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Gegen die Valentinianer.

205 -208 n. Chr.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1. Cap. Charakterisierung der Valentinianer im allgemeinen; ihre Methode und Kunst, Proselyten zu machen. 

2. Cap. Sie verschreien die wahren Christen als einfältig und unwissend, während doch Christus die Einfalt lobte, und wenig wissen besser ist als schlechtes wissen.

3.  Cap. Fortsetzung.

4.  Cap. Ursprung und bisherige Geschichte der valentinianischen Sekte.

5.  Cap. Vorgänger Tertullians in Bekämpfung derselben.

6. Cap. Er erklärt, dass er hier bloss referierend verfahren, und wie er es in betreff der Namen u. s. w. halten wolle.

7.  Cap. Bythos, Sige, Nus und Aletheia, die erste Tetras, mit Wort, Leben, Mensch und Kirche die erste Ogdoas von Äonen.

8.  Cap. Die Äonen der beiden andern Klassen, Dekas und Dodekas.

9.  Cap. Der Fehltritt der Sophia.

10.  Cap. Andere, mehr ausgeschmückte Darstellung dieses Vorfalles. Seine Folgen. Entstellung der Materie. Die Enthymesis.

11.  Cap. Erschaffung des valentinianischen Christus und hl. Geistes durch den Monogenes aus Anlass des Fehltrittes der Sophia. Ihre Funktionen.

12.  Cap. Nachdem die Einheit im Pleroma wiederhergestellt ist, bringen die Äonen den Jesus hervor, um dem Vater eine Freude zu machen.

13.  Cap. Übergang zu den Vorgängen ausserhalb des Pleroma.

14.  Cap. Beschreibung des Zustandes der Enthymesis oder, wie sie nun heisst, der Achamoth. |102 

15.  Cap. Entstehung der einseinen Elemente aus den Affeiden der Achamoth.

16.  Cap. Sie wird durch den Soter von ihren Leidenschaften gereinigt, welche verdichtet zur Materie werden.

17.  Cap. Daraus entsteht die dreifache Beschaffenheit der Dinge, die hylische, psychische und pneumatische.

18.  Cap. Die Hervorbringung des Demiurgen durch die Achamoth.

19.  Cap. Fortsetzung.

20.  Cap. Die Thätigkeit des Demiurgen.

21.  Cap. Weitere Namen und Funktionen der Achamoth. Niedrige Stellung des Demiurgen.

22.  Cap. Ursprung und Entstehung des Teufels nach valentinianischem System.

23.  Cap. Der Weltenraum und die Luft.

24.  Cap. Die Lehren der Valentinianer über das Wesen, über die Entstehung des Menschen und den Stoff, woraus er gebildet wurde.

25.  Cap. Ihre Ansichten über die menschliche Seele. Achamoth besass, ohne dass der Demiurg es ahnte, auch einen schwachen pneumatischen Keim.

26.  Cap. Diesen sollte der Mensch mit Hilfe des Soter in seine Seele aufnehmen und so erlöst werden.

27.  Cap. Christus, der Erlöser des Menschengeschlechtes, nach Valentinians System.

28.  Cap. Das Verhalten des Demiurgen gegenüber dem Erlösungsplan. 

29. Cap. Einteilung der Menschen in drei Klassen. 

30.  Cap. Einiges aus der Sittenlehre der Valentinianer.

31.  Cap. Ihre Eschatologie.

32.  Cap. Das endliche Geschieh des Menschengeschlechtes.

33.  Cap. Die spätem Valentinianer weichen von den frühem Lehren in manchen Stücken ab. So schreiben einige dem Bythos eine Doppelehe zu.

34.  Cap. Andere sprechen demselben jede eheliche Verbindung ab.

35.  Cap. Andere setzen die Proarche an die erste, den Bythos aber an die letzte Stelle.

36.  Cap. Noch andere deuten alle jene vermeintlichen Vorgänge im Pleroma bildlich.

37.  Cap. Andere Lehren eines Ungenannten über die Äonen.

38.  Cap. Ansichten des Valentinianers Sekundus.

39.  Cap. Weitere Träumereien anderer Gnostiker über die Person Jesu. Schluss. |103 

 

1. Die Valentinianer, unter den häretischen Genossenschaften jedenfalls die zahlreichste, weil sie sich zumeist aus Apostaten vom wahren Christentum zusammensetzt, es mit Fabeln leicht nimmt und ihre Sittenzucht niemanden abschreckt, kennen keine angelegentlichere Sorge, als den Gegenstand ihrer Predigt zu verheimlichen, wenn man das Geheimhalten eine Predigt nennen darf. Die Pflicht der Geheimhaltung ist eine Pflicht des Schuldbewusstseins. Wo man mit seiner Religion zurückhält, 1) da ist der Gegenstand der Predigt beschämender Natur.

Auch das z. B., was in den bekannten Eleusinien, einer Art Häresie im Aberglauben der Athener, verschwiegen wird, ist schamloser Natur. Darum macht man auch den Eintritt in dieselben schwierig und hat langdauernde Einweihungsgebräuche, bevor 2) das Siegel erteilt wird, indem die Einzuweihenden fünf Jahre lang unterrichtet werden, um ihnen durch Aufschieben der Belehrung eine hohe Meinung davon beizubringen und die Vorstellung von der Erhabenheit des Dargebotenen nach Verhältnis zu der vorher danach erweckten Begierde zu steigern. Dann folgt sofort die Verpflichtung zum Stillschweigen. Was man erst nach vielem Suchen gefunden hat, wird sorgfältiger gehütet. Im übrigen aber besteht die ganze Gottheit, die sie in ihren unzugänglichen Heiligtümern bewahren, in nichts weiter als dem enthüllten Bilde des männlichen Gliedes, darauf zielen alle Seufzer der Aufzunehmenden, dafür geschieht die ganze Versiegelung des Mundes. Allein das sinnbildliche Verfahren, welches sich eine mit Scheu zu behandelnde Natureinrichtung zum Aushängeschild nimmt, versteckt unter dem Mantel einer gezwungenen Symbolik nur ein Sakrilegium und wehrt den Vorwurf der Täuschung durch ein Götzenbild ab.

In ähnlicher Weise haben die Häretiker, welche wir jetzt aufs Korn nehmen, die Valentinianer, die heiligen Namen, Bezeichnungen und Gegenstände der wahren Religion zu Hilfe genommen, um ihre thörichten und schändlichen Faseleien mit einer leicht fasslichen Klarheit zu umgeben und ---- dank der Gelegenheit, die ihnen der Reichtum Gottes bietet, indem aus vielem vieles folgen muss ---- eine Art eleusinischer Buhlerei hergestellt, die heilig ist nur durch ihre tiefe Verschwiegenheit, himmlisch allein durch ihre Stille. Wenn einer im guten Glauben forscht, so sagen sie mit ernster Miene und in die Höhe gezogenen Augenbrauen: "Es ist etwas Hohes." Wenn ihnen einer mit scharfsinnigen Fragen kommt, so vertreten sie unter Zweideutigkeiten und Doppelzüngigkeiten nur die gemeinschaftliche Glaubenslehre. Wenn aber einer verrät, dass er etwas mehr weiss, so verleugnen sie ihre Ansichten. Wenn du ihnen scharf zu Leibe gehst, so machen sie deine Geradheit durch einen Selbstmord illusorisch. 3) |104 Sie vertrauen nicht einmal ihren eigenen Schülern, bevor sie sich derselben versichert haben. Sie verstehen die Kunst, die Leute zu bereden, ohne sie zu belehren. Die Wahrheit hingegen überredet durch Belehrung, aber sie belehrt nicht durch Überredung.

2. Darum eben gelten wir bei ihnen als Einfältige, und bloss als das, nicht auch als Weise; gerade als ob die Einfalt sich sofort von der Weisheit trennen müsste, während doch der Herr beides verbindet: "Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben." 4) Oder wenn wir dadurch, dass wir die Einfalt besitzen, gleich zu Thoren werden, müssen dann nicht auch sie zu nicht Einfältigen werden darum, weil sie weise sind? Wer die Einfalt nicht besitzt, ist ein Bösewicht, wie der, welcher die Weisheit nicht besitzt, ein Thor. Da will ich dann lieber zu letztern gezählt werden, weil ihr Fehler geringer ist, wofern nämlich wenig wissen den Vorzug verdient vor schlechter wissen, irren besser ist als betrügen. Nun sagt aber die Sophia, nicht die des Valentin, sondern die des Salomo, dass "in Einfalt des Forschens das Angesicht des Herrn erwartet wird" 5). Sodann waren es die unmündigen Kinder, welche um das Zeugnis Christi willen ihr Blut hingaben. Soll ich etwa die, welche "Kreuzige ihn" schreien, Kinder nennen? Sie waren weder Kinder noch Unmündige, d. h. Einfältige. Auch befiehlt uns der Apostel "wieder Kinder zu werden im Herrn", wie Kinder an Bosheit durch die Einfalt, so schliesslich weise durch Einsicht. Ich habe mich zugleich, der Ordnung der Weisheit hingegeben, die aus Einfalt hervorgeht. In Summa, die Taube dient gewöhnlich als Bild Christi, die Schlange aber pflegt den Versucher zu machen. Jene war von Anbeginn an auch Herold des göttlichen Friedens, diese Räuberin des göttlichen Ebenbildes. So wird die Einfalt, auch wenn sie allein steht, leichter imstande sein, Gott zu erkennen und zu offenbaren, die Klugheit aber für sich allein eher, ihn auszuspionieren und zu verraten. 6)

3. Möge sich denn also die Schlange nach Kräften verbergen, sich mit ihrer ganzen Klugheit in weitläufigen Verstecken winden und drehen, in der Tiefe wohnen, an unsichtbare Orte verbannt sein, in Klüften sich lang aufrollen und, sich ringelnd, nicht einmal ganz 7) sich fortbewegen, das lichtscheue Getier. Bei unserer Taube deutet schon der Wohnort auf Einfalt hin, sie hält sich immer an freien, offenen Orten und am Tageslichte auf. Das Sinnbild des hl. Geistes liebt den Sonnenaufgang, der das Bild Christi ist. Für die Wahrheit gibt es keinen Schimpf als einzig und allein |105 den, verborgen zu bleiben, denn es braucht sich niemand zu schämen, ihr das Ohr zu leihen und den als Gott anzuerkennen, den ihm die Natur bereits als solchen gegeben hat, den jedermann täglich aus seinen Werken wahrnimmt und den er nur insofern noch zu wenig kannte, dass er ihn nicht für den einzigen hielt, dass er für seinen Namen sich der Mehrzahl bediente und ihn in fremden Wesen anbetete. Nach Beseitigung des Schwarmes von Göttern doch wieder eine anderweitige Mehrheit lehren, das hiesse, von der angestammten Herrschaft zu einer unbekannten übergehen, von der Klarheit ins Unklare zurückfallen und gegen die Grundlagen des Glaubens verstossen.

Wenn gleich die volle Einweihung in die ganze Fabelei stattfände, würde da nicht etwas dargeboten von der Art, wie es dir in deiner Kindheit, wenn du nicht schlafen wolltest, die Amme zugerufen hat: der Gespensterturm und die Kämme des Sol? 8) Wer mit einem andern Wissen vom Glauben zu Euch kommt und sofort von dieser Masse von Äonennamen, dieser Menge von Ehen, den vielen Zeugungen, Sterbefällen, Zufällen, dem Glück und Unglück der zerstreuten und zerspaltenen Gottheit zu hören bekäme, würde der noch Anstand nehmen, sofort zu sagen, hier haben wir die Fabeln und endlosen Genealogien vor uns, welchen schon damals, als diese häretischen Samen erst keimten, der Geist des Apostels zuvorgekommen ist und die er verdammt hat? Sie thuen also recht, sie, die nicht einfältigen, die bloss klugen Leute, ja ganz recht, wenn sie 9) solche Dinge weder leicht vorbringen noch sie offen verteidigen, ja, auch nicht einmal alle, die sie sich heranziehen, darin vollständig unterrichten. Das ist von ihnen jedenfalls recht schlau, wenn es sich um unanständige Dinge, lieblos aber, wenn es sich um Ehrbares handelt.

Und doch wissen wir einfältigen Menschen das alles. So haben wir denn die erste Sturmkolonne zum Angriff gegen sie vorbereitet, wodurch ihre ganze Weisheit blossgelegt und aufgedeckt werden soll, und wir haben dies als ersten Sieg in Aussicht, weil schon das blosse Aufdecken dessen, was mit solchem Aufwand von Mühe verborgen gehalten wird, es zerstören heisst.

4. Wir kennen, sage ich, auch ihren Ursprung recht gut und wissen, warum wir sie Valentinianer nennen, obwohl sie den Anschein haben, keine zu sein. Sie haben sich von ihrem Stifter getrennt, aber ihr Ursprung ist dadurch keineswegs verwischt worden, und wenn er vielleicht geändert wird, so ist gerade die Änderung ein Beweis dafür. Valentinus hatte sich Hoffnung auf die Bischofswürde gemacht, weil er begabt und beredt war. |106 Als aber ein anderer, der den Vorzug des Martyriums besass, dieselbe erlangt hatte, wurde er unwillig und sagte sich von der Kirchengemeinschaft los, welche im Besitz der authentischen Glaubensregel ist. Wie es bei den Geistern zu gehen pflegt, die vom Streben nach dem Vorrange getrieben sind, dass sie nämlich von Rachsucht in Flammen gesetzt werden, wandte er sich nun der Bekämpfung der Wahrheit zu und geriet, indem er die Samenkörner gewisser alter Lehrmeinungen in sich aufnahm, auf die Abwege des Colarbasus. Diesen Weg hat später Ptolemäus beschritten, indem er die Äonen nach Namen und Zahlen in persönliche Substanzen zerlegte, aber in solche, die ausserhalb Gottes fixiert sind, und die Valentinus in dem Gesamtwesen der Gottheit als Gedanken, Empfindungen und Strebungen eingeschlossen hatte. Es hat sodann auch Herakleon einige Nebenwege von dort abgeleitet, ebenso Sekundus und der Magier Markus. Viele Mühe hat sich Theotimus 10) mit der Symbolik des Gesetzes gegeben.

So ist denn eigentlich Valentinus nirgends mehr, und doch gibt es Valentinianer, weil sie von Valentinus abstammen. Heutzutage hält einzig und allein Axionikus in Antiochien das Andenken Valentinins durch Bewahrung seiner unverfälschten Regeln in Ehren. Im übrigen darf diese Häresie so viele Überzeugungen annehmen, 11) als eine Gassenlmre jeden Tag Schmucksachen für ihre Gestalt anzulegen pflegt. Warum denn auch nicht? Sie setzen in dieser Weise ihren sogenannten bekannten geistigen Keim bei einem jeden voraus. Haben sie irgend eine Neuerung angebracht, so nennen sie ihre Einbildungen sofort Offenbarungen, ihre Erfindungen ein Charisma, nicht Einheit, sondern Mannigfaltigkeit. Daher sehen wir es vorher, dass sie mit Hintansetzung ihres gewöhnlichen Vorgebens meistens in verschiedenen Punkten auseinandergehen, ja sogar in gutem Glauben sagen werden: Das ist nicht so, jenes verstehe ich anders, das erkenne ich nicht an. Denn ihre Glaubensregel wechselt und erneuert ihr Gesicht und hat auch die Farben der Unwissenheit.

5. Mein Weg aber wird derselbe sein wie der der ersten Ideale im Lehramte, nicht mit den angemassten Führern eines zusammengelaufenen Haufens von Schülern. Es wird nicht auf allen Seiten heissen, wir hätten uns die Sachen selbst ersonnen. Denn dieselben sind bereits von vielen, durch Heiligkeit und Gediegenheit ausgezeichneten Männern, die nicht bloss unsere Vorgänger, sondern sogar Zeitgenossen der Häresiarchen waren, in sehr reichhaltigen Werken dargelegt und herausgegeben worden, wie von Justinus, dem Philosophen und Märtyrer, Miltiades, dem kirchlichen |107 Sophisten, Irenäus, dem sorgfältigen Erforscher aller Lehrmeinungen, und unserem Prokulus, 12) dieser Zierde des jungfräulichen Greisenalters und der christlichen Beredsamkeit. Ihn wünschte ich wie in jedem Werke des Glaubens, so auch in diesem zu erreichen. Wofern es aber gar keine Häretiker gäbe und dergleichen nur von deren Feinden ersonnen wäre, so würde der Apostel, da er sie zum voraus ankündigt, lügen. Wenn es aber welche gibt, so sind es keine andern als die, welche besprochen werden. Niemand hat so viel Müsse, dass er sich aus Schreibseligkeit noch Themata ersinnt, wenn es schon welche gibt.

6. In dieser Schrift also, in welcher wir eine blosse Darlegung jener Geheimlehre in Aussicht nehmen, werde ich, um niemanden durch die so fremdartigen, gekünstelten, gehäuften und zweideutigen Namen in Verwirrung zu bringen, zuerst angeben, wie ich mich derselben zu bedienen gedenke. Bei einigen bietet sich für die Übersetzung aus dem Griechischen keine ebenso handliche [lateinische] Form dar, bei andern stimmt das Geschlecht nicht überein, bei wieder andern ist die griechische Form gebräuchlicher. So werden wir sie denn also meistens griechisch geben, die Bedeutungen werden sich innerhalb der Grenzen dieser Schrift finden, und es sollen auch für die lateinischen Übersetzungen die griechischen Ausdrücke nicht fehlen, sondern in der Zeile darüber angegeben werden und dies das Kennzeichen derselben als Personennamen sein, um der Unbestimmtheit derjenigen willen, die sonst auch in anderer Bedeutung dienen. Wiewohl ich nun den eigentlichen Kampf mit ihnen verschiebe und vorläufig eine blosse Darlegung verspreche, so wird doch da, wo etwa die Erbärmlichkeit an den Pranger gestellt zu werden verdient, schon die blosse oberflächliche Erwähnung eine Bekämpfung derselben sein. Der Leser mag dabei an ein dem ernstlichen Kampfe vorhergehendes Turnier denken. Ich werde Wunden andeuten, aber noch nicht schlagen. Auch wenn es irgendwo einmal zum Lachen kommen sollte, so wird der Sache nur ihr Recht widerfahren. Vieles verdient auf diese Weise widerlegt und nicht mit einer ernsten Behandlung beehrt zu werden. Vor der Albernheit tritt der feierliche Ernst im eigentlichen Sinne zurück. Das Lachen steht der Wahrheit, da sie fröhlich ist, auch ganz gut an, und Spott über ihre Gegner kommt ihr zu; denn sie fühlt sich sicher. Es ist allerdings dafür zu sorgen, dass ihr Lachen, wenn es stattfindet, kein unwürdiges sei; wo es aber ein würdiges ist, da ist es auch pflichtmässig. In diesem Sinne also will ich beginnen. |108 

7. Zuerst von allen hat sich Ennius, der römische Dichter, des Ausdrucks: "die weiten gewaltigen Himmelssäle" schlechthin bedient, wegen ihrer erhabenen Lage oder weil er im Homer gelesen hatte, dass Jupiter dort schmause. Aber höchst wunderbar ist, welche Erhabenheiten der Erhabenheiten und welche Höhen der Höhen die Häretiker zur Wohnstätte jür jeden ihrer Götter aufgehängt, ausgespannt und ausgebreitet haben. Sogar für unsern Schöpfer sind die Himmelssäle des Ennius nach Art eines Wohnhauses eingerichtet, immer noch andere und weitere Stockwerke aufgebaut und für jeden Gott mit so viel Treppen versehen, als es Häresien gibt. So ist aus dem Weltenraume ein Miethaus geworden. Man könnte all diese weiss Gott wo befindlichen Stockwerke des Himmels für die Mietkaserne Felicula 13) ansehen. Dort wohnt auch der Gott der Valentinianer ganz oben unter dem Dach.

Sie nennen ihn mit Rücksicht auf seine Substanz den "vollendeten Äon", mit Rücksicht auf seine Person den Uranfang oder den Anfang, auch den "Bythos" [Abgrund], was zu seiner so hochgelegenen Wohnung gar nicht recht passt. Sie stellen ihn als den ungeborenen, unendlichen, unermesslichen, unsichtbaren und ewigen hin, als ob sie gleich damit bewiesen, dass er es auch wirklich ist, wenn sie ihn für das ausgeben, was er, wie wir sehr gut wissen, alsdann sein müsste. So mag es auch mit der Behauptung stehen, er habe vor allen andern Dingen existiert. Allein ich muss fordern, dass er sei, und ich tadle hierbei nichts heftiger als dies, dass solche Wesen zuletzt von allen übrigen Dingen zum Vorschein kommen, sie, die vor dem ganzen Weltall existiert haben sollen, und zwar gehört letzteres nicht einmal ihnen. Mag sich daher meinetwegen jener Bythus die frühern unermesslichen Jahrhunderte hindurch in der erhabensten und tiefsten Ruhe, in der grössten Müsse der ruhenden, sozusagen sinnenden und träumenden Gottheit befinden, wie Epikur sie haben will!

Obwohl er ganz allein sein soll, geben sie ihm doch eine zweite Person bei, die in ihm und mit ihm ist, die "Ennöa", die sie ausser-dem auch noch "Charis" und "Sige" nennen. Vielleicht treten sie während dieser beneidenswerten Ruhe einmal zu ihm und fordern ihn auf, dass er endlich den Anfang der Dinge aus sich hervorziehen solle. Er nimmt ihn nun und legt ihn, als wäre es sein Same, in die Geburtsorgane seiner Sige. Diese empfängt sofort, wird schwanger und gebiert, natürlich schweigend; denn sie ist ja die Sige. Der, den sie gebiert, ist der "Nus", der dem Vater vollkommen ähnlich und in allem gleich ist. So ist er denn auch allein imstande, die unermessliche und unfassbare Grosse des Vaters |109 zu begreifen. Daher trägt er ebenfalls die Namen Vater, Anfang aller Dinge und Eingeborener im eigentlichen Sinne, oder richtiger, nicht im eigentlichen Sinne; denn er wird ja nicht allein geboren, sondern mit ihm tritt auch noch ein weibliches Wesen ins Dasein, die sogenannte Aletheia, die Wahrheit. Eingeborener heisst er, weil er zuerst geboren wurde; viel passender wäre also für ihn der Name Erstgeborener.

Also der Bythos und die Sige, der Nus und die Wahrheit werden als das erste Viergespann der Valentinianischen Sportgesellschaft hingestellt, als Ausgang und Ursprung aller übrigen. Sobald der Nus seinerseits die Aufgabe, hervorzubringen, erhalten hat, entsendet er allsogleich aus sich das "Wort und das Leben". Existierte letzteres früher nicht, so war es auch nicht im Bythos. Was aber ist das für ein Gott, in welchem kein Leben ist? Die letztgenannte Nachkommenschaft, als Anfang des Weltalls und zur Bildung des Pleroma in seiner Ganzheit entsendet, bringt alsbald auch ihre Frucht hervor und erzeugt "den Menschen und die Kirche". Das ist die Ogdoas, die doppelte Tetras, die aus den ehelichen Verbindungen männlicher und weiblicher Wesen besteht, es sind sozusagen die Zellen der uranfänglichen Äonen. Die Geschwister-Ehen der Valentinianischen Gottheiten bilden bei den Häretikern die Anfänge alles Heiligen und Majestätischen und der ganzen Scharen, ich weiss nicht, soll ich sagen, von Verbrechern oder Gottheiten, jedenfalls aber die Quelle aller sonstigen Fruchtbarkeit.

8. Und siehe da, die zweite Tetras: das Wort, und das Leben, der Mensch und die Kirche, wünscht, weil zur Ehre des Vaters emporgesprosst, auch ihrerseits zu dieser Anzahl dem Vater noch eine Gabe der Art von dem Ihrigen darzubringen und lässt darum andere Nachkommenschaft, ebenfalls paarweise, durch Verbindung beider Geschlechter hervorsprudeln. Da geben das Wort und das Leben eine ganze Dekurie von Äonen auf einmal von sich, hier der Mensch und die Kirche noch zwei mehr, indem sie so ihren Ahnen gleich werden, weil sie beide mit jenen zehn so viel ausmachen als sie selbst erzeugt haben. Ich gebe nun die Namen derer an, die ich eine Dekurie genannt habe: Bythius und Mixis, [Ageratos und Henosis, Autophyes] und Hedone, Akinetos und Synkrasis, Monogenes und Makaria. Die von der Zwölfzahl dagegen sind folgende: der Paraklet und die Pistis, Patrikos und Elpis, Metrikos und Agape, Ainus und Synesis, Ekklesiastikus und Makariotes, Theletus und Sophia.

Ich sehe mich genötigt, hier mit einem passenden Beispiel anzugeben, was diese Namen wollen. In den Schulen zu Karthago war einmal ein sehr frostiger Lehrer der lateinischen Rhetorik, mit Namen Phosphorus. Als er über das Thema vom tapfern Mann eine Rede-Übung deklamirte, sagte |110 er: "Ich komme zu Euch, treffliche Mitbürger, vom Kampfplatz mit meinem Siege, mit Eurem Glück, erhöht, verherrlicht, beglückt, gross und als Triumphator." Da riefen ihm die Schüler seines Auditoriums zu: Hoho! ---- Hast du die Namen: Fortunatus, Hedone, Akinetos und Theletus gehört, so rufe dem Auditorium des Ptolemäus zu: Hoho!

Das wäre nun das geheimnisvolle Pleroma, diese Fülle der dreissigfältigen Gottheit. Wir wollen sehen, worin die Vorzüge dieser Zahlen bestehen, der Vier-, Acht- und Zwölfzahl. Einstweilen hat mit der Zahl dreissig die ganze Fruchtbarkeit ein Ende, die Zeugungskraft und Zeugungslust der Äonen ist erschöpft und es ist, als gäbe es weiter keine solche Zahlenzusammenstellungen und keine Namen aus dem Pädagogium mehr. Warum werden denn nicht fünfzig und hundert erzeugt? Warum werden nicht auch Spielkameraden und Milchbrüder für sie ernannt?

9. Eine persönliche Begünstigung ist es, dass er, der Nus allein, die Bekanntschaft mit dem unendlichen Vater geniesst in Freude und Frohlocken, während die andern trauern. Allerdings hat der Nus, so viel an ihm lag, den Willen gehabt und den Versuch gemacht, auch die andern an seiner Kenntnis, wie gross und unbegreiflich der Vater sei, teilnehmen zu lassen. Allein die Mutter Sige trat ihm in den Weg, die nämliche, welche auch ihren lieben Häretikern Schweigen gebot, obschon sie behaupten, es sei auf den Wink des Vaters geschehen, der alle mit dem Verlangen nach sich entzünden wolle. Während sie also an innerer Zerrissenheit leiden, während sie von stiller Begierde, den Vater kennen zu lernen, entbrennen, ist das Verbrechen beinahe vollbracht. Von den zwölf Äonen nämlich, die durch den Menschen und die Kirche ins Dasein gesetzt sind, brach die jüngstgeborene Äon ---- auf einen Solöcismus kommt's hier nicht an ---- er heisst nämlich Sophia ---- in ihrer Unenthaltsamkeit ohne ihren Gatten Theletus hervor und liess sich ein Vergehen der Art zu schulden kommen, wie es seinen Anfang bei den den Nus umgebenden andern Wesen genommen hatte und auf sie, nämlich die Sophia, übergegangen war, ähnlich wie körperliche Gebrechen, die an einer Stelle entstanden, auf irgend ein anderes Glied verderbliche Wirkungen ausüben. Allein die Eifersucht gewann im Nus, der sich allein des Vaters erfreute, die Oberhand. Als in Wahrheit auf Unmögliches gerichtet, wird das Streben der Sophia vereitelt, sie wird durch die Schwierigkeit überwunden, durch ihre Liebe ausgedehnt, und es fehlte bei der Macht der Süssigkeit und der Anstrengung wenig, dass sie aufgezehrt worden wäre und sich in die übrige Substanz verflüchtigt hätte. Nur ihr Untergang hätte ihrem Streben ein Ziel gesetzt, wenn sie nicht zum guten Glück auf den Horos gestossen wäre. Auch dieser besitzt eine gewisse Macht. Er ist die Grundlage jenes Universums und sein Hüter |111 nach aussen; er wird auch Crux, Lytrotes oder Carpistes genannt. So wurde die Sophia der Gefahr entrissen, liess sich nach und nach bereden, gab das Suchen nach dem Vater auf, beruhigte sich und legte die ganze betreffende Gesinnung, die Enthymesis, mit der Leidenschaft, die hinzugetreten war, ab.

10. Manche haben über das Schicksal und die Rettung der Sophia wieder andere Träumereien gehabt. Nach vergeblichen Versuchen und dem Fehlschlagen ihrer Hoffnungen hätten sich bei ihr, wenn ich nicht irre, Blässe, Magerkeit und Verfall eingestellt, da ihr die Abweisung vom Vater nicht weniger empfindlich war als sein Verlust. In dieser Traurigkeit empfing sie dann von sich selbst, allein ohne das eheliche Weik, und gebar ein weibliches Wesen. Wundert dich das vielleicht? Es ist ja auch der Henne beschieden, aus sich allein zu gebären, und bei den Geiern sollen die Weibchen für sich allein Junge bekommen. Dennoch wird die gattenlose Mutter zuletzt bange, dass auch das Ende eintrete; sie ist sich unklar über den Grund dieses Unfalls und sinnt auf dessen Verheimlichung. Nirgends zeigt sich ein Mittel. Denn wo hätte es damals schon Tragödien und Komödien gegeben, um davon die Kunst zu entlehnen, sich über Kinder, die mit Verletzung der guten Sitte geboren worden, auszureden? Als die Sache schlimm wird, blickt sie auf und wendet sich zum Vater. Vergebliche Mühe! Als dann die Kräfte nachlassen, versinkt sie in Gebete. Auch ihre ganze Verwandtschaft bittet für sie und zumeist der Nus. Warum denn auch nicht? Er ist ja die Ursache dieses grossen Unglücks. Indessen blieb keins von den Geschicken der Sophia ohne Folgen. Alle ihre Leiden haben Wirkungen. Denn ihr damaliger Kampf wurde der Ursprung der Materie. Ihre Unwissenheit, ihre Angst und Trauer wurden zu Substanzen. Da endlich liess sich der Vater rühren und brachte den obengenannten Horos durch seinen Mono-genes und Nus in besonderer Gestalt, als Mannweib zu diesem Zwecke hervor; denn sogar hinsichtlich des Geschlechts des Vaters sind ihre Ansichten schwankend. Sie setzen dann noch hinzu, der Horos werde auch Metagogeus, d. i. Herumführer, und Horothetes genannt. Als sein Werk rühmen sie, dass nun die Sophia von unerlaubten Handlungen zurückgehalten, von ihren Sünden gereinigt, sodann gestärkt und ihrem Ehemanne zurückgegeben worden sei, dass sie in der Zugehörigkeit zum Pleroma verblieben, ihre Enthymesis aber und deren Anhängsel, die Leidenschaft, vom Horos ausgewiesen, ans Kreuz geschlagen und aus dem Pleroma gestossen sei ---- was sie durch den Ruf ausdrücken: "Hinaus mit dem Übel!" ---- Jene geistige Substanz aber sei, als ein natürlicher Trieb eines Äon, wenn auch ein ungestalteter und unschöner, insofern er nichts erreicht habe, für eine schwächliche Frucht und ein weibliches Wesen erklärt worden. |112

11. Nachdem die Enthymesis also in die Verbannung geschickt und ihre Mutter, die Sophia, ihrem Ehemanne zurückgegeben ist, brütet der bekannte Monogenes, der Nus, der sonst nichts zu thun hat, gemäss der Voraussicht und Fürsorge des Vaters abermals ein neues Ehepaar aus, um alles zu sichern, das Pleroma zu schützen und zu befestigen und den abermaligen Eintritt einer solchen Erschütterung zu verhüten, Christus und den hl. Geist. Man sollte diese Ehe für etwas ganz Abscheuliches halten, weil sie zwischen zwei Mannspersonen besteht, oder sollte der hl. Geist etwa ein weibliches Wesen sein, oder fühlte sich der männliche Teil vom Weibe abgestossen? Für sie gibt es nur eine Verpflichtung 14), die Äonen in Harmonie zu bringen. Von dieser gemeinsamen Aufgabe kommen dann sofort die beiden Schulen her, die beiden Lehrstühle, gewissennassen der Anfang zur Spaltung in der Valentinianischen Lehre.

Aufgabe des Christus war es, die Äonen mit dem Wesen ihrer Ehen ---- man sieht was für eine wichtige Sache, ---- sodann mit dem Begriff des Ungewordenen bekannt zu machen und sie instand zu setzen, eine Erkenntnis des Vaters in sich zu erzeugen, doch so, dass man ihn nicht fassen und ergreifen könne, und sich nicht durch das Gesicht oder Gehör in seinen Besitz setzen dürfe, sondern nur mittels des Monogenes. Ich will es hingehen lassen, dass sie dies für das Erkennen des Vaters ausgeben, auch wir können das nicht besser. 15) Tadeln muss ich aber die Verkehrtheit der Lehre, dass man ihnen beibrachte, das Unbegreifliche am Vater sei die Ursache ihrer eigenen, beständigen Fortdauer, das Begreifliche an ihm aber der Grund ihrer Erzeugung und ihres Entstehens. Denn dadurch, meine ich, wird nahegelegt, es sei besser, Gott nicht zu erfassen. Das Unerfassliche an ihm ist ja die Ursache der Fortdauer, das Erfassliche aber nicht Ursache der Fortdauer, sondern nur Ursache der Erzeugung, des Entstehens der Wesen, die der Fortdauer bedürftig sind. Das Erfassliche am Vater aber lassen sie den Sohn sein. Wie er erfasst werde, darüber hat der danach hervorgegangene Christus Belehrung gegeben. Des heiligen Geistes eigentliche Aufgabe hingegen soll sein, dass alle in bezug auf das Streben nach Belehrung gleichgestellt und in stand gesetzt werden, der Danksagung obzuliegen und zur wahren Ruhe einzugehen.

12. So werden denn alle an Wesen und Wissen gleichgestellt; alle sind geworden, was jeder war, keiner ist etwas anderes, weil einer wie der andere ist. Sie gehen alle in Nus, Menschen, Theletus, die weiblichen Äonen ebenso in Sigen, Zoen, Ekklesien, Fortunaten auf, so dass |113 Ovidius sein Buch der Metamorphosen vernichtet haben würde, wenn er von diesen viel grössern Metamorphosen etwas erfahren hätte. Von da an nun haben die Äonen sich wieder erholt und gekräftigt; dank der Wahrheit, in die rechte Ruhe eingetreten, besingen sie den Vater in Hymnen, was gewaltige Freude erregt. Er selber wird vor Freude ganz gerührt, da seine Kinder und Enkel so schön singen. Warum sollte er denn nicht auch in voller Wonne ganz zerfliessen, da das Pleroma befreit ist? Hat doch auch jeder Schiffsreeder seine ungeziemende Freude! Wir sehen alle Tage die ausgelassene Lustigkeit der Matrosen. Wie diese sich jedesmal bei ihren Picknicks erlustigen, so ungefähr machen es auch die Äonen, die nunmehr alle eins sind, sowohl an Aussehen als an Einsehen. Indem auch die neuen Brüder und Lehrer, der Christus und der hl. Geist, sich der Gesellschaft anschliessen, gibt jeder zum besten, was er Gutes und Schönes hat. Das ist zwecklos, sollte ich denken. Denn wenn alle eins sind, so hatte infolge der erwähnten Gleichförmigkeit das Picknick gar keinen Sinn, da dessen Anziehungskraft ja eben in der Mannigfaltigkeit zu bestehen pflegt. Alle brachten nur das eine Gute mit, was sie selbst waren.

Vielleicht lag aber die Veranlassung dazu in der Art und Weise oder der Methode ihrer Beisteuer und Umlage selbst. Sie verfertigten also nun aus dem beigesteuerten Gelde zur Ehre und Verherrlichung ihres Vaters das schönste Gestirn der Pleroma, eine höchst vollkommene Frucht, den Jesus. Sie gaben ihm die Namen: Erlöser, Christus und Wort ---- von seinem Vatersnamen, ---- schliesslich sogar den Namen: "Über alles" ----  weil er dadurch gebildet worden war, dass von allem das Beste dazu genommen wurde, wie zum Häher des Äsop, zur Pandora des Hesiod, der Patina des Accius, dem Cocetus des Nestor, und der Miscellanea des Ptolemäus. Da hätte es doch noch nähergelegen, diese müssigen Aushecker von allerlei Namen hätten ihn Pancarpia genannt im Anschluss an ein gewisses athenisches Produkt. 16) Um diesem Püppchen ferner äusserlich einen Schmuck zu geben, brachten sie auch eine Leibwache für ihn hervor, die Engel, eine Gesellschaft von derselben Art. Sind sie gleichwesentlich miteinander, so mag es drum sein, sind sie es mit dem Soter ----  denn die Sache wird unklar gelassen ---- wie sollte dieser dann eine höhere Stellung haben, als seine ihm gleiche Leibwache?

13. Die Bänke diesses Ranges 17) enthalten also die Äonen der ersten Hervorbringung, die alle einer wie der andere geboren werden, heiraten und Kinder zeugen, sodann den durch die Sehnsucht nach dem Vater |114 hervorgerufenen Unglücksfall mit der Sophia, das höchst rechtzeitige Dazwischentreten des Horos, die Beseitigung der Enthymesis und der damit verbundenen Passio, die erziehende Thätigkeit des Christus und des hl. Geistes, die vormundschaftliche Wiederherstellung der Äonen, den Pfauenschmuck des Soter und den erkauften Wachtdienst der Engel. "Im übrigen aber," höre ich dich da rufen: "lebet jetzt wohl und klatscht Beifall!" "O nein", rufe ich: "Im übrigen aber hört und nehmt's zu Herzen." Dies geben sie für die Vorgänge hinter den Kulissen des Pleroma aus, als den ersten Akt der Tragödie. Die andere Vorstellung aber findet auf der offenen Bühne selber, ich meine ausserhalb des Pleroma statt. Und wenn's schon im Schosse des Vaters, innerhalb der Grenzpfähle des wachenden Horos, so niedlich herging, wie mag es erst oben auf der Galerie zugegangen sein, wo es keinen Gott gab?!

14. Also die Enthymesis oder, wie sie von jetzt an mit einem unübersetzbaren Namen sich schreibt, die Achamoth, die mit dem Elend ihrer speziellen Passio, da das Licht nur dem Pleroma eigentümlich, in lichtlose Räume und in den bekannten leeren Raum des Epikur 18) hinausgestossen wird, ist nun auch in Hinsicht ihres Wohnortes sehr erbärmlich daran. Auch steht fest, dass sie keine bestimmte Gestalt und kein Gesicht hat; denn sie ist ja eine mangelhafte und verfehlte Geburt. Da es mit ihr nun so schlecht steht, so neigt sich Christus aus den obern Räumen zu ihr herab, begleitet vom Horos, der damit beginnt, dass er ihr aus den eigenen Kräften eine Form gibt, aber nur von seiner Substanz, nicht auch von seinem Wissen. Gleichwohl gelangt sie zu einem kleinen Besitztum: Es wird in ihr erneuert der Geruch der Unsterblichkeit, in dessen Besitz sie vom Verlangen nach Zuständen, die besser sind als ihre Unglückslage, mächtig ergriffen werden soll. Nachdem der Christus dieses Werk der Barmherzigkeit in Gesellschaft des hl. Geistes verrichtet hat, kehrt er ins Pleroma zurück. Es ist so Gebrauch, dass man als Folge von Vergünstigungen auch neue Titel erhält. Enthymesis hiess sie infolge ihres Thuns; wodurch sie Achamoth wird, das ist eigentlich noch fraglich; Sophia ist sie als Ausfluss aus dem Vater; den Namen heiliger Geist empfängt sie durch Christus, den Engel, von welchem sie sich alsbald verlassen gefühlt hatte. 19) Sie bekam also eine Sehnsucht nach dem Christus und machte sich nun selber auf, sein Licht zu suchen. Aber da sie ihn noch gar nicht kannte ---- er hatte nämlich ungesehen sein Werk |115 an ihr vollbracht, ---- wie sollte sie nun selbst sein ihr unbekanntes Licht suchen können? Doch sie probierte es und hätte es vielleicht erwischt, wenn nicht eben der Horos, der ihrer Mutter so zur glücklichen Stunde erschienen war, jetzt wieder der Tochter, ganz zur unrechten Zeit, entgegengetreten wäre und sie sogar mit: "Jao!" angeschrieen hätte. Das muss etwa so viel bedeuten wie: "Macht Platz, Leute!" oder: "Die Losung des Kaisers!" 20) Von da an findet sich das Jao in ihren Schriften. So am weitern Vordringen gehindert und nicht imstande, über das Kreuz, d. i. den Horos, hinwegzukommen, weil sie auf den Laureolus 21) des Catull nicht eingeübt war, ganz ihrer Passion überlassen, ganz verlassen, wird sie von der vielfältigen Leidenschaft ganz eingenommen 22) und überwältigt, und begann von allen Arten derselben heimgesucht zu werden, von Trauer, weil sie ihr begonnenes Unternehmen nicht beendigen konnte, von Furcht, nicht bloss des Lichtes, sondern auch noch des Lebens beraubt zu werden, von Niedergeschlagenheit und dann von Unwissenheit. Es war bei ihr nicht so wie bei ihrer Mutter; denn diese war ein Äon. Sie hingegen war im Verhältnis zu ihrer Beschaffenheit schlimmer daran, und es erhob sich auch noch eine andere Strömung, nämlich die der Hinneigung zum Christus, von welchem sie belebt und für diese Hinneigung gestimmt worden war.

15. Nun aber aufgepasst! Jetzt können die Pythagoräer erfahren und die Stoiker, ja Plato selbst begreifen lernen, woher die Materie, die sie für unentstanden ausgeben, stammt und von wo sie zur Konstruktion der gesamten sichtbaren Welt ihren Ursprung und ihr Wesen hat. Nicht einmal Mercurius Trismegistus, der Herr und Meister aller Physiker, hat daran gedacht. Es war eben die Rede von der Hinneigung als einer Art Leidenschaft. Aus ihr soll alles, was in dieser Schöpfung Seele heisst, entstanden sein, auch die Seele des Demiurgen, d. i. unseres Gottes. Es war die Rede von Trauer und Furcht. Daraus sind die übrigen Dinge entstanden. Nämlich aus ihren Thränen entströmte das ganze nasse Element, das Wasser. Hieraus kann man abnehmen, welches Schicksal sie gehabt, was für Arten von Thränen sie geweint hat. Sie hatte salzige, sie hatte bittere und süsse, sie hatte warme und kalte Tropfen geweint, Pech, Eisen, Schwefel und sogar Gift enthaltend, so dass auch der Quell Nonakris aus ihr hervorgeschwitzt ist, durch welchen Alexander sein Leben |116 verlor, der Lyncesterquell 23) aus ihr hervorsprudelte, der trunken macht, und auch der Quell Salmakis ihr entträufelte, der die Männer entnervt. Der Himmelsthau und Regen entstand aus dem Kindergeheul der Achamoth, und was wir in unsern Cisternen aufzubewahren uns bemühen, sind fremde Trauer und Thränen. Ebenso wurden aus der Niedergeschlagenheit und der Trauer die körperlichen Elemente hervorgebracht. Und doch, in der Not dieser grossen Einsamkeit und der Verlegenheit dieser grossen Verlassenheit lächelte sie bisweilen, insoweit sie sich des Anblicks des Christus erinnerte. Aus diesem freudigen Lachen entstand das Licht. Welcher Art von Vorsehung hat man denn die Wohlthat zu danken, dass sie zum Lachen gezwungen wurde und wir nicht beständig in der Finsternis zu weilen haben? Es ist wahrhaftig nicht zu verwundern, dass ihre Fröhlichkeit für die Schöpfung ein so glänzendes Element auszustrahlen vermochte, wenn ihre Traurigkeit sogar schon ein für die Welt so notwendiges Hilfsmittel ausfliessen liess. O Wunder über dieses leuchtende Lachen! O dieses bewässernde Weinen! Sie hätte schon durch dieses Gegenmittel der Schrecklichkeit ihres Aufenthaltsortes abhelfen können ---- sie hätte ja dessen Dunkelheit immer verscheuchen können, so oft sie nur lachen wollte, schon deshalb, um ihren Ungetreuen keine gute Worte geben zu müssen.

16. Statt dessen verlegt sie sich gerade wie ihre Mutter aufs Bitten. Allein Christus, der bereits müde war, aus dem Pleroma hinauszugehen, lässt seine Stelle durch den Paraklet antreten, den Soter ---- dies dürfte wohl derselbe mit Jesus sein, ---- dem der Vater die höchste Macht über alle Äonen verliehen hat, um sie alle zu unterwerfen, damit in ihm nach dem Ausspruch des Apostels alles gegründet würde. 24) Diesen schickt er zu ihr hinaus mit der Dienerschaft und mit dem Geleit der gleichaltrigen Engel, man sollte vermuten, auch mit zwölf Fasces. Da zog die von seiner pomphaften Ankunft überwältigte Achamoth sofort den Schleier über sich, als erste Pflicht, die ihr die Verehrung und Hochachtung auferlegte, sodann betrachtete sie ihn und den fruchtbringenden Schmuck. Mit den Kräften, die sie hieraus schöpfte, kam sie ihm entgegen mit dem Ruf: "Sei gegrüsst, o Herr!" Da nimmt er sie nun, meine ich, gut auf, ermutigt sie und formt ihr Erkennen, dann wischt er alle Unbilden der Leidenschaft von ihr ab, aber letztere werden nicht wieder mit der gleichen Nachlässigkeit ausgetilgt wie es beim Falle ihrer Mutter geschehen war. Er schüttet vielmehr ihre gewohnten und durch Übung erstarkten Fehler zusammen, verdichtet sie zu einer Masse, hält sie abgesondert für sich fest, bildet sie aus körperlicher Leidenschaft zur |117 körperhaften Wesenheit der Materie um und gibt ihr Fähigkeit und Natur, 25) alsbald zu der feindlichen Verwandtschaft der körperlichen Wesen überzugehen, so dass eine doppelte Ordnung von Wesenheiten hergestellt wird, eine, die infolge der vorangegangenen Fehler durchaus schlecht, und eine, die infolge ihrer Hinneigung leidensfähig ist. Da hätten wir nun die Materie, welche uns mit Hermogenes und denen, welche sonst noch wähnen, Gott habe aus der Materie und nicht aus nichts geschaffen, in Streit gebracht hat.

17. Von da an ist Achamoth endlich von allen Übeln befreit, und siehe, schon erhebt sie sich und bringt grössere Werke hervor. Durch die Freude über diesen glücklichen Erfolg nach dem Unglück erwärmt und zugleich durch die Betrachtung der englischen Lichter sozusagen etwas in Gährung gebracht, gerät sie, es klingt nicht ganz anständig, aber man kann es nicht anders ausdrücken, gewissennassen in Brunst gegen jene, empfängt sofort und schwillt an durch den geistigen Fötus, nach Massgabe eben des Bildes, welches sie in gewaltiger, freudig kitzelnder Betrachtung eingesogen und in sich aufgenommen hatte. So gebar sie, und es gibt von da an eine Dreiheit von Arten wegen der Dreifaltigkeit der Ursachen, das eine ist das Hylische, was aus der Leidenschaft kommt, das andere ist das Psychische, was aus der Hinwendung, das dritte das Pneumatische, welches aus der Einprägung des Bildes entstanden ist. 26)

18. Nachdem sie so durch diese drei Kinder 27) Ansehen erlangt und etwas Übung in der Besorgung von Geschäften bekommen hatte, be-schloss sie, zur Formation der drei Arten zu schreiten. Allein zum Pneumatischen konnte sie jetzt noch nicht hinanreichen, als selbst nur geistigen Wesens. Denn in der Regel ist es gleichen und gleichwesentlichen Dingen wegen der Gemeinsamkeit der Natur versagt, Macht übereinander auszuüben. In diesem Sinne warf sie sich einzig auf das Beseelte, indem sie die Anleitungen des Soter ins Werk setzte. Und zwar bildete sie, was man nur mit grossem Abscheu wegen der darinliegenden Gotteslästerung aussprechen, lesen und anhören kann, zuerst unsern jetzigen Gott, den Vater aller, nur nicht der Häretiker, den Demiurgen und König des nach ihm entstandenen Weltall. Denn durch ihn ist es entstanden, wofern es nämlich nicht vielmehr durch die Achamoth selber entstanden ist, von welcher er ganz heimlich und unbemerkt, gleichsam wie eine Gliederpuppe, von aussen am |118 Faden gezogen, zu all seinem Thun und Wirken in Bewegung gesetzt wurde. Infolge dieser Unbestimmtheit der Person haben sie für ihn auch den Namen Metropator [Muttervater] fabriziert, während sie sonst seine Benennungen nach Beschaffenheit und Lage seiner Werke auseinanderhalten und ihn mit Rücksicht auf die belebten Substanzen, die sie zu seiner Rechten stellen, Vater nennen, mit Rücksicht auf die materiellen Wesen zu seiner Linken als Demiurgen bezeichnen, mit Rücksicht auf die Gesamtheit aber ihn insgemein König titulieren.

19. Auch die speziellen Namen stimmen nicht einmal zu seinen besondern Werken, von welchen ja alle Namen herkommen; diejenige hätte alle diese Namen bekommen müssen, von welcher die Werke eigentlich verrichtet oder auch nicht verrichtet wurden. Wenn sie nämlich behaupten, Achamoth habe die Bilder zur Ehre der Äonen ausgesonnen, so beziehen sie diese Behauptung sofort wieder auf den Soter, als den Urheber, der durch sie gewirkt haben soll, um ein Bild des unsichtbaren und unbekannten Vaters zu geben, welches für den Demiurgen ja bekanntlich unbekannt und unsichtbar war, den Demiurgen selbst aber habe er zum Sohn Nus gestaltet, und die Erzengel, eine Schöpfung des Demiurgen, sollten die übrigen Äonen vorstellen. Wenn ich von so viel Bildern der drei höre, soll ich denn, frage ich, jetzt nicht über die Bilder ihres erbärmlichen Malers lachen? Achamoth als Weib soll ein Bild des Vaters sein? Der Demiurg, der seine Mutter nicht kennt und noch weniger seinen Vater, ein Bild des Nus, der auch seinen Vater nicht kennt, und die Engel, obwohl Diener, Bilder des Herrn? Das heisst aus dem Bilde des Esels das eines Maulesels machen und den Ptolemäus nach dem Valentin malen.

20. Also der Demiurg, der ausserhalb der Grenzen des Pleroma steht, in der weiten schimpflichen Wüste einer ewigen Verbannung, gründet sich ein neues Reich, unsere gegenwärtige Welt, indem er die Verwirrung beseitigt und die Verschiedenheit jener zweifachen, räumlich getrennten Substanz, des Psychischen und des Materiellen, auseinanderhält. Aus Unkörperlichem verfertigt er körperliche Gegenstände, schwere und leichte, steigende und sinkende, himmlische und irdische. Sodann vollendet er die siebenfache Himmelsbühne über seinem eigenen Thron. Daher erhielt er auch den Beinamen Sabbatum von der Woche seines Sitzes und seine Mutter Achamoth den Namen Ogdoada von der uranfänglichen Ogdoas. Die Himmel lassen sie mit Erkenntnis begabt und bisweilen die Engel sein, sowie auch den Demiurgen selbst und das Paradies, den vierten Erzengel, weil sie es über den dritten Himmel ausgebreitet sein lassen. Aus der Kraft desselben entnahm er den Adam, als er dort zwischen |119 den Wölkchen und Bäumchen verweilte. Ptolemäus hat genug von diesen kindischen Schnurren berichtet, wie im Meere Äpfel wachsen und auf den Bäumen Fische; so hat er im Himmel auch das Vorhandensein von Nussbäumen angenommen. Der Demiurg schafft alles, ohne etwas zu kennen; darum war es ihm vielleicht unbekannt, dass man Bäume nur auf der Erde pflanzen müsse. Der Mutter wäre es allerdings wohl bekannt gewesen. Warum hat sie es ihm denn nicht beigebracht, da sie ihm doch seine Wirksamkeit verschaffte? Aber da sie nun durch diese Werke, die ihren Sohn selbst ohne Hilfe der pfiffigen Valentinianer als Vater, Gott und König erscheinen lassen, ihm eine so hohe Stellung bereitete, so werde ich später die Frage stellen, warum wollte sie nicht, dass diese Dinge ihm selber bekannt seien?

21. Einstweilen ist festzuhalten, dass sie den Namen Sophia und auch die Namen Mutter und Erde trägt, gleichsam Muttererde und, worüber man noch mehr zu lächeln versucht ist, auch den Namen heiliger Geist. So haben sie denn diesem weiblichen Wesen alle Ehren beigelegt, vielleicht sogar auch einen Bart, um von andern Dingen nicht zu reden. Im übrigen war der Demiurg, als bloss psychischer Herkunft und unvermögend durch seine Abstammung, nicht imstande, sich dem Geistigen zu nähern, so dass er im Wahne, der Einzige zu sein, den Ausspruch that: "Ich bin Gott und ausser mir ist keiner." 28) Er hätte sicher doch wissen müssen, dass er früher existierte. Also hätte er auch einsehen müssen, dass er entstanden sei und irgend jemand zum Urheber seines Entstehens habe. Wie konnte er also glauben, allein zu sein, er, der vom Vorhandensein eines Urhebers wenigstens eine Ahnung hatte, wenn er dessen auch nicht gewiss war?

22. Erträglicher ist die Schmach, die sie dem Teufel anthun, da er sich eine geringe Herkunft gefallen lassen kann. Er soll nämlich aus jener schlimmen Traurigkeit entstanden sein, aus welcher sie auch den Ursprung des Schlechten bei den Engeln, Dämonen und allen geistigen Wesen herleiten. Trotzdem geben sie auch den Teufel für ein Werk des Demiurgen aus, nennen ihn Munditenens, Welthalter, 29) und behaupten, er sei, weil von Natur pneumatisch, der höhern Dinge kundiger, als der bloss psychische Demiurg. Der verdient von ihnen den Vorzug, zu dessen Nutzen alle Häresien hervorgebracht werden.

23. Den Sitz der einzelnen Mächte verlegen sie auf folgende Gebiete: Auf den höchsten Höhen führt den Vorsitz das dreissigfacbe Pleroma, |120 indem der Horos die äusserste Grenzlinie bestimmt. Da bewohnt die Hälfte des Raumes Achamoth und steht über ihrem Sohne; der Demiurg nämlich wohnt unter ihr in seiner Hebdomas, noch tiefer der Teufel, der in dieser uns gemeinschaftlichen Welt haust, welche, wie oben gesagt wurde, aus den so heilsamen Zufällen der Sophia die Elemente und Körperlichkeit bekommen hat. Denn die Welt würde nicht einmal im Besitz der Luft sein, die uns doch Raum gibt zum Atemholen, die aller Körper zartes Gewand bildet, alle Farbenpracht vermittelt, diese und das Wetter bewirkt, wenn die Melancholie die Sophia nicht auch sie ausgesiebt, ausgeschwitzt und von sich gegeben hätte, wie ihre Furcht die beseelten Wesen, ihre Hinneigung sogar den Demiurgen selbst. Allen diesen Elementen und Körpern ist das Feuer eingeblasen. Da diejenige Leidenschaft der Sophia, aus welcher das Feuer entsprungen ist, bisher noch nicht offenbart wurde, so möchte ich vorläufig schliessen, es sei aus ihren Bewegungen hervorgegangen. Denn man ist versucht, anzunehmen, dass sie bei ihren grossen Trübsalen auch vom Fieberfrost geschüttelt wurde.

24. Da sie sich über Gott oder vielmehr die Götter mit solchen Hirngespinsten tragen, wie toll werden erst die den Menschen betreffenden sein? Nachdem der Demiurg die Welt zustande gebracht, legt er Hand an zur Bildung des Menschen und holt sich die Substanz dazu nicht aus der trockenen Erde, wie sie sich ausdrücken, welche eben die einzige ist, die wir kennen; ---- denn wenn sie auch nachher trocken wurde, so ist sie es doch erst nach vorheriger Ausscheidung des Wassers geworden, ---- wobei der Lehm übrig blieb. Er entnahm sie vielmehr aus dem unsichtbaren Körper der philosophischen Materie, aus deren flüssigen und tropfbaren Teilen, von deren Existenzart ich gar keine Ahnung habe, weil sie selber nirgendwo existiert. Denn wenn tropfbar und flüssig sein eine Eigenschaft des Wassers ist, das ganze Wasser aber aus den Thränen der Sophia hervorging, so müssten wir folglich annehmen, dass der Lehm aus dem Rotz und Augenwasser der Sophia bestehe, die ebenso die Hefe der Thränen sind, wie der Lehm der Bodensatz des Wassers. Der Demiurg formt also den Menschen und belebt ihn durch seinen Anhauch. Somit wird er sowohl erdiger als psychischer Beschaffenheit sein, indem er nach seinem Bilde und Gleichnisse geschaffen wurde. Er ist etwas vierfaches: insofern er nämlich Bild ist, wird er als erdig angesehen, da er selbstverständlich materiell ist, obschon der Demiurg nicht aus Materie entstanden ist; insofern er aber Gleichnis ist, ist er psychischer Beschaffenheit; denn dies ist auch der Demiurg. Das sind zwei. Sodann, sagen sie, sei das erdige Wesen noch mit einer fleischlichen Oberfläche überkleidet worden, darauf beziehe sich "der Rock von Fellen", der unter die sinnliche Wahrnehmung fällt. |121 

25. In der Achamoth befand sich von der Substanz ihrer Mutter Sophia her noch ein kleiner Vorrat pneumatischer Keime, wie die Achamoth auch in ihrem Sohne, dem Demiurgen, ohne sein Vorwissen deren ebenfalls hinterlegt und aufbewahrt hat. Diese umsichtige heimliche Vorsorge lassen wir uns schon gefallen. Denn sie hatte jene Keime zu dem Zwecke hinterlegt und versteckt, damit, wenn der Demiurg bald nachher von seinem Hauche auf Adam übertrüge, jener pneumatische Keim in gleicher Weise auch durch die Seele wie durch einen Kanal in das Stoffliche hinübergeleitet würde, und so im materiellen Leibe, wie in einem Mutterschosse, als eine Art Fötus gezeitigt und ausgebildet, geeignet gefunden würde, zu seiner Zeit das vollkommene Wort aufzunehmen. Indem so der Demiurg einen Setzling seiner Seele in Adam niederlegte, blieb der durch seinen Anhauch eingepflanzte pneumatische Mensch verborgen, weil der Demiurg den von seiner Mutter herrührenden Samenkeim so wenig kannte, als diese selbst. Diesen Samenkeim nennen sie die Kirche, als das Spiegelbild der höhern Kirche und das Bestimmende für den Menschen und leiten ihn ebenso von der Achamoth her, wie das Psychische vom Demiurgen, das Hylische von der Substanz [des Äon] Arche und das Fleisch von der Materie. Sehet da den neuen, d. h. vierfachen Geryon!

26. Dem entsprechend weisen sie auch den einzelnen Bestandteilen ein ihnen angemessenes Los zu; dem Materiellen, d. h. dem Fleische, welches sie das links Befindliche nennen, einen sicheren Untergang, dem Psychischen, was sie das rechts Befindliche nennen, ein zweifelhaftes Los, weil es zwischen dem Materiellen und Psychischen schwanke und dahin gehöre, wohin es sich am meisten geneigt habe. Das Psychische werde ausgesendet, um das Pneumatische zu erwerben, damit es sich mit ihm unterrichten lasse und im Umgange sich üben könne. Das Psychische habe nämlich sinnlicher Unterweisungen bedurft. Zu diesem Zwecke sei der ganze Schöpfungsapparat eingerichtet, und dazu der Soter in der Welt erschienen, zur Errettung nämlich des psychischen Elements. Sie lassen letztern dann in noch anderer, ganz ungeheuerlicher Zusammensetzung die obersten Teile derjenigen Substanzen in sich aufnehmen, deren Gesammtheit er das Heil wiederverschaffen sollte. So habe er das Pneumatische in sich aufgenommen von der Achamoth, an psychischen Elementen, aber den Christus, den er alsbald vom Demiurgen in sich aufnahm, die körperliche Substanz endlich, habe er der Erlösungsthätigkeit halber aus dem Psychischen entnommen; letztere sei aber in wunderbarer und unaussprechlich künstlicher Weise konstruiert gewesen, so dass sie der Annäherung, Betrachtung, Berührung und dem Tode nur zum Scheine unterlag. Hylisches sei dagegen nichts an ihm gewesen, weil es der Erlösung unfähig ist. Das klingt nun so, als sei er für andere Leute notwendig gewesen, nur nicht für |122 die der Erlösung Bedürftigen. Alles das halten sie als das Gewand unseres Fleisches von Christus fern und berauben es sogar der Hoffnung der Erlösung.

27. Jetzt gebe ich ihre Ansichten über Christus wieder, in welchen manche mit ebensoviel Freiheit den Jesus einpfropfen, wie sie den pneumatischen Samen mit dem psychischen Hauche erfüllt sein lassen als eine Art Füllsel, möchte ich sagen, der von ihnen ausgesonnenen Menschen und Götter. Auch der Demiurg soll seinen eigenen Christus besitzen, der von Natur sein Sohn sei. Er soll also von ihm als psychisches Wesen hervorgegangen, durch die Propheten verkündigt worden sein und auf Fragen über Präpositionen beruhen, nämlich durch die Jungfrau, nicht aus ihr geboren worden sein, weil er, in die Jungfrau herabgekommen, mehr in der Weise blossen Hindurchgehens als im Wege des Geborenwerdens, mit ihrer Hilfe hervorging, nicht aus ihr; sie diente ihm nur als Weg, nicht als Mutter. Auf diesen Christus habe sich sodann bei der Geheimnishandlung der Taufe Jesus im Bilde einer Taube herabgelassen. Es habe sich aber in Christus von der Achamoth her auch eine Würze pneumatischen Samens befunden, damit das übrige Füllsel doch nicht ganz fade sei. Nach dem Vorbilde der Haupttetrade beschweren sie ihn mit vier Substanzen, mit der pneumatischen von der Achamoth, der psychischen vom Demiurgen, der körperlichen, die nicht weiter zu beschreiben ist, und endlich mit der vom Soter herrührenden, d. i. der von der Taube kommenden. Und zwar blieb der leidensunfähige, unverletzte, unangreifliche Soter noch in Christus. Als es aber endlich zum Arretieren kam, da entwich er von ihm beim Urteilsspruche des Pilatus. Ebensowenig liess sich der von der Mutter herrührende Same Unbilden gefallen, da er ebenso unüberwindlich und dem Demiurgen auch nicht bekannt war. Es leidet nur der psychische und fleischliche, Christus, der Abklatsch des obern Christus, der sich bei der Gestaltung der Achamoth in die substantiale und in die intelligibele Form, auf das Kreuz, d. h. auf den Horos gestützt hatte. So zwängen sie alles in Bilder, sie, die selbst nur eingebildete Christen sind.

28. Der Demiurg, der, obwohl er selber durch die Propheten predigen soll, von all dem nichts weiss und auch von diesem seinem Amte nichts versteht ---- sie verteilen nämlich den prophetischen Beistand auf die Achamoth, den Samenkeim und den Demiurgen, ---- hört inzwischen von der Ankunft des Soter und kommt nun eilig und fröhlich mit allen seinen Kräften herbeigelaufen, der Centurio im Evangelium. Über alles aufgeklärt, erfährt er von jenem, was er selber noch zu hoffen habe, dass er nämlich noch in die Stelle seiner Mutter nachrücken wird. Von nun an also beruhigt, fährt er mit Leitung dieser Welt, schon hauptsächlich um des Schutzes der Kirche willen, fort, so lange es nötig sein wird. |123 

29. Nun will ich ihre zerstreuten Äusserungen sammeln, um zum Schluss ihre Lehre vom Heilsplane hinsichtlich der ganzen Menschheit vorzutragen. Sie behaupten, die menschliche Natur sei von Anfang an dreifach gestaltet und doch in Adam vereinigt gewesen, von da an theilen sie sie nach besonderen Artunterschieden. Den Anlass zu solcher Unterscheidung entnehmen sie aus der Nachkommenschaft Adams selber, die nach ihren moralischen Unterschieden dreifach geteilt gewesen sei. Kain, Abel und Seth, diese drei Wurzeln des Menschengeschlechtes, machen sie zu Belegen für ebenso viele Naturen und Wesenheiten. Das des Heiles verlustige Stoffliche bringen sie in Kain unter, das in Ungewisser Hoffnung schwankende Psychische finden sie in Abel wieder, das eines gewissen Heiles versicherte Pneumatische verlegen sie in Seth. So scheiden sie auch die Seelen nach ihren Eigenschaften in gute und böse, entsprechend dem stofflichen von Kain und dem psychischen von Abel herrührenden Zustande. Das aus Seth kommende pneumatische Element geben sie gelegentlich so mit in den Kauf, aber nicht mehr als natürliche Wesenheit, sondern als eine Gunstbezeugung, indem Achamoth es in den höheren Regionen in die guten, d. h. in die zu der psychischen Klasse gehörigen Seelen hineinregnen lässt. Die Klasse der stofflichen, d. h. der schlechten Seelen, erlangt das Heil niemals. Denn die Valentinianer lehren eine Natur der Natur, die unveränderlich und unverbesserlich sei. Das pneumatische Samenkorn ist beim Auswerfen gering und unansehnlich; sein Ansehen nimmt aber, wie oben gesagt, durch Unterweisung zu und wächst, und die Seelen überholen eben dadurch die andern in einem Grade, dass der Demiurg, der damals noch nichts wusste, sie hoch schätzte. Aus ihrer Zahl pflegte man die Könige und Priester zu nehmen; sie werden auch jetzt, wofern sie eine volle und ganze Erkenntnis dieser Schnurren erlangen, durch die Echtheit ihrer schon zur Natur gewordenen pneumatischen Beschaffenheit sicher das Heil erlangen, das ihnen sogar in jeder Weise gebührt.

30. Daher halten sie die guten Werke nicht nötig für sich, beobachten die sittlichen Obliegenheiten nicht und werden auch mit der Pflicht des Martyriums durch irgend eine beliebige Interpretation fertig. Dasselbe sei, sagen sie, ein Gesetz, das dem psychischen Samen vorgeschrieben sei, damit wir unser Heil, welches wir nicht [wie sie] durch ein Privilegium unseres Standes besitzen, durch Hilfe von Handlungen erwerben. Denn uns ist der Stempel des letztgenannten Samens aufgedrückt und wir sind unvollkommenen Wesens, weil wir zur Liebe des Theletus und darum zur Missgeburt gerechnet werden, wie ihre Mutter. Uns gilt das Wehe, wenn wir in irgend einem Stücke das Joch der Sittenzucht übertreten, wenn wir in den Werken der Heiligkeit und Gerechtigkeit träge sind, wenn wir unser Bekenntnis anderswo als vor den Mächten dieser Welt und den |124 Richterstühlen der Oberpräsidenten abzulegen auch nur wünschen sollten. Sie aber behaupten ihren Adel trotz ihres ganz ordinären Lebens und sündhaften Treibens, indem Achamoth, die selbst auch aus ihren Sünden Nutzen zog, den Ihrigen günstig ist. Es wird nämlich, um die oberen Ehen zu ehren, bei ihnen der Grundsatz aufgestellt, man müsse immer an das Geheimnis denken und es verherrlichen, indem man dem Gefährten, d. h. dem Weibe, anhange. Der, welcher in der Welt lebe, aber kein Weib liebe und sich mit keinem Weibe verbinde, sei entartet und kein echter Anhänger der Wahrheit.

31. Es bliebe noch übrig das Weltende und die Verteilung des Lohnes. Sobald Achamoth mit der ganzen Ernte ihres Samens fertig sein und sodann begonnen haben wird, ihn in die Scheune zu sammeln oder wenn sie ihn in die Mühle gebracht, zu Mehl gemahlen und in den Backtrog zum Kneten gethan haben wird, bis das Ganze durchsäuert sein wird, dann steht die Vollendung bevor. Dann wird vor allem die Achamoth selber aus dem mittleren Räume, aus dem zweiten Stockwerk in das oberste übertragen und dem Pleroma zurückgegeben, es nimmt sie sofort jener zusammengebackene Soter, der ja ihr Bräutigam ist, in Empfang und beide werden ein neues Ehepaar bilden. Er ist der "Bräutigam" der hl. Schrift und das Brautgemach ist das Pleroma ---- man sollte also glauben, hier, wo vom Uebergang aus einem Stande in den anderen die Rede ist, kämen auch die Julischen Gesetze zur Anwendung 30). Der Demiurg wird dann aus seiner himmlischen Hebdomas in die oberen Regionen einziehen, in den leergewordenen Speisesaal seiner Mutter, von welcher er schon etwas gehört hat, ohne sie aber zu sehen. Wäre letzteres der Fall gewesen, so würde er es vorziehen, sie niemals kennen zu lernen.

32. Dem Menschengeschlecht wird folgender Ausgang bevorstehen: Alles, was das Merkmal des Stofflichen und Materiellen an sich trägt, wird untergehen, weil alles Fleisch Heu ist, und die Seele gilt bei ihnen für sterblich, wenn sie nicht durch den Glauben das Heil erlangt hat. Die Seelen der Gerechten, d. h. die unsrigen werden in die mittleren Herbergen zum Demiurgen geschickt. Wir sind dafür dankbar und werden zufrieden sein, zu unserem Gott verwiesen zu werden, zu dem wir auch gehören. Psychisches wird in Pieromas Hallen nicht eingelassen, nur die pneumatische Schar der Valentinianer. Dort werden die Menschen selber zunächst entkleidet, d. h. innerlich. Sich entkleiden heisst, die |125 Seelen, womit sie bekleidet zu sein schienen, ablegen; sie werden dieselben dem Demiurgen zurückgeben, da sie sie ihm abwendig gemacht hatten. Die Pneumata aber werden vollständig intellectuell, können nicht mehr festgehalten werden, sind der Sichtbarkeit nicht unterworfen und werden so unsichtbarer Weise ins Pleroma zurückversetzt. Heimlich, wenns geschieht. Was dann? Dann werden sie den Engeln zugeteilt, den Begleitern des Soter. Etwa als Söhne? Nein. Vielleicht als Diener? Auch das nicht. Aber doch als Bilder? Wenn es das nur wäre! Als was denn, fragen wir, vorausgesetzt, dass es die Schamhaftigkeit zu sagen erlaubt? Als Bräute. Dann werden jene ihre geraubten Sabinerinnen unter sich verteilen, um sie zu heiraten. 31) Das wird der Lohn der Pneumatiker sein, das der Preis für ihren Glauben!

Solche Fabeln helfen dazu, dass der Marcus oder Cajus, der in seinem jetzigen Leibe mit einem Bart und allem, was dazu gehört, versehen ist, der ein gestrenger Ehemann, Vater, Grossvater, Urgrossvater, jedenfalls, was hier ausreicht, ein Mann ist, im Brautgemach des Pleroma von einem Engel ---- ich habe es durch mein Schweigen schon ausgesprochen .... wird und dann vielleicht einen Aön gebiert, vielleicht den Onesimus. Damit man bei diesem Brautzuge auch Lampions und Fackeln habe, dazu wird, fürchte ich, jenes geheimnisvolle Feuer ausbrechen, die sämtlichen Substanzen verheeren und nachdem es alles in Asche verwandelt hat, selbst zu nichts werden, und dann ---- dann wird es keine Fabeln mehr geben. Aber weh mir Verwegenem, der ich ein solches Geheimnis verspotte und verrate! Ich muss fürchten, dass Achamoth, die nicht einmal von ihrem Sohn gekannt sein will, gegen mich tobt, dass Theletus zürnt und Fortuna aufbraust. Und doch gehöre ich nur dem Demiurgen an und habe nach meinem Hinscheiden nur da zu weilen, wo man nicht mehr freit, wo man nicht ausgezogen, sondern vielmehr angezogen 32) wird und, wenn ich dort meines Geschlechtes entkleidet werde, so gehöre ich eben nur zu den Engeln und bin weder ein Engel noch eine Engelin. Niemand wird mir dort noch etwas thun, da man in mir nicht einmal mehr den Mann erkennen wird.

33. Ich will nun nach einer so langen Komödie, gleichsam als Nachspiel, endlich auch noch beibringen, was ich, um nicht die Reihenfolge zu stören und die Aufmerksamkeit des Lesers durch Unterbrechungen zu zerstreuen, lieber für diese Stelle aufsparen wollte, da es von den Verbesserern des Ptolemäus bald so bald anders herausgestrichen wird. Es standen nämlich aus seiner Schule Schüler auf, die über dem Meister waren und dem Bythos eine Doppelehe andichteten mit der Ennoia und der Voluntas. |126 Denn der Gedanke allein reichte für ihn nicht aus, da er damit nichts hervorbringen konnte, während mit beiden das Hervorbringen sehr leicht ist. Das erste Ehepaar sei Monogenes und Veritas, und zwar Veritas analog der Ennoia weiblich und Monogenes nach Analogie des Theletus männlich. Denn die Kraft des Willens erwirbt ihr, da sie der Ennoia ihre Wirksamkeit verleiht, den Charakter eines Mannes.

34. Andere sind anständiger, haben noch eine Erinnerung an die Ehre Gottes und wollen dem Bythos die Schmach auch nur einer ehelichen Verbindung ersparen, schreiben ihm lieber gar kein Geschlecht zu und sagen womöglich: Das liebe Gott, nicht: Der Hebe Gott. Andere nennen ihn im Gegentheil Mann und Weib, damit der Annalenschreiber Fenestella nicht mehr glaube, bei den Lunensern allein fänden sich Hermaphroditen.

35. Manche nehmen für den Bythos nicht die erste, sondern die letzte Stelle in Anspruch und lassen die Ogdoas allem andern vorausgehen. Diese wird ihrerseits wieder aus der Vierheit, aber mit anderm Namen abgeleitet. Den ersten Platz weisen sie der Proarche, den zweiten dem Anennoetos, den dritten dem Arrhetos, den vierten dem Aoratos an. Aus der Proarche sei an erster und fünfter Stelle die Arche, aus dem Anennoetos an zweiter und sechster Stelle der Akataleptos, aus dem Arrhetos an dritter und siebenter Stelle der Anonomastos, aus dem Aoratos an vierter und achter Stelle der Agennetos hervorgegangen. Wie das zugeht, dass die einzelnen an zwei, und zwar so weit getrennten Stellen geboren werden, will ich lieber gar nicht erfahren. Denn, was kann solch dummes Zeug wohl noch Vernünftiges an sich haben?!

36. Viel besser machen es die, welche diese ganzen ekelhaften Geschichten beseitigen und nicht einen Äon aus dem andern, wie auf einer Art gemonischer Treppe, hervorgehen, sondern so zu sagen, auf ein gegebenes Signal das ganze Achtgespann auf einmal aus dem Vater und seiner Ennoia hervorbrechen lassen. Sie haben ihren Namen von der Bewegung selbst. Als er mit dem Gedanken umging, hervorzubringen, sagen sie, wurde er Vater genannt. Als er hervorgebracht hatte, wurde er, weil er Wahres hervorbrachte, Wahrheit tituliert. Da er sich selbst prüfen wollte, wurde er Mensch benamset. Diejenige aber, welche seinem Sinne vorschwebte, als er hervorbrachte, bekam den Namen Kirche. Der Mensch liess das Wort ertönen, und dies war sein erstgeborener Sohn, zum Wort trat das Leben hinzu, und damit war die erste Ogdoas geschlossen. Der Ekel daran ist nicht gross. 33) |127 

37. Nimm dazu dann noch die andern geistreichen Einfälle eines bei ihnen ziemlich angesehenen Lehrers, der in seiner hohenpriesterlichen Würde dafür hielt: Zuerst vor allem andern existierte die Proarche, ein Wesen, das man sich nicht vorstellen, es nicht beschreiben, und nicht benennen kann, das ich aber Monotes [Einzigkeit] nenne. Mit diesem gemeinschaftlich existierte eine andere Kraft, die ich Henotes [Einheit] nenne. Da sie nun zusammen eins waren, brachten sie, ohne hervorzubringen, den Anfang aller Dinge hervor, das Intellektuelle, Ungewordene, Unsichtbare, was die Sprache Monade genannt hat. Bei diesem befindet sich die gleichwesentliche Kraft, welche er Unio nennt. Diese Kräfte also, Solitas, Singularitas, Unitas und Unio, haben die übrigen Hervorbringungen von Äonen besorgt. Welch ein Unterschied! Die Unio und Unitas mag sich ändern, die Singularität ist auch zugleich die höchste Solitas. Obwohl du sie näher bestimmst, ist es doch dasselbe.

38. Erträglicher, weil kürzer, macht es schon Secundus, indem er die Ogdoas in zwei Tetraden theilt, in eine rechte und eine linke, in Licht und Finsternis, nur will er diese abtrünnige und abfällige Macht nicht von irgend einem der Äonen herleiten, sondern von den Früchten, die aus der Substanz entstehen.

39. Welch' grosse Verschiedenheit herrscht endlich bei ihnen in betreff des Herrn Jesus selbst! Die einen lassen ihn aus den Knospen der Äonen entstehen, die andern behaupten, er sei bloss aus der Zehnzahl allein entstanden, welche von Sermo und Vita hervorgebracht worden ist. Daher seien auch die Titel Sermo und Vita auf ihn selbst übergegangen. Wieder andere lassen ihn lieber aus der Zwölfheit hervorgehen, aus einem Keim des Menschen in der Kirche; daher sei er, sagen sie, Menschensohn genannt worden; noch andere lassen ihn aus Christus und dem hl. Geist, die zur Befestigung des Universums bestimmt waren, gebildet und von Rechtswegen Erbe seines väterlichen Namens sein. Es gibt auch solche, die den Gedanken gefasst haben, es müsse ihm der Name Menschensohn anderswoher beigelegt werden, indem sie den Vater selbst mit tief geheimnisvoller Bezeichnung Mensch nennen zu müssen glauben, damit man von dem Glauben an den Gott, dem man nie gleich geworden, um so Grösseres hoffe. Solche Einfälle schiessen bei ihnen in Fülle empor infolge des reichen Vorrats an mütterlichem Samen. So haben sich die herangewachsenen Lehrmeinungen der Valentinianer zum Waldesdickicht des Gnosticismus ausgewachsen.


Anmerkungen

1. 1) Nach der Conjectur: adservatur des F. Junius, nicht adseveratur.

2. 2) Nach Öhler's Conjectur: antequam.

3. 3) So erklärt Öhler dieso dunkle Stelle.

4. 1) Matth. 10. 16.

5. 2) Weish. 1, 1.

6. 3) Ersteres that der Versucher, das zweite der abtrünnige Judas.

7. 4) Sondern nur stückweise schiebt sie sich fort.

8. 1) Über diese Popanze vermag kein Herausgeber Aufschluss zu geben. Auch scheint der Text eine Lücke zu bieten, oder nicht ganz correct zu sein, besonders das norme.

9. 2) Das qui vor talia streiche ich.

10. 1) Theotimus wird in den Philosophumenen des Hippolyt nicht erwähnt.

11. 2) Öhler erklärt diese Stelle falsch.

12. 1) Prokulus war also ein Schriftsteller der Montanisten.

13. 1) Felicula, Deminutiv von felix, muss der Name oder Spottname eines sehr bevölkerten Miethauses im alten Rom gewesen sein.

14. 1) Ich bleibe bei der Lesart nomen.

15. 2) Ich folge der Lesart nec (nicht ne) und denke bei nos an die Christen, die nicht Valentinianer sind, nos et illud magis Denotabo ...

16. 1) Es scheint mir dies die Bezeichnung einer Leckerei oder eines Backwerks gewesen zu sein, das man zu Athen verfertigte und das aus vielerlei Ingredienzen von allen Früchten bestand, woher der Name Pancarpia.

17. 2) Dieser und die folgenden Ausdrücke sind vom Theater entlehnt.

18. 1) Von ihm κένωμα genannt.

19. 2) Öhler setzt abweichend von andern Herausgebern nach angelo einen Punkt, offenbar ganz gegen den Sinn, gegen den Parallelismus der Satzbildung und gegen den Text der Parallelstelle bei Irenaeus I. c. 4. §. 1. τοῦ περὶ τὸν Χριστὸν πνέυματος. Vor desiderium aber ist ein ad ausgefallen.

20. 1) Das eine riefen die Lastträger, um die Leute aufmerksam au machen, Porro Quirites, das andere Fidem Caesaris wahrscheinlich die Wachposten, wenn Jemand ein dem Kaiser reserviertes Gebiet betreten wollte.

21. 2) Titel einer Posse des Catullus. Suet. Calig. 57. Juven. VIII, 187.

22. 3) Die Handschriften bieten an dieser Stelle in trichea, was dem συμπεπλέχθαι des Irenaeus entsprechend nichts anderes sein kann als intricata. Öhlers Emendation in trica ist ganz unglücklich.

23. 1) In Macedonien.

24. 2) Kol. 1, 16.

25. 1) Der Satz ist mit der Interpunktion von Öhler sinnlos, Indit aptabilitatem scheint das Richtige zu sein. Vergleiche den Text und die lateinische Version bei Irenaeus I. c. 4, §. 4.

26. 2) Irenaeus l. c. §. 5.

27. 3) Anspielung auf das jus trium liberorum.

28. 1) Is. 45. 5.

29. 2) Kosmokrator.

30. 1) Gemeint sind die leges Juliae de maritandis ordinibus des Kaisers Augustus, 736 a. c. Dio folgenden Worte sicut et scenam sind ganz unverständlich und noch nicht zu erklären gewesen.

31. 1) Von den bekannt gewordenen Emendationen dieser Stelle befriedigt mich keine. Ich habe nach meinem Geschmack hingesetzt, was mir passend schien.

32. 2) I. Kor. 15.

33. 1) Ich sehe keinen Grund, warum Öhler omnino einschieben will.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1882.  Übertragen durch Roger Pearse, 2005.

Der griechischer Text wird mit mit einem Unicode Schriftkegel angezeigt.


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