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Einleitung.

Über das Pallium oder den Philosophenmantel.

Diese kleinste, aber man kann sagen merkwürdigste und schwierigste unter den Schriften Tertullians enthält eine Stelle, welche von allen Gelehrten einstimmig als eine Anspielung auf ein gleichzeitiges politisches Vorkommnis gedeutet wird, nämlich: Sed vanum jam antiquitas, quando curricula nostra coram. Quantum reformavit orbis saeculum istud! quantum urbium aut produxit aut auxit aut reddidit praesentis imperii triplex virtus, Deo tot Augustis in unum favente (c. 2). Zunächst sei darauf hingewiesen, daß die letzten Worte ironisch gemeint sind. Wenn drei Augusti zu gleicher Zeit vorhanden sind, dann muß Gott schon sehr gnädig sein, wenn das dem Staate zum Heil gereichen soll. Die Ironie, sollte man meinen, sei hier mit Händen zu greifen und die ganze Stelle weist darauf hin, daß zur Zeit abnorme Zustände im Staate vorhanden waren.

Die Schrift ist also verfaßt zu einer Zeit, wo es im römischen Reiche drei Imperatoren und drei Augusti gab. In der Zeit, während welcher Tertullian schriftstellerisch tätig war, kam das zweimal vor, zum ersten Male 193 und dieser Zustand der Dinge dauerte vom 13. April bis 1. Juni. Nach der Ermordung des Pertinax am 28. März 193 erkaufte sich, wie bekannt, der 60jährige sehr reiche Senator Didius Julianus die oberste Gewalt im Staate zum großen Unwillen aller. Das Volk rief den Pescennius Niger, Feldherrn in Syrien, zu Hilfe herbei, um dem unwürdigen Zustande ein Ende zu machen1). Derselbe folgte dem Rufe und nahm den Kaisertitel an. Aber gleichzeitig trat auch Severus, Feldherr in |4 Pannonien, als Rächer des Pertinax auf und ließ sich am 13. April 193 in Carnuntum von seinen Soldaten zum Imperator ausrufen. Er verband sich mit Clodius Albinus, der in Britannien den Oberbefehl führte, schickte heimlich einen Boten zu ihm und bot ihm die Würde und den Titel eines Cäsar2) an, welche derselbe mit dem Namen Septimius auch annahm, wie seine Münzen beweisen3). So hatte der römische Staat also faktisch drei Imperatoren und drei Augusti bis zum 1. Juni 193, an welchem Tage Julian getötet wurde. Von diesem Tage an bis zum November 194, wo Pescennius Niger vollständig besiegt und getötet wurde, hatte man nur zwei Augusti und daneben formell einen Cäsar. Dies Verhältnis war immerhin noch auffallend genug, um das Erscheinen dreier Sterne um die Sonne herum darauf zu deuten4).

Daß die drei Genannten die Titel Imperator und Augustus führten, wird nicht bloß durch Geschichtsschreiber bezeugt, sondern auch durch die eigenen Münzen derselben. Wir verweisen inbetreff Julians auf Cohen, t. III S. 398ff. Er nennt sich: Imp. Caes. M. Didius Sever. Julian. Aug. (zuweilen fehlt Severus). Pescennias Niger aber nennt sich auf seinen Münzen: Imp. C. Pesc. Niger Just. Aug. (Cohen, ebd. 404ff.). Inbetreff des Severus ist kaum ein spezieller Beleg nötig, seine ältesten Münzen haben die Legende L. Sept. Sev. Pert. Aug. Imp. mit Bona spes oder Boni eventus auf der Rückseite (s. Cohen IV S.9, Nr. 56, 65).

Zu Anfang des Jahres 196 legte sich Albinus, der den Senat für sich hatte, den Titel Augustus bei, nachdem Severus vergeblich versucht hatte, ihn durch Meuchelmörder aus dem Wege zu räumen. Dieser aber ernannte gegen das frühere Faktum seinen Sohn Caracalla in Viminacium zum Cäsar, kurz vor dem 30. Juni 1965). Nun begann der Krieg zwischen Albinus und Severus, |5 der mit der Niederlage und dem Tode des ersteren endete, 19. Februar 197 in der Schlacht bei Trivurtium, nahe bei Lyon.

Durch diesen Sieg war die Herrschaft nicht bloß dem Severus gesichert, sondern auch seinen Söhnen, die noch sehr jung waren, und er erhob dieselben nach und nach zu den höchsten Würden. Caracalla, der am 4. April 186 geboren war, erhielt den Beinamen Antoninus, und im Sommer 196 verlieh ihm der Senat die Imperatorenwürde6). Im Sommer 198 machte ihn sein Vater zum Augustus, also zum Mitregenten. Geta, der zweite Sohn des Severus, war am 27. Mai 189 geboren. Als sein Bruder Mitregent wurde, erhielt er die Würde eines Cäsar7) und zu Ende des Jahres 208 wurde er gleich seinem Bruder Augustus. Den Titel Imperator führte er ebenfalls, und zwar schon im Jahre 205, als er Konsul war, wie die Münzen beweisen.

So hatte das römische Reich abermals drei Imperatoren und drei Augusti vom Ende 208 bis zum Tode des Severus 211.

Daß alle drei beide Titel führten, beweisen abermals ihre Münzen. Von Caracalla haben wir die Münzen mit der Legende: Destinato Imperatori aus dem Jahre 197 (Cohen t. IV S. 147 Nr. 53, 54), Imp. M. Aur. Antoninus Pius Aug. P. M. Tr. S. XIII, also vom Jahre 210 (ebd. S. 142 Nr. 10). Denn die trib. pot. erscheint fünfundzwanzigmal auf seinen Münzen, folglich erhielt er sie schon 193. Ferner die Münzen a. a. O. Nr. 71, 79, 81. Geta führte ebenfalls den Titel Imperator trotz seiner Jugend schon als Cäsar, umsomehr später, als er Augustus war, z. B. auf einer Münze des Jahres 209: Imp. Caes. P. Sept. Geta Pius Aug., wo auf dem Revers steht: Pontif Tr. P. H. (s. Cohen t. IV S. 266, Nr. 129, 132---- 134, 145, 150, 154, 221, 224, 267, 269, 271, und viele andere).

Aus der eingangs angeführten Stelle allein läßt sich also nicht ermitteln, wann De pallio verfaßt ist, sondern es bleibt ungewiß, ob 193 oder zwischen 209----211. Es |6 findet sich aber in der Schrift De pallio noch ein zweites Merkmal der Abfassungszeit. Gleich am Eingang heißt es nämlich: „Principes semper Africae, viri Carthaginienses .... gaudeo, vos prosperos temporum, cum ita vacat et juvat habitus denotare. Pacis haec et annonae otia. Ab imperio et a coelo bene est." In diesen Worten gibt Tertullian seiner Freude Ausdruck darüber, daß seinen Landsleuten so wohl zu Mute war, um über Kleidertrachten sich amüsieren zu können. Es brauche einen nicht wunderzunehmen, daß sie so guter Laune seien, sagt er; denn sie genössen des Friedens und erfreuten sich der Wohlfeilheit der Lebensrnittel. Witterung und Politik seien ihnen günstig.

Mögen letztere Worte auch einen ironischen Beigeschmack haben, sicher ist, daß Afrika von den politischen Erschütterungen, in welche der Thronstreit das Reich versetzte, nicht zu leiden hatte und von den Kriegen nicht berührt wurde, welche das übrige Reich einige Jahre lang durchtobten.

In den Worten: Annonae otia und a coelo bene est haben wir ein zweites Zeitkriterium, welches sich anderweit verifizieren läßt. Gute Ernten und niedrige Kornpreise, eine Folge günstiger Witterung, gehörten zu den Ereignissen, deren Vorkommen man auf den Münzen verewigte. Sehen wir uns die Kaisermünzen jenes Zeitraumes an, so finden wir gute Ernten und Wohlfeilheit notiert auf den Münzen von 1938), und zwar allgemein sowohl auf den Münzen des Severus als auch auf denen, welche Cäsar Albinus und sein Gegner Niger schlagen ließen, ein Beweis, daß sowohl der Westen des Reiches als der Osten sich gleichen Glückes erfreute. Auf den Münzen aller drei Prätendenten finden wir die darauf bezüglichen Inschriften: Saeculo frugifero und Cereri frugiferae und entsprechende Embleme, nämlich das Bild der Ceres, Ährenbündel und Füllhörner. |7 

Man vergleiche folgende Münzen des Severus: Cohen IV S.65 Nr. 620 u. 621: Imp. Caes. L. Sep. Sev. Pert. Aug. mit dem Revers: Saec. Frugif.; Nr. 637: Saeculo Frugifero Tr. P. S. C., also vom Jahre 193. Von Pescennius besitzen wir ähnliche Münzen: Cohen III S. 406 Nr. 12----14 und 29 mit dem Revers: Cereri Frugif. und Imp. Caes. C. Pesc. Niger Just. Aug. Caes. II. Pescennius war nach Cohen III S. 404 zweimal Caes. suff., das zweite Mal im Jahre 185, und das Datum Caes. II kehrt ebd. Anm. 1 auf allen seinen Münzen wieder; man kann aber ohne weiteres nicht entscheiden, welche dem Jahre 193 oder 194 angehören, da er die tribunicische Gewalt nicht besessen hat und mithin auf seinen Münzen die Jahre derselben nicht angegeben sind, wie auf denen des Severus. Wir werden also die Münzen mit Cerer. frugif. und dergleichen analog denen des Severus dem Jahre 193, nicht 194 zuzuweisen haben. Ebenso die Münzen des Clodius Albinus Caesar mit Saec. frugifero bei Cohen a.a.O. III S. 421 ff., Nr. 65----72.

Bei den Münzen des Jahres 196 finden sich die gleichen Inschriften und Embleme wieder, woraus zu schließen, daß auch jenes Jahr durch eine gute Ernte und Wohlfeilheit ausgezeichnet war. Allein da es 196 drei Kaiser nicht gab, so kann dieses Jahr bei der Frage nach der Abfassungszeit von De pallio nicht in Betracht kommen. Die Meinung von Aubé aber, der 208 als Jahr der Abfassung ansetzt, muß deshalb verworfen werden, weil Geta damals noch nicht Augustus war, es also drei Augusti nicht gab.

Ferner muß noch darauf hingewiesen werden, daß als die Spötter, gegen welche Tertullian sich wendet, die Bürger von Karthago (viri Carthaginienses c. 1) im allgemeinen anzusehen sind, nicht aber spezielle Gegner, daß als Leser der Schrift Heiden gedacht werden (Aesculapio jam vestro c. 1), nicht etwa christliche Gegner, und daß es am Schlüsse heißt, das Pallium schmücke nunmehr einen Christen. Wenn Tertullian diese Schrift im Jahre 209 verfaßt hätte, wo er ausgesprochener Montanist und Rigorist war, würde er, wenn er die |8 Psychiker zu Gegnern und Bespöttlern gehabt hätte, ihnen auch diese Spottnamen gegeben haben und andere Gründe ins Feld geführt haben als mythologische. Darum verdient das Jahr 193 in jeder Hinsicht den Vorzug vor 209.

Es isf zwar einzuräumen, daß die eingangs angeführte Äußerung über den damaligen Zustand des Römerreiches9) auch auf die Jahre 209----211 recht gut passen würde, und namentlich dem Severus selbst können Taten, wie die dort erwähnten, mit Recht zugeschrieben werden, aber seinen beiden noch sehr jungen Söhnen konnten ohne große Übertreibung solche Verdienste nicht beigelegt werden. Dagegen konnten sich neben Severus auch Pescennius und Albinus, schon in ihrer Eigenschaft als langjährige Diener des Staates und dermalen Befehlshaber der wichtigsten Heeresabteilungen, die in unsicheren und schwierigen Provinzen standen, solcher oder ähnlicher Taten und Verdienste wohl rühmen. Dabei war das Auffallendste, daß sie, obwohl ihre Interessen weit aus einander gingen, doch zusammenhielten und Gott sie begünstigte (Deo tot Augustis in unum favente), was auf Severus und seine Söhne wiederum nicht recht passen will. Denn, daß diese einig miteinander waren, wenigstens vorläufig noch, war wohl nicht anders zu erwarten. Sodann aber scheint der Ton jugendfrischen Humors, der in dem ganzen Schriftchen herrscht, der von aller Bitterkeit frei ist und von der herben Ausdrucksweise der Schriften, die 209 und später verfaßt sind, fühlbar absticht, entschieden für die Abfassung in der ersten milderen Periode der schriftstellerischen Tätigkeit des Verfassers zu sprechen.

Ist somit das Jahr 193 als Jahr der Abfassung der Schrift De pallio genügend gesichert, so folgt weiter daraus, daß sie die früheste Schrift ist, die wir von Tertullian besitzen und daß er nicht lange vor deren Abfassung das Christentum angenommen hat. Darauf deuten ja auch die Schlußworte: Christianum vestire coepisti |9 unverkennbar hin. Nachdem die Kirchenhistoriker Alzog und Brück diese Datierung und deren Konsequenzen angenommen hatten, ist Harnack näher auf die Sache eingegangen und gibt zu, daß meine Annahmen inbetreff des Saeculo frugifero und annonae otia zutreffen, aber nicht die Worte pacis otia, da der Bürgerkrieg zwischen Seuerus und Niger 193 schon ausgebrochen war1). Dieser berührte jedoch Afrika in keiner Weise. Während der Krieg im Osten und Norden des Reiches wütete, erfreute sich Afrika vollkommenen Friedens und konnte sich umsomehr dazu Glück wünschen, je blutiger es anderwärts zuging. Vom Standpunkte der Bewohner von Nordafrika hatte mithin Tertullian das vollste Recht, darauf anzuspielen, daß den Männern von Karthago die Ruhe und der Genuß des Friedens soviel Humor übrig gelassen habe, über Kleinigkeiten müßige Bemerkungen zu machen. Umgekehrt paßt das pacis otia allerdings auf die Harnacksche Datierung (208---- 210), aber das annonae otia, die Wohlfeilheit des Getreides, ist nicht dafür nachzuweisen. Mithin ist Harnacks Einwand nicht zutreffend.

Ist nun durch das Zusammentreffen zweier unanfechtbarer Zeitkriterien festgestellt, daß die Schrift über das Pallium die älteste unter den uns erhaltenen Schriften Tertullians ist, was schon J. Pamelius (+ 1587) richtig erkannt hat, so müßte, wer desungeachtet an 209 ----211 als Abfassungszeit festhalten will, obwohl dafür nur das eine der in Betracht kommenden Kriterien paßt, einen vernünftigen Grund dafür angeben, warum Tertullian, der damals länger als zehn Jahre Christ war, nun auf einmal noch seine Tracht zur allgemeinen Verwunderung änderte. Das wird aber niemand vermögen, da nachgewiesen ist, daß Tertullian niemals Priester war. Hingegen konnte dem zu übertriebener Sittenstrenge neigenden Manne nach seinem Übertritt zum Christentum die einfachste Tracht sehr leieht als die dem Christen angemessenste erscheinen. |10 

Über die Geduld.

Wenn wir hier auf die Erstlingsschrift Tertullians seine Abhandlung über die Geduld folgen lassen, so soll damit nicht gesagt sein, daß ihre Abfassung unmittelbar auf jene gefolgt wäre. Ein bestimmtes Jahr für ihre Abfassung ist überhaupt nicht zu ermitteln, sondern man kann nur im allgemeinen als sicher annehmen, daß sie wie auch die zwei Bücher an seine Frau der ersten Periode seiner schriftstellerischen Tätigkeit angehört. Sie wird mit der über das Pallium hier nur aus dem Grunde zusammengestellt, weil der Verfasser sie gewissermaßen für sich selber, zu seinem eigenen Nutz und Frommen, geschrieben hat, nicht für andere. Er bekennt, daß es ihm an Geduld fehle und sucht einen Trost darin, über das zu disputieren, was ihm nicht gegeben ist, Kap. 1.

Das deutsche Wort Geduld entspricht nicht ganz der Bedeutung von patientia, wie Tertullian das Wort hier nimmt. Es ist nicht bloß die Geduld gemeint, die man Beleidigungen entgegensetzt oder bei Schmerzen beobachtet, sondern es begreift in sich auch die Ausdauer, das Ausharren im Guten trotz aller Hindernisse und Versuchungen. Daher macht Tertullian, wohl etwas über das Ziel hinausschießend, die Ungeduld zur Quelle aller Sünden. So ist dieser Traktat nicht für bestimmte Leser verfaßt, sondern für Christen im allgemeinen, in erster Linie aber für den Verfasser selber, der in den Schlußkapiteln die ganze Kraft seiner Beredsamkeit zeigt.

Auch die

Zwei Bücher an seine Frau

betreffen in erster Linie seine persönlichen Angelegenheiten und sind deshalb mit den beiden genannten zu einer Gruppe vereinigt. Sie gehören der vormantanistischen Zeit an, wie die Schrift über die Geduld. Denn es wird darin die Eingehung einer zweiten Ehe nach dem Tode des ersten Gatten noch nicht verboten.


1. 1) Dio Cass. 78, 13.

2. 1) Dio Cass. 73, 15.

3. 2) Cohen, Descr. hist. des médailles, Ed. II t. III p. 416 Nr. 7 ff.; die Münzen mit dem Titel Aug. sind jünger.

4. 3) Dio Cass. 73, 14. 

5. 4) Spart. Sev. 10, 3.

6. 1) Spart. Sev. 14, 3. Herod. III 9, 1. 

7. 2) Ebd. 16, 2, Geta 5, 3.

8. 1) Eckhel Doct. num. vet. VII. p. II pag. 162 und 169 meint, die Inschrift beziehe sich auf die ausgezeichnete Fürsorge, womit Severus für die Getreidezufuhren sorgte. Allein diese Ansicht wird widerlegt durch den Umstand, daß sie auch bei Niger vorkommt.

9. 1) Quantum urbium aut produxit etc. De pall. c. 2.

10. 1) Harnack, Chronologie der altchristl. Literatur bis auf Eusebius II 83.


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Übersetzt von Heinrich Kellner, 1912/1915.  Übertragen durch Roger Pearse, 2002.


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