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Über die Monogamie.

217 n. Chr.

[Übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner]

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Inhalt:

1.  Cap. Gewisse Häretiker verbieten das Heiraten, die Psychiker erlauben es mehrmals, die Montanisten nur einmal.

2.  Cap. Man hat an der Lehre des Paraklet, die nur eine einmalige Ehe erlaubt, das auszusetzen, dass sie 1) neu, 2) eine drückende Last sei.

3.  Cap. Etwas bloss Erlaubtes ist nicht in sich gut. Ebensowenig das, was erst dann, wenn es mit etwas Schlechtem in Vergleich gestellt wird, als gut erscheint.

4.  Cap. Die Stammeltern gingen nur eine einmalige Ehe ein. Weitere Analogien dafür aus der h. Geschichte.

5.  Cap. Noch mehr macht das Beispiel des letzten Adam, Christi, die Monogamie zur Pflicht.

6.  Cap. Was auf diesem Standpunkte von der Polygamie Abrahams zu halten sei.

7.  Cap. Die im Gesetze vorgeschriebene Leviratsehe ist kein Präjudiz gegen die montanistische Monogamie. Die gesetzlichen Vorschriften über die Priesterehe im alten Testament sprechen direkt für sie.

8.  Cap. Im neuen Bunde begegnen uns gleich an der Schwelle desselben Zacharias, Simeon, Anna und Johannes als Belege für die Monogamie sowohl als die Enthaltsamkeit. Die Apostel mit Ausnahme des Petrus erscheinen als Unverheiratete.

9.  Cap. Bei Aufhebung der im alten Testament gestatteten Scheidung durch Scheidebrief gab Christus zu verstehen, dass Gott schon im Anbeginn bei Einsetzung der Ehe im Paradiese nur eine einmalige Heirat gewollt habe.

10.  Cap. Die Ehen der Christen werden flicht durch den Tod des einen Teils getrennt, sondern dauern über das Grab hinaus fort.

11.  Cap. Der Apostel und die Kirche wollen, dass nur Monogamische in den Klerus aufgenommen werden. Woher sollte man nun die Kleriker nehmen, wenn flicht auch für die Laien |453 dieselbe Vorschrift der Monogamie bestände? Erklärung der Aussprüche des heiligen Paulus über die Ehe im 7. Cap. des ersten Korintherbriefes.

12.  Cap. Dass die Vorschrift der Monogamie nicht für die Bischöfe und den Klerus allein gelte, folge aus der Analogie der übrigen, an den Klerus gestellten sittlichen Anforderungen.

13.  Cap. Die Aussprüche des Apostels, II. Tim. 5, 11 ff. und Rom. 7, 2-6, seien im Sinne dieser Monogamie zu verstehen.

14.  Cap. Wenn diese Auffassung der Aussprüche des Apostels nicht stichhaltig wäre, so bliebe doch noch als letzter und entscheidender Grund für die Monogamie der, dass der Paraklet das neue Gesetz vervollkommnet hat, wie Christus das alte.

15.  Cap. Verteidigung der montanistischen Theorie gegen den Vorwurf der Häresie; sie schränke mir die Freiheit auf das notwendige Mass ein.

16.  Cap. Ironische Abfertigung der sonst noch für die Zweckmässigkeit der Wiederverheiratung vorgebrachten, aus dem bürgerlichen Leben genommenen Gründe.

17.  Cap. Sogar aus dem Heidentum hat man Beispiele von Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit, die den mehrmals verehelichten Christen beschämen dürfen. Schluss.

1. Die Häretiker schaffen das Heiraten ab, die Psychiker schärfen es ein. Jene heiraten noch nicht einmal, diese heiraten nicht einmal.1) Wie wirst du dich verhalten, göttliches Gesetz, zwischen diesen Verschnittenen, die nicht die deinen sind, und diesen Geilen, die dir zugehören? 2) Du wirst dich eben so sehr zu beklagen haben über den Gehorsam der Deinigen als über das Widerstreben derer, die nicht dir gehören. Du wirst ebenso sehr verletzt durch die, welche Missbrauch von dir machen, als durch die, welche keinen Gebrauch von dir machen. Weder ist eine derartige Enthaltsamkeit zu loben, weil sie häretisch ist, noch eine derartige Freiheit, weil sie psychisch ist. Erstere ist lästerlich, letztere ausschweifend; erstere verleugnet den Gott der Ehe, letztere macht ihm Schande.

Bei uns aber, denen die Anerkenntnis der Charismen mit Recht die Benennung "Geistesmänner" 3) verschafft hat, ist die Enthaltsamkeit ebenso auf Gottesfurcht, als die Freiheit auf Sittsamkeit gegründet, da beide es mit dem Schöpfer halten. Die Enthaltsamkeit respektiert das Gesetz über die Ehe, die Freiheit regelt sie; jene ist kein Zwang, diese nicht regellos; jene ist Sache der Wahl, diese der Mässigung. Wir kennen nur eine |454 Verheiratung sowie auch nur einen Gott. In höhern Ehren wird das Gesetz über die Ehe da gehalten, wo auch die eheliche Zucht aufrecht gehalten wird. Aber die Psychiker, die, was des Geistes ist, nicht gelten lassen, haben auch kein Gefallen an dem, was des Geistes ist. Da ihnen also, was des Geistes ist, nicht gefällt, so werden sie Wohlgefallen haben an dem, was des Fleisches ist; denn dies ist dem Geiste entgegen. "Bas Fleisch", heisst es ja,4) "gelüstet gegen den Geist, und der Geist gegen das Fleisch." Wonach aber wird dem Fleische mehr gelüsten, als nach dem, was so recht des Fleisches ist. Deswegen ist es auch im Uranfang vom Geiste zurückgestossen worden. "Mein Geist", heisst es, "wird nicht in diesen Menschen bleiben in Ewigkeit, deswegen, weil sie Fleisch sind". 5)

2. Daher verurteilen sie die Lehre, dass man nur einmal heiraten dürfe, als Häresie, und diese Ursache ist es, durch die sie sich am stärksten genötigt sehen, den Paraklet zu leugnen, weil sie ihn für den Einführer einer neuen Lehre halten, und zwar einer solchen, die für sie sehr drückend ist. Daher müssen wir schon hier bei dieser ganz allgemeinen Beanstandung zum ersten Mal Halt machen und zusehen, ob es angehe, dass der Paraklet etwas gelehrt haben könne, was entweder der katholischen Tradition gegenüber neu oder im Vergleich zu der "leichten Bürde" des Herrn eine drückende Last zu nennen sei. In beiden Hinsichten hat der Herr vorbereitende Aussprüche gethan. Wenn er nämlich sagt: "Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es noch nicht tragen; wenn aber der h. Geist kommt, der wird euch in alle Wahrheit einführen", 6) so gibt er hinlänglich zum voraus zu verstehen, dass derselbe manches bringen werde, was, weil früher noch nicht gesagt, für neu, schwer und manchmal als drückende Last würde gelten können; eben darum war es noch nicht bekannt gegeben. ---- Gut also, wirst du sagen, bei dieser Art der Beweisführung wird man alles, was neu und schwer ist, dem Paraklet zuschreiben können, selbst wenn es vom bösen Geiste herrühren sollte. ---- Gewiss nicht. Der böse Geist würde sich durch eine Abweichung in der Lehre verraten, zuerst die Glaubensregel fälschen und sodann . die richtige Disziplin, weil das, was eine Stufe höher steht, in der Verderbnis vorangeht, d. h. der Glaube, welcher gegenüber der Sittenlehre das frühere ist. Erst muss jemand in betreff Gottes Irrtümer lehren, dann kann er es erst über eine seiner Anordnungen. Der Paraklet aber hat vieles zu lehren, was der Herr für ihn aufgespart hat, gemäss seiner vorgängigen Bestimmung. Erstens wird er für Christus selbst das Zeugnis ablegen, dass er so sei, wie wir ihn uns vorstellen, sodann für die Gesamtordnung Gottes; er wird ihn verherrlichen, von ihm reden, und so, auf grund der |455 vorgängigen Glaubensregel anerkannt, wird er all das viele noch offenbaren, was zur Sittenzucht gehört, wobei die Reinheit der Lehre für diese Dinge bürgt, obwohl sie neu sind ---- denn sie werden erst jetzt verkündigt ----, und obwohl sie beschwerlich sind, ---- weil sie auch jetzt noch nicht einmal Annahme finden. Und doch gehören sie keinem andern Christus zu, als demjenigen, der gesagt hat, er habe noch vieles andere, was von Paraklet gelehrt werden soll und was nicht weniger beschwerlich ist, als das, wovon man damals nichts wissen wollte.

3. Ob die Monogamie eine Last sei, darüber mag die schamlose Schwachheit des Fleisches zu Rate gehen; dass sie neu sei, das möge vorläufig als feststehend gelten. Denn wir behaupten im folgenden noch ein mehreres: Wenn der Paraklet schon heute sogar die vollständige und unverkürzte Enthaltsamkeit angeordnet hätte, die darin besteht, dass der fleischlichen Glut auch nicht einmal in einer einzigen Ehe sich auszuschäumen verstattet ist, auch dann würde es nicht einmal in den Schein kommen, als führe er etwas Neues ein, da ja der Herr selbst den Verschnittenen das Himmelreich öffnet, 7) wie er auch selbst ein solcher war, und der Apostel im Hinblick auf ihn deswegen auch selbst lieber als ein Verschnittener die Enthaltsamkeit vorzieht. ---- Ja, aber ohne Beeinträchtigung des Rechtes, zu heiraten, wendest du ein. ---- Allerdings ohne Beeinträchtigung, und wir werden sehen, wie lange; doch hat er es nichtsdestoweniger nach der Seite hin verkürzt, dass er der Enthaltsamkeit den Vorzug gibt. "Es ist gut", heisst es, "wenn der Mensch kein Weib anrührt".8) Folglich ist das Anrühren etwas Schlechtes. Denn nur das Schlechte steht im Gegensatz zum Guten.9) "Daher sei es nur übrig, dass auch diejenigen, welche Eheweiber haben, so seien, als hätten sie keine", 10) damit umsomehr die, welche keine haben, auch keine haben sollen. Der Apostel gibt auch die Ursachen an, warum er dazu rät. Die Unverehelichten denken an Gott, die Verehelichten dagegen daran, wie jedes in der Ehe dem andern gefalle.

Ich bin imstande, es zu verfechten, dass alles, was erst erlaubt wird, nicht etwas schlechthin gutes sei. 11) Denn was schlechthin gut ist, braucht nicht erst erlaubt zu werden, sondern steht an sich jedem frei. Die Erteilung der Erlaubnis hat manchmal eine zwingende Ursache. So ist denn auch in diesem Falle das Heiraten nicht das, was der Erlaubende wünscht. Er wünscht ja etwas anderes: "Ich wollte", sagt er, "dass ihr alle so wäret wie ich". 12) Und wenn er andeutet, dass es besser sei, was erklärt er dann anderes zu wollen, als das zuvor angegebene Bessere? Und wenn er etwas |456 anderes erlaubt, als was er wünscht, da seine Erlaubnis nicht aus freiem Willen, sondern aus dem Drang der Umstände hervorgeht, so zeigt er damit an, dass es nicht schlechthin gut sei, da er es nur ungern zugestanden hat. So ist es schliesslich auch dann, wenn er sagt: "Es sei besser zu heiraten, als Brunst zu leiden". Was für ein Gut sollte das wohl sein, was nur besser ist als eine Plage? Das, was nur dann gut erscheinen kann, wenn es mit etwas recht Schlechtem verglichen wird? Gut ist das, was an und für sich diesen Namen verdient, ohne in Vergleichung gestellt zu werden, ich sage nicht mit etwas Schlechtem, sondern auch mit etwas anderem Gutem, und das, wenn es auch mit einem andern Gute verglichen und dadurch in Schatten gestellt wird, dennoch den Namen gut behauptet. Wenn man aber erst durch Vergleichung mit etwas Schlechtem genötigt wird, es gut zu nennen, so ist es nicht sowohl gut, als vielmehr ein Böses geringerer Art, was, hinter einem grösseren Übel zurückstehend, die Benennung "gut" erlangt. Lass einmal die Bedingung weg und sage nicht: "Es ist besser heiraten, als Brunst leiden", und ich frage dich, ob du dann noch zu sagen wagst: "Es ist besser", wenn nicht dabei steht: besser als was. Es ist also dann nicht etwas "Besseres", und wenn es nicht mehr etwas "Besseres" ist, so ist es auch nicht einmal "gut", sobald die Bedingung fehlt, die, indem sie es besser macht, als etwas anderes, uns erst zwingt, es für gut zu halten. Besser ist es, ein Auge zu verlieren, als beide. Wenn man aber von der Vergleichung dieser beiden Übel absieht, so ist es nicht mehr besser, ein Auge zu haben, weil es ja auch nichts Gutes ist. 13)

Wie aber dann, wenn der Apostel die ganze Erlaubnis, zu heiraten, nur aus seiner Anschauung, d. h. aus der bloss menschlichen entnimmt, von der erwähnten Notwendigkeit gedrängt, dass es besser sei, zu heiraten als Brunst zu leiden?! Indem er sich zu dem andern Falle wendet und sagt: "Den Verheirateten aber verkündige nicht ich, sondern der Herr", gibt er zu verstehen, dass seine vorangehenden früheren Äusserungen nicht auf göttlicher Autorität, sondern auf menschlicher Ansicht beruhten. Wo er aber wieder auf die Enthaltsamkeit aufmerksam macht, und sagt: "Ich wünsche, Ihr alle wäret so", da braucht er die Worte: "Ich glaube aber auch den Geist Gottes zu haben", um, wenn er ja etwas gezwungen eingeräumt hatte, es in Kraft der Autorität des hl. Geistes zu widerrufen. Auch, wenn uns Johannes ermahnt, "so zu wandeln, wie der Herr", so ist das sicher eine Mahnung, auch in Heiligkeit des Leibes zu wandeln. "Und jeder", sagt er, "welcher seine Hoffnung auf ihn gesetzt hat, der hält sich keusch, wie auch jener rein ist". 14) Denn anderswo sagt er ja auch: "Seid heilig, |457 wie auch er heilig war", nämlich dem Leibe nach. Hinsichtlich des Geistes Christi würde er sich nicht so ausgedrückt haben, da hinsichtlich des Geistes bereitwillig anerkannt wird, dass er heilig war und keine Aufforderung zur Heiligkeit zu erwarten brauchte; denn dies ist seine eigentliche Natur. Dem Fleische aber, welches in Christo auch heilig war, wird Heiligkeit gelehrt. Wenn also die Erlaubnis, zu heiraten, durch alle diese Erwägungen in Anbetracht namentlich der Bedingung, woran sie geknüpft ist, und des Vorzuges, welcher der Enthaltsamkeit zuerkannt wird, ausser Kraft gesetzt worden ist, warum sollte nicht derselbe Geist auch noch nach den Zeiten der Apostel kommen können, um die Kirchenzucht "in alle Wahrheit einzuführen", periodenweise gemäss dem Ausspruch des Ecclesiastes: "Alles hat seine Zeit", und der Fleischeslust nunmehr den letzten Riegel vorschieben, indem er nämlich nicht mehr indirekt, sondern direkt vom Heiraten abmahnt, zumal da die Zeit jetzt, da seitdem etwa 160 Jahre dazu gekommen sind, jetzt noch mehr "beengt" ist? 15) Hättest du da nicht sollen bei dir selbst auf das Bedenken kommen: Diese Praxis ist doch schon recht alt; denn sie ist bereits in jener Zeit am Leibe und Willen des Herrn, sodann in den Ratschlägen und Beispielen seiner Apostel vorgebildet. Schon in alter Zeit wurden wir zu dieser Art Heiligkeit bestimmt. Der Paraklet hat also nichts Neues eingeführt. Worauf er vormals hingewiesen, das bestimmt er nun endgültig; was er erwartet hat, das fordert er jetzt. Und nun wirst du nach solchen Erwägungen dich leicht überzeugen, wie viel angemessener es jetzt für den Paraklet sei, nur ein einmaliges Heiraten zu lehren, da er es ja auch ganz hätte verbieten können, und dass man umsomehr annehmen müsse, er habe nur ermässigt, was er ganz hätte beseitigen sollen, wofern du nur einsiehest, was Christus eigentlich will. Auch in diesem Punkte musst du in dem Paraklet den Tröster anerkennen, da er deine Schwachheit noch immer von der vollständigen Enthaltsamkeit dispensiert.

4. Doch lassen wir nun jede Erinnerung an den Paraklet als an eiue uns besonders zugehörige Autorität bei Seite; schlagen wir statt dessen die gemeinschaftlichen Bücher der früheren Bibel auf! Wir beweisen daraus eben das, dass die Praxis der Monogamie weder neu noch fremd, dass sie vielmehr die alte und gerade die eigentliche Praxis der Christen sei, so dass man in dem Paraklet eher ihren Wiederhersteller als ihren Urheber erkennen sollte. Was das Alter betrifft, welche ältere Gestaltung lässt sich wohl aufweisen, als der Uranfang des Menschengeschlechtes selbst? Gott erschuf für den Mann nur ein weibliches Wesen, indem er eine von seinen Rippen wegnahm, und zwar eine von mehreren. Auch in den einleitenden Worten zu dieser Handlung sagt er: "Es ist nicht |458 gut, dass der Mensch allein sei; wir wollen ihm eine Gehülfin schaffen." 16) "Gehülfinnen" würde er gesagt haben, wenn er eine Mehrheit von Weibern für ihn bestimmt hätte. Er hat auch ein Gesetz in betreff der Zukunft beigefügt; denn es heisst prophetisch: "Und sie werden zwei sein zu einem Fleische", 17) nicht aber zu zwei oder zu mehreren, sonst wären sie schon nicht mehr zwei, wenn mehrere. Das Gesetz hatte Bestand. Und so blieb denn die Einzigkeit der Ehe erhalten bei den Stammeltern bis zum Ende, nicht aus dem Grunde, weil keine andern Weiber da waren, sondern weil keine dazu da waren, dass die Uranfänge des Menschengeschlechts durch ein doppeltes Eheband befleckt würden. Im übrigen aber, wenn Gott gewollt hätte, so hätten sie auch da sein können. Adam hätte sie dann natürlich aus der Zahl seiner Töchter genommen; da Eva, die er zu seiner Frau hatte, ebenso gut. aus seinem Fleisch und Bein war, so hätte er das in aller Frömmigkeit thun können. Aber nachdem das erste Verbrechen, der Mord, im Brudermord seinen Anfang genommen, hatte kein Verbrechen so viel Anspruch auf die zweite Stelle als die Doppelheirat. Denn es macht keinen Unterschied, ob jemand die zwei Gattinnen einzeln hat oder zu gleicher Zeit, da eine und noch eine zwei ausmachen. Die Zahl der Verbundenen und wieder Getrennten ist dieselbe. Nachdem die Anordnung Gottes durch Lamech einmal gewaltthätig verletzt worden war, blieb es dabei bis zum Untergang jenes Volkes. Ein zweiter Lamech trat nicht auf, als der zwei Weibern vermählte. Was die hl. Schrift nicht berichtet, stellt sie in Abrede. 18) Andere Gottlosigkeiten riefen die, Sündflut hervor; sie wurden einmal bestraft, wie gross sie auch waren, aber nicht 77mal, wie es die Doppelehe verdiente.19) Auch die Wiederherstellung des zweiten Menschengeschlechts steht da mit der Monogamie als Mutter. Wieder unternehmen es zwei, in einem Fleische zu wachsen und zahlreich zu werden: Noe und sein Weib sowie ihre Söhne in einmaliger Ehe. Sogar bei den Tieren selbst tindet sich die Monogamie; nicht einmal die Tiere sollten aus Hurerei geboren werden. "Von allen Tieren", heisst es, "sollst du aus allem Fleisch je zwei mit in die Arche nehmen, auf dass sie mit dir am Leben bleiben, ein Männchen und ein Weibchen; es sollen auch von den geflügelten Tieren da sein nach ihrer Art, und von allen kriechenden Tieren nach ihrer Art; je zwei von allen sollen eingehen zu dir, ein Männchen und ein Weibchen". Nach demselben Grundsatz befiehlt Gott auch, dass je sieben Paare auserlesen werden sollen, immer ein Männchen und ein Weibchen.20) Was soll ich weiter Worte verlieren? auch dem unreinen Geflügel des Himmels war es nicht, erlaubt, mit zwei Weibchen einzugehen. |459 

5. Soviel nun über die Bezeugung dieser Sache durch den Urständ, die Bestätigung durch die Art unseres Ursprungs und die Fingerzeige der göttlichen Lehre, Sie ist jedenfalls ein Gesetz und nicht bloss ein geschichtlicher Bericht; denn wenn es sich im Urstande so verhielt, dann ergibt es sich, finden wir, dass wir von Christus nur auf den Uranfang hingewiesen werden, Wenn er z. B. bei der Frage über den Scheidebrief sagt, dass derselbe den Juden wegen ihrer Herzenshärte von Moses gestattet worden, dass es aber von Anfang an nicht so gewesen sei, dann führt er ohne Zweifel die Unteilbarkeit der Ehe auf ihren anfänglichen Zustand zurück. Folglich wird Gott dann auch heute die, welche er von Anfang an als zwei zu einem Fleische verbunden hat, nicht trennen.21) Auch der Apostel sagt in seinem Briefe an die Epheser, dass Gott in bezug auf den Hatschluss der Fülle der Zeiten bei sich selbst festgesetzt habe, alles zu seinem Haupte, d. h. zu seinem Anfang zurückzuführen in Christo, was im Himmel und auf der Erde ist in ihm.22) Daher hat der Herr auch die beiden griechischen Buchstaben, den ersten und den letzten des Alphabets, für sich gewählt als Symbole des Anfangs und des Endes, die beide in ihm zusammentreffen, so dass er also, wie man von Α bis Ω fortzählt und von Ω bis Α zurückgeht, in derselben Weise an den Tag lege, dass in ihm der Verlauf, von Anfang bis zum Ende und der Rücklauf vom Ende bis zum Anfang enthalten sei, so dass jegliche Veranstaltung auf das ziele, womit sie angefangen hat, nämlich auf das Wort Gottes, das Fleisch geworden ist, und ebenso aufhöre, wie sie angefangen hat.

Und so findet, dann in Christo alles seine Zurückbeziehung auf den Anfang, so dass also auch der Glaube von der Beschneidung zurückkehrt auf die Unversehrtheit des Fleisches, wie es zu Anfang war, sowie auch die Freiheit in bezug auf den Genuss von Speisen und die Enthaltung vom Blut allein, wie es zu Anfang war, die Untrennbarkeit der Ehe, wie sie von Anfang war, und das Verbot des Scheidebriefs, wie es von Anfang war. Zuletzt wird der dann ganze Mensch in das Paradies zurückgerufen, wo er von Anfang war. Warum sollte Christus den Adam nicht auch als Monogamus dahin zurückbringen? Er, der ihn in derselben Unversehrtheit herstellen kann, in der er von dort ausgegangen ist? 23) Was also die Wiederherstellung des Uranfangs betrifft, so fordert das innere Wesen des Katschlusses und deiner Hoffnung von dir das, was von Anfang an gewesen ist, gemäss dem Anfange, der sich dir in Adam darstellt und in Noe wieder vorstellt. Du hast nun zu wählen, welchen von ihnen du für dich als Anfang gelten lassen willst. In beiden drängt sich dir die Monogamie mit ihrer Strenge auf. |460 Aber auch wenn der Anfang zum Ende hinübergeht, nämlich das Α zum Ω, wie das Ende auf den Anfang zurückweist, das Ω zum Α, und wenn so unser Zustand in Christus hinübergeleitet wird, der psychische in den pneumatischen, weil nicht das Pneumatische das erste ist, sondern das Psychische und danach erst das Pneumatische, dann wollen wir ebenso zusehen, ob du auch diesem zweiten Zustande dieselbe Schuld zu entrichten hast, ob dir auch der letzte Adam in derselben Form entgegentritt wie der erste; denn der letzte Adam, d. h. Christus, ist überhaupt gänzlich unverheiratet, gerade so wie der erste vor seiner Ausweisung. Nachdem der vollkommnere Adam, d. h. Christus, deiner Schwäche die Analogie seines Leibes geschenkt, ist er auch darin vollkommener, dass er unversehrter ist. Wenn du willst, so tritt er dir entgegen als Verschnittener in leiblicher Beziehung. Wenn du dir aber damit noch nicht genügen lassest, so tritt er dir auch entgegen als Monogamus in geistiger Hinsicht, da er ja zur einzigen Braut die Kirche hat, gemäss dem Vorbilde in Adam und Eva, welches der Apostel auf jenes grosse Geheimnis deutet,24) "auf Christus und die Kirche", dass es der leiblichen Monogamie durch eine geistige entspreche. Du siehst also, wenn du deinen Stand in Christus erneuerst, so kannst du ihn, nicht ohne dich zur Monogamie zu bekennen, in die Rollen eintragen lassen,25) wenn du nicht im Fleische bist, was jener im Geiste war, obwohl du auch im Fleische gerade so sein solltest, wie er war.26)

6. Wir wollen aber noch fortfahren, uns einige Stammväter aufzusuchen. Denn manchen genügen Adam und Noe, als nur einmal verheiratete Vorväter, noch nicht, vielleicht auch nicht einmal Christus. So berufen sie sich dann auf Abraham, obwohl es ihnen doch verboten ist, einen andern als Vater anzuerkennen ausser Gott. So möge denn nun Abraham unser Vater sein und auch Paulus! In seinem Evangelium sagt er ja: "Ich habe Euch erzeugt".27) Auch als Abrahams Sohn stelle dich hin. Denn die Zugehörigkeit zu ihm haben wir nicht mit allen gemein. Die Zeit, wo er dein Vater wird, ist eine ganz bestimmte, nämlich wenn wir als Söhne Abrahams aus dem Glauben angesehen werden, wie der Apostel in seinen an die Galater gerichteten Worten lehrt: "Ihr sehet nämlich ein, dass die, welche aus dem Glauben Söhne Abrahams sind, da nämlich Abraham Gott glaubte und es ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wurde." 28) Ich sollte aber denken, er hat damals in der Monogamie gelebt, weil noch nicht imstande der Beschneidung. Wenn er sich nachher nach beiden Beziehungen hin änderte, hinsichtlich der Doppelehe durch den Verkehr mit der Magd und hinsichtlich der |461 Beschneidung durch das Zeichen des Bundes, so kannst du 29) ihn nur in dem Zeitraum als deinen Vater anerkennen, wo er Gott glaubte; denn du bist sein Sohn aus dem Glauben, nicht dem Fleische nach.30) Oder wenn du dem spätem Abraham, als deinem Vater, nachfolgen willst, d. h. dem doppelt verehelichten, dann thue es auch hinsichtlich der Beschneidung. Wenn du ihn hinsichtlich dieser als Stammvater verschmähest, dann musst du es auch hinsichtlich der zwei Ehen. Seine beiden Zustände, die auf zweifache Weise unter einander verschieden sind, kannst du nicht miteinander vereinigen. Ein Digamus fing er erst an mit der Beschneidung zu werden, ein Monogamus war er in dem früheren Zustande. Nimmst du die Digamie an, so lass dir auch die Beschneidung gefallen. Nimmst du aber die Beschneidung nicht an, dann bist du an die Monogamie gebunden. Du bist aber in dem Grade ein Sohn des monogamischen sowie des nicht beschnittenen Abrahams, dass du, wenn du dich auch beschneiden liessest, doch nicht sein Sohn würdest, weil du es nicht aus dem Glauben wärest, sondern nur durch das Zeichen desjenigen Glaubens, der in der Vorhaut gerechtfertigt wird. Du hast den Apostel, lass dich mit den Galatern belehren! Mithin wenn du die Digamie über dich nimmst, so bist du doch kein Sohn jenes Abraham, dessen Glaube in der Monogamie vorherging. Denn wenn er auch nachher Vater von vielen Völkern genannt wird, so ist er es nur von denen, welche infolge des Glaubens, der ja der Digamie vorausging, als Söhne Abrahams gelten konnten.

Lassen wir nun die Sache selbst dahingestellt sein! Etwas anderes ist ein Vorbild, etwas anderes die richtige Ordnung; etwas anderes Bilder, etwas anderes feste klare Bestimmungen. In den Vorbildern ist eine Prophezie enthalten, die festen Bestimmungen dienen zur Leitung. Was jene Doppelehe Abrahams soll, das lehrt uns derselbe Apostel, als Erklärer beider Testamente, wie er denn auch behauptet, dass in Isaak unser Same zur Berufung gelangt sei. "Wenn du von der Freien bist", so gehörst du zu Isaak, und dieser ertrug sicher mir eine Ehe. Das sind also, sollte ich denken, diejenigen, zu welchen ich mich rechne. Von den übrigen will ich nichts wissen. Wenn ich auch noch Beispiele von solchen wünsche, so ist da das eines David, der sogar mit Blutvergiessen in die eheliche Verbindung eingeht; eines Salomon, der reich ist auch an Weibern. Da wir aber bessern Beispielen folgen sollen, so haben wir da den nur einmal vermählten Joseph, den ich in diesem Punkte besser als seinen Vater zu nennen wage., so haben wir Moses, der Gott aus nächster Nähe schaute, so haben wir Aaron, den ersten Priester. Auch der zweite Moses der zweiten Generation,31) der unser Gegenbild ins Land der Verlieissung einführte, in welchem zum ersten Male der Name des Herrn auftrat, war kein Digamus. |462 

7. Nach den alten Beispielen der Personen der Urzeit wollen wir ebenso zu den alten Urkunden und Schriften des jüdischen Gesetzes übergehen, um der Reihe nach unsern ganzen Vorrat durchzunehmen. Und da manche zuweilen die Behauptung aussprechen, sie hätten mit dem Gesetze nichts zu Schäften, während es doch von Christus nicht aufgehoben, sondern erfüllt wurde, andererseits sie sich aber manchmal irgend etwas Beliebiges aus dem Gesetze aneignen, so wollen wir es unverhohlen aussprechen: das Gesetz hat aufgehört hinsichtlich seiner Lasten, welche, wie der Apostel sagt, auch die Vater nicht zu ertragen vermochten. Was aber davon auf die Gerechtigkeit abzielt, ist nicht nur nicht geblieben, sondern sogar noch erweitert, auf dass unsere Gerechtigkeit die der Pharisäer und Schriftgelehrten übertreffe. Wenn aber schon unsere Gerechtigkeit die ihrige übertrifft, dann jedenfalls auch unsere Keuschheit.

Wenn also jemand nach der Vorschrift des Gesetzes die Gattin seines ohne Kinder verstorbenen Bruders zum Weibe nehmen sollte, um seinem Bruder Samen zu erwecken, und dieses eine Person mehrere Male treffen kann, wie jene schlaue Frage des Sadduzäers zeigt, und wenn man darum glaubt, mehrmaliges Heiraten sei auch sonst erlaubt, so sollte man erst die innern Gründe zu einer solchen Vorschrift erkennen, dann würde man einsehen, dass diese jetzt aufhörenden Gründe zu den Stücken des Gesetzes gehören, welche hinfällig geworden sind. Es war eine notwendige Pflicht, in die Ehe des ohne Kinder verstorbenen Bruders einzutreten. Zuerst, weil noch jener alte Segen: "Wachset und mehret Euch" seinen Lauf durchmachen musste, sodann, weil die Sünden der Väter auch an den Kindern gestraft wurden, drittens, weil die Verschnittenen und Unfruchtbaren Gegenstand der Schmach waren. Damit also die, welche nicht durch Verschuldung der Natur, sondern durch allzu frühen Tod das Erdenleben verlassen hatten, nicht in der Folge für verflucht gelten, darum wurden sie au ihrer Familie mit einer stellvertretenden und gleichsam nachträglichen Nachkommenschaft versorgt. Sobald aber das "Wachset und mehret Euch" in den letzten Zeiten seine Geltung verloren hatte, indem der Apostel sagt: "Es erübrigt noch, dass die, welche Weiber haben, so seien, als hätten sie keine, da die Zeit bedrängt ist", 32) und da die von den Vätern verzehrte saure Traube aufgehört hat, den Kindern die Zähne stumpf zu machen, denn jeder wird nur in seiner eigenen Sünde sterben, und da die Verschnittenen nicht bloss von Schimpf und Schande frei sind, sondern sogar Gottes Wohlgefallen verdienen und zum Himmelreich eingeladen wer den, darum ist das Gesetz, in die Ehe des Bruders einzutreten, begraben, und das Gegenteil davon hat Geltung erlangt, nicht in die Ehe des Bruders einzutreten. Was daher, wie oben bemerkt, nach Aufhören des Grunde; |463 aufgehört hat, Geltung zu haben, das kann nicht mehr als Beweis für etwas anderes dienen. Folglich heiratet eine Ehefrau nach dem Tode ihres Mannes nicht, da sie, wenn sie heiratete, jedenfalls den Bruder heiraten würde. Denn wir sind alle Brüder. Auch sie hat, wenn sie heiraten will, im Herrn zu heiraten, d. h. nicht einen Heiden, sondern einen Bruder, weil auch das alte Gesetz die Ehe mit fremden Nationen verbietet. Wenn aber im Levitikus die Vorsicht getroffen ist: "Wer immer seines Bruders Ehefrau nimmt, es ist Unreinheit, Schande; er wird ohne Kinder sterben", 33) so gilt ohne Zweifel das ihm gegebene Verbot, von neuem zu heiraten, auch für die Frau, da sie nicht heiraten darf ausser einen Bruder. Wie der Apostel also mit dem Gesetze, welches er nicht durchaus bekämpft, harmoniere, das wird sich zeigen, wenn wir auf seinen Brief zu sprechen kommen.

Was ferner das Gesetz angeht, so kommt sein Gedankengang jetzt vielmehr uns zu statten. Es verbietet z. B. den Priestern, zum zweiten Male zu heiraten. Auch die Tochter eines Priesters, wenn sie Witwe oder eine Verstossene ist, soll, wenn sie keine Nachkommen hat, zum Hause ihres Vaters heimkehren und von ihm unterhalten werden. Also wenn sie keine Nachkommen hat, nicht als sollte sie, wenn sie welche hat, abermals heiraten ---- um wie viel weniger geziemt es ihr alsdann, wieder zu heiraten, wenn sie Kinder hat! ---- sondern wenn sie welche hat, so soll sie vielmehr von ihrem Sohne als von ihrem Vater erhalten werden, damit auch der Sohn den Befehl Gottes ausübe: "Du sollst Vater und Mutter ehren." Uns aber hat Jesus, der höchste und grösste Priester des Vaters 34) mit dem Seinigen bekleidet; denn "die in Christus eingetaucht werden, haben Christum angezogen" und nach Johannes 35) zu Priestern für seinen Vater gemacht. Denn er hielt jenen Jüngling, der zum Begräbnis seines Vaters eilen wollte, davon zurück, zum Zeichen dessen, dass wir von ihm zu Priestern berufen würden, denen das Gesetz, dem Begräbnis der Eltern beizuwohnen, untersagte. "Zu einem Toten soll der Priester", heisst es, "nicht gehen, auch an seinem Vater oder seiner Mutter soll er sich nicht beflecken." 36) Also müssen auch wir dieses Verbot beachten? Nicht in allen Fällen. Denn es lebt Gott, unser einziger Vater, und unsere Mutter, die Kirche, und auch wir sind nicht tot, da wir Gott leben; wir begraben keine Toten, da auch sie in Christo das Leben haben. Gewiss aber sind wir die von Christus berufenen, zur Monogamie verpflichteten Priester infolge des vorigen Gesetzes Gottes, welches damals in seinen Priestern eine Prophezeiung auf uns gegeben hat. |464 

8. Wenden wir uns nun zu unserem eigenen Gesetze, d. h. zum Evangelium, was für Beispiele warten unser da erst, wenn wir zu den Entscheidungen vorgedrungen sind! Siehe, sogleich auf der Schwelle begegnen sich die beiden Vertreterinnen der christlichen Heiligkeit, die Monogamie und die Enthaltsamkeit, die eine in ihrer Ehrbarkeit an dem Priester Zacharias, die andere schon vollendet an Johannes, dem Vorläufer; die eine versöhnt Gott, die andere verkündet Christum; die eine verkündet den vollkommenen Priester, die andere stellt den vor, der mehr ist als ein Prophet, indem er nämlich Christum nicht bloss verkündete und in Person zeigte, sondern auch taufte. Denn wer wäre würdiger gewesen, dem Leibe des Herrn jene Weihe zu erteilen, als ein Leib, der demjenigen glich, der ihn empfing und gebar! Und Christum zwar gebar die Jungfrau, die sich nach seiner Geburt nur einmal vermählte, so dass beiden Titeln von Heiligkeit in der Abstammung Christi Genüge geleistet wurde durch eine Mutter, die Jungfrau war und einmal Vermählte.37) Und bei der Darstellung des Kindes im Tempel, wer nimmt es in seine Hände? Wer erkannte es im Geiste zuerst? Ein gerechter und keuscher Mann, der gewiss kein Digamus war und es schon um deswillen nicht sein durfte, damit nicht Christus gleich darauf von einem Weibe in würdigerer Weise gepriesen werde, die eine alte und eingattige Witwe war, die, ganz dem Tempel hingegeben, genugsam an sich zu erkennen gab, wie wir dem geistigen Tempel, d. i. der Kirche, anhänglich sein müssen.

Solche Augenzeugen fand der Herr als Kind; als Erwachsener hatte er keine andern. Nur von Petrus finde ich, dass er verheiratet gewesen, monogamisch, wie ich vermute, wegen der Kirche, die, auf ihn erbaut, alle Grade ihrer Weihen aus Monogamischen errichten sollte. Da ich nicht finde, dass die übrigen verheiratet gewesen seien, so muss ich sie entweder für Eunuchen oder für Enthaltsame halten. Denn wenn auch die Weiber und die Frauen bei den Griechen unter einem gemeinschaftlichen Namen klassifiziert werden, entsprechend dem geläufigem Sprachgebrauch ---- übrigens gibt es auch eine eigene Bezeichnung für Gattin, ---- so werden wir darum Paulus doch so verstehen, als wolle er andeuten, die Apostel hätten Gattinnen gehabt. Denn wenn er von ehelichen Verhältnissen sprechen wollte, was er im folgenden thut, wo er eher ein Beispiel hätte namhaft machen können, so hätte er sich, wie es scheint, richtig so ausdrücken müssen: "Hätten wir übrigen Apostel nicht auch das Recht, Gattinnen mit uns umherzuführen, so gut wie Kephas?" 38) Aber da, wo er die Bemerkung hinzufügt, die auf seine Enthaltsamkeit |465 hinsichtlich des Lebensunterhaltes hinzielt und sagt: "Haben wir nicht auch Erlaubnis, zu essen und zu trinken", da zeigt es sich, dass die Apostel keine Ehefrauen mit sich herumgeführt haben; denn die Erlaubnis, zu essen und zu trinken, haben auch Leute, welche deren keine besitzen, sondern dass es nur Weiber schlechthin waren, welche ihnen in derselben Art wie die Begleiterinnen des Herrn dienten.

Vollends aber, wenn Christus gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, die auf dem Lehrstuhl des Moses sassen und nicht handelten, wie sie lehrten, seine Missbilligung ausspricht, in welchem Lichte würde er uns erscheinen, wenn er auf seinen eigenen Lehrstuhl Leute setzte, welche mehr darauf bedacht wären, die Heiligkeit des Leibes vorzuschreiben, als sie zu üben, da er ihnen auf alle Weise eingeschärft hatte, sie zu lehren und zu bethätigen, zuerst durch sein eigenes Beispiel, sodann durch die übrigen Ausführungen, wie z. B. wenn er das Reich Gottes den Kleinen zuspricht, 39) wenn er ihnen nach der Hochzeit andere, die Kinder, zu Gefährten ihres Loses gab,40) wenn er sie zur Einfalt der Tauben auffordert,41) eines nicht bloss unschuldigen, sondern auch keuschen Vögleins, welches immer nur ein Männchen annimmt; wenn er es in Abrede stellt, dass die Samariterin einen Ehemann habe, um jeden ihrer zahlreichen Ehemänner als Ehebrecher hinzustellen; wenn er bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit von all' den vielen Heiligen lieber den Moses und Elias bei sich sehen wollte, wovon der eine nur einmal, der andere keinmal vermählt war, ---- denn Elias war nichts anderes als Johannes, der ja in der Kraft und im Geiste des Elias kam; ---- wenn er, von dem es hiess, "dieser Mensch ist ein Fresser und Säufer", der die Frühmahle und Gastereien bei den Zöllnern und Pharisäern so häufig besucht, doch nur einmal bei einer einzigen Hochzeit mitisset, obwohl jedenfalls noch viele andere Leute Hochzeit hielten. Denn es war sein Wille, dass man nur so vielmal Hochzeiten feiere, als welche stattfinden dürfen.

9. Man würde das für Sophistereien halten, die sich gezwungen aus blossen Vermutungen ergeben, wenn dem nicht Aussprüche zur Seite ständen, die der Herr that, als er den Scheidebrief besprach, den er verbot, nachdem er lange Zeit erlaubt gewesen war. Denn erstens war es von Anfang an nicht so gewesen, sowie es auch noch keine Mehrzahl von Ehen gegeben hatte, sodann sollte, was Gott zusammengefügt hat, der Mensch nicht trennen, nämlich um nicht gegen Gott zu handeln. Denn nur der soll trennen, der zusammengefügt hat. Er wird aber die Trennung vollziehen, nicht durch die harte Massregel eines Scheidebriefes, den er tadelt |466 und verbietet, sondern durch den Tribut des Todes. Denn von zwei Sperlingen fällt keiner auf die Erde ohne den Willen des Vaters. Wenn also der Mensch die, welche Gott zusammengefügt hat, nicht durch einen Scheidebrief trennen soll, so ist es ebenso angemessen, dass, wenn Gott Leute durch den Tod getrennt hat, der Mensch sie nicht wieder durch eine Ehe verbinde. Er würde ebenso sehr gegen den Willen Gottes handeln, wenn er das Getrennte verbinden als das Verbundene trennen wollte.

So viel darüber, dass man den Willen Gottes nicht vereiteln dürfe, sondern die ursprüngliche Art und Weise wiederherstellen müsse. Aber es kommt auch noch ein anderer Grund hinzu, oder richtiger, es ist kein anderer, sondern vielmehr derselbe, welcher zur Herstellung der uranfänglichen Form führte und den Willen Gottes bewog, die Scheidebriefe zu verbieten, nämlich der, dass, wer seine Gattin entlässt, ausser wegen Ehebruchs, sie zur Ehebrecherin macht, und der, welcher eine Entlassene heiratet, selber Ehebruch begeht. Denn eine Verschmähte darf keine gesetzliche Ehe eingehen, und wenn sie in dieser Hinsicht sich etwas hat zu schulden kommen lassen, ohne den Rechtstitel einer Ehe, so trifft sie keine Anklage auf Ehebruch in dem Sinne, wie der Ehebruch in der Ehe ein Verbrechen ist. Gott hat da eine andere Ansicht als die Menschen; er nennt nämlich im allgemeinen, sei es bei bestehender Ehe, sei es in vulgärer Weise die Zulassung eines andern Mannes Ehebruch. 42) Sehen wir zu, was bei Gott als Ehe gilt, so werden wir ebenmässig erkennen, was Ehebruch ist. Eine Ehe ist es, wenn Gott zwei zu einem Fleische verbindet oder sie in demselben Fleische verbunden findet und ihre Verbindung besiegelt.43) Ehebruch ist es, wenn sich mit den beiden wie immer Getrennten ein anderes, richtiger ein fremdes Fleisch verbindet, von welchem nicht gesagt werden kann, das ist Fleisch von meinem Fleisch und Gebein von meinem Gebein. Denn da dieses Wort ein für allemal gesprochen und vollzogen ist, so kann es, wie am Anfange so auch jetzt, nicht von einem andern Fleische gelten.

Somit wird es eine grundlose Behauptung sein, zu sagen, Gott habe nur verboten, dass eine Verschmähte bei Lebzeiten ihres Mannes sich mit einem andern Manne verbinde, es ihr aber nach seinem Tode gestattet. Denn wenn sie nicht an den Verstorbenen gebunden ist, dann ist sie auch nicht an den Lebenden gebunden. Da sowohl durch den Scheidebrief als auch durch den Tod das Eheband zerrissen wird, so kann sie nicht mehr an ihn gebunden sein, wenn das Band, wodurch sie gebunden wurde, |467 zerrissen ist. An wen wird sie denn also gebunden sein? Für Gott macht es keinen Unterschied, ob sie sich bei Lebzeiten oder nach dem Tode des Mannes verheiratet. Denn sie sündigt nicht gegen diesen, sondern gegen sich selbst. "Jede Sünde, die ein Mensch begeht, besteht ausserhalb seines Leibes, wer aber Ehebruch begeht, der sündigt gegen seinen eigenen Leib." 44) Allein, wer sich, wie wir vorausgeschickt haben, mit einem andern Fleische verbindet ausser dem frühern, zu welchem Gott zwei zusammengefügt oder sie zusammengefügt gefunden hat, der ist ein Ehebrecher. Und darum hat Christus eben den Scheidebrief beseitigt, welcher am Anfang unbekannt war, um das, was von Anfang da war, zu stärken, nämlich das Ausharren der zwei in einem Fleische. Damit nicht die Notwendigkeit oder Gelegenheit zu einer dritten Fleischesverbindung hereinbreche, so hat er bloss aus der Ursache einen Scheidebrief zu geben erlaubt, wenn das, was er verhüten wollte, schon eingetreten war. So wenig aber existierte von Anfang an der Scheidebrief, dass selbst bei den Hörnern, wie aufgezeichnet ist, erst 600 Jahre nach Erbauung der Stadt ein Fall von Härte dieser Art vorkam. Aber jene begehen auch ohne Scheidebrief Ehebrüche, uns dagegen dürfte es, auch wenn wir den Scheidebrief geben, nicht erlaubt sein, zu heiraten.

10. Ich sehe, wir stossen schon hier auf die Lehre des Apostels. Um ihren Sinn desto leichter zu durchdringen, muss man zum voraus um so nachdrücklicher hervorheben, dass das Weib zu sehr an ihren verstorbenen Mann gebunden sei, als dass sie einen andern zulassen könnte. Wir sagen uns nämlich, dass der Scheidebrief entweder die Folge von Zwietracht sei oder Zwietracht bewirke, der Tod hingegen nach der Anordnung Gottes und als Folge der Beschädigung durch einen Menschen eintrete, und dass er ein Tribut sei, den alle zu bezahlen haben, auch die Eheleute. Wenn also eine Verschmähte, die infolge von Zwietracht, Zorn, Hass oder der Veranlassungen dazu, nämlich durch Nachteil, Schande oder irgend einen Anstoss an Leib und Seele, geschieden ist, dennoch an ihren Feind ---- des Ausdrucks Ehemann will ich mich nicht bedienen ---- gebunden bleibt, um wie viel mehr wird nicht die andere, deren Ehe weder durch einen Fehler ihres Mannes, noch durch einen eigenen, sondern durch einen vom Herrn angeordneten Vorfall nicht geschieden, sondern die nur verlassen worden ist, noch im Tode dem angehören, dem sie auch im Tode Eintracht schuldig bleibt! Da sie von ihm keine Zurückweisung zu hören bekommen hat, so wendet sie sich nicht von ihm ab; da er ihr keinen Scheidebrief geschrieben, so hält sie sich zu ihm; da er sie |468 nicht verlieren wollte, so hält sie ihn fest. Ihr steht zur Seite jene Fähigkeit der Seele; welche dem Menschen alles, was er nicht besitzt, in eingebildetem Genuss vergegenwärtigt. Ich frage endlich die Frau selbst: Sage mir, Schwester, ist dir dein Mann in Frieden vorausgegangen? Was wird sie antworten? Etwa: Nein, im Zorn? Gewiss nicht. Folglich ist sie dadurch umsomehr an ihn gebunden, da ihrer beider Sache bei Gott steht. Sie hat sich nicht getrennt, da sie an ihm festhält. [Sie antwortet auf obige Frage]: Nein, in Frieden. Gut, folglich muss sie mit ihm notwendig im Frieden verbleiben, da sie ihn bereits nicht mehr verschmähen kann, und ihn auch nicht einmal heiraten würde, wenn sie ihn hätte verschmähen können. Denn fürwahr, sie betet ja auch für seine Seele, erfleht für ihn mittlerweile die Befreiung und Teilnahme an der ersten Auferstehung und bringt an den Jahrestagen seines Hinscheidens ein Opfer dar. Wenn sie dies nicht thäte, so würde sie ihn wirklich verschmäht haben, so gut sie es imstande ist, und zwar wäre das um so ungerechtfertigter, als sie es konnte, weil er es nicht konnte, und um so unwürdiger, weil er es nicht verdient hat.

Oder werden wir etwa nach der Lehre eines gewissen Epikur, nicht nach der Lehre Christi, nach dem Tode ein Nichts sein? Wenn wir an eine Auferstehung der Toten glauben, so bleiben wir sicher auch mit denen verbunden, mit welchen wir auferstehen und gegenseitige Rechenschaft ablegen werden. Wofern aber in jener Welt weder zur Ehe gegeben noch genommen wird, sondern wenn man sein wird wie die Engel, sollten wir darum etwa nicht an die verstorbenen Gatten gebunden bleiben, weil es keine Wiederherstellung der Ehe gibt? Im Gegenteil, wir sind um so mehr an sie gebunden, weil wir zu einem bessern Zustande bestimmt sind, auferstehend zur geistigen Genossenschaft, wieder erkennend sowohl uns selbst als die Unsrigen. Wie sollten wir übrigens in Ewigkeit Gottes Lob singen, wenn nicht in uns der Sinn und das Gedächtnis für diese Pflicht bliebe, wenn wir nur nach unserer Wesenheit, nicht hinsichtlich unseres Bewusstseins wieder hergestellt würden? Wir also, die wir bei Gott sein werden, werden zusammen dort sein, da wir alle bei dem einen Gott sind, ---- trotzdem, dass der Lohn verschieden, dass der Wohnungen bei demselben himmlischen Vater viele sind, ---- da wir alle um den einen Denar eben desselben Lohnes gearbeitet haben, d. i. um das ewige Leben, in welchem Gott die, die er verbunden hat, noch weniger trennen wird, da er ihnen schon in diesem niedrigen Leben verbietet, sich zu trennen. Wie kann mithin die Frau für einen andern Mann zu haben sein, da sie für den ihrigen auch für die Zukunft in Beschlag genommen ist? Was wir sagen, gilt aber für beide Geschlechter, wenn auch nur eins genannt ist. Denn die Sittenzucht, welche für beide besteht, ist eine und dieselbe. Eine solche Frau würde einen Mann haben dem Geiste nach, |469 den andern dem Fleische nach. Das ist aber Ehebruch, wenn eine Frau von zwei Männern weiss. Wenn der eine dem Fleische nach von ihr getrennt ist, aber in ihrem Herzen seinen Platz behält, so ist er immer noch ihr Ehemann, weil im Herzen schon der blosse Gedanke, ohne die fleischliche Verbindung, durch die Begierde bereits den Ehebruch und durch den blossen Willen schon eine Ehe zustande bringt. Er hat gerade das noch inne, wodurch er Ehemann geworden ist, nämlich den Geist; wenn dort noch ein anderer seinen Platz hätte, so wäre das ein Verbrechen. Übrigens ist er darum nicht ausgeschlossen, weil er den tiefer stehenden fleischlichen Verkehr abgebrochen hat. Er wird als Ehemann in um so höheren Ehren stehen, je reiner er geworden ist.

11. Gesetzt also, du wolltest, entsprechend dem Gesetze und dem Apostel ---- wofern dir nämlich daran noch etwas gelegen ist ---- im Herrn 45) dich verehelichen, wie kommst du dir denn eigentlich vor, wenn du eine Ehe 46) verlangst, wie sie denen, von welchen du sie verlangst, nicht erlaubt ist, nämlich von dem monogamischen Bischof, den Priestern, den Diakonen, die an demselben Sakrament teil haben, und von den Witwen, deren Gefolgschaft du verschmähst? Bei unsern Gegnern wird man allerdings die Männer und Frauen austeilen, wie Stücke Brot unter die Armen. Denn diese Bedeutung hat bei ihnen der Spruch: "Gib jedem, der dich bittet". Sie werden auch dann in der jungfräulichen Kirche, der einzigen Braut des einen Christus, sich zusammenthun. Und du wirst dann für deine Ehemänner beten, für den alten sowohl als den neuen. Entscheide dich, welchem gegenüber du eine Ehebrecherin sein willst. Ich sollte denken, du bist es beiden gegenüber. Wenn du also klug bist, so sprich lieber gar nicht von dem Verstorbenen. Dein Stillschweigen wird ihm dann als Scheidebrief gelten, der ihm bei schon bestehender anderweitiger Vermählung geschrieben wird. Auf diese Weise wirst du dir deinen neuen Ehemann geneigt machen, wenn du den alten vergissest. Du musst ihm ja auch umsomehr gefallen, da du um seinetwillen Gott lieber missfallen wolltest.

Solche Dinge, behaupten die Psychiker, habe der Apostel gebilligt oder doch nicht beanstandet, da er schrieb: "Das Weib ist, so lange ihr Mann lebt, an ihn gebunden; wenn er aber gestorben ist, so ist sie frei, sie mag heiraten, wen sie will, nur im Herrn". Denn mit diesem Verse verteidigen sie die Statthaftigkeit der zweiten Ehe oder richtiger, wenn die zweite schon erlaubt ist, der mehrfachen Ehe; denn, was das einzige zu sein aufgehört hat, das ist überhaupt der Mehrzahl verfallen.47) In welchem |470 Sinne aber der Apostel so geschrieben hat, das wird sich dann ergeben, wenn erst festgestellt ist, dass er es nicht in dem Sinne gemeint hat, wie es die Psychiker anwenden. Es wird aber festgestellt werden können, wenn man sich an das erinnert, was es von diesem Verse abweichendes gibt, sowohl in der Lehre, als im Willen und in der eigenen Disziplin des Paulus selbst. Wenn er nämlich die zweite Ehe erlaubt, die am Anfang nicht vorkam, wie kann er dann behaupten, es werde alles wieder zu "seinem Uranfange gesammelt in Christo"? Wenn er will, dass wir unsere Ehen vervielfältigen, wie kann er behaupten, unser Same sei in Isaak, dem einmal verheirateten Ehemann? Wie kann er verordnen, dass der ganze Stand der Kirchendiener nur aus Monogamischen bestehe, wenn nicht diese selbige Sittenzucht schon vorher bei den Laien vorhanden ist, aus denen ja der kirchliche Stand hervorgeht? Wie kann er den in der Ehe Lebenden vom Gebrauche der Ehe abraten und sagen, die Zeit sei bedrängt, wenn er die mit Hilfe des Todes der Ehe Entgangenen wiederum zur Ehe zurückruft?

Wenn dieses alles dem in Rede stehenden Verse widerspricht, so wird damit festgestellt sein, dass Paulus obige Worte nicht in dem Sinne geschrieben habe, wie sie die Psychiker nehmen. Denn es ist eher möglich, dass jener eine Vers einen innern Grund habe, der ihn mit dem übrigen im Einklang setzt, als dass der Apostel Widersprechendes gelehrt habe. Diesen innern Grund können wir aus der Veranlassung selbst wieder erkennen. Was für eine Veranlassung war für den Apostel vorhanden, so zu schreiben? Das Jugendalter der neuen und gerade damals entstehenden Kirche, die er ja gross zog mit Milch und noch nicht mit der festen Speise einer kräftigeren Lehre, so dass man in jenem Kindheitszustande des Glaubens noch nicht wusste, wie man sich hinsichtlich des fleischlichen und geschlechtlichen Triebes zu verhalten habe.48) Belege dafür sehen wir auch in seiner Antwort, wenn er sagt: "In betreff dessen, was Ihr mir schreibt, erwidere ich, es ist gut, wenn der Mensch kein Weib anrührt, allein der Hurerei wegen möge jeder sein Weib haben". Er deutet an, dass es Leute gab, die, in der Ehe stehend, von der Gnade des Glaubens gefunden, fürchteten, es wäre ihnen vielleicht von jetzt an nicht mehr erlaubt, sich der Ehe zu bedienen, da sie nun an das heilige Fleisch Christi geglaubt hätten. Und doch gestattet er es ihnen erlaubnisweise, nicht in Form eines Befehls, d. h. nachsehend, nicht vorschreibend, dass es geschehen solle. Im übrigen aber wünschte er, alle möchten sein wie er selbst.

Ebenso lässt er in seiner Antwort in betreff des Scheidebriefes erkennen, dass einige sich auch darüber Gedanken gemacht hatten, besonders, weil sie meinten, sie dürften nach Annahme des Glaubens nicht |471 mehr in der Ehe mit Heiden verbleiben. Sie verlangten auch in betreff der Jungfrauen seinen Rat ---- eine Vorschrift des Herrn gab es nämlich, nicht, ---- dass es für den Menschen gut sei, wenn er so bleibe, nämlich jedenfalls so, wie er von der Gnade des Glaubens vorgefunden wurde. "Bist du an eine Gattin gebunden, so verlange nicht, gelöst zu werden; bist du von deiner Gattin gelöst, so verlange keine.49) Wenn du aber eine Gattin genommen hast, so hast du nicht gesündigt", weil für den, der vor Annahme des Glaubens von seiner Frau befreit wurde, die zweite Frau, die er nach Annahme des Glaubens nimmt, nicht als zweite zählt, da sie nach Annahme des Glaubens die erste ist. Denn mit dem Glauben fängt unser Leben selbst erst an. Allein er schone ihrer, sagt er hier, sonst würde Bedrängnis des Fleisches folgen wegen der bedrückten Zeitverhältnisse, welche die Beschwerden der Ehe widerraten; ja noch mehr, man müsse Sorge tragen, sich mehr den Herrn geneigt zu machen als seinen Ehemann. So widerruft er, was er gestattet hatte.50)

So ist es auch in demselben Kapitel, wo er bestimmt, dass jeder in dem Zustande bleibe, wie ihn die Berufung getroffen hat, durch den Beisatz: "Das Weib ist gebunden, so lange ihr Mann lebt, wenn er aber entschlafen ist, so ist sie frei und mag heiraten, wen sie will, nur im Herrn". ---- Auch damit zeigt er an, dass nur eine solche gemeint sei, welche so, nämlich von ihrem Mann gelöst, getroffen worden, wie auch der Mann von der Frau gelöst Avird, nämlich durch den Tod, nicht aber, indem die Lösung durch einen Scheidebrief geschieht, weil er den Geschiedenen nicht die Wiederverheiratung gestattet haben würde im Gegensatz zu seiner früheren Weisung. Und so wird dann das Weib, wenn sie heiratet, keine Sünde begehen, weil dieser ihr Mann, der nach Annahme des Glaubens der erste ist, nicht als zweiter gerechnet wird, und es ist also dies der Grund, warum er hinzugefügt hat: "Es sei denn im Herrn", weil es sich nämlich um eine Person handelte, die einen Heiden zum Manne gehabt und nach dessen Verlust den Glauben angenommen hatte. Sie sollte nicht etwa glauben, nach Annahme des Glaubens noch einen Heiden heiraten zu dürfen, obwohl die Psychiker sich auch daraus nichts machen. Denn man muss allerdings wissen, dass es im griechischen Original nicht so steht, wie es in Gebrauch gekommen ist, mit der entweder aus schlauer Berechnung oder Dummheit vorgenommenen Beseitigung von nur zwei Silben: "Wenn aber ihr Mann entschlafen sein wird". Das wäre, als ob von der Zukunft gesprochen würde, und darum könnte es auch den Anschein gewinnen, als beziehe sich die Stelle auch auf eine, welche bereits als |472 Christin ihren Mann verloren hat. 51) Wenn das so wäre, dann hätte er eine unbeschränkte Freiheit erteilt und die Weiber so oft mit einem Mann versehen, als sie einen verlieren, ohne alle Scheu im Heiraten, welche doch selbst den Heiden zukommt. Aber auch, wenn es so wäre, auch wenn es im Futurum hiesse: "Wenn einer der Mann gestorben sein wird", so würde das Futurum doch nur für die Frau gelten, der ihr Mann vor Annahme des Glaubens sterben wird. Nimm es, wie du willst, wenn du nur nicht auch das übrige über den Haufen wirfst. Denn auch die übrigen Punkte der betreffenden Sentenz würden damit fallen, nämlich: "Bist du als Unbeschnittener berufen worden, lass dich nicht beschneiden", "Bist du als Beschnittener berufen, wolle keine Vorhaut anlegen",52) womit zusammentrifft: "Bist du an eine Gattin gebunden, suche nicht gelöst zu werden; bist du von der Gattin gelöst, suche keine andere". ---- Daher ist es hinlänglich klar, dass sich alles auf die bezieht, welche, in noch frischer und neuer Berufung stehend, in betreff der Zustände anfragten, in welchen sie der Glaube gefunden hatte.

Das wäre nun die Erklärung dieses Abschnittes. Sie ist daraufhin zu prüfen, ob sie passe zu der Zeit und der Ursache, wie auch zu den Beispielen und Beweisen, sowohl denen, die vorhergehen, als auch zu den Sentenzen und Gedanken, die nachfolgen, und zwar zuerst, ob sie zu dem Plan und dem Vorhaben des Apostels selbst stimme; denn es ist auf nichts so sehr zu sehen, als darauf, dass jemand nicht mit sich selbst im Widerspruch gefunden werde.

12. Da vernehme ich53) eine höchst verfängliche Gegenbeweisführung. Der Apostel hat in der Weise, sagt man, die Wiederholung der Ehe gestattet, dass er einzig denjenigen, welche zum Klerus gehören, das Joch der Monogamie auferlegte. Denn, was er nur einigen vorschreibt, das schreibt er nicht allen vor. ---- Dann hat er also auch wohl, was er allen vorschreibt, bloss den Bischöfen allein nicht vorgeschrieben; wenn er, was er den Bischöfen vorschreibt, nicht auch allen vorschreibt? Oder hat er es nicht vielmehr gerade darum allen vorgeschrieben, weil auch den Bischöfen? Und darum den Bischöfen, weil auch allen? Woher kommen denn Bischöfe und Klerus? Kommen sie nicht aus der Allgemeinheit? Wenn also die Verbindlichkeit zur Monogamie nicht eine allgemeine ist, woher sollen denn die Monogamischen für den Klerus kommen ? Oder soll vielleicht etwa ein besonderer Stand von Monogamischen errichtet werden, |473 aus welchem die Auswahl und Aufnahme in den Klerus geschieht? Ja, wenn es gilt, sich zu erheben und aufzublasen gegen den Klerus, dann wollen wir alle gleich sein, dann wollen wir alle Priester sein, weil Christus uns "alle zu Priestern für Gott und den Vater gemacht habe". 54) Wenn wir aber aufgefordert werden, uns in der Disziplin den Priestern gleich zu stellen, dann legen wir unsere Infuln ab und wollen nicht ihnen gleich sein.

Es handelte sich aber um die kirchlichen Stände, was für Leute zu ordinieren seien. Es musste also die ganze Form der allgemeinen kirchlichen Sittenzucht mit ihrem wahren Angesicht hervorgekehrt werden, ge-wissermassen als das künftige Edikt für alle mit Nachdruck hingestellt werden, 55) damit das Volk wisse, dass es die Ordnung einhalten müsse, die zum Vorsteher tauglich macht, und damit nicht einmal sogar auch der höhere Stand sich etwas herausnehme in bezug auf die Freiheit, etwa wie infolge eines Vorrechtes. Der hl. Geist hat wohl vorausgesehen, dass manche sagen würden: "den Bischöfen ist alles erlaubt", sowie dann auch euer wohlbekannter Uticenser Herr sich nicht einmal aus dem Scantinischen Gesetze etwas gemacht hat. Denn so viel Digami bei euch Vorsteher sind, sie alle spotten sicherlich des Apostels oder erröten doch ganz gewiss nicht, wenn jene Stelle in ihrer Gegenwart vorgelesen wird. 56) Wohlan denn, wenn du glaubst, dass die Ausnahme hinsichtlich der Monogamie nur für die Bischöfe gemacht sei, so verzichte auch auf die übrigen Titel deiner Disziplin, welche mit der Monogamie zugleich den Bischöfen vorgeschrieben werden. Du brauchst also nicht untadelhaft, massig, wohlgesittet, anständig, gastfrei, lehrfähig zu sein, dafür aber kannst du dem Wein ergeben, schlagfertig und streitbar sein, das Geld lieben; ferner regiere dein Haus nicht gut, kümmere dich nicht um die Sittenzucht der Kinder; verlange auch keinen guten Namen bei denen, die draussen sind, 57) denn wenn die Bischöfe ihr besonderes Gesetz hinsichtlich der Monogamie haben, so wird auch das übrige, was zur Monogamie hinzukommen muss, nur für die Bischöfe geschrieben sein. Den Laien aber, als welchen die Monogamie nicht zukommt, ist auch das übrige fremd. So bist du, Psychiker, wenn du Lust hast, sämtlichen Banden der Sittenzucht glücklich entschlüpft. Bleibe getreulich bei der Prozesseinrede, was einzelnen vorgeschrieben ist, |474 ist nicht allen vorgeschrieben, oder wenn die übrigen Vorschriften allgemein waren, so ist die Monogamie dagegen nur den Bischöfen auferlegt. Verdienen vielleicht etwa auch bloss die den Namen Christen, denen die Moral in ihrer ganzen Ausdehnung auferlegt ist?

13. Aber in seinem Briefe an Timotheus wünscht doch der Apostel, dass die jungen Weibspersonen heiraten, Kinder haben und die Familienmütter machen?! 58) Er wendet sich damit an solche, wie er sie früher bezeichnet hat, junge Witwen, die, in ihrer Witwenschaft zum Glauben berufen, eine Zeit lang Freier gehabt haben und, nachdem sie Christus liebgewonnen, nachher doch noch gern heiraten wollen. Sie trifft das Urteil, dass sie ihrem ersten Glauben untreu geworden sind, nämlich jenem, von welchem sie in der Witwenschaft gefunden wurden und den sie bekannt haben, ohne auszuharren. ---- Er will deswegen, dass sie heiraten, damit sie ihrem ersten Glauben nach angetretener Witwenschaft nicht nachher untreu werden, nicht aber, damit sie so vielmal heiraten, als man ihnen in ihrer Witwenschaft Anträge macht, oder besser, so oft als man an ihnen Gefallen findet und sie Lust haben, nicht zu widerstehen. Wir lesen auch, dass er im Briefe an die Römer schreibt: "Das Weib aber, welches unter dem Manne steht, ist an den Mann gebunden, so lange er lebt; wenn er aber stirbt, so ist sie vom Gesetze des Mannes befreit". 59) Folglich wird sie, wenn sie sich bei Lebzeiten ihres Mannes mit einem andern Mann verbindet, für eine Ehebrecherin gehalten werden. Wenn aber ihr Mann stirbt, so ist sie von dem Gesetze befreit, weil sie nicht Ehebrecherin mit einem andern Mann geworden ist. Betrachte aber auch das folgende, wodurch jene Auffassung, die dir zusagt, hinschwindet: "So sterbet denn auch Ihr, o Brüder, dem Gesetze durch den Leib Christi, damit Ihr eines andern werdet, nämlich dessen, der von den Toten auferstanden ist, damit wir Früchte bringen für Gott. Denn als wir im Fleische waren, da wurden die sündhaften Leidenschaften, die eine Folge des Gesetzes sind, hervorgebracht in unsern Gliedern, um Früchte des Todes zu bringen. Jetzt aber sind wir durch den Tod befreit vom Gesetze, in welchem wir befangen waren, um Gott zu dienen in dem neuen Geiste und nicht in dem alten Buchstaben, nämlich dem des Gesetzes." 60) Wenn Paulus uns also dem Gesetze absterben heisst durch den Leib Christi, welcher die Kirche ist, die sich auf den neuen Geist, nicht auf den alten Buchstaben des Gesetzes gründet, indem er das Gesetz von dir nimmt, welches der Frau nach dem Tode ihres Mannes nicht verwehrt, einem andern Manne anzugehören, so bringt er dich auf den entgegengesetzten Zustand |475 zurück, d. h. auf den, dass du auch nach dem Verlust deines Mannes, durch den Tod, nicht mehr heiraten darfst. So wenig du, wenn man noch nach dem Gesetze handeln dürfte, für eine Ehebrecherin gehalten würdest, wenn du nach dem Tode deines Mannes einem andern Mann angehörest, so sehr verdammt er dich nun ---- bei veränderter Sachlage ---- von vornherein als Ehebrecherin, wenn du nach dem Tode deines Mannes einen andern heiratest. Weil du dem Gesetze bereits abgestorben bist, kann dir diese Freiheit nicht mehr gestattet sein; denn du bist vom Gesetze, unter welchem es dir gestattet gewesen wäre, zurückgetreten.

14. Auch wenn der Apostel dem Gläubigen die absolute Freiheit erteilt hätte, nach Verlust ihrer Ehegatten zu heiraten, dann hätte er nur ebenso gehandelt, wie auch in den übrigen Fällen, wo er gegen seine gewöhnliche Regel, den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, etwas vornahm; wenn er z. B. den Timotheus beschneiden liess wegen der eingeschlichenen falschen Brüder, und einige mit geschorenem Kopfe in den Tempel gehen lies wegen der Aufpasserei der Juden ---- er, derselbe, welcher die Galater wegen ihrer beabsichtigten Beobachtung des Gesetzes tadelte. Aber so forderte es die Wirklichkeit und das Leben, dass er allen alles würde, um alle zu gewinnen, sie in sich wiedergebärend, so lange, bis Christus in ihnen hergestellt sein würde; sie erwärmend, wie eine Amme, da sie Kinder im Glauben waren, sie belehrend in einigen Stücken durch Nachgeben, nicht durch Gebote, ---- denn etwas anderes ist gestatten, etwas anderes ist befehlen. ---- In derselben Weise gab er ihnen zeitweilig die Freiheit, noch einmal zu heiraten, wegen der Schwäche des Fleisches, wie Moses es mit dem Scheidebrief gemacht hatte, wegen der Herzenshärte. Hier wollen wir noch die letzte Ergänzung dieses Gedankens geben. Wenn Christus also zurücknahm, was Moses vorgeschrieben hatte, weil es von Anfang an nicht so gewesen, und wenn darum doch die Macht, in der Christus auftrat, nicht für eine andere gehalten werden durfte, warum sollte nicht auch der Paraklet hinwegnehmen können, was Paulus in seiner Nachsicht noch gestattet hat? Denn auch die zweite Ehe war nicht von Anfang an da. Darum darf man ihn noch nicht für verdächtig ansehen, als sei er ein fremdartiger Geist; nur muss das, was er einführt, Gottes und Christi würdig sein. Wenn es Gottes und Christi würdig war, die Herzenshärte nach erfüllter Zeit zu bändigen, warum sollte es nicht Gottes und Christi noch viel mehr würdig sein, die Schwäche des Fleisches abzuwenden, da die Zeit bereits bedrängter ist? Wenn es recht ist, die Ehe nicht zu trennen, so ist es sicher auch anständig, sie nicht zu wiederholen. Daher wird beides von den Weltleuten als Beweis von hoher Sittlichkeit angesehen, das eine als Beweis von ehelicher Eintracht, das andere von Wohlanständigkeit. |476 

Die Herzenshärte hat die Herrschaft gehabt bis auf Christus, mag dann auch die Schwäche des Fleisches geherrscht haben bis auf den Paraklet! Das neue Gesetz beseitigte den Scheidebrief ---- es fand etwas zu beseitigen, ---- die neue Prophezie beseitigt die zweite Ehe, welche ebenso sehr ein Scheidebrief der ersten ist. Allein die Herzenshärte hat sich mit grösserer Leichtigkeit Christo ergeben, als die Schwäche des Fleisches es thut. Diese steift sich noch fester auf Paulus, als jene auf Moses, wofern man es nämlich eine Berufung nennen kann, wenn sie sich an den Apostel hält, da wo er Nachsicht zeigt, hingegen seine Vorschriften ablehnt, seine höhere Anschauung und bleibende Willensmeinung in den Wind schlägt und uns nicht gestatten will, dem Apostel das zu leisten, was er lieber will. Wie lange wird nun diese so unverschämte Fleischesschwachheit noch fortfahren das Bessere zu bekämpfen!? Ihre Zeit war, bis der Paraklet anfing zu wirken. Der Herr hat ihm das reserviert, was man damals nicht tragen konnte, was jetzt aber nicht tragen zu können für jeden unanständig ist, weil der gekommen ist, der die Kraft zum Tragen verleiht. Wie lange wollen wir dem Fleisch die Schuld geben auf Grund des Ausspruches des Herrn: "Das Fleisch ist schwach"!? Hat er doch die Worte vorausgeschickt: "Der Geist ist willig", damit das Schwache dem Stärkern weiche. Denn er sagt auch: "Wer es fassen kann, der fasse es", d. h., wer es nicht kann, der trete zurück. So trat zurück jener Reiche, der die Vorschrift, seine Habe unter die Armen zu verteilen, nicht erfasst hatte und vom Herrn seiner Ansicht überlassen wurde. Darum darf die Herzenshärte nicht Christo auf Rechnung gesetzt werden, da sie ein Mangel im freien Willen eines jeden einzelnen ist. "Siehe," heisst es, "ich habe dir vorgelegt das Gute und das Böse";61) wähle, was gut ist; wenn du nicht kannst, weil du nicht willst, ---- dass du kannst, wenn du nur willst, ist darin angedeutet, dass beides deinem freien Willen vorgelegt wird ---- so musst du von dem zurücktreten, dessen Willen du nicht thust.

15. Wo ist also unsere 62) Herzenshärte, wenn wir uns von denen, die Gottes Willen nicht thun, lossagen? Wo steckt die Häresie, wenn wir die zweite Ehe als verboten, wie Ehebruch beurteilen? Denn was ist denn der Ehebruch anders als eine verbotene Ehe? Es tadelt der Apostel die, welche ein allgemeines Verbot des Heiratens aufstellten, und die, welche den Genuss von Speisen verboten, die Gott geschaffen hat. Wir aber heben ebensowenig die Ehe auf, wenn wir die zweite versagen, als wir die Speisen verdammen, wenn wir häufiger fasten. Beseitigen ist denn doch etwas anderes als bloss einschränken; etwas anderes, das Gebot geben, nicht zu heiraten, und etwas anderes, ein Ziel und Mass für Heiraten festsetzen. |477 

An die, welche uns Herzenshärte vorwerfen oder in dieser Sache Häresie wittern und die Schwachheit des Fleisches so sehr in Schutz nehmen, dass sie glauben, mehrmaliges Heiraten gestatten zu dürfen, möchte man die Frage richten, warum sie denn das Fleisch nicht auch in dem andern Falle unbehelligt lassen und es nicht durch Nachsicht verhätscheln, wenn es durch Martern zum Verleugnen getrieben worden ist. Jedenfalls könnte doch eher eine Entschuldigung statthaben, wenn man in der Schlacht, als wenn man in der Schlafkammer zum Falle gekommen ist, eher wenn man auf der Folterbank, als wenn man im Bette unterlegen ist, eher wenn man der Grausamkeit, als wenn man der Wollust nachgegeben hat, eher wenn man unter Ächzen und Stöhnen, als unter wollüstigem Grunzen besiegt worden ist. Aber solche Leute verstösst man aus der Gemeinschaft, weil sie nicht bis zum Ende ausgehalten haben, diese nimmt man auf, als hätten sie bis zum Ende ausgeharret. Nimm an, dass sie beide nicht bis zum Ende ausgeharret haben, und du wirst die Sache dessen besser bestellt finden, der die Grausamkeit, als dessen, der die Ehrbarkeit nicht zu ertragen vermochte. Trotzdem aber gereicht die Schwachheit des Fleisches nicht einmal bei der Apostasie zur ausreichenden Entschuldigung, wo es sich doch um Blut und Leben handelt, geschweige denn bei der, wo Unehrbarkeit ins Spiel kommt.

16. Ich finde es aber lächerlich, dass man mir immer mit der Schwachheit des Fleisches kommt, wo doch der Ausdruck: die grösste Kühnheit am Platze wäre. Um abermals zu heiraten, dazu gehört Kraft; sich von neuem zu erheben zu den Werken des Fleisches, nachdem man die Ruhe der Enthaltsamkeit genossen, dazu gehört eine gute Lunge. Mit einer solchen Schwäche reicht man auch für eine dritte, vierte und vielleicht gar für eine siebente Ehe aus; denn Schwäche wird jedesmal stärker, wenn sie noch schwächer wird, und man wird dabei bald nicht mehr den Apostel zum Gewährsmann brauchen können, wohl aber einen gewissen Hermogenes, der mehr Weiber zu freien pflegt, als er porträtierte. Er hat reichlichen Vorrat von dem Stoffe, aus welchem, wie er glaubt, die Seele stammt, umsoweniger hat er den Geist von Gott. Er ist schon nicht einmal mehr ein Psychiker, weil er seine Psyche nicht aus dem Anhauch Gottes hat.

Was werden wir aber sagen, wenn jemand seine Dürftigkeit vorschützen und aufrichtig eingestehen sollte, dass sein offen feilgebotenes Fleisch um seines Unterhalts willen heirate, ganz vergessend, dass man nicht um Nahrung und Kleidung besorgt sein soll? 63) Für ihn ist der Gott da, der auch die Raben aufzieht und den Blumen ihren Schmuck gibt! |478 

Wie aber dann, wenn jemand die Verödung seines Hauses zum Vorwand nimmt? Als wenn eine einzige Frau Leben ins Haus brächte bei einem Menschen, dem die Flucht bevorsteht? Es gibt denn doch noch irgend eine Witwe, die er wird zu sich nehmen dürfen! Gattinnen dieser Art darf man nicht bloss eine, sondern sogar mehrere besitzen. Wie aber dann, wenn jemand auf Nachkommenschaft bedacht wäre mit demselben Sinne, wie Lots Weib 64) die Sache ansah, und die Ehe aus dem Grunde erneuern wollte, weil er aus der vorigen keine Kinder hat? ---- Natürlich, ein Christ muss auch auf Erben bedacht sein, er, der von der ganzen Welt enterbt ist! Er hat doch Brüder, er hat doch die Kirche zur Mutter! Glaubt man aber noch im Christentum nach den Julianischen Gesetzen 65) handeln zu sollen, und meint man, Ehe- und Kinderlose könnten nicht testamentarisch Universalerben werden ---- ja, dann ist es freilich etwas anderes. Solche Leute mögen folglich immerfort bis zu guter letzt heiraten, so dass sie vom letzten Weltende wie Sodoma und Gomorrha und der Tag der Sündflut in diesem Taumel des Fleisches überrascht werden. Sie sollten dann nur gleich auch noch lieber als dritten Grundsatz hinzufügen: "Lasset uns essen und trinken und freien, denn morgen werden wir sterben." 66) Sie denken nicht an jenes Wehe, welches für die Schwangern und Säugenden viel drückender und bitterer sein wird beim Erbeben des Weltall, als es gewesen ist bei der Verwüstung des einzigen Erdenwinkels Judäa. Sie dürften wohl in den letzten Zeiten von ihrem wiederholten Heiraten sehr unzeitige Früchte ernten, wallende Brüste, Beschwerden des Leibes und plärrende Kinder. Sie werden dem Antichrist nur Objekte verschaffen, gegen welche er mit noch grösserer Lust wütet. Er wird ihnen Henkersknechte als Hebammen mitbringen.

17. Sie sind allerdings im Besitze eines glänzenden Privilegiums, welches sie Christus vorlegen können, nämlich im Besitz beständiger Schwäche des Fleisches! Allein es werden über diese Dinge zu Gericht sitzen bereits nicht mehr Isaak, unser monogamischer Vater, nicht Johannes, der Verschnittene um Christi willen, nicht Judith, die Tochter des Merari, noch auch die vielen andern Heiligen. Nein, Heiden pflegen zu unsern Richtern bestimmt zu werden.

Es wird also die Königin von Karthago 67) aufstehen und gegen die Christinnen Beschlüsse fassen; sie, die, weil flüchtig im fremden Lande und hauptsächliche Schöpferin einer so grossen Stadt, die Ehe mit einem |479 Könige hätte wünschen dürfen, und doch, um nicht eine zweite Ehe einzugehen, lieber Brand leiden als heiraten wollte.

Ihre Beisitzerin wird eine römische Matrone sein, die, obwohl sie nur durch nächtliche Gewaltthat mit einem andern Manne in Berührung gekommen war, dennoch diese Makel ihres Leibes mit ihrem Blute abwusch, um die Monogamie an ihrer Person durchzuführen.

Es hat auch solche gegeben, die für ihre Männer lieber sterben wollten, als nach dem Tode derselben heiraten. Bei den Idolen dürfen sich jedenfalls nur die Monogamie und die Witwenschaft finden lassen. Der Fortuna muliebris darf nur eine einmal Verheiratete den Kranz aufsetzen, sowie auch der Mater matuta. Der Pontifex maximus und die Gattin des Flamen heiraten nur einmal. Die Priesterinnen der Ceres werden sogar zu Lebzeiten ihrer Männer und mit deren Einwilligung durch eine Art freundschaftlicher Ehescheidung zu Witwen gemacht.

Es gibt sogar solche, die uns im Punkte völliger Enthaltsamkeit werden richten können, die Jungfrauen der Vesta, die der Juno von Achaja, der scythischen Diana und des pythischen Apollo. Auch die Oberwärter des bekannten ägyptischen Stieres können auf Grund ihrer Enthaltsamkeit schon über die Fleischesschwachheit des Christen zu Gericht sitzen.

Schäme dich, du Fleisch, das du Christum angezogen hast! Es sollte dir genug sein, einmal zu heiraten, wozu du von Anfang an geschaffen worden bist und wohin du gegen Ende wieder zurückgerufen wirst. Kehre zum Adam zurück, wenigstens zum ersten, wenn du zum letzten nicht kommen kannst. Einmal nur hat jener vom Baume gekostet, einmal Begierde empfunden, einmal seine Blösse bedeckt, einmal sich vor Gott geschämt, einmal sein Erröten verborgen, einmal wurde er aus dem Paradiese der Heiligkeit ausgeschlossen, einmal hat er seit der Zeit geheiratet. Wenn du in ihm eingeschlossen warst, so hast du damit deine Verhaltungsregel; hast du dich aber zu Christus hinüberbegeben, dann musst du vollkommen sein. Lass uns nun deinen dritten Adam sehen, und zwar einen zweimal beweibten! Dann wirst du das sein dürfen, was du bei diesen beiden nicht sein darfst.


Anmerkungen

1. 1) Sondern zweimal. 

2.  2) So teilt Heraldus die Worte richtig ab Auriga?

3. 3) D. i. Pneumatiker.

4. 1) Gal. 5, 17.

5. 2) I. Mos. 6, 3.

6. 3) Joh. 16, 12.

7. 1) Math. 19, 12. 

8.  2) I. Kor. 7, 1. 

9.  3) Der hier daraus gezogene Schluss ist ein Sophisma. 

10.  4) I. Kor. 7, 32. 

11.  5) Diesem falschen Satze sind wir auch anderwärts z. B. de exhort. castit. begegnet. 

12.  6) I Kor. 7, 7 ff.

13. 1) Ein Auge zu "haben", ist allerdings etwas Gutes, aber nicht ein Auge zu "verlieren". 

14.  2) I. Joh. 3, 3.

15. 1) I. Kor. 7, 29.

16. 1) I. Mos. 2, 18. 

17.  2) Ebend. v. 24. 

18.  3) Eine extreme Behauptung. 

19. 4) I. Mos. 4, 21. 

20.  5) I. Mos. c. 6, u. 7.

21. 1) Matth. 19, 6.

22. 2) Eph. 1, 9.

23. 3) Die Negation in der letzten Hälfte dieses Satzes ist nach meiner Ausicht zu streichen.

24. 1) Eph. 5, 31.

25. 2) Censum deferre, bildlich, zum Eintragen in den Listen durch den Censor.

26. 3) Nämlich in beständiger Jungfräulichkeit.

27. 4) I. Kor. 4. 15.

28. 5) Gal. 3, 6. 7.

29. 1) Suppliere: als Christ.

30. 2) Wie die Juden.

31. 3) Josua.

32. 1) I. Kor. 7, 29.

33. 1) III. Mos. 20. 21.

34. 2) Die Ausgaben haben hier magnus patris, dem ich keinen rechten Geschmack abgewinnen kann. Auch Scaligers Konjektur: agnus patris will mir nicht recht gefallen.

35. 3) Apol. 1, 6.

36. 4) III. Mos. 21, 11.

37. 1) Hieron adv. Helvid. p. 141 spricht sich über diese Stelle missbilligend aus. Öhler hat die besser bezeugte Lesart post partum wieder aufgenommen, andere haben ob partum.

38. 2) I. Kor. 9,4.

39. 1) Matth. 18, 3.

40. 2) Ebend. 19, 12.

41. 3) Ebend. 10, 16.

42. 1) Die Conjecturen taliter statt aliter und Non statt nam im vorigen Satze, die Öhler hier in den Text setzt, sowie das Fragezeichen hinter est würden den Sinn dieser Stelle vollständig verdrehen. Denn die repudiata durfte sich anderweitig verheiraten. V. Mos. 24, 1.

43. 2) Durch die Taufe.

44. 1) I. Kor. 6, 18.

45. 1) I. Kor. 7, 39.

46. 2) D. h. die Einsegnung eiuer solchen Ehe.

47. 3) Eine Übertreibung.

48. 1) Ein ziemlich kläglicher Behelf!

49. 1) I. Kor. 7, 27.

50. 2) Tertullian nimmt also ziemlich unverhohlen einen sachlichen Widerspruch bei Paulus an, während es nur seine Erklärungsweise ist, die den Widerspruch bewirkt.

51. 1) Tertullian will also I. Kor. 7, 30 gelesen Laben: ἐὰν κοιμαιαι statt ἐὰν κοιμηθη conj. aor. im Sinne eines Futur, exact.

52. 2) I. Kor. 7, 18 ff.

53. 3) Audi ohne den Namen des Angeredeten will mir nicht Tertullianisch vorkommen. Ich vermute, es müsse hier heiseen: Audio.

54. 1) Apokal. 1, 6, u. 10. Im folgenden muss mit den alten Ausgaben gelesen weiden impares. Pares, wenn auch besser bezeugt, ist ganz gegen Sinn und Zusammenhang.

55. 2) Die Lesarten sind hier unsicher: impressione scheint am meisten verbürgt. Öhler verweist auf Apol. c. 5 inpressit, ich füge noch hinzu Apol. 18 de pall. 4, de res. 52, de pudic. 14 etc. Wozu er aber den Dativ impressioni setzt, kann ich nicht einsehen.

56. 3) D. h. wenn die obige Stelle I. Kor. 7 beim Gottesdienst zur Vorlesung kommt. Man scheint also hie und da dio Vorschrift des Apostels nicht beachtet und Digami ordiniert zu haben.

57. 4) I. Tim. 3, 2.

58. 1) II. Tim. 5, 11-15.

59. 2) Rom. 7, 2.

60. 3) Ebend. 7, 4-6.

61. 1) V. Mos. 30. 15.

62. 2) Der Montanisten.

63. 1) Matth. 6, 25.

64. 1) Der Autor meint vielleicht Lots Töchter. Aber auch dann stimmen seine Äusserungen nicht ganz mit dem biblischen Bericht.

65. 2) Die Gesetze gegen die Ehelosen.

66. 3) Weish. 2, 6.

67. 4) Die Beispiele der Dido und Lucretia bedient sich der Autor gern.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1882.  Übertragen durch Roger Pearse, 2005.

Der griechischer Text wird mit mit einem Unicode Schriftkegel angezeigt.


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