seele? Wenn die Zeit der Besamung unterschieden ist, so wird man verschiedene Stoffe bekommen infolge der Trennung der Zeiten. Denn wenn wir auch zwei Arten von Samen unterscheiden, den seelischen und den animalischen, so behaupten wir doch, sie seien ungetrennt und damit also noch gleichzeitig und aus demselben Augenblicke.

Man schäme sich nicht ob dieser notgedrungenen Erklärung. Die Natur muss in Ehren gehalten werden und ist kein Gegenstand des Errötens. Der Beischlaf ist schimpflich infolge der Wollust, nicht an sich; die Ausschreitung, nicht die Sache selbst ist wider die Scham; denn die Sache selbst ist gesegnet bei Gott: "Wachset und mehret euch!" 68) Die Ausschreitung aber ist verflucht; die Ehebrüche, Hurereien und schlechten Häuser. Also bei dieser gewöhnlichen geschlechtlichen Verrichtung, worin sich Mann und Weib verbinden, ich meine den gewöhnlichen Beischlaf, ist, wie wir wissen, Leib und Seele zugleich thätig, die Seele durch die Begierde, das Fleisch in der Vollziehung, die Seele durch den Trieb, der Leib im Werke. Indem also mit einem einzigen Anstoss beider der ganze Mensch in Erregung gesetzt wird, läuft der Same zu einem vollständigen Menschen über, der aus der Körpersubstanz die Feuchtigkeit, aus der geistigen aber die Wärme bekommen hat. Und wenn die Seele den Griechen zufolge etwas Frostiges ist, warum wird dann der Körper kalt und starr, wenn sie aus demselben herausgegangen ist? |332 

Und endlich, um eher an der Schamhaftigkeit als an der Kraft des Beweises etwas fehlen zu lassen, gerade bei der Glut der aufs höchste gestiegenen Wollust, wo die Zeugungsflüssigkeit ausgestossen wird, fühlen wir da nicht auch etwas von der Seele mit hinausgehen? Deshalb werden wir dabei matt und kraftlos mit Abnahme des Lichts. Das wird wohl der seelische Samen sein aus einer Austräuflung der Seele, so wie die eben erwähnte Flüssigkeit der Same des Körpers ist, aus einem Ueberschäumen des Fleisches.

Der Uranfang ist eine sehr getreue Analogie dazu. Aus dem Lehm stammte Adams Fleisch. Was ist Lehm anders als eine zähe Flüssigkeit? Von da werden die zeugenden Säfte stammen. Aus dem Anhauch Gottes kam die Seele. Was anders ist der Anhauch Gottes als ein Wehen des Geistes? Von ihm wird das herrühren, was wir mit jener Flüssigkeit aushauchen. Da also beim Uranfang zwei verschiedene und getrennte Dinge, der Lehm und der Anhauch, zusammen den einen Menschen herstellten, so haben damals schon die beiden zusammengeflossenen Substanzen auch ihre Samen in eins zusammengethan und damit die Regel für die Fortpflanzung des Geschlechtes in der Folgezeit gegeben, so dass auch jetzt noch beide, obwohl verschieden, doch vereint zusammen aus-fliessen. Zu derselben Zeit der Furche und ihrem Ackerboden anvertraut, bringen sie zu gleicher Zeit einen Menschen von beiden Substanzen hervor, in welchem wieder sein Same enthalten ist nach seiner Art, so wie es jedem zeugungstüchtigen Geschöpfe vorherbestimmt ist.

Mithin stammt aus einem einzigen Menschen diese ganze Unzahl von Seelen, indem die Natur den Ausspruch Gottes befolgt: "Wachset und mehret euch." Auch in der Vorrede zu Gottes einmaligem Wirken: "Lasst uns den Menschen machen!" 69) ist schon die gesamte Nachkommenschaft im Plural vorausverkündet: "Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres." Kein Wunder! Es wird im Samen die Ernte verheissen.

28. Was ist das für ein alter Dialog, dessen Plato gedenkt, 70) der über das abwechselnde Hin- und Hergehen der Seelen sagt, dass, wenn sie sich von hier entfernen, sie dorthin gehen, dann wiederum hierher kommen und leben, sodann aus dem Leben scheiden und wiederum aus Toten Lebende werden? Er ist Pythagoräisch, wie einige behaupten, oder göttlich, wie Albinus meint, oder er rührt vielleicht von Merkur her, wie die Ägypter sagen.

Göttliche Aussprüche aber gibt es keine, als die des einen einzigen Gottes, wie sie die Propheten, die Apostel und Christus selbst kund gethan haben. Moses ist ja schon älter als Saturn, etwa neunhundert Jahr, |333 natürlich noch viel älter als dessen Urenkel, göttlich aber gewiss in noch viel höher m Grade. Er hat den Verlauf der Geschicke des Menschengeschlechtes durch die einzelne Generationen hindurch mit Namen und nach Zeiten angezeigt, indem er die Göttlichkeit seines Auftretens durch die göttliche Seherkraft seines Wortes hinlänglich bewährte. Wenn aber für die infolge der abwechselnden Wiederherstellung der Lebendigen und Toten sich stets wiederholende Wiederkehr der Seelen der Sophist aus Samos Platos Gewährsmann ist, dann hat sich Pythagoras, wenn auch sonst ein guter Mann, um seine Lehre zu stützen, auf eine nicht bloss schändliche, sondern sogar verwegene Lügerei verlegt. Man untersuche die Sache, wenn man sie noch nicht kennt, und sei mit uns gläubig!

Er gibt vor, gestorben zu sein, verbirgt sich in einem unterirdischen Räume, verurteilt sich zu siebenjährigem Aufenthalt daselbst und erfährt mittlerweile durch seine Mutter, die seine einzige Mitwisserin und Gehülfin in der Sache ist, die Dinge, die er mit dem Schein der Glaubwürdigkeit über die nach ihm Gestorbenen erzählen will. Sobald es ihm scheint, als habe er lange genug seine Leiblichkeit verleugnet, steigt er mit allen Schrecknissen eines längst Verstorbenen aus seinem betrügerischen Asyle, wie einer, den die Unterwelt wiederhergegeben hat. Wer sollte einen Menschen, von dessen Ableben er nichts gehört hat, nicht für wieder aufgelebt halten? Zumal wenn er von ihm über die seither Verstorbenen Dinge hört, die dieser nur in der Unterwelt erfahren haben zu können scheint?! So lautet die ältere Erzählung darüber, dass die Toten wieder lebendig werden können. Was läge daran, wenn sie jünger wäre? Denn die Wahrheit braucht nicht das Altertum als Stütze, und die Lüge schreckt auch vor der Makel der Neuheit nicht zurück.

Ich halte die Sache für vollständig erlogen, wenn auch diese Lüge durch hohes Alter geadelt ist. Und wie sollte das nicht falsch sein, dessen Beweis falsch ist? Wie könnte ich glauben, dass Pythagoras nicht lüge, da er lügt, damit ich glaube? Wie will er mich überreden, dass er früher, bevor er Pythagoras gewesen, Äthalides, der Fischer Euphorbus, Pyrrhus und Hermotimus gewesen sei, um mich glauben zu machen, dass aus Toten wiederum Lebendige werden, er, der fälschlich beteuert hat, er werde wiederum Pythagoras sein? Wäre er einmal als dieselbe Person wieder zum Leben zurückgekehrt und nicht so vielmal immer als ein anderer, so würde das viel glaubhafter sein. Da er in geringen Dingen schon gelogen hat, so hat er noch mehr in grösseren Betrug geübt.

Aber er erkannte ja den Schild des Euphorbus wieder, der sich einst zu Delphi als Weihgeschenk befand, nannte ihn den seinigen und bewies es aus sonst unbekannten Kennzeichen! ---- Denke doch nur an sein unterirdisches Gemach, und wenns dann noch geht, so glaube! Wer eine solche Schnurre ersonnen hat, zum Schaden seiner Gesundheit, mit dem |334 Verluste seiner Lebensfreude, die sieben Jahre lang unter der Erde verkümmert wurde, durch Appetitlosigkeit, Unlust, Finsternis, wer eine solche Abneigung gegen das Himmelslicht hatte, welche Verwegenheit sollte ihm unerreichbar, welche Mittel der Neugier ihm unzugänglich sein, um zur Kenntnis jenes Schildes zu gelangen?! Wie aber, wenn er sie etwa in irgendwelchem alten vergessenen Geschichtsbuche fand? Wie, wenn er einige Bröckchen von einer schon verwischten Tradition erhaschte? Wie, wenn er ihn durch eine vom Küster heimlich erkaufte Besichtigung kannte? Wir wissen, dass in Erforschung verborgener Dinge dergleichen auch der Magie möglich ist durch die katabolischen, paredrischen und pythonischen Geister. Hat nicht auch Pherecydes, der Lehrer des Pythagoras, mit Hilfe solcher Künste geweissagt, um nicht zu sagen deliriert? Wie, wenn in ihm derselbe Geist sass, der durch Euphorbus blutige Thaten vollbrachte? Und endlich, wenn er sich als Euphorbus auswies mit Hilfe des Schildes, warum hat er denn nicht ebensogut einen von seinen trojanischen Kriegskameraden wieder erkannt? Diese wären doch wohl auch wieder aufgelebt, wenn aus Toten Lebendige würden!

29. Dass die Lebendigen zu Toten werden, das steht fest, darum aber noch nicht, dass aus Toten Lebendige werden. Denn im Uranfang waren die Lebendigen die ersten und darum von Anfang an die Toten die Späteren. Sie entstehen nirgendwo anders her als aus Lebendigen. Für diese aber gab es einen angemessenem Ursprung als aus den Toten. Jene hingegen haben nichts, woraus sie entspringen könnten, als nur die Lebendigen. Wenn also im Uranfang die Lebendigen nicht aus den Toten entstanden sind, warum denn nachher? War denn die Quelle ihres Ursprungs, wie beschaffen auch immer, versiecht? Oder war ihnen die herkömmliche Regel leid ? Und wie blieb diese in den Toten von Bestand? Weil im Anbeginn Tote aus Lebenden entstanden, entstehen sie deshalb nicht noch immer daraus? Entweder wäre die ursprüngliche Regel in beiden Fällen von Bestand gewesen, oder sie hätte sich in beiden geändert, so dass, wenn später Lebendige aus Toten entstehen mussten, es ebenso eine Notwendigkeit gewesen wäre, dass nicht mehr aus Lebendigen Tote würden. Wenn die Zuverlässigkeit der Einrichtung sich nicht durchweg gleichbleiben durfte, so gibt es auch keine fortdauernde wechselsweise Wiederherstellung der Dinge aus ihrem Gegenteil.

Wir stellen ja auch die Gegensätze von Geboren und Ungeboren, Sehvermögen und Blindheit, Jugend und Alter, Weisheit und Nichtweisheit einander gegenüber, sagen aber darum doch nicht, das Ungeborene gehe aus Geborenem hervor, weil sein Gegenteil aus dem andern Gegenteil hervorgeht. Ebensowenig entsteht das Sehvermögen darum aus der Blindheit, weil die Blindheit das Sehvermögen befällt. Die Jugend verjüngt sich |335 nicht aus dem Alter darum, weil das Alter auf die Jugend durch Abnahme der Kräfte folgt; die Weisheit stumpft sich nicht darum zur Thorheit ab, weil die Thorheit sich zur Weisheit schärft. Solche Folgerungen fürchtete auch Albinus für seinen Plato und suchte daher in subtiler Weise die Gegensätze in Klassen zu zerlegen. Aber das kommt dann so heraus, als ob die letztgenannten Gegensätze nicht ebenso vollkommen wären als jene, welche er im Interesse der Ansicht seines Meisters auslegt, nämlich Leben und Tod. Trotzdem wird das Leben nicht nach dem Tode darum wieder verliehen werden, weil auf das Leben der Tod folgt.

30. Was werden wir aber auf die übrigen Punkte erwidern? Erstens, wenn aus den Toten Lebendige sowie aus den Lebendigen Tote entständen, so würde die Anzahl sämtlicher Menschen immer durchaus dieselbe geblieben sein, nämlich jene Anzahl, welche zuerst in das Leben eingetreten war. Denn die Lebendigen sind ja früher als die Toten, danach werden Tote aus den Lebendigen und dann wiederum aus den Toten Lebendige. Und wenn dies immer in derselben Weise geschieht, so sind es immer dieselben, welche aus denselben hervorgehen. Es würden weder mehr noch weniger ausgehen als zurückkommen.

Nun finden wir aber in den Berichten der antiquitates humanae, 71) dass das Menschengeschlecht nach und nach sich ausgebreitet habe, indem die Aboriginer, entweder als Herumstreicher oder Verbannte oder als Sieger, fortwährend neue Länder besetzten, so die Scythen das Partherland, die Temeniden den Peloponnes, die Athener Asien, die Phrygier Italien und die Phönizier Afrika. Auch werden in förmlichen und feierlichen Auswanderungen, welche man ἀποικίαι nennt, Schwärme Volks in der Absicht, die Last der Volkszahl zu vermindern, in fremde Gebiete ausgespieen. Jetzt nämlich bleiben die Aboriginer in ihren Wohnsitzen und suchen vielmehr ihre Volksmenge anderwärts für sich nutzbar zu machen. Wenigstens liegt es auf der Hand, dass der Erdkreis selbst von Tag zu Tag mehr angebaut wird und kultivierter ist als ehedem. Alles ist bereits zugänglich, alles erforscht, alles für den Verkehr erschlossen; verrufene Einöden sind längst in die lieblichsten Triften verwandelt, Wälder zu Ackerfeld urbar gemacht, die wilden Tiere durch die zahmen vertrieben, Sandflächen besäet, Felsen gesprengt, Sümpfe ausgetrocknet und die Zahl der Städte so gross als ehedem die der Hütten. Auch die Inseln sind nicht mehr Gegenstand der Furcht, Klippen schrecken nicht mehr, überall sind Wohnungen, überall Bevölkerungen, überall Staaten, überall Leben. Wir sind der Erde eine Last, kaum reichen die Elemente für uns aus, die Bedürfnisse werden knapper und überall gibts Klagen, da uns die Natur bereits nicht mehr erhalten will. |336 

Seuchen, Hunger, Kriege, Untergang von Städten sind schier für Heilmittel zu halten, für eine Art Beschneidung des überwuchernden menschlichen Geschlechtes. Und doch, wenn dergleichen Sensen einmal eine gewaltige Menge Sterblicher wegmähen, so ist der Erdkreis noch niemals vor der Wiederbringung, welche nach eintausend Jahren einmal die Toten als Lebende zurückführen soll, bange gewesen. Wenn aus Toten Lebende würden, so hätte die wiederherstellende Macht, welche die gleiche ist wie beim Verluste, auch dies fühlbar gemacht. Warum aber werden erst nach tausend Jahren und nicht sogleich aus Toten Lebende? Wenn das Verschwundene nicht sofort wieder erscheint, so läuft es ja Gefahr, gänzlich zu vergehen, indem das Hinschwinden dann einen zu grossen Vorsprung hätte vor der Wiederherstellung. Denn die gegenwärtige Lebensdauer ist dem nicht entsprechend, sondern viel kürzer als tausend Jahre und darum leichter auszulöschen als wieder anzufachen. Alles Leben würde also, wenn die Lebenden aus den Toten entstünden, auf diese Weise erloschen sein. Da es aber noch nicht erloschen ist, so wird auch nicht anzunehmen sein, dass die Lebendigen aus den Toten entstehen.

31. Gesetzt nunmehr, es würden aus den Toten Lebendige, dann aber doch aus den einzelnen Personen immer nur wieder einzelne Personen. Es hätten also die Seelen der einzelnen Körper als einzelne in die einzelnen Körper zurückkehren müssen. Wenn sie nun aber zu je zwei, drei bis zu fünf in einen Mutterschooss Aufnahme finden, so entstehen nicht aus den Toten Lebendige, weil nicht je ein Individuum aus je einem. Auch dadurch findet die ursprüngliche Regel ihre Bestätigung, dass auch jetzt noch mehrere Seelen aus einer einzigen hervorgehen.

Da die Seelen in verschiedenem Lebensalter von hinnen scheiden, warum, frage ich da, kommen sie alle denn in demselben Alter wieder? Alle Geborenen befinden sich im Kindesalter. Was soll das aber heissen, dass ein verstorbener Greis als Kind zurückkehrt und seine Seele draussen in rückläufigem Alter abnimmt? Wie viel angemessener wäre es, wenn die Seelen tausend Jahre später vorangeschrittener zurückkämen, oder wenigstens in demselben Alter als bei ihrem Tode, um die abgebrochene Lebensperiode von neuem aufzunehmen!

Gesetzt auch, sie kämen immer als dieselben wieder, so müssten sie, wenn auch nicht dieselben Körperformen, so doch die vorigen Eigentümlichkeiten in den Geistesanlagen, Studien und Neigungen mit sich zurückbringen. Denn wenn sie dessen entbehren, woran man ihre Identität erkennt, so würde es ja ein übereiltes Urteil sein, sie für identisch zu halten. Woher weisst Du denn, wendet man mir ein, ob es nicht im Verborgenen doch so ist, aber der tausendjährige Zeitraum mag die Fähigkeit rauben, sie wiederzuerkennen, da es uns unbekannte sind, die zurückkehren. |337 O bitte, ich weiss sehr wohl, dass es sich nicht so verhält, da es ja Pythagoras-Euphorbus ist, den man mir entgegenstellt. Denn siehe, Euphorbus ist, wie schon durch die Auszeichnung seiner zum Weihgeschenk gemachten Schilde zur Genüge feststeht, eine kriegerische und soldatische Seele gewesen. Pythagoras dagegen war so friedlich und unkriegerisch, dass er die damaligen Kämpfe in Griechenland vermeidend das ruhige Italien vorzog, ganz der Geometrie, Astronomie und Musik hingegeben, ganz fremd den Neigungen und Beschäftigungen des Euphorbus. Pyrrhus beschäftigte sich mit Überlistung der Fische, Pythagoras aber nicht einmal mit deren Verspeisung, da er sich von Tierischem enthielt. Äthalides und Hermotimus fielen über ihre Bohnen her als alltägliche Speise; Pythagoras dagegen lehrte seine Schüler, sie sollten nicht einmal an Bohnenpflanzungen vorübergehen. Wie wäre es also möglich, dass dieselben Seelen wieder angenommen würden, da sie sich weder nach ihren Anlagen noch durch Fertigkeiten und Lebensweise als dieselben ausweisen?

Von der grossen Anzahl Seelen aus Griechenland werden ferner nur vier angeführt. Und warum denn bloss solche aus der Schar der Griechen? Warum finden nicht aus jedem Volk, jedem Alter, jeder Lebensstellung und auch aus jedem Geschlecht täglich Metempsychosen und Metenso-matosen statt? Warum erkennt sich Pythagoras allein als den oder den wieder und warum erkenne ich mich nicht auch? Oder wenn das ein Vorzug der Philosophen ist, und noch dazu der griechischen ---- als ob nicht die Scythen und Indier auch philosophierten ---- warum erinnert sich nicht Epikur, früher der und der gewesen zu sein, warum nicht Chrysippus, Zeno und nicht einmal Plato, den wir etwa für Nestor angesehen haben würden wegen seiner honigartigen Wohlredenheit?

32. Empedokles freilich faselte davon, er sei ein Gott; deshalb glaube ich, verschmähte er es, die Erinnerung zu haben, dass er ein Heros gewesen sei, und erklärte: Ich war ein Strauch und ein Fisch. Warum nicht lieber, da er so ohne Salz war, auch eine Melone und, da er so aufgeblasen war, ein Chamäleon? Offenbar geschah es auch in seiner Eigenschaft als Fisch, dass er in den Ätna sprang, um sich lieber braten zu lassen, als in einem verborgenen Grabe zu verwesen. Von da an mag es bei ihm mit der Metensomatosis wohl aus gewesen sein, wie eine sommerliche Mahlzeit mit dem Braten schliesst.

Wir müssen darum hier gegen einen noch ungeheuerlicheren Wahn ankämpfen, denjenigen, der auch Tiere aus Menschen und umgekehrt Menschen aus Tieren hervorgehen lässt. Mit den Sträuchern mag's denn so bleiben. Wir brauchen dies nur im Fluge zu thun, um uns nicht veranlasst zu sehen, Spässe zu machen, statt zu belehren. Wir behaupten, die menschliche Seele kann auf keine Weise in Tiere übertragen werden, |338 auch wenn sie, wie die Philosophen lehren, aus elementaren Substanzen ihren Anfang nähme. Entweder ist die Seele Feuer, Wasser, Blut, Hauch, Luft oder Licht, jedenfalls müssen wir bedenken, dass es Tiere gibt, welche diesen einzelnen Arten von Dingen entgegengesetzt sind, dem Feuer die kalten Tiere, die Schlangen, Eidechsen, Salamander und alle, welche aus dem entgegengesetzten Elemente hervorgehen, nämlich dem Wasser. Umgekehrt sind dem Wasser entgegengesetzt die trockenen und saftlosen; es freuen sich der Trocknis nämlich die Heuschrecken, Schmetterlinge und Chamälcone. Dem Blut sind die entgegengesetzt, welche dessen Röte entbehren, die Schnecken, Würmer und der grössere Teil der Fische, dem Hauche entgegengesetzt die, welche nicht zu atmen scheinen, die der Lungen und Luftröhren entbehren, die Mücken, Ameisen, Spinnen und die kleinen Tiere dieser Art, der Luft sind entgegengesetzt die, welche immer unter der Erde oder dem Wasser lebend des Einatmens derselben entbehren, dem Lichte entgegengesetzt die gänzlich blinden und die, welche nur Augen für die Finsternis haben, die Maulwürfe, Fledermäuse und Nachteulen. So viel, um nur aus offen daliegenden und bekannten Wesen Belehrung zu schöpfen.

Wollte ich die Atome des Epikur aufgreifen, auf die Zahlen des Pythagoras sehen, an die Ideen des Plato anrennen und mich der Entelechien des Aristoteles bemächtigen, so würde ich doch vielleicht auch Tiere finden, welche ich diesen Klassen von Dingen unter dem Titel der Gegenteiligkeit entgegensetzen könnte. Aus welcher von den genannten Substanzen auch die Seele bestehen möge, so hätte, behaupte ich, keine Wiederherstellung derselben in Tiere stattfinden können, die allen diesen Substanzen so sehr entgegengesetzt sind, und sie hätte sich infolge ihrer Überführung nicht können einer Klasse von Wesen anschliessen, bei denen sie anstatt einer Zulassung und Aufnahme Zurückweisung und Ausschliessung zu erwarten gehabt hätte, in kraft dieses ersten Gegensatzes, der eine Verschiedenheit des wesentlichen Zustandes behauptet, sodann auch in kraft der übrigen Gegensätze, die infolge der Entwicklung einer jeden Natur eintreten. Denn die menschliche Seele hat ganz andere Wohnsitze, Lebensweise, Ausstattung, Sinne, Affekte, Fortpflanzung und Nachkommenschaft erhalten; ebenso sind ihre Anlagen, Thätigkeiten, Freuden, Abneigungen, Laster, Begierden, Vergnügungen, Krankheiten, Arzneien, zuletzt auch ihre Lebensformen und Todesarten ganz eigentümliche.

Wie sollte also die Seele, welche, vor jeder Höhe und jeder Tiefe bange, an der Erde haftet, die durch blosses Treppensteigen zu ermüden und schon in einem Badebassin zu ersäufen ist, sich später als Adler in den Lüften schwenken oder sich als Aal im Meere herumtummeln können? Wie sollte sie, die an anständige, ausgesuchte und wohl zubereitete Nahrung gewöhnt ist, ich will nicht einmal sagen, Stroh, sondern sogar |339 Disteln, bittere Feldkräuter, Mistkäfer und giftiges Gewürm verzehren können, wenn sie in eine Ziege oder in eine Wachtel gewandert ist; wie sollte sie, die sich denn doch immer ihrer selbst bewusst bleibt, vollends Aas, am Ende wohl gar menschliches verschlingen können, wenn sie in einem Bären oder Löwen steckt?! Auf ähnliche Weise wird man auch die übrigen Behauptungen der Ungereimtheit überführen. Wir wollen uns aber nicht länger bei Erörterung alles einzelnen aufhalten.

Was soll die Menschenseele dann, welches auch immer ihre Ausdehnung, welches auch ihr Umfang sein mag, in den Tierkörpern thun, die entweder, viel grösser oder viel kleiner sind als sie? Es ist notwendig, dass jeder Leib von seiner Seele ausgefüllt und jede Seele von ihrem Leibe bedeckt wird. Wie soll nun die Menschenseele einen Elefanten ausfüllen? Wie soll sie von einer Mücke bedeckt werden? Wenn sie um ebenso vieles ausgedehnt oder zusammengepresst werden muss, so wird es wahrhaftig mit ihr schlimm stehen. Darum füge ich hinzu: wenn sie auf keine Weise in Tierkörper übertragen werden kann, da diese ihr weder an Körpermaass noch hinsichtlich ihrer übrigen Naturgesetze entsprechen, wird sie sich dann eine den Eigenschaften, den Arten und der Lebensweise jener Tiere entsprechende Veränderung gefallen lassen, deren Lebensweise der menschlichen so ganz entgegengesetzt ist, und dadurch selbst etwas von einer Menschenseele gänzlich verschiedenes werden? Liesse sie aber eine solche Veränderung mit Verlust ihres frühern Seins zu, so würde sie auch nicht mehr sein, was sie früher war, und wenn sie das nicht mehr ist, so wäre damit die Metensomatosis abgethan und man dürfte sie natürlich einer Seele, welche infolge der geschehenen Veränderung nicht mehr existiert, nicht beilegen. Denn es könnte von einer Metensomatosis nur bei einem Dinge die Rede sein, welches, wenn es sie erlitte, doch in demselben Zustande bliebe.

Wenn die Seele also keine Veränderung erleiden kann, um nicht ihre Identität einzubüssen, noch auch in demselben Zustande verharren, weil dieser so Entgegengesetztes nicht zulässt, so suche ich nach irgend einer glaubhaften Ursache einer solchen Übertragung. Wenn manche Menschen auch in Hinsicht ihrer Sitten, Anlagen und Neigungen mit den Tieren auf gleicher Stufe stehen und Gott selbst spricht: "Der Mensch ist gleich geworden vernunftlosen Tieren", 72) so brauchen darum doch nicht aus Räubern Habichte, aus geilen Menschen Hunde, aus streitsüchtigen Panther, aus rechtschaffenen Schafe, aus geschwätzigen Schwalben, aus schamhaften Tauben zu werden, als wenn die Seelensubstanz in den Eigenschaften der Tiere ihre Natur überall wiederholte. Etwas ganz anderes als die Substanz ist die Natur der Substanz. Die Substanz ist für jede Sache eine besondere, |340 die Beschaffenheit aber kann eine gemeinschaftliche sein. Sieh dich nach einem Beispiel um! Der Stein und das Eisen sind Substanzen, Härte ist die Natur des Steines sowie der Eisensubstanz. Die Härte stimmt überein, die Substanz ist unterschieden. Weich ist die Wolle und weich die Feder; ihre natürlichen Eigenschaften sind gleich, ihre Wesenheiten nicht. So kann dem Menschen der Name eines wilden Tieres oder auch eines sanften gegeben werden, aber die Seelen beider sind doch nicht dieselben. Die Ähnlichkeit der Natur wird gerade dann hervorgehoben, wenn man eine Verschiedenheit der Substanzen wahrnimmt. Eben dadurch, dass man einen Menschen mit einem wilden Tiere gleichstellt, gesteht man zu, ihre Seelen seien nicht dieselben. Man nennt sie ja ähnlich, nicht identisch. So lautet auch der Ausspruch Gottes, der den Menschen dem Vieh gleichstellt in Hinsicht seiner Beschaffenheit, nicht seiner Substanz. Gott würde den Menschen nicht auf diese Weise getadelt haben, wenn er wusste, dass derselbe seiner Substanz nach ein Vieh sei.

33. Auch wenn dieser Lehrsatz durch eine Berufung auf das Gericht gestützt und gesagt wird, die menschlichen Seelen würden je nach ihrem Lebenswandel und Verdienst für eine entsprechende Tierart bestimmt ----die, welche abgewürgt werden müssten, seien alle im Schlachtvieh, die unter das Joch zu bringenden, im Lastvieh, die abzutreibenden im Arbeitsvieh, die schnöde Behandlung verdienen, im unreinen Vieh, umgekehrt, die in Ehren zu halten, zu liebkosen, zu pflegen und zu begehren wären, befänden sich alle in zierlichen, treuen, nützlichen und zärtlichen Tierarten ---- auch dann würde ich sagen, wenn sie verändert werden, so wird ihnen nicht in ihrer eigenen Person vergolten, was sie verdienen, und der Begriff Gericht wird illusorisch, wenn das Gefühl der Vergeltung fehlt. Sie wird nicht gefühlt, wenn der Zustand der Seelen gewechselt hat; der Zustand der Seelen aber wechselt, wenn sie nicht dieselben bleiben. Bestehen sie in ähnlicher Weise fort für das Gericht, was auch der ägyptische Merkurius lehrt, indem er sagt: "Die aus dem Körper geschiedene Seele fliesst nicht in die Allseele zurück, sondern bleibt in ihrer Besonderheit bestehen, damit sie", sind seine Worte, "dem Vater Rechenschaft über das gebe, was sie im Leibe gethan hat" ---- so will ich doch an die Gerechtigkeit, Strenge, Majestät und Würde des göttlichen Gerichts erinnern und zu bedenken geben, ob dann nicht die menschliche Art zu urteilen durch Achtbarkeit ihrer beiderlei Sentenzen, der strafenden sowohl als der belohnenden, weil strenger im Ahnden und liberaler im Nachlassen, vor jener bei weitem den Vorzug habe.

Was soll aus der Seele eines Mörders werden? Vermutlich ein Vieh, das für die Schlachtbank und den Metzger bestimmt ist, damit sie gerade so abgewürgt werde, wie sie abgewürgt hat, abgehäutet werde, wie sie |341 geplündert hat, und auch zur Speise vorgesetzt werde, weil sie die in Wäldern und unwegsamen Gegenden Ermordeten den wilden Tieren preisgegeben hat. Wenn des Mörders Seele hierzu verurteilt wird, so weiss ich nicht, ob es ihm nicht mehr zum Tröste als zur Strafe gereicht, durch gut bezahlte Köche seine Bestattung zu finden, nach Vorschrift eines Apicius und Lurco in Gewürzen begraben, auf Ciceronianische Tische gestellt, in glänzenden Sullanischen Schüsseln aufgetragen zu werden, sein Leichenbegängnis durch ein Gastmahl zu finden, von seinesgleichen und nicht von Habichten und Wölfen verspeist zu werden. Im Körper eines Menschen begraben und in sein eigenes Geschlecht zurückgekehrt, würde er so eine Auferstehung zu feiern scheinen und im Vergleich damit die Urteilssprüche der Menschen, wenn er sie je erfahren haben sollte, verlachen. Denn diese lassen den Mörder durch verschiedene auserlesene und gegen ihre Natur abgerichtete Bestien zerreissen, und zwar lebendig; das Sterben wird ihm nicht leicht gemacht, sondern sein Ende verzögert zur Vervollständigung der Strafe. Selbst wenn seine Seele schon entflohen sein sollte, bevor das Schwert ihm den Garaus macht, so wird sein Leib dem Eisen damit noch nicht entronnen sein. Es wird ihm trotzdem noch Kehle, Bauch und Brustkasten durchbohrt und dadurch Vergeltung für seine Schandthat geübt. Dann wird er dem Feuer übergeben, damit er auch um das Begräbnis gestraft werde. Anders geht es nicht. Auch die Sorgfalt bei seiner Verbrennung ist nicht gross, so dass andere Tiere die Überreste finden, wenigstens wird mit seinen Gebeinen keine Schonung und mit seiner Asche, die mit Nacktheit bestraft werden muss, 73) keine Nachsicht geübt. Die Bestrafung des Mordes von seiten der Menschen ist so schwer, als die Natur selbst, welche gerächt wird, für erhaben angesehen wird. Wer würde da nicht die Gerechtigkeit dieser Welt höher stellen, von welcher auch der Apostel bezeugt, dass sie nicht umsonst mit dem Schwerte bewehrt sei, 74) und welche durch ihre zum Wohle der Menschen geübte Strenge Ehrfurcht einflösst!?

Denken wir an die Art und Weise, die übrigen Verbrechen zu ahnden, an die Kreuze, das Lebendigverbrennen, die Säcke, 75) die Krallen, die Felsen, 76) so frage ich, käme man nicht besser davon, wenn man sein Urteil nach Pythagoras oder Empedokles litte? Denn auch die, welche, um durch Arbeiten und Frondienste bestraft zu werden, in Leibern von Eseln oder Maultieren wieder kommen, wie werden sie sich zu. den Tretmühlen und Wasserschöpfrädern Glück wünschen, wenn sie sich an die Bergwerke, Arbeitshäuser und öffentlichen Zwangsarbeiten erinnern, ja selbst an die einfachen Kerker, wo man nicht arbeitet! |342 

Für die Leute, denen ihre unbescholtenen Sitten beim Richter zur Empfehlung ihres Lebens gereichen sollten, sehe ich mich nach Belohnungen um, finde aber umgekehrt für sie nur Strafen. Freilich, es ist eine grosse Gunst für die Guten, in irgend ein Tier verwandelt zu werden! Wie den Ennius träumte, erinnerte sich Homer, ein Pfau gewesen zu sein. Ich glaube den Poeten noch nicht einmal, wenn sie wachen. Obwohl der Pfau ein sehr schönes Tier und mit allen Farben geschmückt ist, sein Gefieder ist stumm, ja, seine Stimme missfällt sogar, während die Poeten an nichts mehr Gefallen finden als am Singen. Demnach ist Homer in einen Pfau nicht begnadigt, sondern verurteilt. Er würde über eine ihm von der Menschenwelt zugeteilte Belohnung grössere Freude empfinden, da er als Vater der geistigen Bildung gilt, und die Zierde seines Ruhmes ist ihm lieber als ein Schweif. Gut nun, gesetzt, die Poeten gingen in Pfauen und Schwäne über, da die Schwäne wenigstens eine ausgezeichnete Stimme haben, welchen Tierleib wird man den Äacus anziehen lassen, diesen so gerechten Mann? In welche Bestie die Dido kleiden, dieses so untadelhafte Weib? Welcher Vogel wird für die Geduld, welches Vieh für die Heiligkeit, welcher Fisch für die Unschuld bestimmt sein? Sie alle sind bestimmt, dem Menschen zu dienen, ihm unterthänig und sein eigen zu sein. Wird jemand in eins von ihnen verwandelt, so wird dadurch einer degradiert, dem man wegen der Verdienste während seines Lebens Bilder, Statuen, Ehrentitel, öffentliche Auszeichnungen und Privilegien zuerkennt, dem die Kurie und das Volk seine Huldigungen darbringt. Ach, die göttlichen Urteile nach dem Tode wären dann trügerischer als die der Menschen, zu leicht in ihren Strafen und widerlich in ihren Belohnungen! Von den Bösen würden die ersteren nicht gefürchtet, von den Guten die letzteren nicht begehrt; die Verbrecher würden ihnen eifriger nachlaufen als die Heiligen; jene, um der Gerechtigkeit der Menschenwelt schneller zu entgehen, diese, um sie desto später zu erlangen.

Das ist mir eine schöne Lehre, eine erspriessliche Überzeugung, die Ihr Philosophen uns gebt, die Strafen und Belohnungen nach dem Tode seien geringer, während das Gericht, welches etwa der Seelen wartet, bei der Abrechnung für das Leben doch für strenger gehalten werden muss als das während seiner Führung. Denn das Letzte ist immer das Vollständigste, nichts aber ist vollständiger als das Göttliche. Daher wird Gott das vollständigste Gericht halten, weil es das letzte ist, und einen ewigen Urteilsspruch thun sowohl hinsichtlich der Strafe als des Lohnes, nicht für Seelen, die in Tierleiber, sondern für Seelen, die in ihre eigenen Leiber zurückkehren, und zwar ein- für allemal, für den Tag, den nur der Vater allein kennt, damit in schwebender Erwartung der bange Glaube bewährt werde, der immer den Tag erwartet, den er niemals kennt, und der täglich fürchtet, was er täglich hofft. |343 

34. Als Häresie ist bis jetzt keine dieser verrückten Theorien, welche die menschlichen Seelen in Bestien wiederkehren lassen, aufgetreten. Trotzdem war es notwendig, auch sie herbeizuziehen und abzuweisen, weil sie mit den vorigen zusammenhängen, damit sowohl Homer in seinem Pfau als Pythagoras im Euphorbus fortgejagt werde. Indem in solcher Weise die Metempsychose und Metensomatose zurückgewiesen wurde, ist wiederum etwas aus dem Felde geschlagen, was den Häretikern irgendwelchen Stoff geliefert hat.

Der Samariter Simon nämlich, aus der Apostelgeschichte bekannt als Käufer des hl. Geistes, wandte sich, nachdem er von diesem samt seinem Gelde verdammt, seinen Untergang erfolglos beweint hatte, der Bekämpfung der Wahrheit gleichsam als einer trostvollen Rache zu und stützte sich dabei auch auf seine Kunstfertigkeit. Für dasselbe Geld kaufte er sich aus einer öffentlichen Lasterhöhle eine gewisse Helena aus Tyrus ---- für ihn eine passende Entschädigung statt des hl. Geistes ---- um Taschenspielerkünste einer bekannten Art auszuüben. Sich selbst gab er für den höchsten Vater aus, jene Person aber für seine erste Eingebung, 77) durch die ihm eingegeben worden sei, die Engel und Erzengel zu erschaffen. Im Besitze dieses Ratschlusses sei sie dem Vater entsprungen, in die niederen Regionen herabgestiegen und habe hier, dem Ratschluss des Vaters zuvorkommend, die Engelmächte erzeugt, welche vom Vater, dem Baumeister der Welt, nichts wussten, sei von ihnen aber aus Missgunst 78) zurückgehalten worden, damit sie nicht, wenn jene weggegangen wäre, für Geschöpfe des andern gehalten würden. So sei ihr denn jegliche Schmach angethan worden, damit sie, um alles Ansehen gebracht, keine Lust mehr habe, irgendwo anders hinzugehen, sie sei sogar in eine menschliche Gestalt eingeschlossen worden, damit sie so gleichsam durch die Bande des Fleisches festgehalten werde. So habe sie sich viele Jahrhunderte hindurch in immer wechselnden weiblichen Gestalten herumgetrieben und sei die für Priamus und später für die Augen des Stesichorus so verhängnisvolle Helena gewesen. Letztern habe sie wegen eines Schmäligedichtes geblendet, nachher aber, als sie durch ein Lobgedieht Genugthuung empfangen, ihn wieder sehend gemacht. Sodann habe sie, aus einem Körper in den andern wandernd, als Helena geringerer Sorte in äusserster Schmach, unter einem Aushängeschild Prostitution getrieben. |344 

Diese Person nun sei das verlorene Schaf, 79) zu welchem der oberste Vater, Simon nämlich, herabgestiegen sei; er habe es zuerst wieder erworben und zurückgebracht, ob auf den Schultern oder auf dem Schoosse, ist zweifelhaft. Sodann habe er das Heil der Menschen erwogen, um sie aus der Gewalt jener Engel zu erretten, sozusagen zur Strafe für letztere. Um sie zu täuschen, habe er selbst die gleiche Gestalt angenommen, den Menschen einen Menschen vorgelogen und in Judäa den Sohn, in Samaria aber den Vater gespielt.

O über diese Helena, die sowohl von den Poeten als von den Propheten zu leiden hat, dort wegen ihres Ehebruches, hier wegen ihrer Hurerei berüchtigt ist! Nur ist es anständiger, sie aus Troja herauszuholen als aus dem Hurenhause. Schäme Dich, Simon, so langsam mit Deinem Herausholen und so unbeständig im Festhalten! Menelaus hat der Verlorenen wenigstens sogleich nachgesetzt und sofort die Entführte zurückverlangt; durch einen zehnjährigen Krieg erzwingt er sie sich, ohne Hinterhalt, Betrug und Sophisterei. Ich möchte eher glauben, jener sei der Vater, da er für Wiedererlangung der Helena mit mehr Wachsamkeit, Kühnheit und Ausdauer gearbeitet hat.

35. Simon ist es aber nicht allein, dem die Metempsychose auf eine solche Fabel verholfen hat. Auch Karpokrates 80) macht davon Gebrauch, ebenfalls ein Magier und ein Hurer, wenn auch um die Helena ärmer als Simon. Oder etwa nicht? Hat er doch behauptet, die Seelen müssten deshalb wieder in Leiber zurückversetzt werden, damit sich ein gänzlicher Umsturz der göttlichen und menschlichen Ordnung vollziehe. Denn keinem werde dieses Leben angerechnet, wenn er nicht alles, was man als Schuld bezeichnet, durchgemacht habe, weil nichts an sich schlecht sei, sondern nur in der Meinung der Menschen. Daher stehe uns die Metempsychose mit Notwendigkeit bevor, wenn man nicht gleich beim ersten Verweilen in diesem Leben in allem Unerlaubten Genüge leiste. Missethaten seien nämlich ein notwendiger Tribut vom Leben. Die Seele habe so oft die Rückkehr zu erwarten, als sie zu wenig mitbringe und noch mit Sündigen im Rückstände sei; sie werde so oft in den Kerker des Leibes verstossen, als sie den letzten Heller noch nicht bezahlt habe.

Hierauf bezieht er nämlich diese ganze Allegorie des Herrn, deren Deutung doch so klar und sicher und die zuvörderst buchstäblich zu verstehen ist. "Unser Widersacher" 81) ist nämlich der Heide, der auf demselben gemeinsamen Lebenswege einhergeht. Wir müssten sonst aus der Welt hinausgehen, wenn wir mit ihm nicht umgehen dürften. Diesem |345 also heisst uns der Herr die Wohlthat des Geistes erteilen. "Liebet Eure Feinde und betet für die, so Euch fluchen", sagt er nämlich, damit uns nicht einer, bei irgend einem Handelsgeschäfte durch Verluste gereizt, vor seinen Richter schleppe, und wir, ins Gefängnis geworfen, zur Bezahlung der ganzen Schuld angehalten werden. Wenn dann unter dem "Widersacher" der Teufel verstanden wird wegen seines uns stets verfolgenden Auflauerns, so wird man damit ermahnt, auch mit ihm in jenes Vertragsverhältnis zu treten, welches seit dem Bunde des Glaubens gilt. Wir haben ja versprochen, ihm, seiner Pracht und seinen Engeln zu widersagen. Hierüber seid Ihr unter einander übereingekommen. Darin wird unsere Freundschaft bestehen, die auf der Beobachtung des Versprechens beruht, hinterher nichts von dem wieder aufzunehmen, was man abgeschworen, was man ihm zurückgegeben hat, damit er uns nicht vor dem göttlichen Richter Betrug und Übertretung des Vertrags vorwerfe ---- wie wir lesen, dass er anderwärts den Ankläger der Heiligen gemacht habe schon wegen seines Namens Diabolus, Verleumder, ---- und damit der Richter uns nicht seinem Gerichtsengel übergebe und dieser uns nicht in den Kerker, die Unterwelt, bringe, von wo man nicht wird entlassen werden, bis auch die geringste Sünde durch Hinausschiebung der Auferstehung bezahlt ist.

Was ist passender als diese Deutung, was zutreffender als diese Auslegung? Wenn die Seele aber nach Karpokrates alle Schandthaten zu begehen schuldig ist, wer soll dann unter ihrem Feinde und Gegner zu verstehen sein? Am Ende wohl der gute Geist, der in sie ein wenig Unschuld hineingelegt hat, um sie wieder und wieder in Körper zu verstossen, bis sie des Wohlverhaltens in nichts mehr schuldig befunden wird. Das hiesse an den schlechten Früchten den guten Baum erkennen, nämlich die schlechtesten Gebote als Lehren der Wahrheit anerkennen.

Es ist zu erwarten, dass diese Häretiker sich auch des Elias als Beispieles bemächtigen, als sei er in Johannes in einer Weise wieder erschienen, dass der Ausspruch des Herrn der Seelenwanderung günstig wird: "Elias ist schon gekommen und sie haben ihn nicht erkannt"; 82) und anderswo: "Wenn Ihr hören wollt, hier ist der Elias, der kommen soll." 83) Haben also die Juden im Sinne der Pythagoräer den Johannes gefragt: "Bist Du Elias?" und nicht vielmehr infolge der göttlichen Verheissung: "Siehe, ich will Euch Elias senden, den Thesbiter." 84) Bei den Pythagoräern bedeutet Seelenwanderung die Zurückrufung einer Seele, die längst verstorben ist und in einen andern Körper einkehrt. Elias aber hat das Leben gar nicht verlassen, sondern wird aus einer Entrückung zurückkommen. Er soll auch nicht dem Körper wiedergegeben werden, da er nicht ihm entrissen ist, sondern wird nur wieder in die Welt zurückversetzt, |346 aus welcher er entrückt wurde, nicht um sein Heimatsrecht am Lehen zu behaupten, sondern um seine Prophezie zu vervollständigen, derselbe und kein anderer, sowohl dem Namen als der Person nach.

Aber inwiefern ist denn Johannes ein Elias? ---- Wir haben das Wort des Engels: "Er wird vor ihm hergehen vor dem Volke in der Macht und dem Geiste des Elias", 85) nicht aber in dessen Seele und Leibe. Denn dies sind die Substanzen, die einem jeden Menschen besonders angehören. Geist aber und Macht werden von aussen hinzugegeben durch die Gnade Gottes. Daher können sie auch auf einen andern übertragen werden durch den Willen Gottes, wie es früher mit dem Geiste des Moses geschehen ist.

36. Zu diesen abschweifenden Erörterungen sind wir nach meinem Dafürhalten von dem Punkte aus gelangt, zu welchem wir nunmehr wieder zurückkehren müssen. Wir hatten festgestellt, dass der Keim der Seele in einem Menschen und durch einen Menschen gelegt werde, und dass von Uranfang ein bestimmter Same dafür existiere, sowie auch für das Fleisch, und zwar für den gesamten Schwärm der Menschheit. Dies war, wohlgemerkt, geschehen wegen der entgegenstehenden Meinungen der Philosophen, Häretiker und jenes alten Gespräches bei Plato. Jetzt setzen wir die Reihenfolge der daraus sich ergebenden Verhandlungen fort.

Die Seele empfängt, nachdem ihr Same im Mutterschoosse in gleicher Weise wie beim Fleisch gelegt ist, in gleicher Weise wie das Fleisch auch ihr Geschlecht, so dass in Sachen des Geschlechtes keine von beiden Substanzen aufgehalten ist. Denn wenn für die eine oder andere Substanz bei der Empfängnis irgend ein Zwischenraum in der Samenlegung zulässig wäre und entweder das Fleisch oder die Seele zuerst ausgesäet würde, so müsste es geschehen, dass sie der andern Substanz ihr besonderes Geschlecht vorschriebe, infolge der Zwischenzeit nach der Samenlegung, und es würde entweder der Leib der Seele oder die Seele dem Leibe die geschlechtliche Eigentümlichkeit aufdrücken, weil ja auch Apelles, nicht der Maler, sondern der Häretiker, indem er männliche und weibliche Seelen vor den Leibern annimmt, wie er von seiner Philumena erfahren hatte, den Leib als das spätere sein Geschlecht von der Seele empfangen lässt. Diejenigen hingegen, welche die Seele erst nach der Geburt in den Leib gelangen lassen, als in das zuerst Gebildete, die lassen durch den Leib der Seele die männliche oder weibliche Geschlechtseigentümlichkeit vorgeschrieben werden.

Allein die ungesonderten Samenkeime beider Substanzen und deren gleichzeitige Zusammenschüttung erheischen es auch, dass die Erteilung der Geschlechtseigentümlichkeit gemeinsam erfolge, je nachdem der Plan der Natur, welcher es auch immer sei, seine Grundlinien gezeichnet hat. |347 Sicherlich gibt sich auch hier die uranfängliche Regel zu erkennen, indem das männliche Wesen schneller gebildet wird ---- denn Adam war früher da, ---- das weibliche aber ein wenig langsamer; denn Eva war die Spätere. Somit war sie lange Zeit hindurch eine gestaltlose Fleischmasse, als welche sie aus der Seite Adams entnommen wurde; ein lebendes Wesen aber war auch sie schon, weil ich auch in jener Zeit in ihr einen Teil von Adams Seele als ihre Seele anerkenne. Sonst, wenn sich im Weibe nicht ein Ableger der Seele so gut wie des Leibes aus Adam befunden hätte, würde auch sie durch den Hauch Gottes "belebt worden sein.

37. Sämtliche Vorgänge bei der Aussaat, der Zusammenfügung und Bildung des Menschen im Mutterleibe leitet natürlich eine gewisse Macht, die dem göttlichen Willen dient und die bestimmt ist, alles dahin Gehörige in Bewegung zu setzen. Dieses erkennend hat der römische Wahnglaube die Göttin Alemona ersonnen, um den Fötus im Mutterleibe zu ernähren, sodann die Göttinnen Nona und Decima, von wegen der stärkere Besorgnisse erweckenden Monate, die Partula, welche die Entbindung leitet, und die Lucina, welche den Fötus an das Licht bringt. Wir dagegen glauben, dass diese göttlichen Obliegenheiten von Engeln verrichtet werden. Von dem Zeitpunkte an ist also der Fötus im Mutterschoosse ein Mensch, von wo an seine Form vollständig ist. Denn das Gesetz Moses' unterwirft den, der eine Frühgeburt verschuldet, dem Gesetz der Vergeltung, 86) da es sich bereits um einen Menschen handelt, die Verhältnisse von Leben und Sterben bereits auf denselben Anwendung finden und auch das Schicksal bereits auf ihn einwirkt, wenn er in der Regel auch nur das Schicksal seiner Mutter teilt, so lange er noch in der Mutter lebt,

Um nach der Ordnung zu verfahren, will ich auch etwas über die Zeit der Entstehung der Seele sagen. Die regelmässige Zeit der Geburt ist gewöhnlich der Anfang des zehnten Monats. Die, welche Gewicht auf die Zahlen legen, halten auch wohl den Numerus decurialis, die Zahl Zehn als Stammmutter der übrigen und sogar als Vervollkommenerin der menschlichen Geburt in Ehren. Ich hingegen deute dieses Zeitmass mehr auf Gott. Die zehn Monate weisen also vielmehr den Menschen für den Dekalog ein, so dass wir in einem mit derselben Zahl bemessenen Zeiträume geboren werden, wie er der Wiedergeburt durch die Disziplin entspricht. Da auch mit sieben Monaten die Geburt schon eine reife ist, so erkenne ich darin leichter als beim achten die Ehre des Sabbats wieder, so dass das Ebenbild Gottes manchmal am ebensovielten Monate das Licht erblickt, als am wievielten Tage die Schöpfung ihre Weihe erhielt. Es ist der Geburt verstattet, der Zeit vorauszueilen, und demnach ganz passend |348 mit der Woche zusammenzutreffen, zur Vorbedeutung der Auferstehung, Ruhe und Herrschaft. Daher bringt die Achtzahl uns nicht hervor; denn dann werden keine Hochzeiten sein.87)

Das Beisammensein von Leib und Seele vom Zusammentritt der Samenkeime an bis zur Vollendung des Gebildes haben wir eben schon gezeigt. Jetzt behaupten wir dasselbe ebenso nach der Geburt, vorzüglich deshalb, weil sie zusammen wachsen, jedoch in verschiedener Weise, je nach ihrer Beschaffenheit und Art, der Leib dem Maasse, die Seele der Anlage nach, der Leib hinsichtlich der Haltung, die Seele hinsichtlich der Erkenntnis. Ein Wachstum der Seele der Substanz nach muss man aber in Abrede stellen, um nicht auch ein Abnehmen der Substanz nach aussagen und so auch an ein Verschwinden glauben zu müssen. Ihre Kraft, in welcher die natürlichen mitentstandenen Gaben verbleiben, produziert sich vielmehr allmählich mit dem Leibe, wobei das kleine Maass der Substanz, welches von Anfang an eingehaucht ist, unverändert bleibt. Nimm ein bestimmtes Gewicht Gold oder Silber, eine noch ungefügige Masse! Es ist seinem Aussehen nach noch zusammengedrückt und kleiner als späterhin; dennoch schliesst es in den Grenzlinien seines geringen Umfanges alles das ein, was zur Natur des Goldes oder Silbers gehört. Sodann aber, wenn die Masse zu einem Blech ausgedehnt wird, wird sie grösser als anfangs, infolge der Ausdehnung des bestimmten Gewichtes, nicht durch Hinzuthun, indem sie ausgedehnt, nicht indem sie vermehrt wird. Sie wird zwar auch dann vermehrt, wenn man sie ausdehnt; denn man kann sie auch für den blossen Anblick vermehren, obwohl man es in der Sache nicht kann. Dann tritt erst der eigentliche Gold- oder Silberglanz hervor, der sich in der Masse allerdings auch befand, aber verdunkelt, indes doch immerhin vorhanden. Sodann treten immer andere Erscheinungsformen ein, je nach der Bildsamkeit der Materie, und je nachdem sie der gestaltet, der sie treibt, der zur Masse gleichwohl nichts hinzuthut als die Gestalt. So ist auch das Wachstum der Seele anzusehen, nicht als ein wesentliches, sondern als ein hervorgerufenes.

38. Wir haben oben den Nachweis vorausgeschickt, dass alle Natureigentümlichkeiten der Seele, die sich auf die sinnliche Wahrnehmung und den Intellekt beziehen, der Substanz selbst anhaften, und zwar von dem ungewordenen Ursprünge der Seele her, dass sie aber allmählich fortschreiten, entsprechend den Altersstufen, und sich infolge unwesentlicher Umstände verschieden entwickeln, je nach den Fertigkeiten, Anleitungen, Örtlichkeiten und herrschenden Leidenschaften, was jedoch alles für die |349 hier aufgestellte Verbindung von Leib und Seele spricht. ---- Ebenso behaupten wir, dass die geistige Pubertät mit der körperlichen zusammentreffe, jene durch Zunahme der Anschauungen und diese durch Ausbildung der Glieder ungefähr vom vierzehnten Jahre an in gleicher Weise beginne; nicht aus dem Grunde, weil Asklepiades die Weisheit von da an datiert, auch nicht weil die bürgerlichen Rechte den Menschen von da an zum Betriebe von Geschäften geeignet machen, sondern weil diese Einrichtung uranfanglich so bestand.

Wenn Adam und Eva nach erlangter Erkenntnis von Gut und Böse die Notwendigkeit fühlten, die Schamteile zu bedecken, so bekennen wir uns zur Erkenntnis von Gut und Böse, sobald wir das Gleiche empfinden. Von diesen Jahren an ist das Geschlechtsleben erregter und versteckter, die Begierde bedient sich fleissig der Augen zum Beobachten und teilt ihr Wohlgefallen mit; sie wird inne, wozu dies und jenes da ist, und die betreffenden Stellen des Körpers bedecken sich nach Analogie der Feigenblätter. 88) Sie führt den Menschen aus dem Paradiese der Unschuld heraus und ist von da an lüstern nach ferneren Sündenschulden, bis zur Begehung von Dingen, die widernatürlich sind, weil nicht mehr Folgen eines Triebes, sondern eines Fehlers der Natur.

Die einzige im eigentlichen Sinne der Natur entsprechende Begierde ist der Nahrungstrieb, den Gott auch schon uranfänglich erteilt hat: "Von jedem Baume", sagte er, "sollt ihr essen". 89) Der zweiten Schöpfung nach der Sündflut gab er ein noch reichlicheres Maass: "Siehe, ich habe euch alles zur Speise gegeben, wie das Kraut des Feldes," 90) indem er Vorsorge traf, nicht sowohl für die Seele als für den Leib, wenn auch wegen der Seele. Denn man muss der verkehrten Argumentation vorbeugen, die, weil die Seele anscheinend Nahrung begehrt, sie aus diesem Grunde auch für sterblich angesehen wissen will, da sie durch Speise erhalten, durch deren Vorsagung geschwächt und zuletzt durch deren gänzliche Entziehung getötet werde. Man darf dabei nicht bloss hervorheben, wer es ist, der Speise begehrt, sondern auch für wen; wenn seinetwegen, dann auch, warum, wann und wie lange; sodann, dass es etwas ganz anderes ist, sie kraft der eigenen Natur zu begehren, als aus Zwang infolge seiner Eigentümlichkeit und zu einem bestimmten Zwecke. Die Seele wird also für sich Speise begehren aus Zwang, für den Leib hingegen wegen dessen natürlicher Eigentümlichkeit. Der Leib ist doch sicher das Haus der Seele und die Seele die Bewohnerin des Leibes. Die Bewohnerin wird aus gutem Grunde und mit Notwendigkeit während der ganzen Mietzeit nach dem |350 begehren, was dem Hause nutzt, nicht als wäre sie selbst zu erbauen, zu schirmen und zu schützen, sondern wie eine, die zu beherbergen ist, weil sie nicht anders beherbergt werden kann, als in einem wohl versicherten Hause. Nachdem das Haus, seiner Stützen beraubt, eingestürzt ist, stellt es der Seele frei, sich unbeschädigt zu entfernen, da sie ihre besondere Grundlage und die ihrer eigentümlichen Beschaffenheit zukommende Nahrung besitzt, die Unsterblichkeit, die Vernunftthätigkeit, dio Wahrnehmung, das Erkenntnisvermögen und den freien Willen.

39. Alle diese Gaben, die der Seele von der Geburt an zuerteilt sind, sucht der, für welchen sie bei Anbeginn ein Gegenstand des Neides waren, auch jetzt zu verdunkeln und zu verderben, damit sie nicht Gegenstand einer grössern Vorsorge oder so angewendet werden, wie es sich gehört. Denn wo wäre ein Mensch, dem sich nicht der böse Geist, der von der Schwelle der Geburt an die Seelen zu fangen sucht, zugesellte, eingeladen vielleicht sogar noch auf irgend eine Weise durch all den Aberglauben, der bei den Entbindungen geübt wird? So werden ja alle unter Anwendung von Idololatrie zur Welt geboren, indem schon der Mutterleib selbst, umwunden mit Binden, die in der Nähe der Idole verfertigt wurden, bekennt, dass die Dämonen auf seine Frucht ein Anrecht haben, indem bei der Entbindung die Rufe: Lucina und Diana ausgestossen werden, die ganze Woche hindurch der Juno ein Tisch gedeckt wird, am letzten Tage die Fata Scribunda angerufen werden und das erste Stellen des Kindes auf die Erde der Göttin Statina geheiligt ist. Wer gelobt nicht sodann das ganze Haupt seines Kindes dem Frevel, 91) oder nimmt nicht ein Haar, zerschneidet es mit dem Rasiermesser, weiht es zu einem Opfer und besiegelt es mit einer Weihe, entsprechend der Devotion der Gens, der Ahnen, der öffentlichen oder Privatverehrung.

So hatte der dämonische Geist den Sokrates schon als Knaben ausfindig zu machen gewusst. So werden allen Kindern Genien beigegeben, welches die Bezeichnung einer Art Dämonen ist. Also fast keine Geburt bleibt rein; denn sie ist heidnisch. Darum sagt der Apostel, dass, wenn beide Geschlechter geheiligt seien, Heilige daraus hervorgehen, 92) sowohl infolge eines Vorrechtes ihres Samens als auch der Anleitung zur Sittlichkeit. Sonst würden sie, sagt er, als Unreine geboren werden, gleich als wollte er die Kinder der Gläubigen als zur Heiligkeit und darum auch als zum Heile bestimmt angesehen wissen, um die Ehe, welche er beizubehalten vorgeschrieben hatte, durch das Unterpfand dieser Hoffnung in Schutz zu nehmen. Im übrigen ist er des Ausspruches des Herrn eingedenk geblieben: "Wenn jemand nicht geboren werden wird aus dem Wasser und |351 dem hl. Geiste, so wird er nicht eingehen in das Reich Gottes," 93) d. h. er wird kein Heiliger sein.

40. So ist jede Seele so lange bei Adam eingetragen, bis sie auf Christus übertragen wird, so lange unrein, bis sie übertragen wird. Sie ist aber sündig, weil unrein, und speit ihre Schande auch auf das Fleisch hinüber infolge ihrer Verbindung damit. Denn, obschon das Fleisch sündig ist und uns nach dem Fleische zu wandeln verboten wird, seine Werke, wenn es gegen den Geist gelüstet, verdammt und um seinetwillen als fleischlich getadelt werden, so ist doch das Fleisch nicht an und für sich infam. Denn es hat nicht aus eigener Kraft Urteil und Verstand, zur Sünde zu raten oder sie zu befehlen. Warum nicht? Es hat ja lediglich eine dienende Stellung, und zwar einen Dienst, nicht wie ein Sklave oder geringerer Freund, 94) sondern nur wie ein Trinkgefäss oder sonst ein Gegenstand der Art; als Leib, nicht als Seele. Der Becher steht im Dienste des Trinkenden; allein wenn der Durstige sich den Becher nicht zurecht macht, so wird er ihm nichts helfen. So beruht keine der Eigentümlichkeiten der Menschen in dem Stofflichen, und der Mensch ist nicht, in der Weise Fleisch, als wäre dasselbe eine andere Seelenkraft oder andere Person, sondern es ist ein Ding von ganz anderer Wesenheit und anderer Beschaffenheit, aber der Seele beigegeben, wie ein Hausrat oder Gerät zu den Verrichtungen des Lebens. Das Fleisch wird in der heiligen Schrift gescholten, weil die Seele ohne das Fleisch nichts vermag in Ausübung von Wollust, Schlemmerei, Trunksucht, Grausamkeit, Götzendienst und in den sonstigen fleischlichen, nicht Gesinnungen, sondern Thaten. Darum werden sündhafte Gedanken, die ohne Effekt geblieben sind, gewöhnlich der Seele zugerechnet. "Wer ansieht, um zu begehren, der bricht im Herzen schon die Ehe." 95) Was würde das Fleisch aber umgekehrt in Bethätigung der Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Geduld und Keuschheit vermögen ohne die Seele? Nichts. Was soll es nun heissen, demjenigen, dem man nicht einmal die Beweise von Güte als ihm gehörig zuschreibt, die Vergehungen aufzubürden? Nein, das, womit gesündigt wird, das wird angeklagt, nur damit das eigentlich Sündigende noch mehr belastet werde, durch die Anklage sogar gegen seinen Diener. Grösser ist die Missliebigkeit des Präsidenten, wenn seine Beamten davon mitgetroffen werden. Stärker wird der Befehlshaber gezüchtigt, wenn selbst die bloss Gehorchenden keine Entschuldigung finden. |352 

41. Das Böse in der Seele, abgesehen von dem Bösen, was durch das Dazwischentreten des bösen Geistes noch hinzukommt, hat mithin infolge der Sünde des Ursprungs den Vortritt, gewissermassen als eine Natureigentümlichkeit. Denn die Verderbnis der Natur ist, wie gesagt, zur andern Natur geworden; sie hat ihren Gott und Vater, nämlich den Urheber der Verderbnis selbst, doch so, dass in ihr immer noch jenes Urgute der Seele, jenes göttliche, echte und im eigentlichen Sinne natürliche Gute wohnt. Denn, was von Gott herrührt, wird nicht sowohl ausgelöscht als vielmehr nur verdunkelt. Es kann verdunkelt werden, weil es nicht selbst Gott ist; es kann aber nicht ganz ausgelöscht werden, weil es von Gott ist.

Und so also, gleichwie das Licht bei irgend einem Hemmnisse an sich zwar unbehindert bleibt, aber doch keinen Schein gibt, wofern die Dichtigkeit des Hemmnisses gross genug ist, in gleicher Weise bleibt auch das vom Bösen überwältigte Gute in der Seele; je nach Beschaffenheit des ersteren verbirgt es entweder sein Licht gänzlich, oder dasselbe erglänzt bei erlangter Freiheit, sobald die Gelegenheit gegeben ist, wieder. So sind manche sehr schlecht oder sehr gut, aber trotzdem gehören alle Seelen einer Gattung an. So ist auch an dem Schlechtesten immer noch irgend etwas Gutes und an dem Besten ein wenig Böses. Denn Gott allein ist ohne Fehl, und der einzige Mensch ohne Fehl ist Christus, weil Christus auch Gott ist. So bricht das Göttliche in der Seele auch in der Form von Weissagungen durch, infolge ihrer vormaligen Güte, und das Wissen um Gott tritt als ein Zeugnis hervor: "Der gute Gott, Gott sieht es" und "Ich empfehle es Gott". Deshalb ist keine Seele ohne Schuld, weil keine ohne den Keim des Guten. Sodann, wenn sie zum Glauben gelangt, wenn sie durch die zweite Geburt aus dem Wasser und aus der höheren Macht wiederhergestellt und der Schleier ihrer früheren Verderbtheit weggezogen ist, so erblickt sie ihr eigenes Licht in seiner Vollständigkeit. Sie wird dann in Empfang genommen vom heiligen Geiste, sowie dies bei der ersten Geburt vom unheiligen Geiste geschah. Der Seele, die sich dem Geiste vermählt, folgt der Leib nach als ein zu ihrer Mitgift gehöriger Leibeigener, der nicht mehr Diener der Seele, sondern des Geistes sein will. O Vermählung voll Glückseligkeit, wenn keine eheliche Untreue vorfällt!

42. Noch ist übrig der Tod, um sich da als Gegenstand darzubieten, wo die Seele fertig ist. 96) Indes Epikur leugnet in landläufiger Anschauungsweise, dass der Tod uns etwas angehe. Denn was aufgelöst |353 wird, sagt er, ist empfindungslos, und was empfindungslos ist, geht uns. nichts an. Aber nicht der Tod selbst wird aufgelöst und ist empfindungslos, sondern der Mensch, der ihn erleidet. Epikur misst ihm dagegen das Leiden bei, dessen Vollstreckung er nur ist. Wenn nun der Mensch den Tod erleiden muss, der seinen Körper auflöst und seinen Empfindungen ein Ende setzt, wie läppisch ist es, zu sagen, ein so machtvolles Ereignis gehe den Menschen nichts an!

Viel gezwungener sagt Seneca: "Nach dem Tode ist alles aus, auch der Tod." Wenn dem so ist, so geht der Tod sich selbst etwas an, wenn er es nämlich ist, der ein Ende nimmt, und noch näher geht er den Menschen etwas an, in welchem er, indem alles endigt, selbst sein Ende nimmt. Der Tod geht uns nichts an, also ---- auch nicht das Leben. Denn wenn wir in irgendetwas aufgelöst werden ausserhalb unserer Person, so werden wir auch irgendwozu zusammengefügt ausserhalb unser. Wenn die Hinwegnahme der Empfindung uns nichts angeht, dann auch deren Erlangung nicht. Mag den Tod töten, wer die Seele tötet! Wir aber wollen uns, wie über das nach dem Ende folgende Leben und das andere Reich der Seele, so auch über den Tod verbreiten. Wir gehen ihn etwas an, wenn er uns nichts angehen sollte. Auch sein Spiegelbild, der Schlaf, ist uns kein fremdartiger Gegenstand.

43. Erst wollen wir über den Schlaf handeln, dann darüber, wie die Seele den Tod erleide. Der Schlaf ist keinenfalls etwas Aussernatürliches, wie einigen Philosophen dünkt, da sie ihm Ursachen zuschreiben, die ausserhalb der Natur zu liegen scheinen. Die Stoiker geben den Schlaf für eine Auflösung der sinnlichen Kraft aus, die Epikuräer für eine Verminderung des physischen Lebensgeistes, Anaxagoras mit Xenophanes für eine Erschlaffung, Empedokles und Parmenides für ein Erkalten, Strato für eine Absonderung des verbundenen Geistes, Demokrit für einen Mangel des Geistes, Aristoteles für eine Abnahme der Wärme in der Herzgegend.

Ich meinerseits wüsste nicht, jemals so geschlafen zu haben, dass ich von diesen Dingen etwas gespürt hätte. Der Schlaf ist keineswegs für eine Erschlaffung zu halten, sondern vielmehr für das Gegenteil davon; er beseitigt sie ja. Denn der Mensch wird durch den Schlaf gestärkt, nicht aber ermüdet. Sodann entsteht der Schlaf nicht immer aus Ermüdung, und auch wenn er aus ihr entsteht, so ist er doch keine Ermüdung. Auch das Kaltwerden oder den Mangel von Wärme lasse ich nicht gelten; denn die Körper werden ja durch den Schlaf warm, und die Zerteilung der Speisen im Schlafe würde nicht so leicht vor sich gehen, wenn wir im Schlafe kälter würden. Denn die Wärme beschleunigt, die Kälte verzögert dies. Noch wichtiger ist, dass auch der Schweiss ein Zeichen der vor sich gehenden Verdauung ist. Denn man bezeichnet |354 letztere auch als ein Verkochen, was eine Wirkung der Hitze, nicht der Kälte ist. An eine Abnahme des Lebensgeistes, an Mangel des Geistes oder Trennung des verbundenen Geistes zu glauben, erlaubt die Unsterblichkeit der Seele ebensowenig. Die Seele würde untergehen, wenn sie vermindert würde. Es bliebe nun allenfalls noch übrig, mit den Stoikern den Schlaf als eine Auflösung der sinnlichen Kraft zu erklären, weil er bloss Ruhe des Körpers bewirke, nicht der Seele. Denn die Seele, als immer bewegt und immer beschäftigt, unterliege niemals der Ruhe, da letztere dem Stande der Unsterblichkeit fern sei, weil nichts Unsterbliches ein Ende seines Wirkens dulde. Der Schlaf aber ist das Ende des Wirkens. Darum wird die Ruhe nur dem Körper, dem allein Sterblichkeit eigen ist, das Ende des Wirkens bringen.

Wer also an der Naturgemässheit des Schlafes zweifelt, hat wohl die Dialektiker für sich, welche die ganze Unterscheidung von natürlich und aussernatürlich in Zweifel ziehen, und ist sich bewusst, dass er das, wovon er meint, es liege ausserhalb der Natur, der Natur vindizieren dürfe, von welcher es das Sein nur in der Weise erhalten hat, dass es ausserhalb ihrer zu liegen scheint und dass entweder alles Natur ist oder nichts. Bei uns dagegen wird man erfahren können, was die Betrachtung Gottes an die Hand gibt, des Urhebers aller der Dinge, über welche Untersuchungen angestellt werden. Wir glauben nämlich, wenn etwas von der Natur herrührt, so sei es ein vernunftentsprechendes Werk Gottes. Nun geht aber dem Schlafe ein vernünftiger Grund vorher. Der Schlaf ist so angemessen, so nützlich und so nötig, dass ohne ihn keine Seele bestellen würde. Er ist der Erquicker der Leiber, der Wiederhersteller der Kräfte, der Prüfstein der Gesundheit, der Befreier von der Arbeit, die Arznei gegen Anstrengungen, ein Genuss, den zu gestatten der Tag abtritt und die Nacht den Befehl gibt, indem sie sogar die Farben der Dinge verschwinden macht. Wenn der Schlaf also etwas Vitales, Heilsames und Nützliches ist, dann ist alles an ihm vernünftig, alles natürlich.

So verweisen auch die Arzte alles, was dem Vitalen, Heilsamen und Nützlichen entgegengesetzt ist, aus dem Gebiete des Naturgemässen hinaus, und wenn sie die dem Schlafe feindseligen Krankheiten, die Gehirn- und Magenleiden, für ausserhalb des Naturgemässen liegend ansehen, so haben sie damit von vornherein den Schlaf für etwas Natürliches erklärt. Wenn sie ihn hingegen z. B. bei Letargischen für nicht natürlich erklären, so handeln sie auch darin dem Fingerzeige der Natur entsprechend, da er nur innerhalb seines Maasses natürlich ist. Denn eine jede Natureinrichtung wird verletzt entweder durch das Zuviel oder das Zuwenig und ist gewahrt durch ihr bestimmtes Maass. So ist manches natürlich durch seinen dermaligen Bestand, was unnatürlich werden kann durch Zunahme oder Abnahme. Was geschieht, wenn man das Essen und Trinken seiner |355 natürlichen Bestimmung entkleidet? In diesen beiden Dingen liegt ja auch eine sehr wichtige Vorbereitung des Schlafes. Sicherlich ist der Mensch vom Anbeginn seiner Natur an hierin unterwiesen worden.

Wenn du von Gott lernen willst, so hat der bekannte Urquell des menschlichen Geschlechts, Adam, eher eines tiefen Schlafes genossen, bevor er der Ruhe begehrte, eher geschlafen als gearbeitet, auch eher als gegessen, ja sogar eher als er geweissagt hat, so dass man sieht, der naturgemässe Unterweiser, der Schlaf, hat den Vorzug vor allen übrigen naturgemässen Dingen. Damit werden wir darauf geführt, dass er bereits damals das Bild des Todes gewesen sei. Denn wenn Adam als Vorbild Christi diente, so bedeutete der Schlaf Adams den Tod Christi, der im Tode entschlafen sollte. Durch den Verlust in seiner Seite 97) aber sollte die wahre Mutter der Lebendigen, die Kirche, vorgebildet werden.

Darum wird der Schlaf, der so heilsam und vernunftgemäss ist, auch als Bild des bereits öffentlichen und allgemeinen Todes gebraucht. Denn Gott, der auch sonst in seinen Einrichtungen nichts ohne Analogien gelassen hat, wollte nach dem von Plato gebrauchten Beispiele, 98) aber in vollkommenerer Weise, jeden Tag eine Nachbildung gerade des Anfangs und des Endes des Menschen mit uns vornehmen und reicht uns die Hand, um unserem Glauben durch Parabeln und Beispiele, wie in Worten so auch in sachlichen Vorgängen leichter aufzuhelfen. Er stellt dir also den Leib vor, durch die freundliche Macht des Schlummers hingestreckt und durch die angenehme Notwendigkeit der Ruhe zu Boden geworfen, unbeweglich in seiner Lage, wie er dalag, ehe er belebt wurde, und wie er nach Ablauf des Lebens daliegen wird, zur Bezeugung sowohl seiner Entstehung als seines Begräbnisses, der Seele harrend, als wäre sie ihm noch nicht gegeben, oder als wäre sie ihm bereits genommen. Auch letztere befindet sich in einem Zustande, als hielte sie sich anderswo auf, indem sie durch ihre vermeintliche Anwesenheit sich für ihre zukünftige Abwesenheit einübt, wie wir von Hermotimus noch lernen werden.

Aber sie träumt ja unterdessen. ---- Woher kommt, nun das Traumleben? ---- Ihre Ruhe und Unthätigkeit ist keine vollständige und ihre unsterbliche Natur lässt sie nicht völlig zur Sklavin 99) der Bewusstlosigkeit werden. Sie bewährt ihre beständige Beweglichkeit, über Land und Meer wandert sie, treibt Handel, ist thätig, arbeitet, scherzt, trauert, freut sich, thut Erlaubtes und Unerlaubtes und beweist damit, dass sie auch ohne den Körper vieles vermag, dass auch sie mit ihren Gliedern ausgerüstet ist, dass sie sich aber nichtsdestoweniger in der Notwendigkeit befinde, den Körper wiederum in Bewegung zu setzen. Wenn also der Körper |356 wieder erwacht und seinen Beschäftigungen zurückgegeben wird, so bestätigt sie dir die Auferstehung der Toten. Das ist der naturgemässe Grund und die vernunftgemässe Natur des Schlafes. Sogar durch das Abbild des Todes inaugurierst du deinen Glauben, sinnst nach über den Gegenstand deiner Hoffnung, lernst sterben, leben und wachen, während du schläfst.

44. Aber Hermotimus? ---- Er hatte, wie man sagt, während des Schlafes keine Seele; sie verliess bei dieser Gelegenheit, da der Mensch gleichsam nichts zu thun hatte, den Körper. Seine Ehefrau hat dies verraten. Feinde, die ihn schlafend fanden, verbrannten ihn als tot. Später kam die Seele zurück und musste sich nun, vermute ich, den Mord zuschreiben. Des Hermotimus Mitbürger, die Klazomenier, trösteten ihn durch Errichtung eines Tempels; kein Weib betritt ihn wegen des Vorwurfs, den die Ehefrau trifft. Wozu soll dies dienen? Damit die Leichtgläubigkeit, da es leicht ist, gemeinhin den Schlaf für eine Entfernung der Seele zu halten, sich nicht auf dieses Beispiel mit Hermotimus stütze. Es war eine Art bedeutend schwereren Schlafes, wie man sich das Alpdrücken denkt oder jenen Mangel an Gesundheit, den Soranus, das Alpdrücken verwerfend, an dessen Stelle setzt, oder es war etwas wie das Leiden, das auch den Epimenides zum Gegenstand einer Mythe machte, der beinahe fünfzig Jahre im Schlaf befangen war. Sueton erzählt in betreff des Nero und Theopompus in betreff des Thrasymedes, sie hätten niemals geträumt, Nero höchstens bei seinem letzten Ende nach seinen Angstanfällen. Wie, wenn es nun bei Hermotimus auch so war und die tiefe Euhe der Seele, die sich nicht in Träumen thätig zeigte, für Abwesenheit gehalten wurde? Man müsste eher alles andere annehmen als eine derartige Freiheit der Seele, sich ohne Eintritt des Todes entfernen zu können, und zwar regelnlässig und beständig. Wollte man dagegen dergleichen einen einmaligen Vorfall nennen, etwa eine Sonnen- oder Mondfinsternis der Seele, dann allerdings würde ich mir einreden lassen, dass es etwas von Gott Gewirktes sei. Es hat Sinn und Verstand, dass der Mensch von Gott durch den Schlag eines augenblicklichen Todes gemahnt oder geschreckt werde wie durch einen raschen Blitzstrahl, wenn es nicht näher läge, für einen Traum zu halten, was eher hätte einem Wachenden zustossen müssen, wenn es nicht noch eher für eine Faselei gehalten werden müsste.

45. Wir sind gehalten, hier die christliche Ansicht über die Träume auseinanderzusetzen, weil sie zufällige Erscheinungen des Schlafes und nicht geringe Beunruhigungen der Seele bilden, welche, wie gesagt, infolge ihrer beständigen Beweglichkeit stets geschäftig und thätig ist, was die Art und Weise des Göttlichen und Unsterblichen so mit sich bringt. Wenn also die Ruhe dem Körper, dessen besondere Vergünstigung sie ist, zuteil |357 geworden ist, so ruht die Seele, an dieser ihr fremden Vergünstigung unbeteiligt, keineswegs, sondern bedient sich, wenn sie des Dienstes der Glieder des Körpers entbehrt, ihrer eigenen.

Denke dir einen Gladiator ohne Waffen, einen Wettfahrer ohne Wagen; gestikulierend stellen sie jede in ihrer Beschäftigung vorkommende Stellung und Haltung dar; der kämpft, jener wettet, aber ihr Brüsten ist eitel. Nichts destoweniger scheint doch zu geschehen, was zu geschehen wiederum auch nicht scheint; es geschieht nämlich in Vornahme der Handlung, nicht der Wirkung nach. Diese Erscheinung nennen wir Ekstase, eine Ausschreitung des Geistes und ein Ebenbild des Wahnsinns. So begann auch im Uranfang der Schlaf mit einer Ekstase. "Gott schickte eine Ekstase über Adam, und er schlief ein." 100) Denn der Schlaf kommt dem Körper zu statten zum Zweck der Ruhe, die Ekstase aber kommt über die Seele der Ruhe entgegen, und auf Grund dessen ist ihre Form die, den Schlaf mit der Ekstase zu verbinden, und ihre Natur beruht auf dieser Form.

So empfinden wir im Traume auch Lust, Traurigkeit und Schrecken und sind so ergriffen, ängstlich und leidend wie möglich, da wir doch, wenn wir selbstbewusst träumten, in nichts würden aufgeregt werden, weil es sich natürlich nur um inhaltleere Bilder handelt. Die guten Thaten, die im Schlafe geschehen, sind ebenfalls umsonst und die Vergehungen straflos. Wir werden wegen einer buhlerischen Traumerscheinung ebensowenig verworfen, als wegen eines geträumten Martyriums gekrönt. Wie kommt es nun, fragt man, dass die Seele die Träume in Acht behält, da sie doch in keiner Weise selbstbewusst sein soll? ---- Das ist diesem bewusstlosen Zustande so eigen, weil derselbe nicht eintritt infolge eines Schadens an der Gesundheit, sondern aus einem natürlichen Grunde; denn er vertreibt nicht die Seele, sondern ruft sie nur ab. Etwas anderes ist bewegen als darniederschlagen, fortrücken etwas anderes als umstürzen. Dass also das Gedächtnis noch da ist, das ist ein Zeichen, dass der Geist sich wohlbefindet; wenn aber der gesunde Geist bei unvermindertem Gedächtnisse still steht, so ist das eine Art Blödsinn. Daher sagen wir auch nicht, wir rasen, sondern wir träumen; daher gelten wir dabei als ganz vernünftig, wenn wir es sonst nur sind. Obwohl unser Nachdenken verdunkelt wird, so ist es doch nicht ausgelöscht; nur kann es eben scheinen, als sei es zur Zeit unthätig, die Ekstase, aber auch darin auf ihre eigene Weise thätig, dass sie uns ebensowohl Bilder der Weisheit eingibt als Bilder des Irrtums.

46. Siehe, da sind wir nun im Gedränge, uns hinsichtlich der SpezialUntersuchung über die Träume, wovon die Seele heimgesucht wird, |358  auszulassen. Wann werden wir denn zur Besprechung des Todes kommen? Auch liier möchte ich sagen: Sobald es Gott gibt; der Aufschub dessen, was doch geschieht, dauert wenigstens nicht lange.

Für völlig nichtig hat Epikur die Träume erklärt, indem er ja die Gottheit der Geschäfte entledigt, die Aufeinanderfolge der Dinge aufhebt und alles willkürlich verzettelt, als dem blossen Erfolge preisgegeben und zufällig. Nun gut; wenn dem so ist, so wird es ein Eintreffen der Wirklichkeit geben, weil es nicht angeht, dass sie allein vom Erfolge, der allen Dingen gebührt, ausgenommen sei. Homer hat den Träumen zwei Pforten zugewiesen, eine von Horn für das Eintreffen, und eine von Elfenbein für die Täuschung. Denn durch Horn, sagen sie, kann man hindurch sehen, das Elfenbein aber ist undurchsichtig. Aristoteles spricht seine Meinung für das Überwiegen der Täuschungen aus, erkennt aber damit auch das Eintreffen an. Die Einwohner von Telmessus 101) lassen keinen Traum vergeblich sein und schieben die Schuld nur auf die Unzulänglichkeit der Deutung. Wer aber ist den menschlichen Dingen so fremd, dass er nicht auch einmal ein oder das andere eingetroffene Traumgesicht gehabt hätte! Indem ich von den bemerkenswerteren Thatsachen einiges wenige flüchtig anführe, will ich Epikur beschämen. Von Astyages, dem Beherrscher der Meder, erzählt Herodot, dass er im Traume gesehen habe, wie der Blase seiner noch jungfräulichen Tochter Mandane eine Flüssigkeit zur Ueberschwemmung von ganz Asien entquollen sei. Ein Jahr nach ihrer Verheiratung sei derselben Stelle ein Weinstock entsprossen, der sich über ganz Asien gelagert habe. Dies berichtet auch Charon von Lampsakus noch vor Herodot. Diejenigen, welche diese grosse Begebenheit auf ihren Sohn deuteten, haben sich nicht geirrt; denn Cyrus hat Asien sowohl ertränkt als erdrückt.

Philipp von Macedonien sah, bevor er Vater wurde, den Mutter-schooss seiner Gattin Olympias mit einem Siegelring versiegelt; darauf war ein Löwe einpetschiert. Er glaubte, ihre Gebärfähigkeit sei verschlossen, vermutlich, weil der Löwe nur einmal Vater wird. Aristodemus oder Aristophon hatten aber die richtigere Mutmassung, dass etwas Leeres nicht versiegelt werde und es daher einen Sohn von der allergrössten Energie bedeute. Wer Alexander kennt, der erkennt auch den Löwen auf dem Petschaft wieder. Ephorus schreibt es.

Die Tyrannis des Dionysius über Sicilien wurde von einer gewissen Himeräa im Traume geschaut. Heraklides hat es überliefert. Für Seleukus sah seine Mutter Laodice, da sie ihn noch nicht geboren hatte, die Herrschaft über Asien vorher. Euphorion hat es berichtet. Dass sich Mithridates infolge eines Traumes des Pontus bemächtigt habe, erfahre ich |359 von Strabo, und dass der Illyrier Baralires 102) infolge eines Traumes von Molossus bis Macedonien geherrscht habe, lerne ich aus dem Kallisthenes.

Auch die Römer wissen von derartigen eingetroffenen Träumen. Dass der Wiederhersteller des Reiches, als er noch ein Knäblein und Privatmann im Orte und nur erst Julius Octavius war, Augustus und der Beendiger der Wirren des Bürgerkrieges werden würde, das hat bereits Marcus Tullius, der ihn nicht einmal kannte, infolge eines Traumes gewusst. So steht es in den Denkschriften des Vitellius.

Allein Träume sind nicht bloss der Weg, die höchste Herrschaft vorauszuverkünden, sondern auch Gefahren und Untergang; wie z. B., wenn Cäsar in der Schlacht gegen die Aufrührer Brutus und Cassius, obwohl krank, in der Meinung, sonst eine grössere Gefahr von den Feinden zu gewärtigen, auf eine Vision des Artorius hin das Zelt verliess und entkam. 103) Des Polykrates von Samos Tochter erkannte seine Kreuzigung vorher, aus seiner Salbung mit Fett durch Sol und seiner Abwaschung durch Jupiter. 104)

Es werden auch Ehrenstellen und Erfindungen in der Zeit der Ruhe geoffenbart, Heilmittel kund gethan, Diebstähle enthüllt und Schätze verliehen. Ciceros hohe Würde hatte schon seine Kindsmagd, als er noch ein Knäbchen war, erschaut. Der Schwan, der vom Schoosse des Sokrates aus die Menschen bezaubert, war sein Schüler Plato. Der Faustkämpfer Leonymus wurde von Achill im Traume geheilt. Als Athen seine goldene Krone auf der Burg verloren hatte, fand sie der Tragödiendichter Sophokles im Traume wieder. Der Tragöde Neoptolemus bewahrte das Grabmal des Ajax zu Rhöteum bei Troja, im Schlafe von ihm selber gemahnt, vor Einsturz, und nachdem er die verwitterten Steine weggeräumt, kam er reich an Gold zurück.

Wie zahlreich aber sind nicht die Schriftsteller und Gewährsleute für diese Sachen! Artemon, Antiphon, Strato, Philochorus, Epicharmus, Serapion, Kratippus, Dionysius von Rhodus, Hermippus und die gesamte heidnische Litteratur. Nur lachen würde ich höchstens über den, der glaubt, mich überreden zu können, früher als alle habe schon Saturn geträumt. Für den Fall jedoch, dass Aristoteles 105) früher als alle anderen Leute gelebt haben sollte, verzeihe man mir den Scherz. Epicharmus hat mit Philochorus dem Athener unter allen Vorbedeutungen den Träumen den höchsten Rang zuerkannt. Mit Orakeln dieser Art ist der Erdkreis bedeckt; solche sind: das des Amphiaraus zu Oropus, des Amphilochus zu Mallus, des Sarpedon in Troas, des Trophonius in Böotien, des Mopsus |360 in Cilicien, der Hermione in Macedonien, der Pasiphaa in Lakonien.. Die übrigen mit ihren Ursprüngen, Gebräuchen und Berichterstattern nebst der Gesamtgeschichte der Träume wird Hermippus von Berytus der Reihe nach in seinen fünf Büchern sattsam darbieten. Die Stoiker sind geneigt, zu glauben, dass die auf Belehrung der Menschheit so sehr bedachte Gottheit unter den anderen Hilfsmitteln der Weissagekünste und -Lehren uns auch die Träume verliehen habe, als besonderes Privilegium eines natürlichen Orakels. So viel in bezug auf die Glaubwürdigkeit der Träume, insoweit sie von uns zu bestätigen, aber doch anders aufzufassen ist. In betreff der übrigen Orakel, bei denen kein Schlafen vorkommt, was werden wir anders sagen können, als dass sie ein dämonisches Verfahren der Geister sind, die bereits in den Menschen gewohnt oder ihrer Überlieferungen sich bemächtigt haben, zu jeglichem Aufputz ihrer Schlechtigkeit, die in diesem Falle sich lügnerisch die Gottheit beilegen und mit derselben Geflissentlichkeit auch durch Wohlthaten, wie z. B. Heilmittel, Warnungen und Vorherverkündungen, täuschen, um dadurch gelegentlich desto mehr Schaden zuzufügen, indem sie durch ihre erteilte Hilfe von der Untersuchung der Wahrheit unter falschen Einflüsterungen ablenken? Diese Macht ist keineswegs räumlich eingeschlossen und beschränkt sich nicht auf die Grenzen der Heiligtümer, sondern sie schweift und fliegt umher und ist vorläufig noch frei. Darum mag niemand daran zweifeln, dass sein Haus den Dämonen zugänglich sei und sie die Leute nicht bloss in den Tempeln, sondern auch in ihren Schlafgemächern durch Trugbilder täuschen.

47. Wir sind nämlich der bestimmten Ansicht, sehr viele Träume werden von den Dämonen veranlasst, zuweilen allerdings auch zutreffende und erfreuliche, ---- die dann aber auch blendend und berückend sind, aus welchem Grunde, haben wir angegeben, ---- noch viel mehr aber sind die falschen, täuschenden, verwirrenden, schlüpfrigen und schmutzigen Träume ihr Werk! Es ist kein Wunder, wenn die Bilder denen angehören, denen die Sache angehört.

Als von Gott aber, der da bekanntlich allem Fleische die Gnade des hl. Geistes verheissen, und der versprochen hat, dass seine Knechte und Mägde prophezeien und Traumgesichte haben würden ---- als von Gott herrührend werden diejenigen angesehen, welche in einem Verhältnis zur Gnade stehen, die ehrbaren, heiligen, prophetischen, offenbarenden, erbaulichen und erweckenden Träume, deren reicher Schatz sich sogar auf Unheilige zu verbreiten pflegt, indem Gott seinen Regen und Sonnenschein an die Gerechten und Ungerechten in gleicher Weise verteilt. So z. B. hatte Nabuchodonosor einen von Gott kommenden Traum, und fast der grössere Teil der Menschen kennt Gott aus Traumgesichten. Wie sich also die gnädige Herablassung Gottes auch an die Heiden richtet, so die |361 versuchende Thätigkeit des bösen Feindes gegen die Gerechten, und er lässt von ihnen niemals ab, sondern überfällt sie sogar, wenn sie schlafen, wie und wo sie kann, wenn sie es im Wachen nicht kann.

Die dritte Art von Träumen ist die, welche sich die Seele selber herbeizuführen scheint durch Betrachtung ihrer Lage. Da es nun aber nicht vom freien Willen abhängt zu träumen ---- dieser Ansicht ist nämlich Epicharmus ---- wie kann sie dann sich selbst Ursache irgend einer Vision werden? Sollte diese Spezies der natürlichen Form überlassen werden müssen, welche der Seele das Vorrecht sichert, selbst in der Ekstase die ihr zugehörigen Erscheinungen zu erfahren? Was aber dem Anschein nach weder von Gott, noch vom Teufel, noch von der Seele herkommt und gegen die Erwartung, Auslegung und Beschreibung der Fähigkeit ist, das wird im eigentlichen Sinne der Ekstase und ihrer Art und Weise vorbehalten bleiben.

48. Zuverlässiger und geläuterter sollen, wie man behauptet, diejenigen Träume sein, die man gegen Ende der Nacht hat, wo nach andauerndem Schlafe gleichsam die Munterkeit der Seele bereits anhebt. Was die Jahreszeiten angeht, so sind im Frühling die Träume am ruhigsten, weil der Sommer die Seelen auflöst, der Winter sie gewissennassen verdichtet und der Herbst, der sonst auch die Gesundheit gefährdet, sie durch die sehr weingeisthaltigen Säfte des Obstes betäubt. Ähnlich kommt auch die Lage während der Ruhe in Betracht, ob man nicht auf dem Rücken oder der rechten Seite liege, ob nicht bei ebenfalls rückwärtsliegenden Eingeweiden, gleichsam wie geöffneten Kanälen, der Sitz der Sinne 106) in Fluss geraten sei oder die Zusammendrückung der Leber eine Beängstigung des Gemütes bewirkt habe. Über solche Dinge, glaube ich, kann man eher geistreiche Ansichten aussprechen, als etwas bestimmtes beweisen, wenn es gleich Plato ist, der diese Ansichten hat; vielleicht mögen diese Dinge auch zufällig vor sich gehen. Denn sonst würden die Träume dem freien Willen unterworfen sein, wenn man sie leiten könnte.

Auch die Vorschriften in betreff der Unterscheidung und Vermeidung von Speisen, welche teils Wahn, teils der Aberglaube als Anleitung zu Träumen vorgeschrieben hat, ist noch zu prüfen. Der Aberglaube z. B. schreibt denen, die bei den Orakeln schlafen wollen, ein Fasten vor, um Keuschheit zu bewirken; Wahn dagegen ist es z. B., wenn die Pythagoräer aus dieser Rücksicht die Bohnen verschmähen, als eine beschwerende und blähende Nahrung. Nun aber haben die drei Brüder, die wie Daniel mit blossem Gemüse zufrieden waren, um sich nicht an den königlichen Speisen zu verunreinigen, dafür ausser der sonstigen Weisheit gerade die Gnade, Träume zu erlangen und auszulegen, von Gott erhalten. |362 Was das Fasten angeht, so weiss ich nicht, ob ich es allein bin, der dann in der Regel so träumt, dass er nichts davon gewahr wird.

Sollte also, fragt man, die Massigkeit in dieser Beziehung nichts bewirken? Ja freilich, in dieser Beziehung weit mehr, wie in jeder andern, und wenn schon beim Aberglauben, dann noch viel mehr in der Religion. Denn die Dämonen fordern gerade darum von ihren Träumern, um sich die Sehergabe erschwindeln zu können, Nüchternheit, weil sie wissen, dass man durch sie Gott näher tritt und weil auch Daniel in einem Stationsfasten von drei Wochen 107) nur Trockenes genoss, allerdings in der Absicht, Gott durch Leistungen der Verdemütigung herabzurufen, nicht um der Seele, da sie träumen sollte, Empfindung und Wahrnehmung dafür zu verschaffen, als wenn sie nicht in der Ekstase handeln würde. Daher ist die Nüchternheit kein Mittel, um der Ekstase Platz zu schaffen, sondern um sie wohlgefälliger zu machen, damit sie in Gott stattfinde.

49. Diejenigen, welche der Ansicht sind, die unmündigen Kinder träumten nicht, obwohl sie sonst alle Lebensverrichtungen nach Maassgabe ihres Alters vollziehen, die mögen das Zusammenfahren, Nicken und Lächeln derselben während der Zeit der Ruhe beobachten, um daraus zu erkennen, dass die Bewegungen der träumenden Seele durch den zarten Leib mit Leichtigkeit bis zur Oberfläche hindurchdringen.

Aus dem Gerüchte, das Volk der Libyer im Atlasgebirge bringe die Nacht in einem nichts sehenden Schlafe hin, macht man auch Schlüsse in betreff der Natur der Seele. Nun aber ist Herodot 108) entweder durch die Fama, die öfters die Barbaren verleumdet, belogen worden oder es besitzt in jenem Landstriche eine gewaltige Menge der betreffenden Dämonen die Herrschaft. Wenn nämlich, wie Aristoteles bemerkt, ein gewisser Heros in Sardinien die Leute, die in seinem Tempel schlafen, der Traumgesichte beraubt, so wird es zu den Vergnügungen der Dämonen gehören, Träume sowohl zu nehmen als auch zu geben, so dass sowohl die Erscheinung, dass Nero spät träumte, als auch die bei Thrasymedes beobachtete von ihnen herrührt. 109)

Wir aber leiten auch die Träume von Gott ab. Warum sollten daher nicht auch die Atlasbewohner mit Gottes Hilfe träumen, schon darum, weil jetzt kein Volk mehr ganz von Gott verlassen ist, da das Licht des Evangeliums seine Strahlen schon in alle Länder und bis zu den Grenzen des Erdkreises sendet? Fama hat 110) also den Aristoteles belogen, oder es ist noch immer so die Art und Weise der Dämonen. Nur die Meinung darf nicht bestehen, dass irgend eine Seele von Natur aus des Träumens entbehre. |363 

50. Genug nun von dem Spiegelbilde des Todes, dem Schlafe, genug auch von den Verrichtungen im Schlafe, den Träumen! Zurück nun zum Ausgangspunkt dieser Abschweifung, d. h. zu den Vorgängen beim Tode, weil er selbst noch Fragen unterliegt, wenn er gleich das Ende alles Fragens ist.

Nach der allgemeinen Meinung des ganzen menschlichen Geschlechtes bezeichnen wir den Tod als einen der Natur schuldigen Tribut. Ihn hat sich ausbedungen der Ausspruch Gottes, 111) ihm hat sich verpfändet alles, was geboren wird, so dass schon dadurch der Blödsinn Epikurs beschämt wird, der leugnet, dass diese Schuld uns etwas angehe, und noch mehr der Wahnsinn des Häretikers Menander aus Samaria seine Verwerfung findet, der sagt, der Tod gehe die Seinigen nicht nur nichts an, sondern treffe sie gar nicht einmal. Zu diesem Ende nämlich sei er, Menander, von der höchsten und verborgenen Macht gesendet worden, damit die, welche seine Taufe annehmen, unsterblich, unvergänglich und sofort der Auferstehung teilhaftig würden.

Wir lesen zwar, dass manche Arten von Wasser die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie z. B". die weinartige Wasserader der Lynkestier 112) trunken macht, der dämonische Sprudel zu Kolophon Wahnsinn bewirkt und Alexander in die giftige Quelle Nonakris in Arkadien geriet. Es hatte auch in Judäa ein Teich Heilkraft vor der Zeit Christi. Von den stygischen Sümpfen erzählt der Dichter gar, dass sie den Tod abwaschen. Aber sogar Thetis musste ihren Sohn beweinen. Wenn Menander die Leute in den Styx tauchte, so müssten sie trotzdem doch erst sterben, um zum Styx zu gelangen. Denn er befindet sich in der Unterwelt. Wie und wo in aller Welt ist doch dieses glückselige Gewässer, welches uns früher Johannes der Täufer nicht geschenkt, noch Christus selbst den Jüngern gezeigt hat? Dieses Bad des Menander, was ist es? Ich glaube, es ist komödienhaft. 113) Aber warum ist es denn so selten, so unbekannt, und warum gehen so wenige in diese Schwemme? Mir ist es sehr verdächtig, dass diese so sichere und sichernde Geheimlehre, bei der es auch kein Gebot ist, für Gott zu sterben, so wenig Anhänger zählt, während doch bereits alle Nationen hinaufsteigen zum Berge des Herrn und zum Hause des Gottes Jakobs, obwohl dieser den Tod durch das Martyrium sogar fordert und ihn selbst seinem Gesalbten nicht erlassen hat. Nicht einmal der Zauberei wird man die Macht zutrauen, den Tod beseitigen, den Lebensbaum wie einen Weinstock aufhacken und das Alter verjüngen zu können. Das vermochte nicht einmal Medea beim Menschen, wenn sie es auch bei einem Hammel konnte. |364 

Henoch und Elias wurden entrückt, und ihr Tod wurde nicht gesehen, d. h. er ist aufgeschoben. Sie werden übrigens für das Sterben aufbewahrt, um den Antichrist mit ihrem Blute zu ersticken. Es starb auch Johannes, von welchem man vergebens hoffte, er werde bis zur Erscheinung des Herrn dableiben. Denn in der Regel bemächtigen sich die Häresien unserer Beispiele und entnehmen davon die Waffen, womit sie sich decken. Mit einem Worte endlich: Wo sind denn die, welche Menander selbst getauft, die er in seinen Styx eingetaucht hat? Seine unvergänglichen Apostel mögen kommen und ihm Beistand leisten! Mein Thomas soll sie dann beschauen; mag er sie hören, betasten und dann glauben!

51. Die Wirkung des Todes liegt auf der Hand: Trennung von Seele und Leib. Einige jedoch thun sich zu gunsten der Unsterblichkeit der Seele, welche sie, ohne von Gott darüber belehrt zu sein, so halb und halb aufrecht erhalten, nach bettelhaften Argumentationen um und wollen, man solle glauben, einzelne Seelen blieben auch nach dem Tode noch an ihren Körpern haften. Zu diesem Zwecke wendet Plato, wenn er auch sonst sämtliche Seelen sofort in den Himmel schickt, dennoch im "Staate" ein, der Leichnam eines Unbeerdigten sei lange Zeit hindurch ohne alle Spur von Verwesung geblieben, nämlich wegen nicht statt-gefundener Absonderung der Seele. Zu diesem Zweck macht Demokritus auf das Wachsen der Nägel und Haare in den Gräbern, das sich geraume Zeit hindurch fortsetzt, aufmerksam. Es war aber auch möglich, dass die Beschaffenheit der Luft für jenen Leichnam einen Schutz bildete. Wie, wenn die Luft trockener und die Erde salzhaltiger gewesen wäre? Wie, wenn die Bestandteile des Körpers selbst saftloser gewesen wären? Wie, wenn seine Todesart selbst schon im voraus die die Fäulnis bewirkenden Stoffe hinausgeschafft hätte? Die Nägel aber scheinen, da sie die Ausgangspunkte der Sehnen sind, ganz natürlich, sobald die Sehnen durch Auflösung länger werden und das Fleisch täglich abnimmt, länger hervorzutreten. Die Haare erhalten ihre Nahrung aus dem Gehirn, welchem durch seine geschützte Lage die Fortdauer noch einige Zeit lang gesichert ist. So ist ja auch bei den Lebenden der Haarwuchs je nach der Masse des Gehirns wuchernd oder er geht aus. Die Arzte vertreten dies.

Nicht einmal das Geringste von der Seele kann im Körper zurückbleiben; es würde zuletzt auch entweichen müssen, wenn die Zeit das ganze Gebäude des Leibes vernichtet hat. Es gibt Leute, die auch diese Meinung hegen; darum sagen sie, man dürfe die Leichen aus Mitleid mit dem Seelenreste nicht verbrennen. Ganz anders aber ist das Verfahren der Frömmigkeit 114) in diesem Punkte, sie nimmt keine höfliche Rücksicht auf |365 die Reste der Seele, sondern verabscheut diese Grausamkeit schon um des Körpers willen, weil der Mensch so etwas jedenfalls nicht verdient, in der Todesart der Verbrecher hingeopfert zu werden. Die Seele ist übrigens unteilbar, weil unsterblich, und dies nötigt, anzunehmen, auch der Tod sei ein ungeteilter, indem er die Seele nicht so fast als unsterbliches, sondern als unteilbares Wesen in unteilbarer Weise trifft. Denn würde die Seele geteilt, so würde auch der Tod in Teile zerlegt werden, nämlich in Bezug auf den Rest der Seele, der einstens ebenfalls sterben muss. So würde mit dem einen Teile der Seele auch noch ein Teil des Todes in Rückstand bleiben.

Ich weiss wohl, dass es Anzeichen gibt, die für jene Meinung sprechen. Ich habe persönliche Erfahrung darüber gemacht. Mir ist der Fall bekannt, dass eine Frau, welche, als Glied der Kirche geboren, ohne Gebrechen an Form und Lebensalter, nach einer einzigen und kurzen Ehe in Frieden entschlafen war. Die Beerdigung verzögerte sich noch, und die Person wurde unter den Gebeten des Priesters unterdessen dafür zurecht gelegt; beim ersten Tone des Gebetes hob sie ihre Hände von den Seiten auf, nahm die Haltung des Gebetes an und legte sie nach Beendigung des Friedensgebetes wiederum in ihre frühere Lage zurück. Auch lebt im Munde der Unsrigen die Erzählung, dass auf dem Kirchhofe ein Leichnam einem andern, der daneben gelegt werden sollte, durch Zurückweichen Platz gemacht habe.

Wenn sich bei den Heiden derartige Erzählungen auch finden, so ist zu sagen, Gott lässt allerwärts Zeichen seiner Macht sehen, den Seinigen zum Troste, den andern zum Verderben. Ich für meinen Teil möchte lieber glauben, Gott wirke dergleichen zum Zeichen, als dass es durch irgendwelche Reste der Seele geschehe. Wenn solche noch da wären, so würden sie wohl auch die anderen Glieder in Bewegung gesetzt haben, und wenn bloss die Hände, dann doch nicht zum Zwecke des Gebetes. Jene andere Leiche würde nicht bloss dem Bruder Platz gemacht haben, sondern sonst noch durch Veränderung ihrer Lage sich selbst Erleichterung verschafft haben. Woher nun diese Dinge auch kommen, so viel ist gewiss, sie sind für Zeichen und Wunder zu halten, und können nicht die Regel bilden. Wenn der Tod nicht mit einem Male und ganz eintritt, so ist er gar keiner. Wenn etwas von der Seele zurückbleibt, so ist Leben vorhanden. Tod und Leben werden sich ebensowenig miteinander verbinden, als der Tag mit der Nacht.

52. Dieses Vorkommnis, der Tod oder die Trennung des Leibes von der Seele, wird durch das Gefühl der Menschen, mit Beiseitelassung der Frage nach Schicksalsbestimmung oder Zufälligkeit, zwiefach eingeteilt, in eine gewöhnliche und eine aussergewöhnliche Form, und man schreibt die |366 gewöhnliche Form, jeden ruhigen Tod, der Natur zu, die aussergewöhnliche, jedes gewaltsame Ende dagegen, hält man für aussernatürlich. Wir, die wir den Ursprung des Menschen kennen, erklären frischweg, dass sich von Natur der Tod gar nicht an den Menschen herangewagt habe, sondern erst infolge einer Schuld, die niclit einmal eine natürliche war. Es konnte aber leicht geschehen, dass das, was von der Geburt an durch ein zufälliges Überkommen uns anhängt, die Bezeichnung Natur bekam. Denn nur dann, wenn der Mensch für den Tod direkt angelegt gewesen wäre, müsste der Tod der Natur zugeschrieben werden. Dass er aber nicht für den Tod angelegt war, beweist das Gesetz, welches sich mit bedingter Drohung in der Schwebe hält und den Eintritt des Todes dem freien Willen des Menschen zuschreibt. Wenn er nicht gesündigt hätte, wäre er gar nicht gestorben. Somit kann nicht Natur sein, was infolge eines anheimgegebenen Anerbietens durch den freien Willen eingetreten ist und nicht mit Notwendigkeit auf Grund höherer Anordnung.

Wenn folglich der Verlauf des Sterbens auch ein verschiedener ist, je nach der verschiedenen Beschaffenheit der Ursachen, so ist der Tod doch niemals so sanft zu nennen, dass er ohne Gewalt geschähe. Was den Tod bewirkt, ist eben, wenn es auch einfach ist, Gewalt. Wie? Er ist es ja, welcher die so innige Verbindung von Seele und Leib, diese innige Vereinigung verschwisterter Substanzen trennt und zerreisst. Wenn jemand seinen Geist vor Freude aufgibt, wie der Spartaner Chilon, während er seinen zu Olympia siegreichen Sohn umarmte, oder infolge einer Auszeichnung, wie der Athener Klidemus, während er wegen seines vorzüglichen historischen Stiles mit einem goldenen Kranze gekrönt wurde, oder im Schlafe, wie Plato, durch Lachen, wie P. Crassus, so ist eine solche Todesart eigentlich noch viel gewaltsamer, weil sie sich ungewohnter Mittel bedient, weil sie die Seele aus ihren Annehmlichkeiten hinausjagt und uns den Tod dann anthut, wann zu leben angenehmer wäre, in der Freude, in der Ehre, in der Ruhe, im Vergnügen. Es ist dieselbe Gewalt, welche die Schiffe trifft, wenn sie weit von den kaphareischen Klippen, von keinem Wirbelwinde gepackt und nicht von Wogen umhergeschleudert, bei kosenden Lüftchen, gleitendem Lauf, fröhlicher Bemannung, bei sonst vollkommener Sicherheit, mit einem plötzlichen innern Krach in sich zusammenbrechen. Dem gleichen genau die Schiffbrüche des Lebens und der Eintritt sogar eines sanften Todes. Wenn die Fahrt der Seele einmal zu Ende ist, so verschlägt es nichts, ob das Schifflein des Leibes unbeschädigt versinkt oder zerschellt.

53. Irgendwohin aber wird sich die entkleidete und hinausgestossene Seele wenden müssen? Ohne Zweifel. Wir werden der Reihe nach verfahren. Zuerst wollen wir jedoch, was hierher gehört, abmachen, damit |367 man nicht, da wir verschiedenartige Ausgänge des Todes angenommen haben, von uns Rechenschaft über alle einzelnen erwarte. Dies muss man vielmehr den Ärzten überlassen, vor welche die Beurteilung der den Tod bewirkenden Dinge oder Ursachen sowie der körperlichen Dispositionen dazu gehört.

Ich will nur, um auch in dieser Hinsicht die Unsterblichkeit der Seele zu sichern, bei Erwähnung des Todes etwas über jene Art des Hinsterbens einfliessen lassen, wobei die Seele nach und nach stückweise hinschwindet. Denn sie scheidet dann mit dem aussern Anschein des Ver-löschens, indem sie aufgezehrt zu werden scheint, und gibt durch ihr allmähliches Fortgehen Anlass zu der Vermutung, sie vergehe. Aber ihr Verhalten innerhalb wie ausserhalb des Körpers ist ein einheitliches. Wie nämlich der Verlauf eines solchen Todes auch immer sei, er ist ohne Zweifel eine Zerstörung entweder von Stoffen einzelner Körperteile oder der Lebensgänge. Unter den Stoffen verstehe ich Blut und Galle, unter den Körperteilen Herz und Leber, unter den Lebensgängen die Puls- und Blutadern. Wenn also diese Dinge infolge einer besonderen schädigenden Ursache im Körper verwüstet werden, bis zur äussersten Zerstörung und Auflösung der zum Leben erforderlichen, das ist der natur-gemässen Grenzen, Lagen und Verrichtungen, so sieht sich auch die Seele, indem ihre Werkzeuge, Wohnsitze und Räume nach und nach zerfallen, allgemach notwendig gedrängt, auszuwandern und wird hinausbefördert, so dass der Schein einer Abnahme derselben entsteht, nicht anders, als wie wenn der Fuhrmann zu mangeln scheint, sobald ihm die Pferde aus Übermüdung den Dienst versagen, und dies geschieht infolge der Beschaffenheit des Menschen, der verlassen wird, nicht in der Weise eines wirklichen Vorganges. Ebenso steht der Fuhrmann des Körpers, der Lebensodem, still, nicht an sich, sondern wegen des stillstehenden Fuhrwerks, er lässt ab von seinem Thun, nicht von seiner Lebenskraft, er wird matt in seinem Handeln, nicht in seinem Sein, er verzehrt seine Beständigkeit, nicht seine Ständigkeit, weil er aufhört, nicht ---- zu sein, sondern zu erscheinen. Jeder plötzliche Tod, z. B. ein Bruch des Genicks, der auf einmal die Thür soweit aufthut, und die Apoplexie, dieses innere Zusammensinken, gestattet der Seele keinen Verzug und zerlegt nicht ihren Ausgang martervoll in die einzelnen Momente. Hingegen wo der Tod ein langsamer ist, da verlässt die Seele in derselben Weise, wie sie verlassen wird. Doch wird sie keineswegs bei dieser Todesart in Stücke zerschnitten, sondern sie wird herausgezogen, und indem sie herausgezogen wird, lässt sie ihr Endstück als einen Teil erscheinen. Aber nicht jedes, was ein Teil ist, ist darum losgetrennt, weil es das Spätere ist, auch geht es nicht deshalb, weil es klein ist, sofort zu Grunde. Das Endglied folgt seiner ganzen Reibe, der mittlere Teil zieht sich nach dem obern hin, und der liest, der mit dem |368 Ganzen zusammenhängt, wird von demselben nur erwartet, nicht aber im Stich gelassen. Darum möchte ich zu sagen wagen, der letzte Teil des Ganzen sei das Ganze, weil er, obwohl geringer und später, doch zu ihm gehört.

Daher kommt es, dass die Seele bei der Trennung selbst oft kräftiger handelt mit sorgsamem Umblick und ausserordentlicher Redseligkeit, während sie, ihrer grösseren Masse nach schon freigestellt, durch den Rest, der noch im Körper zögernd zurückbleibt, mitteilt, was sie sieht, hört und zu erkennen anfängt. Denn wenn dieser unser Körper, nach dem Ausspruche Platos ein Kerker, nach dem des Apostels 115) aber, weil er sich in Christus befindet, ein Tempel Gottes ist, so schnürt er doch jetzt immer noch die Seele durch seine Umklammerung ein, verdunkelt und benebelt sie durch das anhaftende Fleisch, obwohl er Christo zugehört. Daher kommt es, dass für sie die Beleuchtung der Dinge eine trübere ist, wie durch einen hörnernen Fensterverschluss. Ohne Zweifel wird sie durch die Gewalt des Todes aus dem Zusammenhang mit dem Fleische hinausgepresst und durch eben dieses Hinauspressen gereinigt. Sicherlich dringt sie durch den Vorhang des Leibes hindurch ins Freie zu dem reinen, lauteren, ihr eigentümlichen Lichte, erkennt sofort sich selbst in der leichteren Substanz und erwacht in der Freiheit zur Göttlichkeit, wie man im Schlafe von Traumbildern zur Wirklichkeit auffährt. Alsdann teilt sie mit, was sie sieht, dann ist sie froh oder verzagt, je nachdem ihr die Beschaffenheit ihres Aufenthaltsortes zusagt und der Gesichtsausdruck beschaffen ist, den ihr sogleich der Engel zeigt, der Aufrufer der Seelen, der Merkur der Dichter.

54. Nun hätten wir anzugeben, wohin die Seele alsdann gethan wird. Fast alle Philosophen, welche die Unsterblichkeit der Seele, in welcher Weise auch immer, aufrecht erhalten, wie Pythagoras, Empedokles und Plato, sowie die, welche, wie die Stoiker, 116) ihr nur einen gewissen Zeitraum gönnen, vom Tode an bis zur Verbrennung des Weltall, ---- sie alle versetzen doch nur ihre, d. h. die Seelen der Weisen, in die höhern Wohnsitze. Und zwar gewährt Plato auch den Seelen der Philosophen nicht ohne weiteres diese Vergünstigung, sondern wohlgemerkt nur denen, welche ihre Philosophie mit dem Schmuck der Knabenliebe geziert haben. 117) Bei den Philosophen hat demnach die Unreinheit sogar ein grosses Privilegium. Und so werden denn bei Plato die Seelen der Weisen in den Äther erhoben, bei Arius 118) in die Luft, bei den Stoikern in die Region unter dem Monde. Dabei wundere ich mich nur, dass sie die unweisen Seelen |369 in die Erdennähe verbannen, da sie behaupten, dieselben würden von den weisen, die sich an einem viel höheren Orte befinden, unterrichtet. Wo soll das Schullokal sein bei einem so grossen Abstande der Wohnorte? Auf welche Weise sollen die Schülerinnen mit ihren Lehrerinnen zusammenkommen, da sie durch einen solchen Zwischenraum von einander getrennt sind? Wozu soll ihnen endlich diese Unterweisung nach dem Tode dienen und nützen, da sie bei dem Weltbrande doch zu Grunde gehen werden? Die übrigen Seelen verweisen sie in die Unterwelt. Diese beschreibt Plato im Phädon als den Schooss der Erde, wo alle Unreinigkeiten der Welt zusammenfliessen, sitzen bleiben, verdunsten und durch ihren Schmutz und ihre Unsauberkeit gleichsam schwereren Atem und eine besondere Art dicker Luft verursachen.

55. Von uns wird die Unterwelt nicht für eine blosse Aushöhlung oder eine oben offene Mistkaule der Erde, sondern für einen ungeheuren Raum im Abgrunde der Erde in der Tiefe und für einen entlegenen Schlund im Innern der Erde selbst gehalten. Denn wir lesen, dass Christus die drei Tage seines Totseins im Herzen der Erde 119) zugebracht habe, d. h. in deren innerstem und innerlichstem Verlies, das noch in der Erde selbst verborgen, in ihr selbst verschlossen und mit noch tieferen Abgründen überbaut ist. Christus selbst, der Gott war, leistete also, weil er der Schrift zufolge ein Mensch, ein Toter und schliesslich auch ein Begrabener war, sogar diesem Gesetze Genüge, indem er der gewöhnlichen Form des menschlichen Totseins sich unterzog, und stieg nicht eher zu den höheren Regionen des Himmels empor, als bis er in die tieferen Regionen der Erde hinabgestiegen war, um dort den Patriarchen und Propheten Anteil an seiner Person zu verschaffen. Darum haben wir auch an eine unterirdische Region der Unterwelt zu glauben und jene Leute gleichsam' mit dem Ellbogen dorthin zu stossen, welche stolz genug sind und die Seele der Gläubigen zu gut für die Unterwelt halten. Das sind Diener, die über ihrem Herrn, Schüler, die über dem Lehrer stehen wollen. Sie würden es vielleicht sogar verschmähen, den Trost anzunehmen, im Schoosse Abrahams die Auferstehung erwarten zu dürfen!

"Gerade dazu", wenden sie ein, "hat Christus die Unterwelt betreten, damit wir es nicht brauchen. Was für ein Unterschied bestände denn zwischen Heiden und Christen, wenn ihr Kerker derselbe wäre?" ---- Wie wäre es denn aber möglich, dass die Seele zum Himmel hinaufwalle, so lange Christus dort noch sitzt zur Rechten des Vaters, so lange man den Befehl Gottes durch die Posaune des Erzengels noch nicht vernommen hat, so lange diejenigen, welche die Ankunft des Herrn in dieser Welt |370 finden soll, noch nicht ihm entgegen hinaufgezogen worden sind in die Lüfte samt denen, welche, in Christo abgeschieden, zuerst auferstehen werden? Niemandem steht der Himmel offen, so lange die Erde noch besteht, um nicht zu sagen, so lange sie noch verschlossen ist. Denn erst mit der Umwandlung der Erde werden die Reiche des Himmels aufgeschlossen.

Dann wird unsere Ruhestätte wohl bei den Knabenschändern des Plato sein, in der Luft bei Arius, oder um den Mond herum mit den Endymionen unter den Stoikern?! Nein, entgegnet man uns, im Paradiese, wohin schon damals die Patriarchen und Propheten als Gefolgschaft der Auferstehung des Herrn übergesiedelt sind. ---- Wie kam es dann aber, dass die Region des Paradieses, die dem Johannes im Geiste enthüllt wurde und die unter dem Altare gelegen ist, keine andern Seelen als solche von Martyrern aufzuweisen hatte? Wie kam es, dass die beherzte Martyrin Perpetua, als ihr am Tage ihres Leidens das Paradies enthüllt wurde, dort nur die Seelen ihrer Mitmartyrer erblickte, wenn nicht daher, dass das Schwert, welches die Pforte des Paradieses bewacht, nur denen Platz macht, die in Christo, nicht denen, die in Adam verschieden sind? Die neue Todesart für Gott und der aussergewöhnliche Tod für Christus finden in einer andern und besondern Herberge Aufnahme. Daraus also entnehme man den Unterschied zwischen einem Heiden und einem Gläubigen in bezug auf den Tod, wenn wir für Gott sterben, wie der Paraklet ermahnt, nicht in weichlichen Fieberchen und Bettchen, sondern im Martyrtum, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und dem Herrn folgen, wie er selber vorgeschrieben hat. Der Schlüssel zum Paradies ist Dein eigenes Blut. Es existiert von uns auch eine eigene Schrift über das Paradies, worin wir festgestellt haben, dass alle Seelen in der Unterwelt verwahrt gehalten werden bis zum Tage des Herrn. 120)

56. Es drängt sich uns nun die Untersuchung darüber auf, ob dies unmittelbar nach dem Hinscheiden geschieht oder ob einzelne Seelen durch irgend welche Umstände einstweilen noch hier zurückgehalten werden, so wie auch, ob sie, dorthin aufgenommen, nach ihrem Gutdünken oder infolge eines besonderen Befehles nachher noch bei uns erscheinen dürfen. Denn auch hierfür fehlt es nicht an Wahrscheinlichkeitsgründen. Man hat geglaubt, die Unbeerdigten könnten nicht eher in die Unterwelt gelangen, als bis sie ihr Recht bekommen haben, nach Art des Patroklus bei Homer, der in Traumgesichten von Achilles sein Begräbnis verlangte, weil er sich |371 sonst den Thüren der Unterwelt nicht nahen dürfe und die Seelen der Begrabenen ihn davon fern hielten. Wir kennen aber ausser den poetischen Licenzen auch die fromme Sorgfalt des Homer. Denn er hat eine um so grössere Sorgfalt auf das Begräbnis verwendet, je mehr er den Aufschub desselben getadelt hat als eine Beleidigung für die Seelen. Auch solle niemand einen Verstorbenen im Hause behalten und sich dadurch selbst mit ihm noch mehr abhärmen durch einen so ungewöhnlichen Trost, der im Schmerze seine Nahrung findet. Daher hat er die Klagen der unbe-grabenen Seele auf beides gerichtet sein lassen, dass durch das sofortige Begräbnis einerseits die der Leiche gebührende Ehre gewahrt, andererseits der Gedanke an die frühere Liebe gemässigt werde.

Wie sinnlos aber ist es, die Seele auf das warten zu lassen, was dem Körper gebührt, gerade als ob sie etwas davon in die Unterwelt mit sich fortnehme! Noch viel thörichter ist es, die Verzögerung des Begräbnisses als ein Unrecht gegen die Seele anzusehen. Dieselbe müsste das eher als eine Gunst begrüssen. Denn da sie nicht sterben wollte, so wird sie in jedem Falle vorziehen, lieber recht spät zur Unterwelt hinweggeführt zu werden. Sie wird den lieblosen Erben gern haben, durch dessen Schuld sie sich des Lichtes noch erfreut. Oder aber wenn es wirklich ein Unrecht ist, spät unter die Erde hinabgestossen zu werden, und der Titel dieses Unrechtes in der Verzögerung des Begräbnisses besteht, so wäre es ja höchst unbillig, dieses Unrecht der Seele zuzufügen, der die Verzögerung des Begräbnisses gar nicht zugerechnet werden kann; denn dasselbe ist ja Pflicht ihrer Nebenmenschen!

Auch die von einem vorzeitigen Tode getroffenen Seelen, sagt man, schweifen hier so lange umher, bis der Rest ihrer Lebenszeit erfüllt sei, so lange als sie gelebt haben würden, wenn sie nicht vorzeitig gestorben wären. ---- Entweder ist jedem seine Zeit bestimmt, und dann glaube ich nicht, dass ihm von der festgesetzten Zeit etwas entrissen werden kann, oder wenn sie zwar festgesetzt, aber durch den Willen Gottes oder eine andere Macht verkürzt worden ist, so würde ja diese Verkürzung illusorisch gemacht, wenn sie doch noch ihre Erfüllung zu erwarten hätte. Ist ihre Zeit dagegen nicht festgesetzt, so gibt es auch keinen Rückstand von Zeiten, die ja nicht festgesetzt sind. Ich sage noch mehr: Siehe, es ist beispielsweise ein Säugling an der Mutterbrust verschieden, meinetwegen auch ein Knabe, der noch keine Kleider trägt, oder auch einer, der welche trägt, der aber achtzig Jahre gelebt haben würde. Was soll es nun wohl heissen, seine Seele verlebe diese ihr entrissenen Jahre nach dem Tode noch? Er kann ja kein höheres Lebensalter erreichen ohne den Körper, weil sich die Lebensstufen nur mittels des Körpers vollziehen.

Die Unsrigen mögen ferner noch bedenken, dass die Seele denselben Leib wieder bekommen wird, in welchem sie verstorben ist. Man wird |372 also auch dieselbe Beschaffenheit des Körpers und dieselbe Altersstufe zu hoffen haben, welche eine Folge der dermaligen Beschaffenheit des Körpers ist. Wie ginge es also an, dass die Seele eines Kindleins hier die ihr geraubten Jahre zubrächte, um sodann als eine Achtzigerin in einem Leibe von einem Monat aufzuerstehen? Oder, wenn es durchaus nötig ist, die Zeiträume, welche für eine Seele festgesetzt waren, hier zu durchlaufen, so frage ich, wird sie dann die Lebensthätigkeiten, welche den betreffenden Zeiträumen entsprechen und ihr mit letzteren hienieden bestimmt waren, auch der Reihe nach hienieden ebenso durchmachen, also studieren, wenn sie aus dem Kindes- ins Knabenalter tritt, Kriegsdienste leisten, sobald das Jünglingsalter vom Mannesalter abgelöst wird, die Staatslasten tragen, wenn das Mannesalter das Ansehen des Greisenalters erhält, Zinsen herausschlagen, das Land bebauen, Schifffahrt treiben, Prozesse führen, heiraten, arbeiten, Krankheiten durchmachen und alles andere, was Trauriges und Freudiges ihrer mit jenen Zeiträumen gewartet hätte? Wie soll man dieses durchmachen ohne Körper? wie leben, ohne zu leben? Zeiträume aber, die in blossem Abwarten zu durchlaufen wären, würden zwecklos sein. Was steht folglich im Wege, dass man sie nicht auch in der Unterwelt abwarten könne, wo doch ebensowenig ein Gebrauch davon gemacht wird? Daher behaupten wir, jede Seele, in welchem Lebensalter sie auch das Leben verlassen haben sollte, bleibe in demselben stehen bis zu dem Tage, auf welchen der nach dem Maasse der Vollkommenheit der Engel gebildete vollkommene Zustand verheissen ist.

Mithin sind auch die Seelen derer, welche gewaltsamer Weise dem Leben entrissen wurden, vorzüglich durch grausige Leibesstrafen, als da sind Kreuz, Beil, Schwert, wilde Tiere nicht als von der Unterwelt ausgeschlossen zu betrachten, 121) auch darf man die Todesarten, welche die Gerechtigkeit, die Rächerin von Gewaltthaten beschliesst, gar nicht als Gewaltthaten ansehen. Eben darum wird man nun wohl einwenden, sind es die verbrecherischen Seelen, welche aus der Unterwelt ausgeschlossen bleiben. Mithin nötige ich, festzustellen, ob die Unterwelt gut oder böse sei. Wenn man sich für das letztere entscheidest, dann müssten die allerschlechtesten Seelen hineingestürzt werden; wenn sie aber gut ist, warum will man denn die Seelen der vor der Zeit und ehelos Verstorbenen gerade die nach Maassgabe ihrer Lebenszeit reinen und unschuldigen Seelen, jetzt noch derselben für unwürdig halten?

57. Hier zurückgehalten werden ist entweder etwas sehr Gutes wegen der Aori 122) oder etwas sehr Schlimmes wegen der Biäothanati, um mich der Ausdrücke zu bedienen, welche bei den Urhebern dieser Meinungen, |373 den Magiern, in Gebrauch sind: Ostanes, Typhon, Dardanus, Damigeron, Nektabis und Berenice. 123) Allgemein bekannt ist bereits jene Art Litteratur, worin versprochen wird, sogar die in reifem Lebensalter entschlummerten Seelen sowie auch die durch anständige Todesarten dahingeschiedenen und die durch eine pünktliche Beerdigung beseitigten aus ihrer unterweltlichen Wohnung hervorzurufen. Als was sollen wir also die Magie bezeichnen? Wie fast alle, als Betrügerei.

Die einzigen aber, welchen das wahre Wesen dieses Betrugs nicht entgeht, sind wir Christen, die wir von dieser geistigen Bosheit nicht etwa durch eine mit ihr im Bunde stehende Mitwisserschaft, sondern durch ein ihr gegensätzliches Wissen Kenntnis haben und diese vielgestaltige Seuche des menschlichen Geistes nicht herbeilocken, sondern sie mit einer sie bekämpfenden Übermacht behandeln, sie, die Bewirkerin jeglichen Irrtums, diese Verwüsterin des Heils und der Seelen zugleich. Durch die Kunst der Magie, jener zweiten Sorte des Götzendienstes, in welcher sich die Dämonen als Tote darstellen, gerade wie bei dem eigentlichen Götzendienste als Götter ---- und warum sollten sie es denn nicht, da die Götter ja auch blosse Verstorbene sind? 124) ---- werden also 125) die vorzeitig und gewaltsam aus dem Leben Geschiedenen zwar citiert, unter dem scheinbar plausibeln Grunde, es sei glaublich, dass gerade die Seelen, welche ein durch Gewaltthat und Unrecht herbeigeführtes, grausiges, vorzeitiges Ende des Lebens beraubte, vorzugsweise zu Gewaltthaten und Unrecht mitwirken, sozusagen, zur Wiedervergeltung des Unrechtes, wirklich sind es aber die Dämonen, welche unter ihrem Deckmantel wirtschaften, und zwar gerade die, welche damals in ihnen sassen, als sie noch lebten, und ihnen ein derartiges Ende bereiteten. Wir haben ja bereits angedeutet, dass kein Mensch ohne ein Dämonium sei, und es ist mehrfach bekannt, dass durch das Treiben der Dämonen vorzeitige und schreckliche Todesfälle bewirkt werden, welche man ihren Angriffen zuschreibt. Auch diesen Betrug des bösen Geistes, der sich unter den Personen Verstorbener versteckt, thun wir, wenn ich nicht sehr irre, durch Thatsachen dar. Denn derselbe behauptet bei den Exorzismen zuweilen, er sei einer von den beiden Eltern des ihm angehörigen Menschen, 126) manchmal, er sei ein Gladiator oder Bestiarier, so gut wie ein andermal, er sei ein Gott, indem er auf weiter nichts sinnt, als unsere Lehren zu beseitigen, damit wir nur ja nicht glauben, dass sämtliche Seelen in die Unterwelt gethan werden, und den Glauben an das Gericht und die Auferstehung zu erschüttern. Aber |374 nachdem der Dämon die Anwesenden zu täuschen versucht hat, muss er durch fortgesetzte Anwendung der göttlichen Gnade 127) besiegt, schliesslich, wenn auch ungern, den wahren Sachverhalt bekennen.

Daher wird denn auch bei der zweiten Art von Magie, welche vermeintlich die schon zur Ruhe gelangten Seelen aus der Unterwelt hervorruft, es keine andere Kraft des Betruges sein, die wirksam ist. 128) Dort wird auch ein Phantasma dargeboten und scheinbar ein Leib angenommen. Die äussern Augen einzunehmen, ist ja nichts Grosses für den, dem es ein Leichtes ist, die innere Sehkraft des Geistes zu verdunkeln. So erschienen Pharao und den Ägyptern die aus den Zauberstäben entstandenen Schlangen als Körper. Aber die wirklichen Schlangen des Moses frassen das Trugbild auf. 129) Viel, fürwahr, unternahmen Simon und Elymas, die Zauberer, gegen die Apostel. Aber die Strafe der Blindheit war keine Einbildung. 130) Was ist es denn besonderes, wenn der unreine Geist die Wahrheit nachäfft? Siehe, haben doch heutzutage die Häretiker, die sich nach demselben Simon nennen, eine so grosse Vorstellung von ihrer Kunst, dass sie sich in ihrer Selbstüberhebung sogar anheischig machen, die Seelen der Propheten aus der Unterwelt hervorzuholen, und ich glaube auch, dass sie es in betrügerischer Weise imstande sind. War doch dazumal, als Saul ausser Gott noch die Toten um Rat fragen wollte, 131) dem Pythonsgeiste nichts Geringeres gestattet, als die Seele Samuels vorzustellen. Fern sei es von uns, zu glauben, es sei die Seele irgend eines Heiligen, geschweige denn eines Propheten, wirklich durch einen Dämon herausgeholt worden; sind wir doch belehrt, dass der Satan sich sogar in einen Engel des Lichts verwandelt, 132) um wie viel mehr also noch in einen Menschen des Lichts; beim Weltende wird er sogar behaupten, Gott zu sein, 133) und noch wunderbarere Zeichen sehen lassen, um, wenn es möglich wäre, sogar die Auserwählten abwendig zu machen. 134) Vermutlich hat er damals noch Bedenken getragen, sich für einen Propheten auszugeben, zumal Saul gegenüber, in welchem er selbst bereits wohnte. Man glaube nur nicht etwa, der, welcher das Gesicht bewirkte, sei ein anderer gewesen, als der, welcher es empfahl, sondern man halte den Geist, der in der falschen Prophetin und dem Apostaten mit Leichtigkeit erlog, was er zu glauben bewirkte, für denselben, der auch bewirkt hatte, dass Sauls Schatz dort war, wo sein Herz war, nämlich da, wo Gott nicht war. Darum schaute Saul mit dessen Hilfe, durch den er zu schauen glaubte, weil er auch durch den glaubte, mit dessen Hilfe er schaute. Wenn man uns |375 entgegenhält, man erblicke in nächtlichen Bildern häufig Verstorbene nicht ohne Nutzen ---- denn auch die Nasamonen erhalten durch Verweilen bei den Gräbern ihrer Eltern besondere Orakel, wie Heraklit, Nymphodor und Herodot 135) berichten, und die Celten bringen aus demselben Grunde bei den Grabhügeln tapferer Männer ganze Nächte zu, wie Nikander berichtet ----so ist doch die Realität, womit wir im Schlafe die Toten wahrnehmen, keine grössere als bei den Lebendigen, sondern die Art und Weise, sie zu sehen, ist dieselbe, wie wir die Lebenden und alles Sichtbare sehen. Denn die Gesichte sind nicht deshalb wahr, weil sie geschaut werden, sondern insofern sie in Erfüllung gehen. Die Zuverlässigkeit der Traumgesichte beruht auf ihrem Eintreffen, nicht auf der Wahrnehmung.

Dass die Unterwelt durchaus keiner Seele den Austritt gestatte, hat der Herr in der Person Abrahams an der Geschichte von dem Armen, der in die Buhe einging, und dem Reichen, der stöhnte, deutlich genug durch die Bemerkung bestätigt, dass von dort kein Verkündiger der göttlichen Ratschlüsse ausgesendet werden könne, was doch wohl zu dem Zweck, damit Moses und die Propheten Glauben fänden, hätte erlaubt werden dürfen. Obwohl aber die Macht Gottes einige Seelen in ihre Körper zurückgerufen hat, um damit ihr Recht dazu zu dokumentieren, so wird sie sich darum noch nicht auf eine Stufe stellen mit dem verwegenen Wahn der Magier, der Betrügerei der Träumer und der Freiheit der Dichter. Wo die Macht Gottes hingegen bei den vorgekommenen Fällen von Auferstehung, sei es durch Propheten, sei es durch Christus oder die Apostel, einzelne Seelen ihren Körpern wiedergegeben hat, da ist durch deren materielle, greifbare und ersättigte Realität das Präjudiz gegeben, dass dies die Norm für die Wahrheit sei, und man darf jedes Erscheinen von Verstorbenen ohne Körper als Blendwerk ansehen.

58. Sind also sämtliche Seelen in der Unterwelt? Man mag es wollen oder nicht, ja; und es gibt dort bereits auch Bestrafungen und Erquickungen, ---- vergleiche den Armen und den Reichen. Und weil ich in bezug auf diesen Punkt noch Etwas aufgespart hatte, so will ich es nun hier am Schluss richtigen Orts vorbringen. Warum will man nicht glauben, dass die Seele jetzt schon in der Unterwelt Strafen leide oder erquickt werde, in der Erwartung des doppelten Gerichtes und gewissermaassen in einer Vorwegnahme desselben und Anwartschaft darauf? Weil, wird man antworten, dem göttlichen Gerichte 136) sein Geschäft unverkümmert bleiben muss, ohne irgend eine Vorwegnahme seiner Sentenz. Sodann auch deshalb nicht, weil die Auferstehung des Fleisches, als des Genossen der Arbeit und des Lohnes, noch abzuwarten ist. 137) |376 

Gut, was soll denn also in jenem Zeitraume geschehen? Werden wir schlafen? Nun schlafen aber die Seelen nicht einmal zu Lebzeiten des Menschen, denn der Schlaf ist nur Sache des Leibes, den allein der Tod angeht, so gut wie sein Abbild, der Schlaf. Oder willst du etwa, dass dort, wohin die ganze Menschheit gezogen, wo jede Hoffnung sicher gestellt wird, Nichtsthun herrsche? Meinst du, damit würde das Gericht vorweggenommen und nicht vielmehr angefangen? übereilt und nicht vielmehr vorbereitet? Wie ungerecht vollends würde in der Unterwelt ein müssiger Zustand 138) sein, wenn dabei dem Schuldigen immer noch ganz gut zu Sinne ist und dem Unschuldigen noch nicht? Warum will man, dass es nach dem Tode noch unklare Hoffnungen, die in Ungewisser Erwartung schweben, geben soll, und nicht vielmehr eine prüfende Rückschau über das Leben und die drohende Vorbereitung des Gerichts stattfinde?

Aber muss denn die Seele immer auf ihren Körper warten, um zu trauern oder zu frohlocken? Ist sie sich nicht selber genug, um beides zu erleiden? Wie oft wird die Seele gequält, ohne dass der Leib einen Schaden gelitten, von Trübsinn, Zorn und Widerwillen allein, dessen sie sehr oft sich selbst nicht einmal bewusst ist? Wie oft sucht sich dagegen, wenn der Körper geschlagen ist, die Seele eine heimliche Freude und macht sich von der Gemeinschaft mit dem Leibe, die ihr dann ungelegen ist, los? Ich will ein Lügner sein, wenn sie nicht wegen körperlicher Leiden sich sogar zu rühmen und zu freuen pflegt.

Blicke hin auf die Seele des Mucius, wie er seine rechte Hand im Feuer zerstört! Blicke hin auf Zeno, wie an seiner Seele die Martern des Tyrannen vorübergehen! Die Bisse wilder Tiere sind eine Zierde für die Jugend, wie bei Cyrus die von einem Bären herrührenden Narben.

Folglich wird sich die Seele auch in der Unterwelt zu freuen und zu betrüben wissen ohne das Fleisch, weil sie sich auch im Fleische, wenn sie will, sogar im unverletzten Fleische, betrübt, und im verletzten, wenn sie will, sich freut. Wenn sie während des Lebens das nach Gutdünken kann, warum nicht infolge des Gerichtes Gottes in noch höherem Maasse nach dem Tode? Aber noch nicht einmal das gesamte Thun teilt die Seele mit dem dienenden Fleische. Denn der Tadel Gottes verfolgt schon die blossen Gedanken und nackten Willensthätigkeiten. "Wer anblickt, um zu begehren, der hat im Herzen schon Ehebruch begangen." Folglich ist es schon aus diesem Grunde sehr angemessen, dass die Seele, auch ohne den Leib zu erwarten, gestraft werde für das, was sie ohne Teilnahme des Leibes begangen hat. Ebenso wird sie wegen der frommen und guten Gedanken, bei denen sie des Fleisches nicht bedurfte, ohne das Fleisch belohnt werden. Wie, wenn sie selbst bei den körperlichen Thätigkeiten |377 diejenige ist, welche zuerst den Gedanken fasst, den Plan macht, befiehlt und antreibt? Und wenn sie manchmal auch nicht recht will, so ist sie doch die erste, die sich mit dem befasst, was sie durch den Leib zu vollbringen im Begriff steht. Denn niemals ist das Wissen später als das Thun. So harmoniert es ganz gut mit diesem Hergange, dass sie zuerst ihre Vergeltung erhält, da sie ihr zuerst gebührt.

In Summa, da wir unter jenem Kerker, welchen das Evangelium andeutet, die Unterwelt verstehen und den letzten Heller auf die geringen Vergehen beziehen, welche durch Hinausschieben der Auferstehung daselbst zu sühnen sind, so wird niemand daran zweifeln, dass die Seele in der Unterwelt büsse, ohne dass die Vollständigkeit der Auferstehung hinsichtlich des Leibes dadurch verkürzt werde. Das hat auch der Paraklet sehr häufig ans Herz gelegt, wenn er etwa Aussprüche als Folge der Anerkennung der von ihm verheissenen Gnadengaben zugelassen hat.

Wir haben nun jeglicher menschlichen Meinung über die Seele vom Standpunkte der christlichen Lehre aus Rede und Antwort gestanden und so, dünkt mich, der Wissbegierde, wenigstens der gerechtfertigten und notwendigen, Genüge geleistet; die übertriebene und müssige wird desto weniger lernen, jemehr ihr zu fragen beliebt.


Anmerkungen

1. 1) Mitunterredner im Dialoge Phädon.

2. 2) Die Konjektur von Öhler: demonstras empfiehlt sich.

3. 1) I. Tim. 1, 4.

4. 2) I. Kor, 11, 19.

5. 1) Kol. 2, 8.

6. 2) Paulus ist gemeint.

7. 3) I. Mos. 2, 7.

8. 1) Ich folge den Handschriften pro in esse poni. Wird in esse poni als ein Substantiv gefasst, so bedarf es keiner Konjekturen. Das Wort esse aber darf nicht fehlen, da es durch das nachfolgende accipit esse wieder aufgenommen wird. Zu capit ergänze ich ais Subjekt anima aus dem vorhergehenden.

9. 1) Lucret. de nat. rer. I, 305.

10. 1) Luk. 16, 23 ff.

11. 1) Nach der Korrektur des Ursinus. Die gewöhnliche Lesart hat haec adesse qua.

12. 1) Tertullian stellt also die Montanistischen Prophezien mit der Apokalypse auf gleiche Stufe.

13. 2) Vermutlich war die Vision der Wiederhall des zuvor von ihr angehörten Vortrages Tertullians.

14. 1) Ein roter Edelstein, Katzenauge.

15. 2) Paulum mit Rücksicht auf II. Kor. 12, 2-4 statt populum zu setzen ist eine unnötige Konjektur des Ursinus.

16. 3) Luk, 16, 23; Offenb. 6, 9.

17. 1) Tertullian kommt im folgenden auf die Einheit der Seele im Menschen und die Frage, ob die Seele auch physisches Lebensprinzip sei, oder ob es das gebe, was Neuere die Tierseele, Blutseele, Lebensseele genannt haben. Die ganze Erörterung operiert mit den Ausdrücken anima und spiritus. Da bei letzterem Ausdruck Gewicht auf die Etymologie gelegt ist, so kommt man etwas in Verlegenheit mit der Übersetzung. Ich habe mir damit zu helfen gesucht, dass ich für spiritus durchgehends Odem oder Lebensodem brauche, für anima Seele und animus Geist. Für die höhere Seele behält Tertullian anima bei, für die niedere aber spiritus, weil ihr das spirare, das Atmen, beigelegt wird. Unten c. 11 spricht er dann auch noch über den animus, nou~j, wofür es im Deutschen an einem genügenden Ausdruck fehlt.

18. 2) Diese Stelle wird verschieden aufgefasst und interpungiert. Ich halte für das einfachste für sed ipsa zu lesen sed et ipso und es auf Herophilus zu beziehen.

19. 1) Is. 57, 16.

20. 2) Is. 42, 5.

21. 3) I. Kor. 15, 44. 

22. 4) I. Mos. 2, 24 ff. und Eph. 5, 31 ff.

23. 5) I. Sam. 10, 12.

24. 1) Matth. 9, 4.

25. 2) Ps. 51, 12.

26. 3) Rom. 10, 10.

27. 4) I. Joh. 3, 17. 

28. 5) Matth. 5, 28.

29. 1) Stobäus hat den Wortlaut dieses Verses aufbewahrt: Αἷμα γὰρ ἀνθρώποις περικάρδιόν ἐστι νόημα.

30. 1) Öhler hat rationali statt irrationali.

31. 2) I. Tim, 3, 1.

32. 3) Gal. 5, 12.

33. 4) Eph. 2, 3.

34. 5) Matth. 6, 24.

35. 6) Joh, 8, 44.

36. 1) I. Joh. 1, 1.

37. 1) Plato, Phädon, p. 65.

38. 2) Plato, Phädon, p, 66.

39. 1) Die Formen anima und animus des Textes scheinen hier in Verwirrung geraten zu sein. Es muss das zweitemal ohne Zweifel auch anima heissen oder das erstemal animus.

40. 1) Rom. 1, 20.

41. 1) Plato, Timäus, p. 29 ff. 37 ff.

42. 2) De anima II, 2.

43. 1) Es kommt mir vor, als passe parvitate nicht in den Zusammenhang. Denn nicht von einem kleinen, sondern schief gewachsenen, wegen ungünstigen Standortes verkrüppelten Baume ist die Rede. Sollte also nicht pravitate zu lesen sein?

44. 2) Die Neugehorenen wurden dem Vater zu Füssen gelegt.

45. 1) Seneca de Benef. IV, 6.

46. 2) Das Stadtviertel von Athen, in welchem Plato gehören war.

47. 3) Plato, de Legg. lib. IV. init.

48. 1) I. Mos. 2, 23.

49. 2) Adv. Hermog. c. 13.

50. 3) Eph. 5, 8; 2,3. I. Kor. 6,11.

51. 4) Tertullian lehrt hier also, dass die Gnade, als die höhere Potenz, den freien Willen, als die niedere (subjacens), in einer seiner Natur angemessenen Weise bewege. De pat. c. 1.

52. 5) Adv. Marc. II, 5 ff. In adv. Hermog. findet sich eine derartige Erörterung nicht; es ist also die verlorene Schrift de censu animae hier gemeint.

53. 1) Circumfixerit ist wohl die richtige Lesart.

54. 2) Plato, Phaed. p. 70. Tim. p. 29 und 43.

55. 1) Vgl. Anm. 5 zu S. 321.

56. 2) Solidam. Solam wäre nichtssagend.

57. 1) Oder bloss als Meinung eines Zwischenredners beim Dialog.

58. 1) Ἐμβρυοσψάκτης. Das sichelförmige Messer heisst bei Hippokrates μαχαίριον, der stumpfe Haken ἑλκυστήρ.

59. 2) Ψυχή, Seele, ψυχόω, abkühlen.

60. 1) Plato, Legg. VI, §. 18, p. 775.

61. 2) Ich rauss der Verbesserung des Rigaltius und Ursinus, Status statt des sinnlosen flatus zu lesen, trotz der Gegenbemerkungen Oehlers hier den Vorzug geben.

62. 3) I. Mos. 25, 22 ff.

63. 1) Luk. 1, 36, 46.

64. 2) Jer. 1, 5.

65. 3) I. Mos. 1, 27.

66. 4) Jer. a. a. O.

67. 5) Matth. 22, 30.

68. 1) I. Mos. 1, 27.

69. 1) I. Mos. 1, 26 ff.

70. 2) Plato, Phädon, p. 70.

71. 1) Von Varro.

72. 1) Ps. 41, 21.

73. 1) D. h. die nicht in einer Urne beigesetzt werden darf, sondern weggeschüttet wird.

74. 2) Rom. 13, 4.

75. 3) In welche man die Vatermörder einnähte, um sie zu ersäufen.

76. 4) Z. B. den Tarpejischen.

77. 1) Tertullian bedient sich hier des sonst ungebräuchlichen Wortes injectio für ἔννοια; cfr. Justin, apol. I, 26.

78. 2) Für das hier stehende non perinde animo, was sinnlos ist, vermutet Latinius auf Grund von Irenäus I, 23, §. 2, vere per invidiam. Öhler dagegen, der immer falsch Iren. 20 statt 23 citiert, compari inde animo, wobei jedoch das inde unverständlich bleibt und auch seine Erklärung von compari nicht recht zutreffen will. Ich halte mich an propter invidiam bei Irenäus.

79. 1) Des Evangeliums.

80. 2) Über Karpokrates vgl. Irenäus I, 25, §. 4.

81. 3) Matth. 5, 25, Vgl. Luk. 12, 58.

82. 1) Matth. 17, 12.

83. 2) Matth. 11, 14.

84. 3) Malach. 4, 5.

85. 1) Luk. 1, 17.

86. 1) II. Mos. 21, 22 ff.

87. 1) Denn die Acht ist die symbolische Zahl der Vollkommenheit und bedeutet den Himmel.

88. 1) Prurigine im Texte Öhlers ist sinnlos. Der Zusammenhang erfordert pubere oder dergleichen. Ebenso ist im folgenden natura desiderare statt desideret zu setzen.

89. 2) I. Mos. 2, 16.

90. 3) I. Mos. 9, 3.

91. 1) D. i. dem Götzendienste.

92. 2) I. Kor. 7, 14.

93. 1) Joh. 3, 5.

94. 2) Die Lesarten schwanken liier zwischen animalis nomine, animalia nomine und animalia nomina. Öhler konjiziert animati et homines, was mir unverständlich ist. Ich habe, da sich mir nichts Haltbares bietet, den kleinen Zusatz übergangen, um mich nicht zu sehr aufs Raten verlegen zu müssen.

95. 3) Matth. 5, 28.

96. 1) Der Text ist handschriftlich nicht sicher. Sowohl Rigaltius als Öhler fassen diese Stelle anders, allein keine der gegebenen Erklärungen befriedigt mich. Es dürfte wohl am einfachsten sein, statt ponat zu losen ponat' = ponatur.

97. 1) Durch das Entnehmen der Rippe.

98. 2) Plato, Phädon p. 103 seqq.

99. 3) Die Lesart servam genügt; die Öhlersche Konjektur feriis ist vollständig überflüssig.

100. 1) I. Mos. 2, 21.

101. 1) Stadt in Karien, wo die Wahrsagerei gelehrt wurde. Cic. de divin. I. 41.

102. 1) Ein gewisser Bardylis, Räuberhauptmann in Illyrien, besass eine grosse Macht. Diodor. Sic. XVI, 4. Cic. de off. II. 11.

103. 2) Dio Cassius erzählt XLVII, 41, die Geschichte ein wenig anders.

104. 3) Die Salbung durch Sol bedeutete das Schwitzen in der Sonnenhitze und das Abwaschen durch Jupiter den liegen, dem Polykrates am Kreuze ausgesetzt war.

105. 4) Der dies behauptet haben muss.

106. 1) Das pericardium oder sanguis circumcordialis, oben c. 43.

107. 1) Dan. 10, 2-4.

108. 2) Der dies h. 4, 184 erzählt.

109. 3) Vgl. das Capitel 44 Gesagte.

110. 4) Mir scheint, man müsse notwendig diesen Satz affirmativ fassen, nicht fragend und lesen Nunc ergo, nicht Num ergo.

111. 1) 1. Mos. 2, 17.

112. 2) In Maccdonien.

113. 3) Comicum, andere wollen statt dessen setzen: magicum.

114. 1) Das christliche Gefühl sprach sich gegen das Verbrennen der Leichen aus.

115. 1) I. Kor. 3, 16.

116. 2) Vgl. Cicero, Tusc. quaest. I, c. 31.

117. 3) Tertullian denkt hier an Stollen wie Symp. p. 203 sqq., Phaedrus p. 248 sqq.

118. 4) Ein Alexandrinischer Philosoph.

119. 1) Matth. 12, 40. Sic erit filius hominis in corde terrae.

120. 1) Tertullians Schrift de paradiso war also eine seiner Streitschriften zu Gunsten des Montanismus und die Gegner seiner Ansicht, dass alle Seelen mit Ausnahme derer der Märtyrer bis zum jüngsten Tage in der Unterwelt bleiben müssen, waren die Katholiken.

121. 1) Nach Ursinus, der ein nec einschiebt.

122. 2) Die Aori, ἄωροι, sind die frühzeitig, βιαιοθάνατοι. die auf gewaltsame Weise um's Leben Gekommenen.

123. 1) Zauberer, zum teil Schriftsteller über die Magie.

124. 2) Apolog. c. 10, 11.

125. 3) Öhler ändert itaque in aeque, wozu kein Grund. Besser wäre ita allein. In diesem Satze scheint manches nicht in Ordnung zu sein. Ich glaube dadurch einen vernünftigen Sinn hineingebracht zu haben, dass ich zu Anfang statt etiam, wofür Ursinus scientiam lesen wollte, setze arte jam.

126. 4) Des Besessenen.

127. 1) D. i. durch Anwendung von Exorzismen.

128. 2) Die Handschriften bieten hier operatior, was Öhler in das womöglich noch sinnlosere operantior umgeändert hat. Es muss etwas wie operatrix dagestanden haben.

129. 3) II. Mos. 7, 12.

130. 4) Act. c. 8 und 13.

131. 5) I. Kön. 28, 6 ff.

132. 6) II. Kor. 11, 14.

133. 7) II. Thess. 2, 4.

134. 8) Matth. 24, 24.

135. 1) Herodot IV, 172.

136. 2) Das in vor judicio ist mit Ursinus zu. streichen.

137. 3) Ich gehe der Schreibart operienda statt opperienda des cod. Agob. den Vorzug.

138. 1) Der cod. Agob. gibt auscheinend richtig: otium statt etiam.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1882.  Übertragen durch Roger Pearse, 2005.

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